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Sie können zusammen nicht kommen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 26. Oktober 2013. Der Weg ist lang und schmerzhaft: Marianne, die passive Ehemannsbewunderin und Kinderversorgerin mutiert in Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" von 1973 mehr und mehr zur selbstbewussten, selbstbestimmten Frau, die die Scheidung fordert. Sie kann die Dauer-Affäre ihres lebenskrisengeschüttelten Ehegatten mit einer 22-Jährigen nicht mehr ertragen. Liv Ullmann brauchte für diese Wandlung knapp 300 Minuten, in der Kinokurzfassung der sechsteiligen Fernsehserie immer noch 169. Astrid Meyerfeldt gelingt dies in Jan Bosses Inszenierung am gerade wiedereröffneten Stuttgarter Schauspielhaus in gerade mal 105 Minuten.

Es geht hier mit allen Mitteln der Schauspielkunst zur Sache, vor allem aber mit viel Humor. Gerade der fehlt Bergmans Beziehungsdrama und macht es deshalb für so manch einen unerträglich. Bierernst quasseln und quälen sich Liv Ullmann alias Marianne und Erland Josephson alias Johan durch die Tiefen einer zunächst noch harmonisch scheinenden Ehe, die durch Midlife-Krisen, Kommunikationsunfähigkeit, Seitensprünge und Gewalt zerrüttet wird. Liebe, die man den beiden unterstellen darf, ist hier kein Garant für eine funktionierende Beziehung.

Komische Demaskierung

Die Alltagshölle lässt zusammen nicht kommen, sondern schläfert ein, macht sprachlos, zerstört. Die Ehe, sagt der Film, ist ein Hort der Maskerade und der Lüge. Anders wäre sie nicht erträglich. "Die Wahrheit hätte unsere Ehe pulverisiert", mutmaßt Johan retrospektiv. Bergmans Film ist ein langatmiges Kammerspiel, das in seinem bieder-kindlichen Schmollmund-Frauenbild der 1970er Jahre heute überholt erscheint. Doch Bosse arbeitet deutlich heraus, wie viel Zeitloses in dem Stoff steckt.szeneneinerehe 560 bettinastoess hAstrid Meyerfeldt im Storchennest samt "Shining"-Zwillingen. © Bettina Stöß

Die Nebenfiguren sind eliminiert. Astrid Meyerfeldt und Joachim Król spielen das Ehepaar um gut zehn Jahre älter. Sie, die Rechtsanwältin, ist 44, er, der Wissenschaftler, 52. Es ist der komödiantische Balanceakt zwischen Übertreibung und Zurückhaltung, den diese beiden Theatertiere so grandios beherrschen. Komik, die nicht Klamauk evoziert, sondern den Charakteren Tiefenschärfe verleiht. Bei Bergman ist Schluss mit lustig, wenn die Maskerade fällt. Bei Bosse sind gerade die komischen Brüche Mittel der Demaskierung.

Eindrückliche Telefonfratzen

Etwa wenn Marianne im Telefongespräch mit der Mutter erstmals das zum Zwang gewordene sonntägliche Mittagessen bei den Eltern absagen will und dann fürchterliche Grimassen schneidet, als die Mutter ihr tausend Argumente gegen diese Gewohnheitsänderung ins Ohr zwingt. (Lakonischer Kommentar Johans: "Die Revolution ist im Keim erstickt.") Marianne wechselt mit der Fratze, unsichtbar für die Mutter, die Rolle der liebenswürdigen Tochter und offenbart ihr aggressives Ich. Zugleich zeigt sich in dieser Szene auch der erste vage Widerstand gegen den Ehemann: Noch hat Johan die Zügel, sprich: das Telefon, in der Hand, von dem sich Marianne aber dank eines grotesk sich immer länger ziehenden Hörerkabels entfernen und in die Verwinkelungen des Eigenheimes verschwinden kann. Es sind solche Bilder, mit denen sich Bosses Inszenierung ins Gedächtnis brennt.

