Hexen an die Macht

von Hartmut Krug

Magdeburg, 2. November 2013. Keine Inszenierung von Volker Lösch ohne Laienchor: Auch in seiner ersten Operninszenierung spielt er eine entscheidende Rolle, was der Regisseur mit einem Satz Giuseppe Verdis zu seinem "Macbeth" begründet: "Die Hexen beherrschen das Drama, alles geht von ihnen aus." So kommen bei Lösch zu den drei Kunst-Hexen von Shakespeare und Verdi noch 15 Magdeburger Sprechhexen mit ihren subjektiven Erfahrungen und Anklagen.

Sie steigen aus den Zuschauerreihen hinauf auf die Bühne und bringen mit ihren Auftritten an der Bühnenrampe eine von männlicher Gewalt in familiärer Kindheit, in der Ehe und am Arbeitsplatz geprägte heutige Frauenwirklichkeit in Verdis alte Oper ein. In Kittelschürzen und mit Pussy-Riot-Masken tun sie sich mit den Gesangshexen auf der Bühne zusammen. Auch Lady Macbeth kommt aus ihrer Mitte, sie wechselt ihre Schürze auf der Bühne gegen ein strahlendes Herrschafts-Outfit.

Lehrstück über Gewalt und Männermacht

Lösch sieht die Hexen als Figuren, die die Gesellschaft verändern wollen – weshalb sie die Männer manipulieren, um sie und ihre Herrschaft in den Untergang zu führen: Danach kann die Welt nur besser werden. Verdis Oper, die immer wieder auch seelische Zustände untersucht, wird bei Lösch zu einem Lehrstück über Gewalt und Männermacht. Doch das Konzept wirkt allzu ausgedacht und einer Vorlage aufgepfropft, die einfacher und klarer ist. Außerdem durchdringen sich heutige Texte und Opernszenen nicht, verbinden sich nicht zu einer neuen, eigenen, inhaltlich-ästhetischen Wahrheit, sondern stehen isoliert nebeneinander und bleiben vor allem dramaturgisch-methodische Behauptung.

macbeth1 560 nilzboehme uLady Macbeth vor dem Chor der Pussy-Riot-Kittelfrauen. © Nilz Böhme

Nur einmal reagiert das Publikum auf die Schilderungen von Übergriffen und Vergewaltigungen und auf die Erfahrung, dass Frauen bei öffentlichem Widerstand in unserer Gesellschaft meist ins Unrecht gestellt werden: Als von einem Fall sexueller Gewalt in der Staatskanzlei berichtet, politisches Handeln kritisiert und Namen genannt werden, bis hin zu dem des Ministerpräsidenten Haseloff, gibt es Proteste, Buh-Rufe, Unmut und, als Reaktion darauf, auch Bravos. Also eine kleine Kontroverse.

Medialer Overkill

Wenn am Beginn Macbeth und Banquo mit Maschinenpistolen und in grellbunten, schön lächerlichen Phantasiekostümen aus siegreicher Schlacht zurückkehren, schiebt sich auf der riesigen, rückwändigen Projektionsfläche ein stilles Meeresufer ins Bild. Dann entdeckt man: Es ist übersät mit Soldatenleichen. So beginnt die Fülle medialer Einspielungen, mit der Stück und Inszenierungsthese zur verdoppelnden Überdeutlichkeit geführt wird. Wo Verdi mit Shakespeares Figuren und seiner Musik schon von Gewalt und Macht erzählt, da möchte Lösch diese noch deutlicher machen und aktualisieren.

Es ist eine Reizüberflutung für den Zuschauer, wenn er über der Oper Bilder, Projektionen, Zeichen, dokumentarisches Material und Comics ausschüttet, die die klare Handlung und das oft an der Rampe auf leerer Bühne ausgestellte Gesangsspiel der Protagonisten fast in den Hintergrund schieben.

macbeth2 560 nilzbhme uMächtige in Grellbunt, dazu Anzugträgergrau © Nilz Böhme

Es sind Bilder, die das gesamte Elend unserer modernen, von Männern bestimmten Welt vortragen. Wenn der Tod des Königs geplant wird, flimmert der Mord an Kennedy vorüber. Später bläht sich zur Nachricht vom Tod der Lady ein Atompilz auf. In Zeitlupe wälzen sich Bilder von Nine-Eleven über die Wand, nachdem Duncan ermordet wurde, während Anzug-Menschen mit Aktenkoffern über die Bühne rasen. Wenn Lady Macbeth sich die Blutflecken des Königsmordes abzuwischen sucht, rollt ein Güterzug in unendlicher Länge über die Leinwand (Auschwitz?!), wenn Macduff seinen toten Sohn in den Armen hält, wird eine Art Nutella-Werbefilm mit glücklicher Familie eingespielt. Das große Mahl findet vor einer Werbetafel mit Logos statt (als sei man beim Fußballer-Interview), und bevor Macbeth der tote Banquo erscheint, wird ein filmisches Bacchanal wie von Fellini gezeigt.

