Dreck und Schmiere

von Falk Schreiber

Hamburg, 16. Oktober 2013. Die Premiere fällt dann mal aus. Stefan Kolosko tritt ins Kampnagel-Foyer und kündigt an, dass "Parzivalpark" nicht wie geplant stattfinden könne: "Die Pharmaindustrie" fühle sich verleumdet und habe eine Unterlassungsklage angestrengt. Dietrich Kuhlbrodt wird dazugeholt. Der ist pensionierter Staatsanwalt und bestätigt das Schreiben: Es geht anscheinend um viel Geld, darauf will man es nicht ankommen lassen. Oder? Nina Ender schnappt sich ein Mikro und wütet los: über die Präimplantationsdiagnostik, die untersucht, ob ein in vitro erzeugter Embrio womöglich eine Erbkrankheit ins sich trägt und entsprechend besser nicht in die Gebärmutter eingesetzt werden sollte. "Schwangerschaft wird mit SS abgekürzt!", brüllt Ender. "Eine schwangere Frau ist nicht mehr wert als ein verdammter Nazi-Offizier!" Kurz überlegt man, ob die Pharmaindustrie womöglich zu Recht Angst hat, hier verleumdet zu werden, dann ergreift Kolosko wieder das Wort. Es gibt keine Unterlassungsklage, alles nur Theater! "Wir sind gar nicht so politisch, wie wir immer tun." Aufatmen beim Publikum, Einlass, Stückbeginn.

parzivalpark 560 enderkolosko uAusscheidungen, Dreck und Schmiere: "Parzivalpark" © Ender / Kolosko

"Parzivalpark" verknüpft zwei Handlungsstränge miteinander: einerseits die medizinische Beherrschbarkeit des Kinderwunsches, andererseits den Umgang mit Behinderung. Hierfür hat sich das Regieteam zusätzlich zu drei Schauspielern und dem Musiker Lukas Rauchstein ein Ensemble aus 28 behinderten und nichtbehinderten Darstellern auf die Bühne geholt, ein Ensemble, das meist als Chor auftritt und durch seine schiere Masse starke Bilder in Reihe produziert – und das mit diesen Bildern die Achillesferse der Inszenierung verschleiert. Die nämlich liegt im Inhalt: Die beiden Stränge lassen sich nur schwer verknüpfen. Einzig in einem Monolog gegen Ende taucht eine Verbindung auf, indem Schauspielerin Lea Dräger in die Rolle eines Mädchens schlüpft, das der Mutter vorwirft, eine weitere Schwangerschaft abgebrochen zu haben, weil die ungeborene Schwester mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Gendefekt haben dürfte.

Wo es wehtut

Als böse Satire auf wissenschaftliche Hybris hingegen funktioniert "Parzivalpark" leidlich. Da kämpfen sich allzu selbstsichere Mediziner durch die verschachtelte Bühneninstallation, da werden schmissige Hohelieder auf die Neurowissenschaften gesungen, da tauchen Passagen aus Enders älterem Stück "Die Wissenden" auf. "Von nun an sollte gemessen und gezählt werden / Auf dass nie wieder Unwissenheit und Barbarei / Die Hochburg der Wissenschaft erschüttere. / Aber vielleicht wurden sie zu anmaßend / In ihrem Streben nach Erkenntnis?" Das ist fast wortgleich übernommen aus dem Prolog zu Lars von Triers Fernsehserie "Riget", und wer die gesehen hat, der weiß, in welche Abgründe der unbedingte Glaube an die Medizin führen kann.

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: "Mama!" Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

Mit anderen Worten: Nach und nach verschwindet die Bühne in einer undefinierbaren Masse aus Ausscheidungen, Dreck und Schmiere. Das nähert "Parzivalpark" streckenweise der Bildenden Kunst an, indem es an Arbeiten von John Bock und Jonathan Meese erinnert, es rettet den Abend aber auch nicht über seine inhaltlichen Schwächen. "15 Prozent aller Paare suchen Kinderwunschzentren auf!", erklärt Kolosko, so etwas bestätigt die gesellschaftliche Relevanz des Stücks, nur interessiert man sich vor lauter Reizüberflutung längst nicht mehr für Relevanz.

