Vom Wandel des Autors und seiner Förderung

von Sascha Krieger

Berlin, 12. November 2013. Ganz neu ist die Debatte nicht, die jetzt aus Anlass der Entscheidung der Berliner Festspiele, den Stückemarkt des Theatertreffens grundlegend neu auszurichten, wieder aufgeflammt ist. Spätestens seit der Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises 2007 an Rimini Protokoll tobt in der deutschsprachigen Theaterszene die Diskussion über Autorschaft und Autorenförderung in Zeiten von Theaterkollektiven, Dokumentartheater, Stückentwicklungen.

Eine Debatte, in der die Berliner Festspiele ein neues Signal gesetzt haben: Beginnend mit dem Stückemarkt 2014 werden künftig jeweils "drei internationale Theater-Nachwuchskünstler/-gruppen, die neue Formen von theatraler Sprache und außergewöhnliche performative Erzählweisen entwickeln", eingeladen. Ausgewählt durch drei Paten, eine Ausschreibung findet nicht mehr statt, und an Stelle von Stückelesungen werden fertige Arbeiten präsentiert, auch wenn die genaue Form noch nicht feststeht.

buedenhoelzer 140 martin kaufhold uYvonne Büdenhoelzer,
Theatertreffen-Leiterin
© Martin Kaufhold

Inklusion verschiedener Theaterformen

So mancher sieht dadurch das Ende der Autorenförderung gekommen. Dem widerspricht Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens und zuvor von 2005 bis 2011 künstlerische Leiterin des Stückemarkts, energisch: Die Neuausrichtung sei keinesfalls eine Entscheidung gegen den Autor, betont sie, vielmehr handele es sich um eine Erweiterung, die ja bereits vor zwei Jahren mit der Öffnung des Stückemarkts für Theaterkollektive begonnen habe. Eine Öffnung, in der ausdrücklich der Stückeschreiber nach wie vor seinen Platz finden soll: "Das neue Konzept schließt keine Autoren aus", sagt Büdenhölzer und fügt hinzu: "Die Personalie Simon Stephens ist genau so gemeint." Stephens ist neben dem Theaterkollektiv Signa und der Regisseurin Katie Mitchell einer der drei Paten für 2014. Bei der Entscheidung, erläutert Büdenhölzer, gehe es um eine Inklusion verschiedener Formen des Theatermachens, bei der Kollektive und Regiepositionen ebenso berücksichtigt würden wie der "klassische" Theaterautor, ein Dreiklang, der eben auch die Auswahl der Paten bestimme.

Auch wenn unklar bleibt, wie der Fokus auf fertigen Arbeiten mit der Autorenförderung im traditionellen Sinne zusammenpasst – wie etwa ist die Umsetzung des Texts gedacht? Wird diese durch den Stückemarkt ermöglicht oder geht es dann eben doch um bereits entstandene Inszenierungen? – ist Offenheit das Grundprinzip: "Wir schaffen den Stückemarkt nicht ab. Die Veränderung trägt der Tatsache Rechnung, dass es unterschiedliche Formen von Autorenschaft und Stückentwicklung gibt."

Und was sagen die anderen?

Eine Absage an die traditionelle Autorenförderung, wie sie der bisherige Stückemarkt mit seinen Lesungen und Werkaufträgen praktiziert hat, sieht sie darin nicht: "Es gibt nach wie vor herausragende Förderprogramme für Autoren." Und tatsächlich offenbart ein Blick über den Berliner Tellerrand hinaus, dass die Autorenförderung nach einer vorübergehenden Krise – man denke an die Kontroverse um die Aussetzung der Wiener Werkstatttage 2009 oder um die Preisverteilung an keinen/alle Eingeladenen beim Heidelberger Stückemarkt 2010 – wieder regelrecht boomt: Große Festivals wie der Heidelberger Stückemarkt mit seinem Schwerpunkt auf neuen dramatischen Texten, die Mülheimer Theatertage als renommiertes Festival für Inszenierungen neuer Stücke oder auch die Autorentheatertage am Deutschen Theater in Berlin erfreuen sich weiter großer Popularität.

udo balze reher 210 andreas doehring uUdo Balzer-Reher, Chef in Mülheim
© Andreas Döhring
Und sie haben Zuwachs bekommen: So wurden erst vor zwei Jahren die Autorentheatertage in Essen aus der Taufe gehoben, die ein sehr ähnliches Konzept wie der bisherige Berliner Stückemarkt verfolgen, und in diesem Jahr kam der Osnabrücker Dramatikerpreis hinzu, eine Mischung aus Stückeplattform, Autorenpreis und Begleitung bei der Stückentstehung. Neben zahlreichen Dramatikerpreisen gibt es inzwischen eine Vielfalt von Plattformen, die neue Stücke ebenso wie bereits inszenierte Texte präsentieren und Autoren fördern, wobei zunehmend – eine Forderung vieler Autoren – auch Nachhaltigkeit im Mittelpunkt steht: Das Heidelberger Festival etwa vergibt mittlerweile auch einen Preis für die beste Zweit- oder Drittinszenierung und versucht, dem oft beklagten Trend zur "Eintagsfliege" entgegenzuwirken.