Meyerfeldt dient Mariannes Selbsterkenntnis, ein Leben lang Rollen gespielt zu haben, als gestalterisches Programm der inneren Wandlung: von der sich selbst verleugnenden, grenzüberschreitend fürsorglichen und sich sexuell verweigernden Ehegattin bis hin zur männerfressenden Greta-Garbo-Kopie im Abendkleid, als die sie den abtrünnigen Ehegatten zu verführen gedenkt. Immer wieder bricht selbstentlarvend die Pose durch, das Artifizielle. Selbst als sie in völlige Erstarrung verfällt, als ihr Mann sie verlässt. Und ihr atemloses Klagen über ihr "in Kästchen" geteiltes, gleichförmiges Leben aus Arbeit, Yogakurs und familiären Verpflichtungen garniert sie virtuos mit gleichzeitig ausgeführten Gymnastikübungen, Liegestützen und einem Spagat.

Irrgarten mit Storchennest

Moritz Müllers leicht surreales Bühnenbild stellt ein holzsperriges Häuschen mit verwinkelten Räumen dar, über denen wie ein Storchennest das eheliche Bett thront: der zentrale Kampfplatz der Geschlechter. Eine "Festung der Einsamkeit" (Johan) ist dieses Haus, hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt und immer wieder Ort gediegener Alpträume, wenn sich die Drehbühne (sie dreht sich tatsächlich!) zwischen den Szenen in Gang setzt.

Dann wird das Haus zum Irrgarten, in dem sich das Paar verliert und auch durch Rufe nicht wiederfindet. Und das nur einen Ausweg bietet: die Tür in den Abgrund, in den sich Marianne im Hochzeitskleid abseilt. Zwei Kinder in Zwillingslook erscheinen immer wieder als Filmprojektion: gespenstisch und unwirklich wie die beiden Geister-Mädchen in Kubricks "Shining". Sie lugen um die Ecke oder drücken sich am Fenster die Nasen platt. Da war doch was? Mariannes und Johans Kinder spielen im Kern der Ehe keine Rolle. Es geht um das eigene Ich, die Selbstfindung und Befreiung.

Johan, dem es körperliche Beschwerden bereitet, über sein Inneres zu reden, geht den umgekehrten Weg seiner Frau. Er verliert den Boden unter den Füßen. Der schmerbäuchige Wohlstandswissenschaftler wird zum erbarmungswürdigen Berufsversager, der die Ehefrau um Erlaubnis zur Rückkehr ins Eigenheim anbettelt. Seine Geliebte kann er schon längst nicht mehr ertragen.

Junge Hunde

Król gelingen immer wieder Szenen von ungeheurer Intensität. Etwa wenn er im Jeans-Anzug irgendwo in einer Bar Amos Lees All my best days are behind me now ins Mikrophon raunt. Johans Art der Selbstfindung. Oder wenn er schwitzig und alkoholisiert Marianne die Unterschrift auf den Scheidungspapieren verweigert, stattdessen ein gewaltsam abgerungenes, bitterernst gemeintes "Woll'n wir es nicht noch mal miteinander versuchen?" herauspresst und Marianne darauf mit einem rabiaten "Du bist naiv bis zum Schwachsinn" jegliche Hoffnung zunichtemacht. Längst weiß Johan nicht mehr, was seine Frau denkt, hat die Kontrolle über sie verloren. Sie hat jetzt die Macht. Da gebiert Johans Hilflosigkeit Gewalt. Ende einer Ehe. Jahre später werden die beiden Neuverheirateten sich zufällig wiedertreffen und ein heimliches Verhältnis beginnen. Man kann nicht voneinander lassen.

Frenetischer Dauerapplaus am Ende der Premiere belohnte ein grandioses Duo. Und Meyerfeldt und Król, euphorisiert vom fieberhaften Spiel und befeuert vom immensen Beifall, tollen auf der Bühne wie die jungen Hunde. Es ist ein ganz großer Abend für die beiden.

 

Szenen einer Ehe
nach dem Film von Ingmar Bergman
in einer Neuübersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Jan Bosse, Bühne: Moritz Müller, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Video: Rebecca Riedel, Mieke Ulfig, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Joachim Król, Astrid Meyerfeldt, Lisa und Lea Engfer (im Video).
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause.