Undurchdringliches Gewirr aus Verweisen

Spannend ist vielmehr, wie "Parzivalpark" seine sehr bewusst eingesetzte Form mit immer mehr formlosen Elementen zuschaufelt, bis irgendwann ein undurchdringliches Gewirr aus Verweisen auf der Bühne wummert. Irgendwann ist da kein Stück mehr über Kinderwunsch oder über Behinderung, irgendwann ist da kein Theater mehr, keine Musik und auch keine Kunst. Irgendwann ist da nur noch eine vielfach verschachtelte szenische Situation, zu der man sich irgendwie verhalten muss, und dieses Verhalten ist das eigentliche Thema von "Parzivalpark".

Vor einem halben Jahr zeigten Ender und Kolosko mit dem gleichen Team das ganz ähnlich konzipierte Stück "Hamletanstalt", statt Behinderten waren damals demente Alte auf der Bühne. Aber man erfuhr nichts über Demenz, man erfuhr vielleicht gerade mal etwas darüber, wie man selbst sich gegenüber Demenz positionierte. Diese Positionierung ist der springende Punkt des schmerzhaften, überfordernden, grenzüberschreitenden Theaters von Ender und Kolosko. Am Ende bleiben nur Fragen: Und wie stehst du zu Behinderung? Zur Geburt? Und zur Annahme, man könnte das Ganze vielleicht ein wenig appetitlicher anrichten? Keine Antwort.
 
Parzivalpark
von Nina Ender und Stefan Kolosko
Künstlerische Leitung/Bühnenistallation: Nina Ender, Stefan Kolosko, Regie/Film: Stefan Kolosko, Text/Dramaturgie: Nina Ender, Komposition/Musik: Lukas Rauchstein.
Mit: Lea Dräger, Nina Ender, Stefan Kolosko, Dietrich Kuhlbrodt, Eva Resch und Thomas Thieme (im Film) sowie Alfred Baranek, Lutz Birkicht, Helga Boettiger, Mila Christiaans, Christa und Justus Dunger, Elke Essa, Katharina Ellrich, Karl-Heinz und Gisela Fechner, Florian Giese, Josefine Großkinsky, Britta Iwanow, Tanja Karas, Konstantin Kliesch, Ulla Koeppen, Heinz und Christiane Lux, Christian Lorenz, Assia und Ute Osterwalder, Sophie Paepcke, Rita Schaper, Karsten Schönbohm, Cecilia Schmidt, Issa Sow, Michael Wulff, Matti Wustmann.
Dauer: 2 Stunden 55 Minuten, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Mehr über Inszenierungen und Projekte mit Schauspielern mit Behinderungen finden Sie im entsprechenden Lexikoneintrag.


Kritikenrundschau

Bei diesem "viel zu langen und viel zu fahrigen" Spektakel fühlt sich Michael Laages in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (16.10.2013) an die Arbeiten von Christoph Schlingensief erinnert (auch weil Kolosko in Schlingensiefs letzter Arbeit "Via Intolleranza II" den todkranken Künstler mehrfach vertrat). Ender und Kolosko setzten ganz grundsätzlich auf die künstlerische Begegnung mit Menschen, "deren Leben normalerweise überhaupt nicht im Theater spielt". "Autorin Ender geißelt lautstark die Hybris der menschlichen Rasse an sich und die – angeblich – direkte Herleitung jeglicher prägeburtlichen Diagnostik aus der Nazi-Forschung." Kolosko präsentiere sich in Videos "als eine Art immer lächelnder Jürgen Klopp des Alternativ-Theaters". Das alles werde "schwer erträglich", weil Ender selbst mitspielt "und poltert und kapriolt", sodass "vor lauter Geschrei und Gerenne und Gezeter" die Texte "kaum kenntlich werden".  "Leben lassen oder abtreiben? An diesen Schmerzpunkt führt die Aufführung mit großer Wucht und Wut – und sie zeigt Abtreibungsvideos dazu. Das ist sehr unappetitlich, aber sehr alltäglich."

Inhaltlich ist Annette Stiekele – unter dem Kürzel asti – in ihrer Kurzkritik für das Hamburger Abendblatt (18.10.2013) von dem Abend nicht überzeugt. "Es bleibt ein chaotisches Nebeneinander, auch wenn die 28 behinderten und nicht behinderten Darsteller mitreißende Chöre und starke Bilder liefern" und eine "geballte Maschinerie aus schlingensiefscher Anarchie mit einer kräftigen Dosis Orgien- und Mysterienspielen in Gang gesetzt" werde.

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