Der Protest des Billeteurs

11.–13. Oktober 2013 – Jubiläumskongress des Wiener Burgtheaters

Am Wochenende vom 11.-13. Oktober 2013 feiert das Wiener Burgtheater das 125jährige Jubiläum des Hauses am Ring mit einem Kongress zum Thema "Von welchem Theater träumen wir?", bei dem u.a. Reinhard Urbach (über die Geschichte des Hauses), Andrea Breth (über das Nationaltheater als (H)ort kultureller Identitätsbewahrung) und Johan Simons (über sein Theater der Nationen) sprechen.


12. Oktober – Rede des Billeteurs Christian Diaz + Stellungnahme Burgtheater

Nachdem am zweiten Kongresstag der Autor und Dramaturg Björn Bicker in einem Vortrag für ein offenes Theater der Teilhabe plädiert hat, betritt nach der darauffolgenden Pause der Billeteur (Platzanweiser) Christian Diaz die Bühne und versucht, eine Protestrede gegen seine Arbeitsbedingungen zu halten – die Billeteure sind nicht beim Burgtheater angestellt, sondern seit 1996 outgesourct und bei der dänisch-britischen Sicherheitsfirma G4S beschäftigt, die u.a. auch Gefängnisse und Flüchtlingsheime unterhält sowie Sicherheitstransporte organisiert: "Wir performen also das Burgtheater, sind aber eigentlich Security Angestellte." Er wird von der Kuratorin des Kongresses Karin Bergmann beim Vortrag unterbrochen. Auf Flugblättern sowie auf dem Blog burg4s auf tumblr.com wird die Rede in der ursprünglich von Diaz vorbereiteten Form veröffentlicht und so auch auf nachtkritik.de dokumentiert.

Die Direktion des Burgtheaters regiert darauf am 14. Oktober mit einer Presseerklärung, in der sie darauf hinweist, dass "die Geschäftsgebaren der Sicherheitsfirma" G4S "in Österreich immer wieder als gesetzeskonform überprüft" worden seien und dass sich die diensthabenden Kollegen des Billeteurs nicht mit dessen Aussage solidarisiert hätten.

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18. Oktober – Interview mit Matthias Hartmann

Am 18. Oktober antwortet Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann in einem E-Mail-Interview auf fünf Fragen von nachtkritik.de, worauf Billeteur Christian Diaz widerum mit einer Erklärung antwortet.

18. Oktober – Kündigung Diaz' durch G4S

Aus dem Hartmann-Interview geht auch hervor, dass G4S seinem Angestellten Diaz gekündigt hat (formal handelt es sich um eine Nicht-Verlängerung der Probezeit, die die G4S-Mitarbeiter, deren Verträge immer nur über eine Saison laufen, nach jedem Sommer neu absolvieren müssen).

18.–23. Oktober – Solidaritätsbekundungen und Proteste

Mehrere Künstler-Organisationen solidarisieren sich in Offenen Briefen und Erklärungen mit Diaz, u.a. die IG Bildende Kunst, die IG Freie Theaterarbeit sowie die IG Autorinnen Autoren. Am 23. Oktober stellt sich auch der Verein art but fair in einer öffentlichen Protestnote an Dr. Georg Springer (Geschäftsführer der Bundestheater Holding) hinter Diaz.

  • Presseschau zu den Interviews mit Matthias Hartmann in der Kronen-Zeitung und im Spiegel (19.10.2013, 16:00 / 21.10.2013)
  • Presseschau zum Kommentar von Bernhard Odehnal im Zürcher Tages-Anzeiger (22.10.2013, 18:33 Uhr)


23. Oktober – Treffen Matthias Hartmann und Christian Diaz

Am 23. Oktober treffen sich Burgtheater-Intendant Hartmann und der ehemalige Billeteur Diaz zu einem Gespräch und veröffentlichen im Anschluss eine gemeinsame Erklärung: Man habe sich darauf einigen können, "dass das Burgtheater nicht mit Unternehmen in Verbindung gebracht werden möchte, die an Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind" und das Burgtheater die Bundestheaterholding deshalb bitte, "Möglichkeiten der Neuausschreibung zu prüfen".


