Tanz den Berlichingen!

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 25. Oktober 2013. Volker Lösch steht nicht mehr auf dem Stuttgarter Spielplan, aber im nun endlich wiedereröffneten Schauspielhaus rumort sein Geist des aufklärerischen Anklagefurors munter weiter: "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter fünf Jahren" oder "60 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich in Europa produziert" tut der Titelheld in Goethes "Urgötz" kund, und sein Kontrahent Weislingen wirbt für ein kaiserliches Vorgehen gegen den aufmüpfigen Götz mit dem Argument, dieses garantiere "Wirtschaftsaufschwung und Vollbeschäftigung in einem Jahr".

Solche Sätze könnte auch Lösch hineingeschrieben haben in den 1771 verfassten "Urgötz", mit dem jetzt die Intendanz von Armin Petras eröffnet worden ist. Diesmal aber ist es Simon Solberg, der so die Zeitgenossenschaft eines alten Stoffes verdeutlichen will. Er sieht Götz, wie im Programmheft zu lesen ist, als "Mischung aus Dickköpfigkeit und Idealismus", als "Don Quijote im Kampf mit den Windmühlen des Systems". Und während Götz sich bei Goethe an intriganten Gegnern aufreibt, wird er bei Solberg auch an sich selbst irre – das Wissen um all das Elend, das er nicht mildern kann, schlägt ihn genauso in Ketten wie die Winkelzüge seiner Richter, die sein Vertrauen auf ein "ritterlich Gefängnis" missbrauchen.

Bauernkriege als Invasion aus Afrika

Zudem legt Solberg mit dem Hungertod-Motiv den Grundstein für seine Deutung des letzten Aktes mit den Bauernkriegen, die er als Invasion ausgehungerter Afrikaner zeigt: In feuerorangenem Gegenlicht erscheinen fünf Darsteller mit entsprechend bemalten Masken. Chorisch ihr Elend skandierend fallen sie über die Machtintrigantin Adelhaid (sic!) her, die gerade an der Rampe ihre Hoffnung auf die Kaiserkrone kundgetan hat. Die kannibalisch-zombiehafte Zuspitzung der Szene ist doppeldeutig: Sie illustriert das Ausmaß jener Angst, die hinter der vehementen Abschottung der Festung Europa steht, verweist aber auch darauf, dass die Bauern bei Goethe als unkontrollierbarer Blutrausch-Mob erscheinen.

urgoetz1 560 julianroeder ostkreuz. hSpuren hinterlässt Herr Gottfried mit der eisernen Hand (Wolfgang Michalek hier ohne Eisen, stattdessen im Untergewand und mit Pinsel) im Reclamheft, aus dem er stammt.
© Julian Röder
Zum Zeitpunkt von Götz' Anklage-Attacke hat Solbergs Inszenierung Betriebstemperatur erreicht – eine Temperatur, für die sich der Abend zuvor ausgiebig warmläuft, nicht ohne Alberei und Aktionismus. Atmosphärisch dicht ist der Anfang: Zu Piafs "Je ne regrette rien" hebt sich im Black der eiserne Vorhang, dann fällt das weiße Licht eines einsamen Spots auf einen Kahlköpfigen, weiß bestäubt im weißen Nachthemd, ein vergessener Pierrot, der mit dem kargen Lichtstrahl herauszufinden versucht, wo er ist. Neben ihm ragt ein abgeknickter Strommast in die Höhe, der später als Burgturm fungieren wird (Bühne: Maike Storf), durchs Dunkel huschen und trappeln Gestalten, die ihm etwas zuzischen, aber verschwunden sind, bevor der Spot sie erreicht. Offenbar imaginiert sich Götz rückblickend (im Kerker? in der Todesstunde?) die Ereignisse des Stücks.