Wenn schließlich Macbeth seine Soldaten zum Kampf aufruft, vereinen sich alle mit Männlichkeitsgehabe zu "Das verratene Vaterland ruft uns" an der Rampe. Dazu oder dagegen läuft auf der Rückwand ein Cartoon, der Soldaten als kleine, komische Phallussymbole zeigt. (Zu Beginn war vor der Ankunft von Macbeth stellvertretend für ihn bereits ein riesiger Strohballen-Phallus auf die Bühne geplumpst.) Und wenn die Lady überlegt, wie sie ihren Mann zum Morden bringt, schweben die Modelschönheiten der "Victoria Secret"-Unterwäsche-Modenschau über die Projektionsfläche.

Faustschläge der Bedeutungseinhämmerung

So wird uns in dieser Inszenierung alles erklärt. Die medialen Fingerzeige wirken wie Faustschläge, die dem Zuschauer Bedeutungen einzuhämmern suchen. Man muss das alles so ausführlich erzählen, weil die Zeichen und Bilder die Inszenierung mehr bestimmen als das eigentliche Geschehen auf der Bühne. Von den Verdeutlichungsbildern wird der Zuschauer in Atem gehalten, nicht von der Geschichte selbst.

Immerhin: Lösch belässt es in der Chor- und Protagonistenführung bei so klaren wie einfachen Tableaus. Es sind scharf gezeichnete Bilder, bei denen es nicht allzu sehr stört, dass die famosen Sänger (vor allem Karen Leiber als Lady, Adam Kim als Macbeth und Iago Ramos als Macduff) nicht geführt, sondern gestellt werden. Und zwar meist für ihre Arien zur oder an die Rampe. Über Grundhaltungen hinaus sind die Sänger nicht weiter gefordert. Auch die Chöre sind nicht wuselig munter, sondern werden jeweils auf eine einzige, formalisierte Gesamtbewegung eingestellt, ob es ein Sektkelchschwenken beim Festmahl oder männliches Posieren beim Doppelchor der Frauen ist.

Am Schluss, während im Hintergrund Raketen, Marschflugkörper oder Drohnen abgefeuert werden, setzt der neue König seinen Fuß auf den toten Macbeth, als sei dieser ein erlegtes Tier. Und alle, deutlich weiter als Krieger zu erkennen, rücken um ihn herum vor. Dann flackert abermals ein wahres Bildergewitter auf, zwischen Konsum und Umweltzerstörung und mit allen Übeln unserer Zeit. Es scheint nicht so, als sei der Plan der Lösch-Hexen aufgegangen. Das letzte Wort allerdings haben sie, noch nach dem von Kimbo Ishii-Eto sensibel forschend geführten Orchester. "Ich lass mich nicht mehr demütigen", verkünden sie. Dann gibt es viel Applaus und manches Buh für den Regisseur.

 

Macbeth
von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave und Andrea Maffei nach William Shakespeare
Musikalische Leitung: Kimbo Ishii-Eto, Regie: Volker Lösch, Sprechchorleitung: Bernd Freytag, Raum/Videokonzeption: Cary Gayler, Kostüme: Carola Reuther, Videogestaltung: Jan Müller, Dramaturgie: Stefan Schnabel, Ulrike Schröder, Choreinstudierung: Martin Wagner.
Mit: Adam Kim, Johannes Stermann, Karen Leiber, Ute Bachmaier, Iago Ramos, Chan Young Lee, Viktor Grottke, Jörg Benecke, Frank Heinecke, Ulrike Bäume, Bo Mi Lee, Gabriele Stoppel-Bachmann; Sprechchor "Magdeburger Hexen": Martina Behnisch, Margit Behrens, Ellie Engel, Annett Fischer, Rita Freudenberg, Angela Kolodziej, Ludmila Konstantinovskiy, Sarah Kowallik, Kirsten Mengewein, Katharina Röhl, Annemarie Römer, Melanie Sokolowski, Uta Volkmar, Ines Wilk, Alexandra Will.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-magdeburg.de

 

Mehr zu den Arbeiten von Volker Lösch im entsprechenden Lexikon-Eintrag. Musikalisch, wenn auch ohne Verdi, näherte sich jüngst auch David Marton dem Macbeth-Stoff, in seinem Schottenstück an der Berliner Volksbühne.

