"Das ist die freie Szene"

von Annette Hoffmann

Basel, 20. September 2013. Lange vor seiner Einweihung hat dieses Theater schon Rost angesetzt. Ein Baugerüst, das andernorts schon ausrangiert worden wäre, steht auf der Bühne. Eine Treppe führt zur Galerie nach oben, auf dem Boden verhindern Stahlstangen, dass man auch nur auf die Idee kommt, die wenigen dahinter stehenden schlichten Holzmöbel zu nutzen. Auf der rechten Seite steht ein hohes Bücherregal und weiter vorne eine Blechbadewanne, die jedoch nicht zum Einsatz kommt. Es bleibt viel Platz zum Spielen.

Und nichts soll auch, so Konstantins Vorstellung von einem neuen Theater, den freien Blick auf die Wirklichkeit verhindern. Kein Bühnenprospekt, keine Requisiten. Der Mann mit dem Jungengesicht macht in der Trainingsjacke den Eindruck eines Hauptstadtbewohners. Sein Stück, das seine junge Geliebte Nina vor den Sommergästen des Guts zur Aufführung bringen wird, gerät in Viktor Bodós Inszenierung von Anton Tschechows "Komödie" (so wird "Die Möwe" im Untertitel eingeordnet) zur Persiflage von Avantgardetheater.

Männer mit Hängeschultern
"Das ist die freie Szene", höhnt es von der Galerie. Was Konstantin (Julian Hackenberg) unter Zuhilfenahme von viel weißer Schminke, einem Verfolger, einer Windmaschine, blanken Brüsten, Yves-Klein-Blau und Eis auf dem nackten Oberkörper des Jungautors und Regisseurs (nicht zu vergessen die Rauchkringel, die den Löchern des Rocks der Darstellerin entweichen) bewerkstelligt, ist Pathos pur. Und es ist ein Affront gegenüber der Mutter, der erfolgreichen Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina (Ariane Andereggen), und ihrem wesentlich jüngeren Lover, dem Schriftsteller Boris Alexjewitsch Trigorin (Gabor Biedermann). Konstantins ästhetischer Entwurf eines neuen Theaters ist im Kern ein Generationskonflikt.

moewe2 560 judithschlosser uKein glückliches Trio: Konstantin (Julian Hackenberg), Mascha (Inga Eickemeier) und
Medwedenko (Frederik Göke) © Judith Schlosser

Man kann auch sagen, hier buhlt ein Kind um die Zuneigung seiner Mutter. Zumal die beiden Konkurrenten sich ähnlicher sind als ihnen lieb sein kann. Als Konstantin Nina in einer Tüte die tote Möwe überreicht und ihre Liebe zurückgewinnen will, sieht man die gleichen Hängeschultern wie beim etwas properen Trigorin, der auf Ninas Bewunderung mit einer Zurschaustellung seiner selbst als in Selbstzweifeln routinierter Held reagiert.

Silhouette in Marlene-Hose
In Tschechows "Die Möwe" wird überhaupt viel daneben geliebt. Da hängt Mascha (Inga Eickemeier) ihren Gedanken an Konstantin nach, während Semjon Semjonowitsch Medwedenko (Frederik Göke) sie mit Klimmzügen zu beeindrucken sucht, da liebt ihre Mutter (Claudia Jahn) den Arzt Jewgenij Sergejewitsch Dorn (Florian Müller-Morungen), und weil Nina (Joanna Kapsch) sich zu Trigorin schwärmerisch hingezogen fühlt und dieser eitel genug ist, darauf einzugehen, nimmt das Unglück seinen Lauf.

So viele Illusionen kann nicht einmal das Theater bieten. Viktor Bodó konstruiert folgerichtig eine plakative Distanz zu den Figuren und lässt sie während der Umbauten als Silhouetten hinter einem heruntergezogenen Vorhang, der die Bühne vom Zuschauerraum trennt, passieren. Da läuft eine Frau mit einem Sonnenschirm vorbei, jemand raucht, ein anderer trinkt, ein Paar tanzt. Die Sommergesellschaft in ihren Marlene-Dietrich-Hosen, Kleidern und Westen gibt sich dem reinen Müßiggang hin, auch noch, wenn die Stimmung schon sehr gegen Herbst geht.

