Roter Teppich in Bad Schnittlauch

von Matthias Schmidt

Bad Lauchstädt, 6. September 2013. Nur mal so zur Sicherheit: Bad Lauchstädt liegt bei Halle, und sein niedliches Theater hat es Goethe zu verdanken. Sachsen-Anhalt war noch nicht erfunden und die Kleinstadt mit ihren Park- und Badeanlagen ein Pilgerort für feine Gäste. Aus Halle, wo das Theater verboten war, kamen die Studenten. Im "sächsischen Pyrmont" kurte man, erholte sich und hatte Kultur. Schillers Dramen liefen gut, und ihr Autor verliebte sich in Charlotte von Lengefeld. Der junge Kapellmeister Richard Wagner verfiel Minna Planer und dem Taktstock.

Seit 2007 hat Bad Lauchstädt Kammersängerin Edda Moser und das von ihr geleitete "Festspiel der Deutschen Sprache", und siehe: es gibt ein neues Theaterpilgern in den Saalekreis. Man zahlt 52 Euro für die Karte, was im Land der Billigmärkte durchaus namhaft ist. Zurzeit ist das Goethe-Theater wegen Fäule und Schwamm im Gebälk in Folie eingeschlagen, weshalb man sich nicht wunderte, käme Christo um die Ecke. Gestern lag zudem ein roter Teppich davor. Rolf Hochhuth mag sich, als er darauf zum Eingang schritt, gefragt haben, wenn's hier geht, warum nicht in Berlin? Ansonsten blieb er weitgehend unbehelligt; die Minister- und Staatssekretärsdichte war zu hoch.

neunnonnen 560 andreasbiesenbach uDer Dramatiker und sein Ensemble © Andreas Biesenbach

Hans-Dietrich Genscher hatte sich verspätet und verpasste das Grußwort des Schirmherren. Der heißt Dr. Reiner Haseloff und ist – nur mal so zur Sicherheit – der Ministerpräsident der Frühaufsteher. Rhetorisch ließ er Luft nach oben und Nachredner Bernd Neumann sich die Chance nicht nehmen, Haseloff kraftvoll zu korrigieren. Der hatte seinen etwas diffusen Vortrag nämlich mit dem Satz beendet, hier werde, weil das Land 6 Millionen für die Sanierung des Goethe-Theaters zahle, gute Kulturpolitik gemacht. Die lebensbedrohlichen Kürzungen für die Theater in Dessau, Eisleben und letztlich auch Halle verschwieg er. Staatsminister Neumann konterte, Deutschland brauche alle seine Theater und erntete spontanen Applaus. So ist die Lage, und draußen vor der Tür wurde Theaterfreunden aus Dessau ein Bußgeld angedroht, weil sie Flugblätter verteilten, auf denen stand: "Lutherland ist abgebrannt".

Opportunistischer Luther, lüsterner Cranach

Viel politischer konnte auch Hochhuths Stück nicht werden, eine deftig-polemische Annäherung an Luther über seine Frau Katharina von Bora. Wir erleben, wie "Neun Nonnen fliehen", wie sie in Wittenberg auf Partnersuche gehen und schließlich, wie Katharina endlich von Luther geheiratet wird. Zusammengehalten wird das Stück von einem Erzähler, der – ganz Hochhuth – den Draufblick auf die Weltgeschichte hat. Der religiöse Dogmen kritisiert, an biografische Ambivalenzen rührt, über Geschichtsschreibung philosophiert, die Kraft der Kunst preist und dabei streckenweise ziemlich schulmeisterlich daherkommt.

Das Stück wird szenisch gelesen von einem Ensemble höchst unterschiedlicher Stars. Man folgt ihnen gerne: Hans Stetter als durch die Szenen führender Sprecher, die lebhafte Anna Thalbach, die es kaum auf dem Stuhl hält, Dominique Horwitz als zaudernder und ziemlich opportunistischer Luther, Uwe Bohm mit der heiseren Stimme eines Paten als lüsterner Cranach. Caroline Beil hingegen, die Katharina von Bora, wurde von den meisten Zuschauern im Wesentlichen als "die aus dem Dschungel-Camp" erkannt.