 

Krtikenrundschau

"Die Hexenfrauen im von Bernd Freytag sehr gut einstudierten Chor zuerst sprechend und danach choreografisch in den singenden Chor der Verdi-Shakespeare-Hexen einzugliedern, war die beste und eine dem Genre Oper wirklich entsprechende Regie-Idee Volker Löschs. Leider auch die einzige", schreibt Irene Constantin in der Magdeburger Volksstimme (4.11.2013). Volker Lösch und sein Team müssen ihrer Einschätzung zufolge im übrigen "stocktaub und völlig unmusikalisch sein. Wie sonst könnte man sich erklären, dass keiner von ihnen der Kraft der Musik auch nur im Ansatz vertraute." Die Figuren seien durch lächerliche grellfarbige Kostüme, Fantasieuniformen und schottenkarierte Nachthemden von vornherein denunziert. "Dass derart zu Playmobilmännchen reduzierte Personen dann auch nicht im Ansatz Musik-Theater spielen, verwundert sie dann kaum. Vollends unerträglich ist für die Kritikerin die Plattheit der Assoziationen, die Löschs grelle Bildfolgen dem Publikum aufdrängen würden. Die musikalische Umsetzung durch Orcheser und Sänger unter der Leitung von Kimbo Ishii-Eto allerdings sei großartig. Empfehlung der Kritikerin: "Augen schließen und genießen".

Von Reizüberflutung des Publikums durch die bildhafte Kommentierung der Opernmotive auf einer Leinwand im HIntergrund spricht Boris Michael Gruhl in der Sendung "Figaro" vom Mitteldeutschen Rundfunk (4.11.2013). Allerdings zeige Lösch erstaunliches Talent bei der Komposition großer Opernbilder. Aber weniger wäre hier mehr gewesen. Denn der Musik werde so die Spannung genommen.

Mit Verdis Partitur "kollidieren die unisono oder in Gruppen vorgetragenen Philippika weit weniger als erwartet, weil sie schlicht zwischen die einzelnen Nummern und Akte verteilt werden", berichtet  Christian Wildhagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.11.2013), was dem Abend ein "in seinem Schematismus archaisch anmutendes Form-Korsett" verpasse, das der Oper dennoch Luft lasse. "Die Magdeburger Produktion scheitert gleichwohl am Handwerklichen. So gelingt es Lösch nicht, eine theatralisch wirksame Beziehung zwischen den Sprechchören und dem Operngeschehen herzustellen." Der Rest sei "betuliches Betroffenheitstheater".

"Politisches Musiktheater, ausgerechnet in Magdeburg. Wer hätte das gedacht!", freut sich Joachim Lange in der Welt (8.11.2013). Intendantin Karen Stone könne mit Volker Löschs "Macbeth" "eine Inszenierung vorweisen, die musikalisch stimmt und Frauenmut vor Präsidententhronen beweist." Dem Frauen-Sprechchor ("Gut gebrüllt, Hexen", ruft Lange aus) gelinge unter Bernd Freytag "eine Präzision, die an den letzten großen Sprechchormeister Einar Schleef erinnert." Und auch jenseits dieses Chores hätte Volker Lösch "keinerlei Hemmungen, 'Macbeth' so direkt politisch zu inszenieren, wie Text und Musik klingen."

 

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Macbeth, Magdeburg: SchultheaterGuericke 2013-11-03 14:47
das sah aus wie schultheater, klasse 9. sänger, die nicht spielen können (weil hier schlecht geführt), typische opernchöre mit plastegewehren in der hand, die sie nach oben halten, sänger mit gummimasken. banal in der aussage (DIE WELT IST SCHLECHT, SCHLECHT, SCHLECHT!!!) und konzeption (DIE WELT IST SCHLECHT; SCHLECHT, SCHLECHT!!!) , handwerklich desaströs in der ausführung - aber das scheint ja heute schon wieder eine qualität zu sein? wer will so ein schultheater im jahre 2013 noch sehen? vielleicht war das in stuttgart im schauspiel vor fünf jahren richtig, hier ist es peinlich.
#2 Macbeth, Magdeburg: Tendenz JugendclubFranz 2013-11-03 15:25
Schultheater trifft es oder Theater Jugendclub aber das ist leider eine grauenhafte Tendenz an vielen Orten.
#3 Macbeth, Magdeburg: NachfragenAbgelöscht 2013-11-03 16:09
Warum wird genau hier ausnahmsweise eine Oper besprochen? Warum verstehe ich in der Kritik nicht, wie der Laien-Chor im Verhältnis zum Opern-Chor funktioniert? Wird die Musik angehalten? Dazwischen? Wann genau? Es soll ja Leute geben, die sich mit der Musik auskennen, die könnte das ja interessieren…