Die zwei Gesichter der Nebelmaschine
Das Theater als Motiv und Selbstreflexion ist der Hauptgedanke, den Viktor Bodó in seiner knapp dreistündigen Inszenierung verfolgt. Das erweist sich insofern als fatal als diese Regiearbeit selbst nicht den Boden des Konventionellen verlässt. Selbst die anfangs – im Rahmen von Konstantins Avantgarde-Versuch – noch zum Effekt diskreditierte Nebelmaschine bekommt ihren zweiten, ernstgemeinten Auftritt: Kurz bevor Konstantin sich erschießt, hält er einen Stapel Manuskriptseiten in ihren Windstoß, die sich um die Gestänge des Gerüsts legen und in dem Arbeitszimmer verteilen, das nach der Pause hier seinen Platz gefunden hat. 

moewe 560 judithschlosser uSchematischer Müßiggang © Judith Schlosser

Also, beim Jungautor Konstantin wäre dieses Bild durchgefallen. Bodó ist also entweder inkonsequent, oder er bekennt sich zu einem eher konventionellen Theater. Was jedoch die Schauspielerführung angeht, ist ihm einiges geglückt, gerade in den vermeintlichen Nebenrollen. So hält Vincent Leittersdorf kränkelnder und seinem verpassten Leben nachtrauernder Pjotr Nikolajewitsch Sorin das Komödiantische hoch, Florian Müller-Morungens Arzt Dorn erweist sich als eine Figur mit einem sehr feinen Gespür für seine Mitmenschen. Und Mascha (Inga Eickemeier) leidet, schnupft und trinkt sich liebewund durch die Szenen. Man schaut dem gerne zu, vergisst jedoch keinen Moment, dass es noch eine andere Form von Theater geben könnte.

Die Möwe
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie und Bühne: Viktor Bodó, Kostüme: Fruzsina Nagy, Musik: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Anna Veress, Bettina Ehrlich, Licht: Cornelius Hunziker.
Mit: Ariane Andereggen, Gabor Biedermann, Inga Eickemeier, Frederik Göke, Julian Hackenberg, Christian Heller, Claudia Jahn, Joanna Kapsch, Vincent Leittersdorf, Florian Müller-Morungen und den Musikern Klaus von Heydenaber und Nitzan Bartana.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Diese 'Möwe' ist ein Abend für Schauspieler – und Zuschauer" und begeistere durch die Vielfalt des Spiels, schreibt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (23.9.2013)
Der ungarische Regisseur Viktor Bodó halte seine Bühnenmenschen souverän "in einem flirrenden Schwebezustand zwischen So-Sein und Anders-Sein-Wollen", der den Kritiker ebenso berührt wie amüsiert. Für ihn wird Kostja zum Glutkern des Abends. "Er spielt buchstäblich um sein Leben. Für die Landgesellschaft inszeniert er sein eigenes Stück, das Viktor Bodó zu einer Art prämoderner Performance ausbauen lässt".

"Pittoresk, aber letztlich eindimensional und schwarzweiß," findet Martin Halter für die Badische Zeitung (23.9.2013) diesen Abend. Bodó, für seine poetische Fantasie schon viel gefeiert, mache aus Tschechows Drama "gefälliges, aber auch ein bisschen windiges Erzähl- und Schauspielertheater." Die zarteren Zwischentöne und subtileren Seelenaufschwünge des Stücks jedoch "verflattern" aus seiner Sicht "immer mehr im Wind". So liege Anton Tschechows "Möwe" in Basel zwar "atmosphärisch gut im Wind und voll im Trend", aber für Halter herrschen auf der Bühne nur Routine und Konvention.

"Putzmunteres Schauspielertheater, getragen davon, dass Tschechows alte Sätze auch in heutiger Schnellsprechmanier, mit heutiger Schnelldenkermentalität ganz wunderbar Effekt machen," schreibt Claude Bühler auf dem Schweizer Portal onlinereports.ch (21.9.2013). Doch so griffig die Inszenierung auch sei, die Personen scheinen aus Sicht des Kritkers "dem Regisseur wenig mehr als jene Figuren im Schattenriss zu sein, wie er sie jeweils bei den Aktwechseln mit Hilfe von Scheinwerfern, die sich hinter einer Plane am Bühnenrand bewegen, projiziert hinwirft: Umrisse, Schatten, die vorübereilen, fleischlos, nur auf Zeit im Licht."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Möwe, Basel: Frage zur ÜbersetzungFrank-Patrick Steckel 2013-09-21 17:53
Immer und immer wieder und immer öfter die Frage: Von wem stammt der deutsche Text? Es ist eine Art fortschreitender mentaler Beschädigung am Werk, die die Theater veranlasst, dazu nichts mehr zu veröffentlichen und die Kritik derart betäubt, das sie das Versäumnis nicht mehr meint gutmachen zu müssen.