Spott über Gott und die Welt

Von Anfang an schwelgt der Text vordergründig im Sexuellen. Nackt baden die frisch entklosterten Nonnen in der Elbe und beschließen freizügig, ihren männlichen Fluchthelfern zum Dank sexuell dienstbar zu sein. Dabei wettern sie auf die Kirche und das Zölibat und einigen sich am Ende des 1.Akts, in welcher Reihenfolge die drei Männer die neun Frauen entjungfern dürfen. Angesichts derartig gelagerter Szenen ist es ein Glück, dass die Uraufführung als szenische Lesung stattfindet. Nymphomane Nonnen sind, was auch immer Hochhuth damit sagen will, seit den 70er-Jahre-Softpornos interpretatorisch recht festgelegt.

Hochhuths Dialoge sind pointiert, sein Spott über Gott und die Welt sorgt für Gelächter im schwülen Zuschauerraum. Und doch: er traut seinen historischen Protagonisten zu wenig zu. Anders gesagt: er selbst hat zu viel zu sagen. Aus allen Mündern hören wir – ihn: mit Kritik am Vatikan, an Luthers Fürstenhörigkeit, an historischen Legenden, irgendwie an allem. Ständig ist er auf der Suche nach Bonmots und dabei ohne Scheu vor Kalauern à la Frauen leben für ihr Aussehen, Männer für ihr Ansehen... Unterhaltsam sind sie, die "Neun Nonnen", das allerdings. Auf einen Punkt kommen sie nicht.

Die gute Nachricht

Und Katharina, die Heldin? Treibt es mit Cranach, steht ihm nackt Modell, sucht verzweifelt einen Ehemann und nimmt, weil anderes nicht klappt, schließlich Luther. Das Stück, das Luther ehren und seine Verdienste an der Deutschen Sprache im Sinne des Festspielnamens würdigen sollte, es ist eine Geschichts- und Personen-Entzauberung. Angesichts des offenbar eher restaurativen Kulturbegriffs der Magdeburger Kulturpolitik ist das die gute Nachricht aus Bad Lauchstädt.

 

Neun Nonnen fliehen (Uraufführung / Szenische Lesung)
von Rolf Hochhuth
Regie: Albert Lang, Dramaturgie: Ilsedore Reinsberg.
Mit: Caroline Beil, Dominique Horwitz, Uwe Bohm, Bernhard Schütz, Anna Thalbach. Rainer Sellien, Sören Canenbley, Benjamin Krüger, Hans Stetter, Petra Ehlert.
Länge: 2 Stunden, eine Pause. 

www.goethe-theater.com

 

Kritikenrundschau

Der Titel – "Neun Nonnen fliehen" – verspreche mehr, als der Text einlösen könne, befindet Barbara Möller in der Welt (9.9.2013). "Es war wieder diese papierne Mischung aus Fakten und Fiktion. Diese scheußliche Bildungshuberei. Wenn Lucas Cranach auftritt, kann es sich Hochhuth nicht versagen, den Zuschauer zu belehren, dass man damals von 'Werkstatt' gesprochen habe, dass das Wort 'Atelier' erst im 19. Jahrhundert in Gebrauch gekommen sei. (…) Dieses notorische Unterschätzen seines Gegenübers, dieser nicht versiegende Hang zur Belehrung ist zweifellos das Movens dieses Autors, aber es ist auch ein extrem unangenehmer Charakterzug." Immerhin: Dominique Horwitz und Uwe Bohm hätten Hochhuth "gerettet". Sie seien die einzigen gewesen, "die den verqueren Texten etwas Leben einzuhauchen vermochten. Sie werden auch dabei sein, wenn es irgendwann in Eisleben, Wittenberg und Eisenach zu den verabredeten Reprisen kommt."

Hochhuths Text gehe "durchaus nicht nur spielerisch mit dem Reformator, seiner Katharina und den Reformationsdingen", sondern transportiere "wesentlich auch die Ansichten des streitbaren und streitlustigen Autors zu Politik, Ehe und zur Weltlage im Allgemeinen", konstatiert Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (9.9.2013). Ästhetisch sei das "allerdings manchmal ein Problem, wenn die Stimme des Verfassers nicht allein aus dem klug gesetzten Sprecher (Hans Stetter), sondern auch aus den Figuren spricht. Dann reiht sich Bonmot an Bonmot, mitunter ist es des Guten einfach zu viel." Und so sprachmächtig Hochhuths Stück streckenweise auch sei, "so humorvoll und scharfsinnig, so sehr verliert es sich selbst oft an die flinke, gelegentlich ungeniert populistische Pointe".

 

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