(In seltenen Ausnahmefällen, wenn wir annehmen, dass unsere Leserschaft daran besonders interessiert sein könnte, werden auf nachtkritik.de auch Operninszenierungen besprochen – etwa wenn bekannte Schauspielregisseure zum ersten Mal eine Oper inszenieren, wie hier geschehen. Freundliche Grüße aus der Redaktion, Anne Peter)
#4 Macbeth, Magdeburg: UnterforderungMartina B. 2013-11-03 16:45
Ich habs mir angeschaut und muss sagen: in den 90ziger Jahren in Berlin oder Bonn wäre das sicher revolutionär. Gibt es keinen Theaternachwuchs, der Magdeburg mal neue große Ansichten bringt? Ich war stark unterfordert in diesem unsinnlichen Hyperkonzeptgeschubse und wünsche mir mehr visionäre Künstler und nicht so ein abgeklärtes Kunsthandwerk für unsere Magdeburger Bühnen. Egal ob Oper oder Schauspiel. Man fragt sich wovon Volker Lösch leben würde, wenn er diese Art von Förderungsprivilegien verliert..und sich am echten Leben erproben muss. Wir leben hier echt und mit uns hat das nichts zu tun. (Das Wir im Chor behauptet ja ein Wir von hier) Und Pussy Riot ist auch nur eine revolutionär überbewertete Pornofirma.
#5 Macbeth, Magdeburg: BeschallungHammer 2013-11-03 17:36
Ich fands lustig, dass man das Pausenfoyer mit dem Ärztehit "Männer sind Schweine" beschallt hat. Das passte super zu Macbeth und Verdi.
#6 Macbeth, Magdeburg: Logik?sam 2013-11-04 00:47
(...) Was ist denn das für eine Logik, Fr. Peter, eine Oper zu besprechen, weil sie von einem Schauspielregisseur inszeniert wurde und sie deshalb von einem Schauspielkritiker besprechen zu lassen? (...)
#7 Macbeth, Magdeburg: begeistertMila 2013-11-04 14:16
"sänger, die nicht spielen können"? haha. ich würde mal sagen, ENDLICH eine oper, die diese ganzen neckischen schauspiel-versuche der sänger weglässt und auf klare strukturen setzt. wer hier meint, das sei schultheater, der hat die inszenierung anscheinend nicht verstanden. "mit uns hat das nichts zu tun?" na dann, frau martina b., sind sie wohl immun gegen männliche belästigung oder gewalt? freut mich für sie.
für mich ist das konzept und die interpretation voll und ganz aufgegangen. starke, nachwirkende bilder und ein unglaublich beeindruckender frauenchor (hier muss nochmal gesagt werden: respekt vor diesen frauen, dass sie den mut haben, ihre geschichten zu erzählen!). ich war begeistert.
#8 Macbeth, Magdeburg: Wem wurde hier erzählt?Inga 2013-11-04 21:39
@ Die Frage ist hier allerdings und vor allem: Wem haben die Frauen ihre Geschichte erzählt? Am Ende womöglich einer Polizeiprotokollantin? Wurde sorgsam bzw. intelligent damit umgegangen? Oder war es eher - wie bei Lösche "Lulu" - eine Art strunzlangweiliger RTL2-Selbstentblößung à la Kaviar-Pornos?