Zapping durch Bedeutungsebenen

Um denen folgen zu können, empfiehlt sich allerdings zumindest gründliches Schauspielführerwissen (Textkenntnis ist noch besser). Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwar bebildert Solbergs Ensemble in einer pantomimischen Szene, wie Weislingen nach seiner Gefangennahme durch Götz dessen Ideal des harmonischen Landleben-Kreislaufs und den Reizen von Götz' Schwester verfällt. Doch dass es sich bei dem fidelen Schafscherer um einen Rittersmann handelt, der in gefährlichem Clinch mit dem Bischof von Bamberg liegt, dass Weislingen ihm einst eng verbunden war, bevor er Geschmack am dekadenten Hofleben von Götz' Gegnern fand, und vor allem dass Weislingen für Götz doppelt wichtig ist, nämlich sofort für die Auslosung eines vom Bischof eingekerkerten Dieners und später als künftiger Verbündeter – all das sollte man schon selber wissen. Zumal der Bischof als eigentlicher Gegenspieler hier nur ein paar Minuten im Hintergrund an einer Waschmaschine hantieren darf und danach aus der Handlung verschwindet. Letzteres ist immerhin leichter zu erklären als die Waschmaschine: Es liegt schlicht daran, dass sein Darsteller Horst Kotterba auch den Sickingen geben muss. Wer das nun wieder ist, bleibt ebenfalls dem Zapping durch die Bedeutungsebenen überlassen: Als er Götz vor dessen Richtern rettet, wird er sekundenschnell vom Sprengstoffattentäter zu Che Guevara und/oder Fidel Castro (die Dynamitstangen sind Karotten, von denen eine als Zigarre herhalten darf).

Nachhaltiger aber sind jene Momente, in denen die Schauspieler einfach mal Raum bekommen. Etwa wenn Wolfgang Michalek den Titelhelden als aufrechten Kraftkerl zeigt, der angesichts des Elends ringsum die Fassung verliert oder Maja Beckmann als intrigante Adelhaid gegenüber Weislingen (Paul Grill) die Verführungstonlagen wechselt wie eine Koloraturensängerin die Töne. Und wenn die eiserne Faust des Götz später zur tintenverschmierten Hand wird, deren Griff sich Adelhaid nicht entziehen kann, dann spielt die Inszenierung die Macht der Feder gegen die des Schwertes aus.

Sprichwörtliches, plakativ

Ja, und was ist mit dem berühmten Zitat? Folgendes: Der Angriff auf Götz' Burg wird als furiose Trommelshow gespielt (insgesamt ist die facettenreiche Livemusik von Miles Perkin ein Trumpf des Abends). Und zu diesem wuchtigen Groove tanzt Götz dann einfach über Weislingens Kapitulationsforderung hinweg, während im Hintergrund die entsprechenden Sätze ("Mich ergeben? Bin ich ein Räuber?" usw.) demonstrativ auf Pappschildern hochgehalten werden – Slogan, wem Slogan gebührt.

Doch, es gibt einige Knaller in diesem hochtourigen Potpourri. Das Ganze ist allerdings von einer ausufernden Buntscheckigkeit, in der sogar der zornige Ruf "Scheiße!" aus dem Saal, nachdem Götz von den marodierenden Bauern ins Maul eines chinesischen Drachen gestopft worden ist (Warnung vor der gelben Gefahr?), zunächst mal wie eine gezielte Regiezutat wirkt. Bis dann doch nur ein einzelner Besucher erbost den Saal verlässt, in dem der Großteil des Publikums eine Viertelstunde später ausgiebig applaudiert.

 

Urgötz 
von Johann Wolfgang von Goethe 
Regie: Simon Solberg, Bühne: Maike Storf, Kostüme: Sara Kittelmann,
Musik: Miles Perkin, Licht: Kevin Sock, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Wolfgang Michalek, Nathalie Thiede, Maja Beckmann, Paul Grill, Horst Kotterba, Johann Jürgens, Matti Krause / Florian Rummel, Miles Perkin. 
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten 

www.schauspiel-stuttgart.de


Mehr zum Intendanz-Auftakt von Armin Petras in Stuttgart? Martin Laberenz inszenierte zeitgleich Bernward Vespers Die Reise.

Kritikenrundschau

Wer zum Neustart alten Staub wegpusten will, müsse Wind machen, es darf auch gern Sturm und Drang sein. "In dieser Atemtechnik übertrifft der Pustefix Simon Solberg sogar noch Petras", so Matthias Heine  in der Welt (28.10.2013). Seine Inszenierung des "Götz" war ein Heidenspektakel. "Dieser Regisseur besitzt eine Überfülle szenischer Fantasie, die aufs Wunderbarste mit der verschwenderisch ausgeschütteten Poesie des jungen Ritterspektakeldichters Goethe zusammengeht." Wobei von Solberg keineswegs eine werktreue Inszenierung zu erwarten wäre. "Wer 'Götz' inszeniert, egal ob Ur- oder Zweitfassung, muss dem Werk ohnehin Gewalt antun." Solbergs Versuch, aus Götz einen politisierenden Zeitgenossen zu machen, "ist nicht ganz so neu und dreist, wie es dem einzelnen Herrn vielleicht vorkam, der aus dem Saal floh und laut 'Scheiße' rief – damit durchaus im drastischen Jargon des Stückes bleibend."

