Die Finsternis der Moderne

von Hartmut Krug

München, 31. Oktober 2013. Wieder erhebt sich auf der Bühne eines dieser verschachtelten hölzernen Brettergerüste, das mit einem Wirrwarr von unterschiedlich großen Räumen die Spiel- und Anspielungsmöglichkeiten für eine Frank-Castorf-Inszenierung bietet. Zeitlos, ortlos, hässlich und praktisch zugleich, – und die Drehbühne dreht sich mit ihm. Überm Eingang prangt der hoffnungsfrohe Spruch "Liberté, Egalité, Fraternité", dessen Form und Schriftzug allerdings an einen anderen Spruch gemahnt, der vor einem nationalsozialistischen Vernichtungslager hing.

Über allem aber thront als Hauptspielstätte die Filmleinwand. Wie immer bei Castorf wird hinter und auf der Bühne live gefilmt, werden vorgefertigte Filme einmontiert, rennen die Darsteller routiniert aus einem Hinterbühnen-Film vors Publikum auf die Bühne. Das bietet in seiner Permanenz und Selbstverständlichkeit aber kaum noch ästhetisches oder inhaltliches Spannungspotential, sondern wirkt nur noch wie eine routiniert leere Verfremdungs- und Bewegungsmethode.

reise ans ende5 560 matthias horn uMal wieder ein Holzverhau: Die Bühne in "Reise ans Ende der Nacht" © Matthias Horn

Im Roman reist Célines junger Held Ferdinand Bardamu auf siebenhundert Seiten durch die Finsternisse der Moderne. Er rennt als Soldat in den Ersten Weltkrieg in Frankreich, landet in einer psychiatrischen Klinik, schifft sich hoffnungsfroh nach Afrika in die Kolonien ein, erkrankt dort heftig an Malaria und wird als Ruderer auf ein Schiff verkauft, mit dem er nach Amerika gelangt. Er geht in der Einsamkeit New Yorks und seiner Kinos auf die Suche, bis er in Detroit an eines der neuen Fließbänder der Autofabrik von Ford gerät. Nachdem er nach Paris zurückgekehrt ist, wird er Armenarzt in der Vorstadt von Paris.

Zwischen Bordellen und Bardamen, den tödlichen Schauplätzen des Krieges, der Hitze und dem Elend Afrikas und den amerikanischen Fließbändern ist Célines Ich-Erzähler ein Chronist der Lebensuntiefen seiner Zeit. In denen bewegt er sich vor allem als opportunistischer Beobachter und mit heftigem Überlebenswillen.

Allzu bekannter Castorf-Sound

In der ersten Szene von Castorfs Inszenierung wuseln viele Figuren um eine afrikanische Kranke herum, die operiert werden soll. Man ist auf einem Schiff vor der Küste Afrikas, schreit nach dem Klo, brüllt immer wieder Célines Überlegungen heraus, seinen Roman zu vernichten, wenn er nicht "meine Brötchen verdienen" müsste. Es sind Sätze, mit denen er trotzig auf die Angriffe wegen seiner späteren faschistischen Pamphlete reagierte. Man redet über "die Neger", das Elend, die Hitze, will fort, versteht aber Ford, möchte Morphium für die Kranke, zieht sich stattdessen viel weißes Pulver herein. Dabei agieren alle auf hoher, enervierend expressiver Schrei-Ebene. Dieser allzu bekannte Castorf-Sound durchdröhnt den gesamten langen Abend, wobei die Stimmen der Münchner Darsteller so klingen wie die bekannter Castorfscher Volksbühnen-Darsteller – so scheint dieser Sound mehr Erkennungszeichen denn Vermittlungsmethode.

Wer Célines Roman nicht kennt, hat von Beginn an seine Probleme, weil Castorf Figuren und Situationen aus verschiedenen Szenen zueinander montiert. Die Hauptfigur Ferdinand Bardamu wird von Bibiana Beglau gespielt, die aus dem heftigen Einheitssound mit Sprachgefühl, Witz und differenziertem Spiel hervorragt. Dann gibt es noch Léon Robinson, einen Doppelgänger, besser Gegengänger Bardamus, der abwechselnd von zwei Darstellern gegeben wird. Auch Bardamu wird gelegentlich von einem der Robinson-Darsteller gespielt.