Ich kenne übrigens Sänger, die können super schauspielern! Und in wirklich gemeinsam arbeitenden Theatergruppen gibt's auch keine Trennung zwischen Sängern, Schauspielern und Musikern. Und Laien. Auch und vor allem hinsichtlich der Bezahlung.
#9 Macbeth, Magdeburg: Analyse kann ich selberFranz 2013-11-05 00:05
Ich denke ich habe die Inszenierung verstanden, ich sehe aber gerne Saenger oder auch Schauspieler spielen.
Nichts anderes ist Theater.".... Der letzte dieser magischen Versuche die Angst uns auszutreiben...." was interessieren mich Strukturen? Analysieren kann ich selber. Dafür braucht es keine Kuenstler.
#10 Macbeth, Magdeburg: danke!yogi 2013-11-09 13:37
nach hartz4-tv nun auch hartz4-theater - danke!
#11 Macbeth, Magdeburg: Häh, Hartz4-Theater?Inga 2013-11-10 00:54
@ yogi: Was ist "hartz4-theater"?
#12 Macbeth, Magdeburg: voller ErnstInga 2013-11-10 02:25
@ Redaktion: "Häh" hab ich nicht geschrieben. Im Gegenteil, es ist mein voller Ernst.
#13 Macbeth, Magdeburg: Es tat fast wehbettine 2013-11-10 12:49
Selten passiert, dass ich mir in der Pause die Frage gestellt habe, ob ich mir die 2. Häfte wirklich noch antue. Bin dann doch geblieben. Schade um die schöne Musik und den wunderbaren Opernchor. Die vielen grellen Bildern, die sich dann auch noch laufend wiederholten, flimmerten mit einer Aufdringlichkeit über die Zuschauer hinweg, dass es fast wehtat, zumindest in den Augen. Den Fernseher zu Hause hätte ich längst abgestellt.
Bei den derzeitigen Diskussionen um die Förderung der Theater ist eine solche Inszenierung nicht unbedingt das, was den Theatern gerade weiterhilft. So viele leere Plätze an einem Samstagabend in einem Theater der Landeshauptstadt bringen alle Kritik auf den Punkt.
#14 Macbeth, Magdeburg: Es geht ums Elend in dieser Männerwelt!Helga 2013-11-10 13:54
Ich war auch in der Macbeth-Vorstellung und bin fassungslos über die Kommentare, die ich hier vorfinde. Wo hat da bitteschön "Hartz4-Theater" stattgefunden? Was soll das überhaupt sein? Es ging in Löschs Interpratation um das Elend in einer von Männern bestimmten Welt.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass bestimmte Leute die Klischees, die sie von jemandem haben, gerne immer wieder weiterreichen, zum Beispiel Lösch = Hartz4 Theater.
Ich jedenfalls habe mich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht gelangweilt in der Oper, weil nicht nur meine Ohren gefordert waren (tolle Sänger, super Sprechchor!), sondern auch meine Augen und mein Verstand. Ja, es stimmt, Lösch verlangt dem Zuschauer viel ab, die Sinne werden durch den "medialen Overkill" nicht unter- sondern überfordert, aber trotzedem haben sich die verschiedenen Fragmente zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammengesetzt. Ich werde diese Aufführung auf jeden Fall nochmal besuchen!
#15 Macbeth, Magdeburg: was gerade so anfällt Franz 2013-11-10 14:49
Wieso elend in einer Männerwelt? Was Glauben Sie denn in welcher Welt der gute Herr Lösch lebt? Das sind doch immer nur Vehikel. Das ist das Prinzip. Harz 4, Nutten, Geschäftsleute, Maennerwelt, Emigrantinnen etc.....
Was gerade so anfällt oder eben bestenfalls skandalisiert .
#16 Macbeth, Magdeburg: ex negativoInga 2013-11-10 20:14
@ Helga: Ha ha ha. Elend in einer Männerwelt. Von einem Regisseur inszeniert, der angeblich wissen will, was Elend in einer Männerwelt für Frauen bedeutet. Da wird die Frau doch im Grunde wieder nur zum Opfer gemacht - ex negativo. Oder was. Die Differenzierung bzw. die Sensibilität für das Weibliche (auch im Regisseur Lösch selbst) fehlt da offenbar völlig. Bei Lösch können Frauen sich nur wehren, indem sie den männlichen Gewalt- und Kriegsdiskurs fortführen. Frauen, die sich wehren, mutieren zu "bösen Hexen". Heiner Müller hat genau das mal problematisiert, in seiner "Hamletmaschine": "Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen." Und das bezog sich auf Charles Manson und seine angebliche "Hippiekommune", worunter auch einige Frauen waren, die mordeten. Charles Manson war erstens rassistisch und zweitens sexistisch. Er verkündete, dass Frauen keine Seelen hätten und lediglich als Dienerinnen des Mannes eine Daseinsberechtigung besäßen. Und wenn, dann wehren sie sich "auf Befehl des Mannes". Falsch. Stimmt so einfach nicht.
#17 Macbeth, Magdeburg: Gewalt geht von der Frau ausGuttenberg 2013-11-11 01:12
Darf ich bei dieser ganzen Diskussion vorschlagen, doch mal einen Blick in die inszenierten Texte zu werfen.