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Mehr zum Intendanz-Auftakt von Armin Petras in Stuttgart? Simon Solberg inszenierte den Urgötz auf der großen Bühne, während zeitgleich Martin Laberenz in der kleinen Spielstätte "Nord" auf Die Reise von Bernward Vesper ging. Am zweiten Abend lief Petras' eigene Schreib- und Regietat 5 morgen auf der kleinen Bühne.

 

Kritikenrundschau

Einen fulminanten Neustart sah Matthias Heine (Welt, 28.10.2013) am Stuttgarter Schauspielhaus, wo der neue Intendant Armin Petras mit sechs Premieren in drei Tagen begann. Viele schauspielerische Glanzlichter waren zu sehen. "Astrid Meyrfeldt wurde in der zweiten großen Premiere stolz als das Juwel präsentiert, das sie ist". In "Szenen einer Ehe" spielten sie und Joachim Król mit so vielen komischen Aspekten, "dass man begreift: Nicht nur Woody Allen wollte der Ingmar Bergman Amerikas sein – auch in Ingmar Bergman war schon immer ziemlich viel Woody Allen verborgen."

"Am Ende dieser 'Szenen einer Ehe' ist das Publikum aus dem Häuschen", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (28.10.2013). Jan Bosse habe den Stuttgarter Theatergängern ein Geschenk gemacht, auf das sie hörbar lange warten mussten. "Er legt seine wie eine Erlösung gefeierte, kluge, ergreifende, mit Humor und Schmerz ans Herz fassende Inszenierung auch dem Intendanten Armin Petras auf den Gabentisch". Makellos sei dieser Abend, weil sich die zwei Darsteller, der Regisseur und sein Konzept kongenial ergänzen. "Mit virtuoser Sensibilität stürzen sich die beiden Seelenspieler bis zur wahrhaftigen Selbstaufgabe in das Auf und Ab des Ehekriegs, souverän lotst sie die Regie über die intimen Schlachtfelder der Gefühle."

Von "Riesenjubel" über eine Inszenierung, die "starke Bilder" finde, berichtet Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (28.10.2013). Sie hat "starke Schauspieler" erlebt, "wenngleich die Spielweisen ziemlich auseinanderfallen": "Król interpretiert eher verhalten, psychologisch genau und kann manchmal nur noch staunen, wenn Astrid Meyerfeldt herrlich energiegeladen über die Bühne irrwischt."

Jan Bosse habe diesen Ingmar Bergmanns Klassiker "klug zum Kammerspiel eingedampft und präzise inszeniert", lobt Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.10.2013) diese Inszenierung in seinem Überblick über das Auftaktwochenende der neuen Stuttgarter Intendanz. Zwei "wunderbare Schauspieler" hat er gesehen. "Bosse bricht die Beziehungsdebatten der Siebziger und den schwerblütigen Ernst von Bergmans Selbstzerfleischungsritualen mit unangestrengter Komik und heiterer Ironie: Wenn das altgewordene Paar am Ende seinen Ehefilm betrachtet, ist es fast wie ein Happy End."

"Wie aus zermürbender Routine die Figuren erwachen, sich neu erfinden, die Stimmung im verletzenden Schlagabtausch umkippt, ist großartig gemacht", berichtet Monika Köhler im Überblicksartikel zum Stuttgarter Intendanz-Neustart für den Südkurier (29.10.2013). Es gäbe zudem "Zwischenapplaus" für "die neue, funktionierende Drehbühne, in der am Ende die heile Welt mitsamt dem Inventar versinkt".

Als "Triumph", ja als "Theaterglücksfall" erscheint dieser Abend Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (29.10.2013) in ihrem großen Bericht vom Stuttgarter Intendanz-Neustart. Deutlich "dynamischer, heutiger, humorvoller" als Bergmanns Vorlage sei diese Film-Adaption. Bosse habe die "gefälligste Inszenierung" im Stuttgarter "Eröffnungs-Potpourri" geschaffen, "aber das heißt nicht, dass sie seicht oder biederleicht wäre, dazu ist Jan Bosse ein viel zu versierter Könner in der Kunst, das Schwere leicht aussehen zu lassen, und auch Kenner der menschlichen Psyche." Neben den "hochagil" spielenden Protagonisten Astrid Meyerfeldt und Joachim Król wird vor allem das "grandiose Bühnenbild von Moritz Müller" herausgehoben.