Von der Kunst im Angesicht der Katastrophe

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 12. September 2013. Es riecht nach Erde und Pflanzen. Die Natur hat sich zurückgeholt, was ihr eigentlich schon immer gehörte, und die Zivilisation einfach überwuchert. So war es in den ukrainischen und weißrussischen Gebieten, die nach dem katastrophalen Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 evakuiert werden mussten; und so ist es nun auch auf der Bühne des FFT Juta.

Die untergegangene Welt, das sind 2000 alte Schuhe, in denen kleine Pflanzen wachsen. Außerdem erheben sich aus ihnen bis zur Decke gespannte Hanfseile, an denen grüne Blätter befestigt sind. Je nachdem, wie das Licht in den von Jan Kattein gestalteten Raum fällt, wirken diese Schnüre beinahe wie Birkenstämme. Dünne Nebelschwaden ziehen zu Beginn durch diesen Wald und verleihen ihm eine beinahe schon magische Aura. So könnte auch das Paradies ausgesehen haben. Doch dieses Idyll ist trügerisch. Die Bäume und die Pflanzen sind auf Jahrhunderte hin verstrahlt, die Erde und die Blätter bringen den Tod.

Erinnerungen an die Heimat

Nachdem sie 2011 mit "Halt Dich am Zaun, der Himmel ist hoch" einen Blick in die Vergangenheit geworfen und 2012 in "Jesus ich möchte viel Glück beim Angeln" die Gegenwart erkundet hat, wendet sich Anna Malunat nun der Zukunft zu. "Heimat" – das war auch schon in den ersten beiden Produktionen ein prekäres Konstrukt. In der post-apokalyptischen Zeit, die "Postcards from the Future", der abschließende Teil der Trilogie, heraufbeschwört, werden die Menschen endgültig heimatlos sein.

Erinnerungen hat die weißrussische Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" zusammengetragen. Erinnerungen von Frauen und Männern, Kindern und Greisen, an die atomare Katastrophe und ihre Folgen, an das Land, das sie verloren haben, und das Entsetzen, das Heimat und Alltag für sie geworden sind. Diese Interviews, in denen Vergangenes immer auch auf Kommendes verweist, verwandeln sich in Anna Malunat musiktheatralischem Zukunftsentwurf in Botschaften von Ereignissen, die der gesamten Menschheit noch bevorstehen könnten. Jede Geschichte von Liebe und Tod, von Ohnmacht und Verlust, ein Menetekel.

Unter Schock

Drei Menschen streifen durch den Bühnen-Wald, eine Frau (Katharina Meves) und zwei Männer, der Schauspieler Theo Plakoudakis und der Musiker Johannes Öllinger. Oft bewegen sie sich eher langsam und vorsichtig, als stünden sie immer noch unter Schock und könnten das Geschehene nicht fassen. Doch schon im nächsten Moment kann ihr Auftreten mit einem Mal etwas Selbstvergessenes haben. Die Erinnerungen sind dann mächtig und real. Meist sind es Fetzen von Geschichten, die Katharina Meves, Theo Plakoudakis und Johannes Öllinger mal einzeln, mal gemeinsam sprechen. Biographische Details und unterschiedlichste Identitäten scheinen auf und verweben sich allmählich zu einem (Klang-)Teppich der Schicksale.

postcards2 560 christian martin uTheo Plakoudakis und Kathrina Meves im verstrahlten Düsseldorfer Erinnerungswald  
© Christian Martin

An sich eher dissonante Formen und Stile vermischen sich zu einem verstörend harmonischen Ganzen. Ruhige Erzählungen und ergreifende Monologe wechseln sich mit grotesken Spielsituationen und energetischen Choreographien ab. Immer wieder stimmt Johannes Öllinger den berühmten Jerry Leiber und Mike Stoller Song "Hound Dog" an; und jedes Mal gewinnt er diesem Klassiker eine neue Facette ab. Einmal geraten Katharina Meves und Theo Plakoudakis währenddessen regelrecht in Ekstase. Ihr Tanz wird schneller und schneller. Mit jeder Bewegung scheinen sie noch etwas mehr die Kontrolle über ihre Körper zu verlieren. Das Bier spritzt wild aus den Flaschen, die sie in den Händen halten. Der Tanz wird zum Krampfanfall, die Liebe zur Tragödie.

Jetzt sei doch mal lustig!

Dem Schrecken, der in dieser Choreographie des völligen Kontrollverlusts wohnt, findet sein sarkastisches Echo in einer ins Absurde verzerrten Szene, in der sich Theo Plakoudakis als zynischer Unterhalter geriert. Katharina Meves ist in eine Stretchhose geschlüpft, die sie höher und höher zieht, bis sie zu den Schultern reicht und auch ihre Arme überdeckt. Jede Bewegung wird zum Kampf mit sich selbst und der Umwelt. Gedanken an missgebildete Kinder und an Opfer der Strahlenkrankheit drängen sich regelrecht auf. Dennoch fordert Plakoudakis sie immer wieder und immer ungeduldiger auf, etwas Lustiges zu machen. Doch so sehr sie sich auch bemüht und verrenkt, jedes Mal verkündet er ihr, dass das überhaupt nicht lustig sei. Genauso ergeht es auch Johannes Öllinger, der etwas Lustiges auf seiner E-Gitarre spielen soll.

Was als heiteres Spiel begann, schlägt in Sadismus um und endet schließlich abrupt mit einer verblüffenden Wendung: Die Theatergruppe hat für Kinder, die ihr Zuhause durch radioaktive Strahlung verloren haben, ein Märchen aufgeführt. Doch das Publikum versteht das Geschehen auf der Bühne nicht und lacht kein einziges Mal. Gerade in diesem Moment, in dem Anna Malunat vom Scheitern der Kunst im Angesicht der Katastrophe erzählt, kommt sie dem Wesen der Tragödie Tschernobyl ganz nah.

 

Postcards from the Future (UA)
von Anna Malunat
Regie: Anna Malunat, Bühne: Jan Kattein, Musik: Andreas Bode, Johannes Öllinger, Textfassung: Anna Malunat und Ensemble.
Mit: Katharina Meves, Theo Plakoudakis, Johannes Öllinger.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.forum-freies-theater.de

 


Kritikenrundschau

Eindrucksvoll findet Petra Kuiper auf dem Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (14.9.2013) die Bühne wie auch die Geschichten, die an diesem Abend vorgetragen werden, wenngleich letztere auch "harter Tobak" seien. "Wenn Katharina Meves die Liste der Toten herunterbetet, wird daraus dank E-Bassbegleitung ein harter, ja grausamer Beat." Allerdings füge sich der Abend "nicht recht zum Ganzen"; die "merkwürdige Mixtur aus Lesung und dramaturgischen Ideen" ermüde. "Betroffenheit ist selten abendfüllend, das Leid hat es schwer in der Welt. Und einen Blick aufs Heute enthält Anna Malunat uns vor."

Anna Malunat lasse ihre drei Darsteller eindringlich vom Monster Atomkraft erzählen, schreibt Renee Wieder in der Rheinischen Post (16.9.2013). Malunats Kunst sei ganz leise vor dem phantastischen Bühnenbild, die Stimmung melancholisch, der Ton zart und zynisch zugleich. "Mit 'Postcards from the Future' komponiert Malunat ein ergreifendes Requiem für eine Welt, in der Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima Wirklichkeit sind."

 

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