Dort geht - bei Verdi wie bei Shakespeare - angefangen von der 1. Lady-Szene die Gewalt von der Frau aus, nicht vom Manne.
#18 Macbeth, Magdeburg: StrippenzieherinInga 2013-11-11 19:01
@ Guttenberg: Von "der Frau" geht schonmal gar nicht. Und "den Mann" gibt's auch nicht. Der Shakespeare-Text spricht ganz eindeutig von einer Frau, welche ihre eigene Macht nur ihrem Feldherrengatten verdankt. Und sich mit dieser identifiziert. Sie zieht die Strippen, weil an der Macht ihres Mannes auch ihre eigene Macht hängt. Abhängigkeiten erzeugen Macht. So manch eine/r spielt das aus. Genießt dieses Machtgefälle. Es würde aber auch ganz anders gehen.
#19 Macbeth, Magdeburg: schockierend und (über)forderndJanine 2013-11-11 20:15
Die Magdeburger Inszenierung von Verdis MacBeth ist verstörend, schockierend und (über)fordernd. Wer einen gemütlichen Opernabend genießen möchte, ist hier an der falschen Adresse. Wenn es das Ziel dieser Aufführung war die ansich schon bestürzende Geschichte Shakespears ins Unerträgliche zu steigern, ist dies gelungen. Die Sänger, das Orchester und auch die Statisten sind dabei nicht zu tadeln und ich gehe davon aus, dass die Buh-Rufe während des Schlussaplauses nicht ihnen, sondern der Inszenierung galten. Postiv fand ich, dass ein Nachgespräch mit den Dramaturgen und Fr. Dreißig angeboten wurde. Ich würde mir aber im Allgemeinen mehr klassische Inszenierungen am TheMa wünschen! (Der halbleere Zuschauerraum scheint zu zeigen, dass ich damit nicht alleine bin...)
#20 Macbeth, Magdeburg: jede Kunst sollte ...Inga 2013-11-11 23:39
Ach, Janine Eisenächer? Die von der Freien Universität Berlin? Ah ja, ist klar. Radikal-politische Performancekunst oder besser: jede Kunst sollte in ihrer Freiheit vor der Freiheit des Anderen halt machen. Kannst du mir da zustimmen?
#21 Macbeth, Magdeburg: Fragen zur Gender-ZuschreibungGuttenberg 2013-11-27 16:37
Liebe Inga,
hab mir Ihre Antwort Nr. 18 noch mal angeschaut. Aber wird in der Inszenierung nicht doch mit Gender-Stereotypen - "die Hexen", die unterdrückten Frauen gearbeitet?
Warum sind "die" sozial definierten Hexen exemplarisch, "die" Lady aber nicht?
Bei Shakespeare hat Macbeth doch permanent Skrupel, die Lady erst am Ende.
Ich verstehe die Gender-Zuschreibung in dieser Debatte nicht. Warum soll das eine typische Männer-Haltung sein? Warum wird die Welt laut Lösch besser, wenn die Frauen/Hexen diese Welt listig an die Wand fahren?
Selbst jenseits der Gender-Frage ist das von Büchner (Dantons Tod) doch längst widerlegt. Es finden sich immer Irgendwelche, die sich die Roben der guillotinierten Aristokratie anziehen. Was ist aus der Revolution in Nicaragua oder aus Venezuela oder Südafrika geworden? Um nur die jüngeren Beispiele zu nennen.
#22 Macbeth, Magdeburg: die schwankende SeeleInga 2013-11-27 20:02
@ Guttenberg: Genau das meinte ich ja. Frauen bzw. "die Frau" als verallgemeinerte Hexe = Rächerin (ganz davon abgesehen, dass es auch "gute Hexen" gibt), ohne Befragung der (möglichen Motive der) jeweils einzelnen Frau, das funktioniert für mich nicht. Eben deswegen nicht, weil nicht alle Frauen immer gleich "unterdrückte Frauen" sind. Und wenn, dann deswegen auch nicht gleich immer nur Rächerinnen. Da kennt Lösch wohl ganz generell die schwankende Seele des Menschen nicht.