Gesungenes Heiner-Müller-Zitat

In den fast fünf Aufführungsstunden ist Bardamu mal da, mal dort. Während Céline mit den Kriegserlebnissen Bardamus in Frankreich beginnt und dann, wenn auch ohne Verbindungsglieder, jede seiner weiteren Etappen ganz "ordentlich" ablaufen lässt, schert sich Castorf nicht um die äußere Logik. Er beginnt vor der Küste Afrikas. Später, am Ende einer kabarettistischen Szene, in der eine Familie darüber nachdenkt, wie sie die alte Großmutter weiter unterhalten könnte und sich dabei mit Fragen über die Pflegeversicherung ans Publikum und Hinweisen an Seehofer wendet, wird erklärt, in dieser Inszenierung gehe es um Brüche. 0.K., das wenigstens hat der Zuschauer sehr schnell verstanden. Ob diese Brüche aber notwendig oder nützlich sind, ist nicht immer eindeutig zu bejahen. Inhaltlich geht es um Infektionsgefahren und die Lust, sich dennoch zu umarmen, es geht mit der Figur des Doppelgängers auch um die Angst vor dem Tod, und es geht, mit unterschiedlichsten Spielfilmsequenzen und mit Plakaten vom Kinshasa-Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman, um die schwarze Identität und Befreiung.

reise ans ende6 560 matthias horn uErotik oder Nahkampf? Fatima Dramé und Bibiana Beglau © Matthias Horn

Wenn Castorf Szenen aus Heiner Müllers "Der Auftrag" einmontiert, in dem es um drei Emissäre geht, die auf Jamaika die Revolution antreiben sollen, dann lässt er sie singen. Fatima Dramé, die auch eine zeitweilige Geliebte Bardamus spielt, singt als eine Art soulige Voodoo-Priesterin die Texte von Müllers "Engel der Verzweiflung", während ihr Emissionärskollege Aurel Manthei ihr genauso wort-, aber weniger gesangsgewaltig antwortet. Dieser lange Müller-Gesang wirkt manchmal unfreiwillig komisch und nervt als Bedeutungszitat doch arg.

Und die Liebe?

Natürlich geht es auch viel um die Liebe. Nach der Pause, wenn die deutlich unfertige Inszenierung in ihrer darstellerischen Redundanz nahezu auf der Stelle tritt und etliche Zuschauer (wie bereits in der Pause) verliert, verlangen in endlosen Sehnsuchtstiraden Frauen nach der Dauerhaftigkeit der Liebe ihrer Männer. Worauf Robinson nicht eingeht und daraufhin von einer verzweifelt Fordernden während einer Taxifahrt auf der Leinwand erschossen wird. Und natürlich gibt es für den Castorf-Liebhaber auch etliche schräge, komische, erkenntnisreiche, spielerische Szenen. Aber Maß und Form findet diese Inszenierung nicht. Bei all ihrer Aufgekratztheit – rein in die Kulissen, raus aus den Kulissen, dazwischen schnell in den Film – schleppt sie sich oft doch recht müde dahin. Frank Castorf  breitet so seine ganz eigene Form des alternativen Als-Ob-Theaters mit großer Geste üppig aus. Die schönste Szene aber ist klein und fein und kommt ganz am Schluss. Da dreht sich die Drehbühne, und zu Bob Dylans "Things have changed" tanzt Bibiana Beglau so versunken wie zart-elegant und zugleich, ja, auch ironisch.

 

Reise ans Ende der Nacht
von Louis-Ferdinand Céline
in einer Bearbeitung von Frank Castorf
Regie: Frank Castorf,  Bühne: Aleksandar Deníc, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Video und Live-Schnitt: Stefan Muhle, Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Fatima Dramé, Britta Hammelstein, Aurel Manthei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Michaela Steiger, Jürgen Stössinger.
Dauer: 4 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de   

 

Mehr zu Castorf und Céline? 2007 inszenierte er dessen ähnlich umfangreichen und assoziativen Roman Nord.

 

Kritikenrundschau

Erst jetzt habe München seinen "echten" Castorf, so Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (2.11.2013): mit Romanadaption, Live-Video, hysterischem Kreischen, also all seinen "Gütesiegeln", die "mitunter auch ein bisschen angeranzte Ingredienzien" seien. Letztendlich gehe es Castorf, so auch bei diesem Abend, ja immer um Liebe. "Auch wenn sie dann oft mit Sex verwechselt wird." Zwar sei nicht alles stark an dem Abend, "aber die Schauspieler, von Castorf zu bemerkenswerter Volksbühnen-Kraft verführt, sind es allesamt. (...) Überhaupt haben hier alle Frauen ganz große Schlampenwürde. In München ist das neu."