Solberg "bricht den 'Urgötz' auf, den selbst sein Urheber für nicht bühnentauglich hielt, und inszeniert das Drama mit einer Spielfreude, die vor keinem Genre, keinem Einfall Halt macht", freut sich Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (28.10.2013). "Tragödie, Kabarett, Show, Pantomime: virtuos jongliert Solberg mit allem, was ihm gefällt." Er folge dem Sandkasten-Prinzip der kindlichen Zerstreuung, "aber nutzt es doch so reif und erwachsen, dass er den Blick immer rechtzeitig auf den Ernst der Sache fokussiert".

An diesem Abend liegen "grandiose Bilder, Pathos und Klamauk nah beieinander", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (28.10.2013). Und in all dem sei der Abend "erstaunlich werktreu". Solberg setzte auf "Narreteien, Opernhaftes, auf Musik und Tanz, auf Effekte, Sentiment und Spaß" und betone "die Wildheit, die Empörung gegen die Mächtigen, die das Volk auspressen und nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind". Besonderes Lob erhält Maja Beckmann für ihr "virtuoses Komödiantentum".

Wie schon bei seinem Heidelberger Schlossfestspiele-"Hamlet" verpasst Solberg dem "Urgötz" ein Zeitgeist-Update, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (28.10.2013). Goethes Recken mit der eisernen Hand lasse Solberg nicht nur gegen das fürstbischöfliche Machtkalkül und gegen Weislingens Lug und Trug aufbegehren, sondern auch gegen das Unrecht, das gerade in Syrien, in den südamerikanischen Favelas oder in Afrika geschehe. Und wie auch für die Eröffnungsproduktion "5 morgen" gelte: "Das 'Urgötz'-Ensemble ist in jeder Hinsicht ergötzlich, allen voran Maja Beckmann als intrigante Adelhaid."

"Der Stuttgarter 'Urgötz' ist ein plakativ-platter Revolutionskarneval mit Kriegstänzen, afrikanischen Flüchtlingsmasken und Slapstick: Volker Lösch im Comedy-Format." So berichtet Martin Halter für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (28.10.2013) in seinem Überblick über das Auftaktwochenende der neuen Stuttgarter Intendanz von dieser Inszenierung und pointiert: "Das Kraftwort, mit dem ein Zuschauer bei der Premiere den Saal verließ, war allerdings kein Regieeinfall."

"Simon Solberg hat das Stück entkernt, durch die Trashtheater-Walze gezogen und mit wenig bis gar keinem Respekt vor Goethes Text und Inhalt platt gemacht", berichtet Monika Köhler im Überblicksartikel zum Stuttgarter Intendanz-Neustart für den Südkurier (29.10.2013). Der Regisseur "überlädt er den Stoff mit den Brennpunkt-Themen von heute" und "garniert alles mit lauter Live-Musik". Als "Plus der Inszenierung" wird verbucht: "Solberg zeigt die überzeichneten Charaktere in ihrer nackten Wahrheit im ewigen Kreislauf der Ohnmacht gegenüber dem Machtmissbrauch."

Ein "Saus-und-Braus-Spektakel" von "Spaßguerillero" Simon Solberg, einem "Freund improvisierter Albernheiten", nennt Christine Dössel diesen Abend in ihrem großen Bericht zum Stuttgarter Intendanz-Neustart in der Süddeutschen Zeitung (29.10.2013). Inhaltlich sei dieser Abend nicht "ernst zu nehmen"; aber zwei überzeugende Auftritte verzeichnet die SZ-Kritikerin: die "komisch-erotische Spaßbombe Maja Beckmann" und der "kraftvoll seine Titelrolle aus dem Sumpf der Banalität und sein 'Freiheits'-Thema in die Glaubwürdigkeit rettende Götz-Darsteller Wolfgang Michalek".

In der Neuen Zürcher Zeitung (30.10.2013) schreibt Peter Michalzik in einer Mehrfachbesprechung: "Solberg nimmt das Stück radikalpolitisch und hochenergetisch." Sein Götz habe einfache Botschaften (z.B. Abhör- oder Umweltskandale betreffend) aber es gelinge ihm nicht, etwas damit anzufangen. "Am Ende stirbt ein Erschöpfter den Zitatentod." Trotz enormen Sinnüberschusses bleibe man als Zuschauer leer. "Der Mann [Solberg] ist ein Kraftkerl, ein Regisseur von Nummern, ein guter Handwerker, aber er ist kein Erzähler oder Visionär."

Kommentar schreiben