Auch der "Pussy Riot-Kontext passt für mich hier nicht. Das Punkgebet im Namen von Maria hat mit Rache nichts zu tun, sondern mit einer politischen Haltung gegenüber dem Papst Kyrill I., welcher seiner Gemeinde diktiere, wen sie wählen solle. Und laut eigener Aussage haben Pussy Riot mit dem "traditionellen Feminismus nicht mehr viel am Hut". Nämlich: "Im Unterschied zum alten Feminismus beteiligen wir uns nicht mehr am Kampf 'Frauen gegen Männer'. Wir stellen vielmehr die Grenze zwischen den Geschlechtern als solche in Frage." Und Pussy Riot geht es auch nicht um Wortführer (also hier wohl "die Lady"). Das ist laut Pussy Riot "Blödsinn. In der Gruppe existieren schlichtweg keine Hierarchien". Und es gebe nur deswegen keinen Mann bei Pussy Riot, weil die Medien diesen dann immer gleich als "Anführer" sehen würden. Tja. Und in dieser Inszenierung ist wohl Volker Lösch der Anführer. Er legt der Gruppe "der Frauen" seinen Herrschaftsdiskurs in den Mund. Ich finde mich da nicht wieder.
#23 Macbeth, Magdeburg: beste Lösch-ArbeitGuttenberg 2013-11-30 01:35
War gestern drin.
Kann die Aufführung nur sehr empfehlen. Die beste Arbeit von Lösch, die ich kenne. Man darf allerdings nicht "schöne Oper" erwarten, was hier wohl auch niemand tut (ne ganze Menge Musik wurde gestrichen, sogar die Ouvertüre). Was man aber bekommt, ist atemberaubend gut.
Und Inga kann beruhigt sein. Die Geschichten, die der Frauenchor erzählt, sind alle authentisch und die Frauen hatten das letzte Wort darüber, was sie wie preisgeben wollten. Sie sind also kein Sprachrohr in der Hand einer männlichen Autorität.
#24 Macbeth, Madgeburg: Victoria Secret ModenschauInga 2013-11-30 20:30
@ Guttenberg: Ist "die Lady" hier dann eine Art Evita oder was. Ja, genau. Und da liegt für mich eben auch das Problem. In der "strahlenden" Anführerin. Denn wenn, dann lässt sich nur gemeinsam etwas verändern. Über informationelle Offenlegung und Transparenz. Wie z.B. ist das mit Haseloff zu verstehen? Da gibt's doch sicher auch aus anderen politischen Reihen männliche Problemfälle, oder? Ich denke da z.B. auch an Dominique Strauss-Kahn in Frankreich.

Alexander Kluge hat dazu mal etwas in seinem "Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe" geschrieben. Unter der Überschrift "Wie leicht bricht einer durch den dünnen Firnis der Realität". Es geht um den IWF, verschwundenes US-Gold, die CIA und den FIS (russischen Geheimdienst). Und am Ende wohl auch um das Thema, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Auch als Metapher in Bezug auf Strauss-Kahn zu lesen.

Alexander Kluge: "Und was war mit dem Zimmermädchen aus der Republik Guinea? Die Samenspuren auf deren Kleidung? ließ Putins Bürochef beim FIS zurückfragen. Der in Diversionen erfahrene FIS antwortete, daß dies nach seiner Erfahrung als Falle zu betrachten sei. Sie jedenfalls hätten so etwas zustande gebracht. (…) Warum habe Strauss-Kahn, dem Richter in der Morgenfrühe unrasiert vorgeführt, die Intrige nicht aufgeklärt? Der FIS antwortete auf diese zweite Rückfrage, daß Strauss-Kahn ja über die Beweise für das Verschwinden des US-Goldes nicht mehr verfügt habe. Auch sei es um Staatsgeheimnisse gegangen. Im übrigen habe er Erpressung aufgrund anderer Fälle befürchtet, in denen er tatsächlich im selben Hotel sexuelle Handlungen vorgenommen habe."

