Die Ironie-Terroristen

von Christian Baron

Jena, 24. Oktober 2013. Drollig sieht er aus, der im urbayerischen Kostüm steckende Yves (Yves Wüthrich), wie er betont unbeholfen einen Unbekannten homoerotisch antanzt. Derweil vergnügen sich seine Kolleginnen auf der Fete wahlweise in ausgeleierter Disney-Mütze oder glitzerbuntem Top und schreien und zappeln und feiern ihren Alltagsfrust wochenendlich heraus. Man grölt Schlager-Songs mit einer ironischen Distanz, die zeigen soll, dass man zwar, wie etwa Mathias (Mathias Znidarec), in einem Shirt mit "Bauer sucht Frau"-Aufdruck auf der hippen Bad-Taste-Party erscheint, aber zu Hause stets Adorno statt Lustigem Taschenbuch liest.

sepsis 560 joachim dette uBad Taste, bis einer kotzt: "Sepsis" © Joachim DetteEs ist dies die eindrücklichste Sequenz aus Moritz Schöneckers Uraufführung von "Sepsis. Das System ist vergiftet". Versinnbildlicht sie doch wie keine zweite den kategorische Imperativ der Postmoderne: Du musst maßvoll eskalieren und dennoch intelligent wirken! Das tun die Protagonisten dann auch nach einer strapaziösen Arbeitswoche, in der sie fieberhaft an der Lösung medizinischer Menschheitsprobleme gearbeitet haben. Insbesondere die Sepsis erweist sich als knifflig: eine Immunkrankheit, bei der die körpereigenen Abwehrkräfte den Organismus zersetzen.

Zum Scheitern verurteilt

Gestört wird die Suche nach Antworten durch Mathias, den Besucher aus dem ominösen Zentrum, das alle Abläufe steuert und überwacht. Was genau der sich brav in die eingefahrenen Strukturen (Hände waschen, Kaffee trinken, Quacksalbern) integrierende Kerl will, erfährt man nicht. Es spielt aber auch keine große Rolle; wie fast alles, was als Handlung sich hier vollzieht, denn alle sind viel zu sehr mit dem jeweils eigenen Süppchen beschäftigt. Da müssen Instrumente gewartet, Register geschrieben, Fragebögen entworfen, kurz: Es muss versucht werden, die Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz mithilfe der Wissenschaft ein für allemal unter Kontrolle zu bekommen.

Dass sie damit zum Scheitern verurteilt sind, dürften sie selbst nur zu genau wissen. Eine Strategie, dem zu entkommen, sehen sie in der Betonung ihrer Individualität, ihrer Autonomie. Sich selbst nämlich glauben sie allesamt als schlagfertige und zugleich schlaue Unternehmer ihrer selbst präsentieren zu müssen. Johanna (Johanna Berger), die am laufenden Band schlechte Witze ("Halb zehn in Polen. Wo ist mein Knoppers?") und dumme Sprüche ("Every New Day is a Chance to Change") von sich gibt, um ihre wohl manisch-depressiv bedingte Inkompetenz zu kaschieren, ist nur ein Symbol dieses Phänomens.

Nur die Kaffeeküche scheint von dieser Welt

sepsis3 280h joachim dette uTänzer in Aktion © Joachim DetteEin weiteres ist Mathias aus besagtem Zentrum, der sich als durchtrieben-kalkulierte Machtinstanz entpuppt, die mit Rahel nur die vermeintlich Cleverste der Gruppe für sich abgreifen will. Das von Veronika Bleffert und Benjamin Schönecker arrangierte Bühnenbild liefert die emotionslose Atmosphäre für diese wirre Freak-Show: Steril wie aus einer einschlägigen Dystopie wirkt der grell ausgeleuchtete Raum, in dem nur der Süßigkeitenautomat und die Kaffeeküche von dieser Welt zu sein scheinen. Geradezu humanoid bewegen sich die Figuren hier, seelenlos und nur aufgrund des zeitgemäßen Beziehungsopportunismus überhaupt miteinander interagierend und dabei immer wieder komplett aneinander vorbei redend.

Viel Raum nehmen in all dem drei Tänzer ein, die als vom Plot weitgehend getrennt agierende Statisten fungieren und mehrmals die lose Klammer darstellen zwischen dem titelgebenden Sinnbild der Sepsis und dem vergifteten System, in dem die Protagonisten durch ihre hilflos-hysterischen Kontrollversuche gegen die undurchdringliche Komplexität der Welt den mörderischen Kapitalismus nur noch mehr verstärken und sich dabei selbst zugrunde richten.

Exzessiv kotzen

Spätestens nach dem zweiten Tänzchen hat man das kapiert, sodass die exzessiv eingestreuten Einlagen zeigen, wie die Form den Inhalt torpedieren kann. Versucht einerseits der Text von Theaterhaus-Dramaturg Simon Meienreis, die ironisch-postmoderne Haltung eiskalt zu zertrümmern, hängt Schönecker seiner Inszenierung andererseits einige ablenkende Girlanden um.

Wobei es derlei wahrlich nicht bräuchte, denn dem Schauspiel-Quartett gelingt es eindringlich, die Ironie als zum Distinktionsmerkmal verkommene Haltung zu markieren, mit der wir unserer erdrückenden Existenz wenigstens ein bisschen Leben einzuhauchen versuchen. Hier sticht Yves Wüthrich heraus, der seiner Figur die clowneske Aura des verrückten Professors und den dämonischen Schein des Ironie-Terroristen verleiht und am Ende der Bad-Taste-Party unter dem Motto "Hömma, ihr seht so richtig geil scheiße aus!" das einzig Richtige, weil vollkommen ironiefreie und wohltuend aufrichtige tut: exzessiv kotzen.

Sepsis. Das System ist vergiftet (UA)
von Simon Meienreis
Regie: Moritz Schönecker, Dramaturgie: Jonas Zipf, Bühne und Kostüme: Veronika Bleffert, Benjamin Schönecker, Choreografie: Zufit Simon, Musik: Joachim Schönecker, Roboter: Jörg Schatzmann.
Mit: Johanna Berger, Alessandra Defazio, Ioannis Karalis, Joachim Schönecker, Zufit Simon, Rahel Weiss, Yves Wüthrich, Mathias Znidarec.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

Die Dialoge von Simon Meienreis' Vier-Personen-Stücks bestehen aus sinnfreien Flachheiten, garniert mit bauernschlauen Sentenzen und pseudomedizinischen Floskeln, schreibt Wolfgang Hirsch ungnädig in der Thüringischen Landeszeitung (26.10.2013). Regisseur Schönecker inszeniere zudem in quälender Langatmigkeit, "eine ästhetische Einbindung der Tänzer gelingt nicht, und der Sinn dieses Spiels ist die Sinnlosigkeit".

"Diese Inszenierung ist wie eine schrill-schräge Comedy, nur nicht so lustig. Denn in diesem Chaos, das sie zeigen, haben sie immer noch das Bedürfnis, etwas bedeuten zu wollen", so Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen (26.10.2013). Der "nervend forcierte Ton" der Inszenierung, dieses bemühte "Wir-sind-jetzt-mal-so-schräg"-Gefühl führe nicht die Figuren vor, nur ihre Darsteller. Regisseur Moritz Schönecker vermag es nicht, die Schauspieler über den Text von Simon Meienreis zu erheben. "Im Gegenteil, es ist, als stoße er sie dahinein, bis sie, das ist jetzt auch mal eine Metapher, darin verröcheln."

 

 
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