Moral durch die Hintertür

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven. 21. September 2013. Schon bei der Uraufführung stieß "The Faithmachine" von Alexi Kaye Campbell nicht nur auf Begeisterung. Viele Kritiker bemängelten, er habe sich bei seinem dritten Stück schlicht zu viel vorgenommen. Da ist was dran. Das Stück beginnt am 11. September 2001, als das Liebespaar Tom und Sophie sich darüber streitet, ob Tom einen Job als Werbetexter bei einem Pharma-Konzern annehmen darf, der nicht genehmigte Medikamente an Kindern in Uganda testet, mit tödlichen Folgen. Tom argumentiert ökonomisch, Sophie moralisch. Sie kommen nicht überein – und in den Jahren, die folgen, nicht so recht voneinander los.

Als ob das noch nicht genug Stoff wäre, wird der Grundkonflikt von weiteren Moralfragen flankiert, allen voran in Person von Sophies Vater Edward, einem Bischof, der sich von der anglikanischen Kirche wegen ihrer Haltung zur Homosexualität lossagt. Er lebt mit Tatjana zusammen, einer Russin aus der Ukraine, die er in Thessaloniki aufgegabelt hat, wo sie sich prostituieren musste.

Ruf nach Humanismus

Beide lernen wir kennen, als sie auf der Insel Patmos von dem Geistlichen Patrick besucht werden, der Edward bewegen will, es sich doch noch einmal zu überlegen. Man schätze den Querkopf zu sehr, der einst einen Artikel über die drei großen jüdischen Propheten Moses, Jesus und Karl Marx veröffentlichte, erklärt der konservative Kleriker, der – hübscher Einfall, auch schon in der Uraufführung – vom gleichen Schauspieler gespielt wird, wie Lawrence, ein schwuler Bräutigam, der in einem anderen Strang auftaucht.

Wie gesagt: Campbell fährt eine Menge auf. Aber er will schließlich auch das ganz große Rad drehen: Ist Moral antiquiert? Hat der Markt übernommen? Was ist bloß mit dem guten alten Humanismus los? Im Grunde überrascht das Ergebnis am Ende wenig: Tom, der durch dieses Moralgewitter muss, steht am Ende allein. Seine Liebe Sophie, die sich, wie wir erfahren, selbst als "Glaubensmaschine" charakterisierte, ist im Kampf für eine bessere Welt ums Leben gekommen. Übervater Edward ist ebenfalls tot, seine Bibliothek mit den Klassikern der europäischen Literatur wird unter der Trauergemeinde aufgeteilt. Nur Tom, der am Ende noch mit einer Überlebenden der fatalen Medikamententests und der Frage konfrontiert wird: "Wer bist du?", bleibt schließlich nichts als sein erster Roman mit dem Titel "Der verlorene Mensch". Und die traurige Selbsterkenntnis, dass es sich dabei um ihn selbst handelt.

glaubensmaschine2 560 u"Die Glaubensmaschine" in Wilhelmshaven © Volker Beinhorn

Bis es soweit ist, gibt es mehrere Zeitsprünge und Ortswechsel, eine ganze Reihe teils durchaus amüsante, Konversationsszenen, die dienlich sind, um die Standpunkte kollidieren zu lassen. Denn es sind weniger Charaktere, die uns hier vorgeführt werden, als Ideen, Ideale, Theorien.

Choreographie der Verstrickungen

Daraus ließe sich womöglich durchaus unterhaltsames Theater machen. Eva Lange gelingt es allerdings leider nicht. Das Ensemble müht sich, den Figuren Leben einzuhauchen, aber nur selten zünden die Pointen, entwickeln die Konservationsszenen Drive. Lediglich Johannes Simons gibt seinem Edward Schelmencharme und Wärme. Robert Oschmanns Tom wirkt dagegen immer eher wie die Karikatur des aalglatten Erfolgsmenschen, seine Entwicklung bleibt ungreifbar.

Herbert Buckmillers reduziertes Bühnenbild, drei Wände, die im wesentlichen aus Türen jeglicher Art und Größe bestehen, bietet derweil viel Gelegenheit, die Verstrickungen zu choreographieren. Dass allerdings während des ganzen Abends zentrale Begriffe und Sentenzen auf die Wände projiziert werden, wirkt, als traue Lange entweder ihrem Ensemble nicht – oder dem Stück. Leider spricht für beides was.

Die Glaubensmaschine
von Alexi Kaye Campbell
Regie: Eva Lange, Bühne & Kostüme: Herbert Buckmiller, Projektionen: Clemens Wolff, Dramaturgie: Peter Hilton Fliegel.
Mit: Robert Oschmann, Anna Rausch, Johannes Simons, Piet Moedebeck, Laura Machauer, Sebastian Moske, Jane Chirwa.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause.

www.landesbuehne-nord.de

 

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Kritikenrundschau

"Die Glaubensmaschine" sei eine "intelligente Herausforderung". Campbell wolle mit seinen "ausgefeilten Charakterstudien" und der "offensichtlichen Zerrissenheit" den Menschen im Kern bewegen, schreibt Caroline von Nordeck auf NWZ Online, dem Internet-Portal der Nordwest-Zeitung aus Oldenburg (23.9.2013, gleichlautend in der Wilhelmshavener Zeitung, 23.9.2013). "Überwältigend" spiele Johannes Simons den "bis ins Mark" von einem "gedanklichen Schleudertrauma" getroffenen Geistlichen Edward. Überhaupt sei das Spiel auf der Bühne zweieinhalb Stunden "durchgehend fesselnd" und "in Verbindung mit den auserwählten Wandprojektionen" von Clemens Wolff ein "Fest für jeden dürstenden Geist". Für den "hervorragenden schauspielerischen Gesamteindruck" habe das Publikum "minutenlang stehende Ovationen" gespendet.

 

 
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