Und noch eine Verständnisfrage: Was meint Hartmut Krug eigentlich mit folgendem Satz?: "Und wenn die Lady überlegt, wie sie ihren Mann zum Morden bringt, schweben die Modelschönheiten der 'Victoria Secret'-Unterwäsche-Modenschau über die Projektionsfläche." Männer morden also, wenn sie Frauen in Unterwäsche sehen? Wie geht das? Welcher Vorgang vollzieht sich da?
#25 Macbeth, Magdeburg: manipulative UnterwäscheGuttenberg 2013-12-02 13:42
Liebe Inga,
Sie sollten sich die Aufführung selbst ansehen. Ich beantworte 2 Fragen:
1. Die Lady eine Art Evita?
Nein: Der 1. Sprechchor statt der Verdi-Ouvertüre (die musikalisch aus 2 Hexen- und 1 Lady-Motiv montiert ist) erzählt die authentische Geschichte einer Frau, die von ihrem Mann verlassen wird. Aus ihren Selbstzweifeln (warum hat er mich verlassen?) wird Selbsthass, der in Männerhass umschlägt. Dann beginnt die 1. Macbeth-Szene (musikalisch: Sturmmotiv mit Hexenkichern) und die "Hexen" beginnen ihr Werk: sie treiben die Männerwelt (die hier als Comic-Figuren: Simpsons oder Teletubbies parodiert werden - wie übrigens auch in der Musik) in den Untergang. Dazu zieht sich die Lady ein schickes Deux-Pièces an und setzt sich eine Barbie-Perücke aufs Haupt: Sie übernimmt also genau die Rolle, die gewisse Männer Frauen zuschreiben, um durch die Erfüllung gewisser Männerwünsche diese Männer selbst zu manipulieren.

2. Die erwähnte angebliche Unterwäsche-Modenschau läuft gleich im Anschluss dazu zur 1. Lady-Arie ab. Die Lady macht sich in dieser Inszenierung zur Anführerin der "Hexen", die durch die Aussage "Mädchen sind brav. Ich war anders." charakterisiert werden.
In dieser Arie beschließt die Lady zu sehr aggressiver Musik hart zu sein und ihren Mann auf den Weg des Verbrechens in den Untergang zu führen. Dazu führt sie "Macho-Posen" vor und im Hintergrund laufen Models im Film rum, die solche Posen der "harten Frau, die weiss was sie will" gänzlich unironisch verkörpern und dazu auch ihre Erotik in Dessous aggressiv einsetzen, um Ziele zu erreichen. Das sind alles authentische Filme, ich kenn mich aber in der Model-Szene nicht aus und kann also nicht sagen ob das Claudia Schiffer oder Naomi Campell oder wer auch immer war.
Im Ganzen balanciert die Inszenierung und auch diese Szene aber immer auf Messers Schneide: einerseits werden Frauen-Bilder wie Rollen übergezogen. Andererseits setzen die Frauen diese Bilder auch ein, um ihre Ziele zu erreichen.
Das hat eine tolle Ironie. Aber es wird nie verraten, wieviel Ernst in dieser Ironie steckt. Diese Doppeldeutigkeit macht das Frauenbild der Inszenierung so faszinierend. Jeder und Jede muss im Grunde selbst entscheiden, wie er das versteht.

Fazit: Männer morden nicht, wenn sie Frauen in Unterwäsche sehen. Aber Frauen können Unterwäsche einsetzen, um Männer zu manipulieren.
Im Falle der Models ist Unterwäsche der Weg zu Reichtum und Erfolg. Und die grimmigen Blicke und das aggressive Gehabe der von Lösch gezeigten Modenschauen bekommen etwas ziemlich Lächerliches. Es ist eine Rolle.

Dieser tolle Magdeburger Macbeth ist übrigens Welten entfernt von Löschs Lulu, die ich auch oberflächlich fand. Unbedingt hinfahren (allerdings nur, wenn man von der Oper nicht nur Ohrenschmaus erwartet - dann bloß nicht hinfahren).
#26 Macbeth, Magdeburg: widersprüchlichInga 2013-12-02 18:13
@ Guttenberg: Ich erwarte sicher nicht nur "Ohrenschmaus", frage mich aber, inwiefern frau wirklich "aggressive Musik" braucht und "harte Macho-Posen" bzw. "aggressive Erotik" einsetzen muss, um ihre Ziele zu erreichen. Oder besser: für welche Frau das realistisch oder - wie Sie schreiben - authentisch ist. Widersprüchlich ist es auf jeden Fall. Irgendwie überzeugt mich diese Lesart aber doch etwas weniger als die Inszenierung von "Macbeth" bzw. "Das Schottenstück. Konzert für Macbeth", welches ich gerade an der Volksbühne Berlin gesehen habe. Meines Erachtens lässt sich der Text von Shakespeare nur bedingt mit dem Thema des Umschlagens von Selbst- in Männerhass von Seiten Lady Macbeths aufgrund einer beendeten Beziehung verbinden. Das wäre in meiner Wahrnehmung zu platt und zu simpel. Schlüssig klingt das Ganze in Ihrer Beschreibung aber trotzdem.

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