(Lieber Frank-Patrick Steckel, vielen Dank für den Hinweis. Die Übersetzerin Angela Schanelec ist ergänzt. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
#2 Möwe, Basel: Zur Frage der Übersetzungen Frank-Patrick Steckel 2013-09-22 17:37
Lieber Christian Rakow, das Theater Basel hat es bis heute nicht für nötig gehalten, den nunmehr von Ihnen ergänzten Namen der Übersetzerin anzugeben – und mit dieser Unterschlagung steht dieses Theater, wie gesagt, nicht allein. Das Problem tritt naturgemäß verschärft bei solchen Texten auf, von denen es mehrere deutsche Übertragungen gibt – im Falle der MÖWE sind es mehr als zwanzig. Gerade dieser Umstand aber macht die Wahl der deutschen Fassung nicht nur mühsam, sondern auch ertragreich, bildet doch die Entscheidung für oder gegen die eine oder die andere Übertragung (eine Entscheidung, die im Allgemeinen ohne Rekurs auf das russische Original erfolgt) gewissermaßen die Basis für das Verständnis des Stücks und seine Figuren, somit für die Art und Weise, in der das Stück seinem Publikum vermittelt werden soll. Solange keinerlei Konsultation des Originaltextes stattfindet, oder, mangels Sprachkenntnis, stattfinden kann, muss die Frage, in welchem Verhältnis die jeweilige Übertragung zu ihm steht, offen bleiben – eine Unzulänglichkeit, die ich persönlich stets als schweres Hindernis empfunden habe. Um so weniger aber lässt sich aus dieser Sachlage die Berechtigung ableiten, dem auf der Bühne zu hörenden deutschen Text eines nachweislich nicht auf Deutsch verfaßten Theaterstücks so wenig Bedeutung beizumessen, dass die Nennung des Übersetzers entfallen kann, im Gegenteil. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: nach dem Eklat um Kostjas Schauspiel bleibt Dr. Dorn allein im Park zurück. Ein- und derselbe russische Satz lautet nun bei Schanelec: „Ich weiß nicht, vielleicht hab ich keine Ahnung, oder ich spinne, aber das Stück hat mir gefallen“ und in meiner eigenen Übertragung (einer einmaligen Probe aufs oben skizzierte Exempel, deren Ergebnis augenblicklich, von A. Kriegenburg inszeniert, am Schauspiel Frankfurt zu hören ist): „Also ich weiß nicht, entweder verstehe ich nichts vom Theater, oder ich werde allmählich senil, aber mir hat das Stück gefallen“. Man kann nicht behaupten, dass die eine Version des Satzes von Dr. Dorn Tschechows Formulierung näher stünde als die andere. Die übersetzerisch-interpretatorische Differenzierungsmöglichkeit fußt, habe ich erfahren müssen, in der Unbestimmtheit des Originals, welches eine nähere Bestimmung eines Satzes aus dem Kontext heraus erfordert, insofern kann „keine Ahnung“ als „kein Verständnis vom Theater“ gelesen werden und „ich spinne“ als altersbedingte Sorge des Arztes vor dem Erlöschen seiner Geisteskräfte. Im Zweifelsfalle ist, was das Gewicht dieser Dinge betrifft, von der Theaterkritik zu erwarten, dass sie ihm Rechnung trägt, auch dann, wenn die im Übrigen geschwätzigen Webseiten der Theater sich an diesem Punkt in Schweigen hüllen. A propos Frankfurt: Der SZ-Kritiker E. Tholl hat es in seiner Rezension der Aufführung nicht nur wie üblich fertig gebracht, den Namen des Übersetzers zu verschweigen (er ist in Gesellschaft - eine Nennung in fünfzehn Besprechungen!), er hat überdies die nur in dieser Übertragung vorfindliche Ergänzung des Stücktextes mit Hilfe von (nach der mißglückten Uraufführung am Alexandrinski Theater in St. Petersburg) gestrichenen Passagen Tschechows nicht der Übertragung, sondern der Regie zugerechnet - obwohl das Programmheft einen entsprechenden Hinweis gibt. Das muss man schon wollen, um es zu können, finden Sie nicht auch, lieber Herr Rakow?
#3 Möwe, Basel: natürlich soll ÜbersetzerIn genannt werdenChristian Rakow 2013-09-22 18:53
Lieber Frank-Patrick Steckel, vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Werkstatt des Übersetzers. Das Fehlen des Übersetzer/innen-Namens im Besetzungskasten geschah keineswegs aus böser Absicht, war ein Versäumnis. Unsererseits. Sie wissen, wir sind froh, wenn unsere Leser uns helfen, notwendige Korrekturen oder Ergänzungen an den Texten vorzunehmen. Übersetzerangaben sind für uns ein wichtiger Bestandteil des Besetzungskastens. Zu Ihren weiterführenden Überlegungen: Inwieweit Übersetzungscharakteristika in die Aufführungsbesprechung einfließen, liegt sicher im Ermessen des Kritikers und auch in den Rahmenbedingungen seiner Kritik (wie etwa in der Textlänge, die ihm für die Besprechung zur Verfügung steht). Dass die Theater deutlich auf die verwendete Übersetzung aufmerksam machen sollten, steht außer Frage. Das erleichtert allen die Arbeit.
#4 Möwe, Basel: Übersetzung, Trolle und mehrArkadij Zarthäuser 2013-09-22 19:34
@ F-P-S