29. Oktober – Abenddienst Leipzig solidarisiert sich mit Diaz

Am 29. Oktober solidarisiert sich des Abenddienstes vom Schauspiel Leipzig, dessen Mitarbeiter ebenfalls bei einer externen Dienstleistungsfirma angestellt sind, in einem Offenen Brief mit Diaz. Sie plädieren "für eine Unternehmensethik" an deutschsprachigen Theatern und erhebt die Forderung nach einer "Überprüfung der eigenen unternehmerischen Strukturen" an den Theatern und nach einer "Revision der Kündigung von Christian Diaz".

Außerdem stellen die österreichischen Grünen eine Parlamentarische Anfrage "betreffend Outsorcing in Bundestheatern und -museen an die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur".

 

  • Presseschau zum Bericht von Jonathan Stock im Spiegel (4.11.2013)


4. November – Elfriede Jelinek in Nestroy-Dankesrede zu Diaz + neuer Auftritt Diaz

Bei der Verleihung der Nestroy-Preise am 4. November wird u.a. die Dankesrede der mit dem Autorenpreis ausgezeichneten Elfriede Jelinek übertragen, die sich in ihrem Text ebenfalls auf den Fall Diaz bezieht: "Der Mann durfte sich nicht aussprechen, weil die Zeit der Veranstaltung zu weit fortgeschritten war. Ich kann hier auch nicht für ihn sprechen, ich müßte ihn schon selbst sprechen lassen. Dafür spricht in den Foren jeder von ihm und kaum einer von der Veranstaltung." Matthias Hartmann schlägt sich in seinem Nestroy-Beitrag nun auch auf die Seite des ehemaligen Burgbilleteurs: "Es braucht mutige Menschen wie ihn, um die Ohnmacht zu überwinden. Ihm gebührt ein Nestroy!" Christian Diaz selbst kam daraufhin kurz auf die Bühne, um die übrigen Bundestheater-Intendanten zur Solidarität und einem Treffen mit Hartmann aufzurufen.


19./20. NovemberWiener Billeteure organisieren sich anonym

Unter dem Namen "Anonyme Billeteurinnen und Billeteure" formiert sich eine Gruppe von rund 20 Wiener BilleteurInnen, die sich auf dem Tumblr-Blog Die anonymen Billeteure mit Christian Diaz und seinem Protest solidarisieren und fordern, "dass Firmen wie die G4S, die national und international für zweifelhafte Machenschaften bzw. Menschenrechtsverletzungen stehen, nicht länger aus dem Kulturbudget bezahlt werden". Sie bitten "die Bundestheaterholding, ihren Vertrag mit der G4S zu lösen und ein Arbeitsverhältnis ohne Gewissenskonflikte zu ermöglichen". Zuvor hatte Bundestheaterholding-Chef Georg Springer behauptet (und diese Behauptung später widerrufen), im Besitz einer Unterschriftenliste zu sein, auf der "sämtliche Mitarbeiter des Publikumsdienstes" sich mit Diaz entsolidarisiert hätten.

 

30. DezemberBundestheater erwägen Insourcing des Publikumsdienstes

Die österreichischen Bundestheater erwägen, den Publikumsdienst wieder von den einzelnen Häusern selbst übernehmen zu lassen. Parallel prüft man eine Neuausschreibung des Publikumsdienstes. Bundestheaterholding-Chef Georg Springer betont allerdings, dass diese Überlegungen nichts mit der Aktion des Billeteurs Christian Diaz zu tun hätten. Das Einzige, das man Diaz verdanke, sei, dass man die Verhandlungen über einen Kollektivvertrag jetzt zeitlich prioritär betreibe.

 

17. Januar 2014 Die Petition des Kulturrats Österreich zur Wiedereingliederung des Publikumsdienstes.

 

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