Wasserspiele im faulen Sumpf

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 28. September 2012. Dieses Stück bringt noch die letzte Hoffnung an das Gute im Menschen zum Erlöschen, und es bleibt ein Rätsel der Theatergeschichte, warum ausgerechnet dieser Gorki vergleichsweise selten gespielt wird. Schon beim Lesen besticht das Stück mit seiner wuchtigen Allgegenwart. Seine eigentliche grausame Kraft entwickelt es dann aber erst auf der Bühne, zumindest in dieser Inszenierung von Markus Dietz.

Der hatte in der vergangenen Spielzeit an gleicher Stelle auch schon Tschechows "Drei Schwestern" in überzeitlicher Immergültigkeit verortet. Diesmal hat ihm Mayke Hegger die Bühne im Kleinen Haus geflutet. Alles ist düster, schwarz und ausweglos in dieser Familiengruft. Die Sache mit dem Wasser dürfte freilich nicht einmal mehr in der Provinz als origineller Einfall gelten, und zugegeben geht einem das Geplansche und Getriefe in diesem Falle anfangs sehr auf die Nerven. Es lenkt ja auch ab, weil man immerzu mit den nassen Hosenbeinen der Akteure beschäftigt ist. Jedoch: Die Bilder, welche die schwimmende Oberfläche ermöglicht wie hervorzaubert, sind zweifellos grandios. Unterstützt von Licht und Musik ergeben sich in Wiesbaden zudem vielfältige Deutungen der ölig schimmernden Spielfläche.

dieletzten1 560 lena obst u"Die Letzten" © Lena Obst

Direkt an der Rampe aalt sich Rainer Kühn als dünnhäutiger Jakow im schlickigen Wannenbad, während die anderen angeschwommen kommen, um ihn um Liebe, Geld und Leben zu bringen. Sein Bruder Iwan ist das schreckliche Oberhaupt der Familie. Als Polizeipräsident verantwortet er so manche Sauerei, jetzt wurde auf ihn geschossen und unliebsame Wahrheiten machen die Runde. Michael Birnbaum spielt ihn als polternden Prolo, mal in weißem Unterhemd, mal in weißen Schuhen, immer aber als großmäulig geilen Vertreter seiner Art. Ein Menschenleben ist für ihn nur eine Lappalie.

Wie der Staat so die Familie

Das gilt auch für Leschtsch (Uwe Kraus), der seine Gemeinheit vor sich herträgt wie einen Wohlstandsbauch. Iwans fünf Kinder spiegeln dabei die gesellschaftlichen Realitäten, wie überhaupt Gorki die Familie als Keimzelle des Staates wie einen Spiegel der Gesellschaft aufstellt. Die beiden ältesten Geschwister Alexander (Nils Kreutinger) und Nadeshda sind die abgefeimtesten. Ihr eigenes Fortkommen beherrscht ihre Prioritätenliste. Sybille Weiser verkörpert Nadeshda dabei gewohnt rau und verkommen. Ein immerzu kaugummikauendes unmögliches Geschöpf, das es mit seiner Zungenfertigkeit mit jeder Schlange aufnimmt. Ihre beiden jüngeren Geschwister Vera (Magdalena Höfner) und Pjotr sind indes noch nicht festgefahren.

Während Vera sich aber später mit ihrem Vater wie mit den Verhältnissen arrangiert, steht Fabian Strombergers Pjotr das jugendliche Aufbegehren ins frische Gesicht geschrieben. Wie aus der Geisterbahn entstiegen, schält sich indes Franziska Werner als Ljubow aus einem Spind. Die verkrüppelte Tochter des Hauses wirkt an diesem Abend wie ein einziges totenblasses J'accuse. Ihre abermaligen Versuche sich an zwei Krücken im Wasser aufzurichten, erzählen auch von den nicht zu heilenden Wunden ihrer Kinderzeit. Und dann gibt es da noch die Mutter: Susanne Bard spielt sie mit klarer Präzision; ihr rotes Haar flammt dabei wie Vorwurf und Mahnung zugleich.

Moralische Fragen

Das zwischen 1907 und 1908 entstandene Stück, das im zaristischen Russland spielt und von der Zensur sofort verboten wurde, stellt die großen moralischen Fragen nach Anstand und Sitte. Das Wasser scheint dann auf einmal wie eine faule Brühe oder, wie Ljubow einmal sagt, als Sumpf aus Dreck und Gemeinheit. Dabei verdeutlicht der Abend spielend und ergreifend, wie politisch das Private tatsächlich ist. Kitschig, aber wahr: Weltfrieden beginnt daheim.

Unter dem ebenso ernsthaften wie plakativen Zugriff von Markus Dietz entfaltet das mörderische Stück seine abgründig demütigende Kraft, so dass man nach einer Weile selbst die Wassermassen irgendwie vergisst, wohl auch, weil man derart gefangen ist von dieser Sippe, dass man die schwarze Suppe gern in Kauf nimmt. Das Stück, das wie gemacht scheint für Putins Russland, erzählt die immergültige Geschichte von Feigheit und Mut. In Wiesbaden wird daraus eine bewegende Familienaufstellung, die von der Überheblichkeit der Jugend wie der Unbeweglichkeit der Alten erzählt.

Die Letzten
von Maxim Gorki aus dem Russischen von Ulrike Zemme
Regie: Markus Dietz, Bühne: Mayke Hegger, Kostüme: Henrike Bromber, Dramaturgie: Dagmar Borrmann.
Mit: Michael Birnbaum, Rainer Kühn, Susanne Bard, Nils Kreutinger, Sybille Weiser, Franziska Werner, Fabian Stromberger, Magdalena Höfner, Evelyn M. Faber, Uwe Kraus und Benjamin Kiesewetter.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause.

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

Viola Bolduan schreibt im Wiesbadener Kurier (30.9.2013): "Hut ab vor einem Ensemble, das durch die Nässe in der Wanne, die einst ein Bühnenboden war, tappt und schwappt, dem die feuchten Kostüme (ohnehin nicht gerade viel bekleidet) das ganze Stück lang am Körper kleben." Neben wenigen leisen, anrührenden Momenten gebe das Wasser den Ton an: "platsch, platsch rund um die eiskalt geführte familiäre Selbstdemontage". "Die Letzten" gingen dann doch eher unspektakulär zugrunde.

"Ein verstörend mitreißender Theaterabend, der das Publikum zu rhythmischem Applaus hinriss", war das für Eva-Maria Magel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.9.2013). Auf der Wasserbühne "treten die Menschen auf und ab wie Figuren in einem düsteren Glockenspiel, von Klaviergehämmer unterbrochen, präzise angeordnet, in immer neuen, schaurigschönen Bildern." Auch auf die Schauspieler fällt großes Lob: "Der Zwang, mit dem zusätzlichen Bühnenelement Wasser umzugehen, verlangt den Darstellern so viel ab, dass sie nasshäutig, dünnhäutig, genötigt sind, im Extrem zu spielen."

Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau (30.9.2013) tut das Bühnenbild der Inszenierung "nicht gut". Denn auch wenn es in seiner "Sinnhaftigkeit" einleuchte ("Quälende und Gequälte stehen in der Kälte"), lenke es doch ab und "zieht den Blick und die Gedanken an". Dabei passiere in dem Stück schon "mehr als genug: Psychoterror, Prügel, Vergewaltigung, Inzest." Ironie kommen allenfalls in "wenigen Funken" vor. "Feinzeichnung scheint nicht Gorkis Anliegen gewesen zu sein in diesem nachtdunklen, stellenweise grotesken Stück."

 
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