Bleibt allerdings auch die Frage, ob es überhaupt noch üblich ist, bei der Auswahl der Übersetzung so gewissenhaft zu Werke zu gehen; ich möchte das bezweifeln. Ich saß zB. gestern im "Peer Gynt" (Premiere am Landestheater SH in Rendsburg) in der Übertragung von Peter Stein/Botho Strauß, und das war auch alles korrekt angegeben, man wird sehen, ob auch in der Kritik, aber ich hatte - offen gestanden - den Eindruck, es hätte gut und gerne eine andere Übertragung sein können. "Peer Gynt und die Plurimi-Masse", da denkt man sich als ZuschauerIn doch fast automatisch, daß jetzt die Funken fliegen, und da ein "Peer Gynt" daherkommt, der niemanden schont, schon gar nicht den Herrn Knopfgießer: aber, weit gefehlt. Inszenierung wie ein Fahrplan, bei dem nicht wenige Stationen in bunten und manchmal sogar schönen Farben unterstrichen werden, und am Ende feiert das Premierenpublikum, wohl kaum jemals berührt von der Frage, ob der Applaus einen nicht sogleich zum Troll macht, ob nicht der Urstoff zu der jetzigen Inszenierung geradezu konträr zu dem sich verhält, was dann feierlich sich unweigerlich vollzieht. Jan Fischer hat mit seinen beiden lebendigen Train-Movie-Besprechungen meines Erachtens ganz und gar wegweisend gehandelt; ich stieß, nachdem ich das Haus verlassen hatte, auf eine Zehnergruppe echter Trolle beim "Schienenersatzverkehr" nach Kiel, von denen einer im gelben Pokemon-Gewand herumsprang, auch mit nem Schwanz an, und die waren ja auch irgendwie süß und so, aber im nächsten Moment läuft der Sicherheitsdienst Deines Heimathafens Dich, auf der falschen Seite gehend, über den Haufen und Du registrierst, wie das alles völlig normal ist/scheint. Als gäbe es eigentlich keine Probleme zwischen arm und reich, sondern nur noch zwischen Menschen, die sich breit machen und solchen, die kaum noch wahrnehmbar sind, so dünne machen sie sich, immer rechts an der Wand lang, auf bloße "Rechtsposition(en)" reduziert oder zwischen "Markierten" und "Menschen ohne Eigenschaften" ! Ein "Peer Gynt" müßte ins Herz und in die Nieren solcher Plurimi-versus-Einzelner-Strukturen stoßen, wohl erst recht in einer Stein/Strauß-Fassung: aber Pustekuchen, die Damen- und Herrschaften fahren in ihren schwarzen oder silbernen Autos gutgelaunt nach Hause und palieren "gut umgesetzt" ! Naja, und als ich beim "Moby Dick" auf Übersetzungen und einen "Übersetzerclinch" zu sprechen kam, kam nichts außer ein paar (hämischer) Minusvotings ohne Stellungnahme; dabei gehe ich hier gerade nicht zwingend davon aus, daß allzubewußt die eine Übersetzung der anderen vorgezogen wurde, aber es wäre gewiß thematisierbar gewesen (nk hat das bis auf die Stunde jedenfalls nicht hinzugefügt zum "... nach Melville" )..

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