Castorf spiegele auf der Bühne vor allem "das hitzedampfende Elend einer kolonialen Hölle" wieder, so Sven Ricklefs vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 1.11.2013). Sein Theater sei "rasender Stillstand (...). Dass sich eben nichts entwickelt, dass die Condition humaine immer so bleibt, davon ist Castorf wohl zutiefst überzeugt." Man müsse Célines 700-Seiten-Wälzer allerdings "verdammt gut kennen", um Castorf "in seiner sprunghaften und assoziativen sich an keinen Handlungsstrang haltenden Theaterversion wirklich folgen zu können". Neben der "wunderbar feminin burschikosen" Bibiana Beglau spiele ein Resi-Ensemble, das man in letzter Zeit selten "so entfesselt" gesehen habe.

"Wer Fantasie mitbringt, wird immer wieder Freude haben an diesem Abend", der für Michael Schleicher vom Merkur (2.11.2013) "wirr und wild ist, laut und poetisch, hektisch und zäh, komisch, wahrhaftig, flach, anstrengend, nervtötend, lang". Céline entfalte in seinem Roman "den Albtraum einer Welt, die ihre Rechnungen auf Kosten der Armen begleicht" – und eben dies interessiere Castorf. Der erste Teil werde "zum (intellektuellen) Spaß", Castorfs Regie-Konzept funktioniere, was auch den Schauspielern zu danken sei, die sich "mit Wahnsinnslust in Figuren, Szenen, Aktionen" werfen. Obwohl man hier "wie auf Droge durchstartet, gelingt – angeschrillt – Nachdenkliches". Nach der Pause trete die Inszenierung allerdings auf der Stelle, werde der Abend "Opfer seiner Machart, Hochdruck kann inhaltlichen Leerlauf nicht kaschieren. Die Luft ist raus, obwohl die Schauspieler bewundernswert das Tempo halten."

"Schauspieler von geringerer Qualität als sie am Bayerischen Staatsschauspiel vorzufinden sind, bräuchten mindestens zwei Nasen Koks, um einen solchen Abend in einem Castorf-Behälter physisch wie psychisch durchstehen zu können", schreibt Matthias Hejny in der Abendzeitung (2.11.2013).

Von einer "umjubelten Aufführung" ("umjubelt von denen, die geblieben sind") berichtet in der Frankfurter Rundschau (online 3.11.2013) K. Erik Franzen. Die Schauspieler agierten "schonungslos sich selbst und dem Publikum gegenüber". "Das Abschneiden der Handlungsstränge und die in Teilen undurchschaubare Zuordnung von Schauspielern und Rollen" ergäben eine einzige "Zuschauerüberforderung". Im Zentrum gehe es um "das post-koloniale Afrika des zynisch lachenden Kongo-Müller". Aus "Müllers 'Angst-Gang durch die Dritte Welt' entwickelt Castorf eine Angst-Reise ins Innere des Jahrhunderts der Extreme". An den langsamen Stellen blitze "die ganze großartige Poesie Célines hervor, zu der Castorf nach zögerndem Beginn Vertrauen findet".

"Frank Castorf, Erfinder und Herrscher des postdramatischen Reality-Show-Theaters mit Berliner Kneipenflair, schiebt die Grenzen seines Trash-Imperiums schon seit längerem konsequent nach Süden vor", konstatiert Kerstin Holm in der FAZ (4.11.2013). In seiner Münchner Céline-Inszenierung treibe er den wild fragmentierten Schreibstil dieses Autors, "der durch die Zeiten springt und seinen paranoiden Schelmenromanhelden allerorts auf sein vollends zynisches Alter Ego mit dem sprechenden Namen Robinson treffen lässt", so lange weiter, "bis von der Handlung und den Figuren nur noch Fetzen übrig sind". "Die Münchner Mimen, die das Ost-Berliner Slapstick-Idiom von Castorfs Volksbühne virtuos beherrschen, jonglieren mit den Rollen wie mit Zirkusbällen." Den Beifall lasse Castorf am Ende dann fast verächtlich über sich ergehen.

"Man könnte sich", schreibt Jan Küveler auf Welt-online (4.11.2013), "lange aufregen über die lächerlich zugestellte Bühne, Typ Abenteuerspielplatz. Über die unerträgliche Ödnis, wenn sich wieder mal seit anderthalb Stunden kein Schauspieler leibhaftig hat blicken lassen, sondern man nur mit zusammengekniffenen Augen auf die viel zu hoch aufragende Leinwand gestarrt hat." Doch diese Aufregung verdient die Inszenierung aus Sicht des Kritikers nicht. "Dazu ist sie zu unwitzig, wichtigtuerisch, und bis auf Beglau und Pätzold fühlen sich die Schauspieler offenbar unwohl in ihrer Rolle als Durchlauferhitzer des Irrsinns." Trotzdem sollte man sich, findet Küveler, den Abend ansehen: "Weil im Vergleich fast jedes andere Theater langweilig ist. Weil es nichts von einem will."

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