Halbwertszeit 5 Minuten

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 26. Oktober 2013. Das Konzept klingt viel versprechend: Völlig unvermittelt wird in einer Stadt Katastrophenalarm ausgelöst. Und weil kein eindeutiger Auslöser und somit kein klarer Feind erkennbar ist, schlagen sich die Menschen nicht auf die eine oder andere Seite, sondern entwickeln Strategien, um zu überleben – was ihrer schalen, eigentlich schon toten Existenz plötzlich wieder Sinn gibt.

Ja, in einer solche Situation wäre erzählerisch einiges denkbar. Aber die einzige annähernd katrastrophenähnliche Geschichte in Fritz Katers Stück "5 morgen" dreht sich um den Ex-Erfolgsautor August, der sein Dasein als Unidozent fristet, das Scheitern seiner Ehe mit der Ärztin Julia nicht einsehen will und mit der Studentin Missy, die er gerade hat durchfallen lassen, sein sexuelles Total-Waterloo erlebt. So weit, so schlimm, aber Katastrophenalarm wäre dafür nicht nötig gewesen. Dass hingegen der arbeitslose IT-Experte Paul sofort nach der warnenden Radiodurchsage sein Haus verrammelt und aus Angst vor Kontaminierung nicht mal seine Freundin Loretta wieder reinlässt, ist zwar tatsächlich eine Idee, wird aber in der Praxis in langen banalen Textpassagen schon totgequatscht, bevor es zu der immerhin dramatischen Szene kommt, in der Loretta Paul wissen lässt, dass er nur der Ersatz für ihre eigentliche große Liebe war. Auch kein Happy-End.

Zwischen Helge Schneider, Manga-Cosplay und "Blade Runner"

Aber wird damit das Potenzial des Konzepts irgendwie ausgeschöpft? Oder zumindest angerissen? Und hilft es weiter, wenn der IT-Experte auf der Bühne aussieht wie ein Proll mit einer Perücke, die vom letzten Helge-Schneider-Film übriggeblieben ist? Und die Studentin mit wasserstoffblondem Kunstschopf, kurzem gelbem Röckchen und weißen Overknee-Strümpfen frisch von einem Manga-Cosplay zu kommen scheint? Oder später in der Disco aussieht wie Daryl Hannah in "Blade Runner"?

Die Antwort lautet Nein (um auch mal was zu zitieren, nämlich Funny van Dannen). Schade, denn der Anfang macht neugierig: August doziert über fantastische Literatur, die im Zeitalter multipler Lebensoptionen notwendiger sei denn je, da sie auf virtuelle Weise jene Erfahrungen ermögliche, die rein biologisch (begrenzte Lebenszeit und so) nicht machbar sind. Doch die virtuellen Erfahrungen, die der Autor Fritz Kater und sein inszenierendes Alter Ego Armin Petras in dieser Uraufführung anbieten, bestätigen vor allem Klischees: Ex-Erfolgsautoren haben einen "Endvierziger-Alkoholikerminischwanz", Studentinnen begreifen ihren Körper als Kapital und verfluchen dessen eingebaute Halbwertszeit, Ärztinnen haben einen gesunden Zynismus, Internetfreaks sind paranoid. Und Mutti hört am Telefon nicht richtig zu.

5morgen 560 bettina-stoess hVerrenkend erotisiert: August (Holger Stockhaus) vor Missy (Hanna Plaß). © Bettina Stöß

Aber okay, erstens ist straightes Storytelling nicht die zentrale Mission des Fritz Kater, und zweitens hat Stuttgarts neuer Intendant Armin Petras seinen Regiebeitrag nicht als Eröffnungsabend im Haupthaus angesetzt, sondern am zweiten Tag zu vorgerückter Stunde vor rund 100 Leuten in der Nebenspielstätte. Also geht es weder um Mainstream noch um stilistische Deutungshoheit, und wem das Stück nichts sagt, kann immerhin das Ensemble beim Aufdrehen bestaunen. Etwa die Mordsperformance von Holger Stockhaus: Der zelebriert den Absturz des Autors August mit grandioser Körperkomik, ob er nun angesichts Missys erotischer Verlockungen in groteske Verrenkungen verfällt oder sich am Ende vor lauter Stuhlgangdrang kaum auf den Beinen halten kann.

Furioses Beischlafscheitern

Hanna Plaß als Missy ist ihm eine kongeniale Partnerin mit großen Kulleraugen, großer Klappe ("Kommen wir nun zum Höhepunkt des Abends. Der Höhepunkt bin ich") und einer noch größeren Gesangsstimme. Und wie diese beiden einen missglückten Beischlafversuch mittels furiosen Trompetenspiels darstellen, das August immer mehr auslaugt, ist dann wieder so großartig, dass man gerne verdrängen möchte, wie beziehungsreichtumshuberisch es ringsum zugeht: Da wird mal Roberta Flacks Song "The First Time Ever I Saw Your Face" als Passage aus Augusts Büchern serviert (fehlt nur der Zuruf an den Zuschauer/Leser: "Küss mich, ich bin ein verzauberter Intertext").

An anderer Stelle werden, wohl um's mal richtig ernst zu meinen, Verstümmelungs- und Vergewaltigungsgräuel aus Afrika in den Raum geworfen und auf der Videowand mit suggestiven Kriegsbemalungs-Impressionen untermalt. Und am Ende ist das alles (und noch viel mehr, um Rio Reiser zu zitieren) eine einzige Soße – so wie die verschmierte weiße Schminke in den Schauspielergesichtern. Diese Gesichter freilich wird man in der nun eröffneten Saison sehr gerne wiedersehen. Um so mehr, wenn ihr Text dann länger als 5 Minuten trägt.