Bereicherung

Also kein Grund zur Besorgnis? In Mülheim und Heidelberg zumindest will man davon nichts wissen. Udo Balzer-Reher, Leiter der Mülheimer Theatertage, befürchtet durch die Berliner Entscheidung keinerlei negative Auswirkungen auf die Autorenförderung im deutschsprachigen Raum. Holger Schultze, Intendant des Theaters Heidelberg und Künstlerischer Leiter des dortigen Stückemarktes, begrüßt die Berliner Pläne sogar: "Ich halte das für eine wunderbare Entscheidung, die die Vielfalt des deutschsprachigen Theaters widerspiegelt und fördert. Dass verschiedene theatrale Formen nebeneinander stehen, ist eine Bereicherung für das deutschsprachige Theater. Die derzeit geführte Entweder-oder-Diskussion halte ich für vollkommen unsinnig."

holger-schultze philip-ottendorferHolger Schultze,
Intendant in Heidelberg
© Philip Ottendorfer
Dass die Neuausrichtung eine Lücke reißt, erwarten beide Festivalmacher nicht. Schultze sieht gar die Möglichkeit, das Profil der eigenen Veranstaltung zu schärfen, und macht deutlich: "Wir setzen weiterhin auf Stücke." Das gilt auch für Mülheim, wobei beide Veranstaltungen auch neue Formen nicht ausschließen: "Die Mülheimer Theatertage haben sich seinerzeit mit der Nominierung von Rimini Protokoll für die Integration solcher Formen entschieden", so Balzer-Reher. "Diese Entscheidung fand in der Öffentlichkeit ein geteiltes Echo, beförderte aber die Diskussion über den Autorenbegriff."

Veränderung des Autorenbegriffs

Das bringt uns zur entscheidenden Frage: Was ist Autorenförderung heute und welcher Autorenbegriff ist überhaupt noch zeitgemäß? Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, der für eine Stellungnahme leider nicht zur Verfügung stand, hat im Mai dieses Jahres im Deutschlandradio die deutsche Theaterszene mit folgenden Worten beschrieben: "Heute sind diese Institutionen Orte, in denen Autoren arbeiten und diese Autoren nennen sich Regisseure." Auch wenn in dieser Aussage eine Ausschließlichkeit anklingt, die sich in der Entscheidung seines Hauses nicht wiederfindet, reflektiert sie doch eine Veränderung des Theatermachens, die längst schon stattgefunden hat.

Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters Joachim Lux sprach diese Veränderung schon vor fünf Jahren in seiner Rede zur Stückemarkt-Eröffnung 2008 an. Theatertexte entstehen schon heute auf unterschiedlichste Weise: im Arbeitszimmer von Autoren oder im Kollektiv auf der Bühne. Oder sie sind längst schon in der Welt, wie im Dokumentartheater von Rimini Protokoll oder den Reenactments eines Milo Rau. Das neue Konzept für den Stückemarkt des Theatertreffens tut nicht mehr, als dieser sich ausdifferenzierenden Realität Rechnung zu tragen. Es bietet eine Plattform an für diese verschiedenen Entstehungs-Formen von Theatertexten – in einem Sinn, der so weitgefasst ist wie die Theaterrealität es längst schon ist.

Dabei sollte man auch nicht vergessen, dass Autorenförderung nicht nur Sache spezieller Veranstaltungen wie Festivals und Preisausschreibungen ist, sondern vor allem an einen Ort gehört: ans Theater, in die Spielpläne. Und auch hier hat sich vieles getan: An immer mehr deutschsprachigen Häuser gibt es neben dem Hausregisseur auch einen Hausautor, immer öfter landen Uraufführungen auf der großen Bühne, auch die Zahl der Werkaufträge sowie der Anteil neuer Dramatik auf den Spielplänen nehmen nicht ab – ganz im Gegenteil. Das alles gehört zu den Forderungen, die Autoren seit Jahren stellen. Ohne Zweifel steckt vieles noch in den Kinderschuhen, doch die Entwicklung scheint in eine für Autoren positive Richtung zu gehen.

Subjektiver Blick

Bleibt schließlich das Prozedere des neuen Berliner Modells. Statt wie bisher in einer offenen Ausschreibung präsentiert sich der Stückemarkt zukünftig als geschlossene Veranstaltung. Auch wenn die Auswahl der Paten, übrigens allesamt in den vergangenen Jahren zum Theatertreffen eingeladen, auf eine möglichst große Vielfalt abzielt, bleibt abzuwarten, wie offen gegenüber neuen Ideen dieser Ansatz sein kann. "Was halten zum Beispiel Künstler wie Katie Mitchell für inspirierend und ästhetisch mutig?" Auch solche Fragen solle und wolle der neue Stückemarkt beantworten, so Yvonne Büdenhölzer. Der subjektive Blick ist also gewünscht. Wird dieser Blick den Horizont weiten? Oder führt er zu einer Einengung, wird die vermeintliche Öffnung des Raums eine Multiplikation des Immergleichen zur Folge haben? Wie viel Offenheit kann man dem neuen Konzept tatsächlich zutrauen? Man darf gespannt sein.

 

s kriegerSascha Krieger, geboren 1973 in Berlin. Studierte Englische Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin und Dublin / Irland. Betreibt seit 2010 das Theater-, Film- und Musikblog Stage and Screen, in dem er eigene Kritiken veröffentlicht.

http://stagescreen.wordpress.com

 

 

Mehr über die Stückemarkt-Neuerung beim Theatertreffen: Ulf Schmidt reflektiert den dahintersteckenden Autorbegriff und schlägt vor, an jedem Theater einen Writers' Room mit zehn festangestellten Schreibern zu installieren.

Mehr über die Debatte um Neue Dramatik im Lexikon-Eintrag.

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