 

5 morgen (UA)
von Fritz Kater
Regie: Armin Petras, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Patricia Talacko, Video: Rebecca Riedel, Musik: Thomas Kürstner/Sebastian Vogel, Choreographische Mitarbeit: Berit Jentzsch, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Anja Schneider, Andreas Leupold, Hanna Plaß, Holger Stockhaus, Manja Kuhl.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

 

Mehr zum Intendanz-Auftakt von Armin Petras in Stuttgart? Simon Solberg inszenierte den Urgötz auf der großen Bühne, während zeitgleich Martin Laberenz in der kleinen Spielstätte "Nord" auf Die Reise von Bernward Vesper ging. Und am zweiten Tag gab es das grandiose Duo Astrid Meyerfeldt / Joachim Król in Bergmans Szenen einer Ehe, angerichtet von Jan Bosse.

Alles zu den Arbeiten von Armin Petras finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon. Mehr zu den Stücken von Fritz Kater hier.

 

Kritikenrundschau

"So richtig ungnädig wurde man im Stuttgarter Premierenreigen nur einmal, bei '5 morgen'", schreibt Matthias Heine in der Welt (28.10.2013). Zwei Ehepaare tauchen auf, "deren Beziehungskrisen von einer Katastrophe in einem Teilchenbeschleuniger gespiegelt werden. Was der Autor damit sagen will, wird einem in zwei Stunden nicht klar." Das Problem besteht auch darin, dass der Regisseur es nur allzu genau weiß, denn Fritz Kater ist das Pseudonym, unter dem Armin Petras seit langem Dramen schreibt. "Leider hat er gerade deswegen mit seiner Inszenierung zwar viel zur Aufhübschung, aber wenig zur Verdeutlichung des Textes beigetragen." Die Schauspieler seien jedoch auch hier so gut gewesen, "dass einem auch der größte Unfug nicht sehr auf die Nerven ging". Fazit: "Sie bleiben das große Versprechen der neuen Stuttgarter Intendanz."

"Die Handlungsstränge kehren von der weltumspannenden Katastrophe immer wieder zum schäbigen Kleinkrieg der Kreaturen zurück und zum ewigen Geschlechterkampf. Hier geile Kerle, dort Weiber, die den Trieb der Männer ausnutzen", beschreibt Adrienne Braun in der Stuttgarter Zeitung (28.10.2013) das Stück. Jedoch: "Vieles wird nicht stringent durchformuliert". Und auch als Regisseur leite Petras sein Publikum nicht behutsam voran, "er fordert es vielmehr auf, die Regie-Ideen wie Bilderrätsel zu dechiffrieren". "5 morgen" sei manchmal banal, manchmal verwirrend, dabei aber erfrischend und vor allem spielerisch stark.

Trash- und Comic-Momente, Tempo und der fleißige Einsatz von verfremdeten Live-Videobildern - die Uraufführung trage die Handschrift Petras', findet Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (28.10.2013). "Der Kern des Stücks erweist sich als banal: In der Ausnahmesituation der Apokalypse strindbergeln verkorkste Paarbeziehungen genauso wie im ganz gewöhnlichen Alltag". Großartig aber sei die Ensembleleistung, Holger Stockhaus, Hanna Plaß, Anja Schneider, Andreas Leupold und Manja Kuhl - "eine tolle Truppe, der man gerne zuschaut, auch wenn das Textmaterial lauwarm gekocht wurde."

Fritz Kater alias Armin Petras zeigen mit seinem neuen Stück den Stuttgartern, "was alles im Argen liegt in ihrer heilen Welt", schreibt Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.10.2013) in seinem Überblickstext zum Auftaktwochenende der neuen Stuttgarter Intendanz. "5 morgen" sei "Apokalypse-Lyrik von gestern, inszeniert mit verwackelter Handkamera und Neongeflacker, Kindergeburtstagsluftballons und Scharaden aus der Theater-AG." Dieses "maximal moderne Experimentaltheater" ziehe sich "über zwei lange Stunden".

"Maximal enttäuschend" findet Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (29.10.2013) diesen Einstandsabend von Armin Petras in ihrem großen Bericht vom Stuttgarter Intendanz-Neustart. Mit seinem Text sei der Autor und Regisseur "nicht über eine Fingerübung hinausgekommen"; er liefere "ein gepudert-verquastes, grenzwertig verkitschtes Sci-Fi-Choreografie-Theater von geringer Halbwertszeit". Wobei sich auch hier zeige: Petras "Ensemble hat maximale Anziehungskraft".

In einer Mehrfachbesprechung in der Neuen Zürcher Zeitung (30.10.2013) schreibt Peter Michalzik: "Das Stück macht einen eleganten Move, (...) der die gesamte Diskussion um falsche Vorlagen, Drehbücher und Romane im Theater ad absurdum führt: Sein Stück ist das 'Remake eines nicht existierenden Filmes'." Stück und Aufführung seien wie ein Computerspiel, in dem die Figuren den Durchbruch zur Realität suchten. Am Ende gehe es um die kleinen Dinge, die man am Leben möge. Das ganze sei "pur und verspielt zugleich, zart und grob in einem, sehr künstlich und unterhaltsam inszeniert, mehr Choreografie als Realismus".

Und in einer Mehrfachbesprechung in der Zeit (31.10.2013) weiß Peter Kümmel über das Stück zu sagen: "Es ist eine Mischung, die in jedem angelsächsischen Theater von der Bühne gezischt werden würde, aber die Stuttgarter arbeiten sich an ihr ab." Die Dialoge Katers seien von "stolzer Plattheit". "Mit diesem Stück haben sich die Berliner, die sich durch zureisende Schwaben belästigt fühlen, schlimm gerächt: Dank 5 morgen ist das Berliner Thekengequassel in Schwaben angekommen."

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