Codewort: Fabelhaft

von Christian Rakow

Berlin, 17. November 2013.Als kurz vor Schluss der Kinder- und Jugendchor der Berliner Staatsoper fidel über die Bühne sprang und sang "There's no business like showbusiness" und silberner Flitter rieselte, da war man dann aber doch noch einmal auf eine echte Probe gestellt. Und als anschließend Maestro Daniel Barenboim am schwarzen Flügel eine Sonate von Franz Schubert (there's no business like Schubert-business!) präsentierte, von der riesigen Kinderschar pastoral umhockt, praktisch Hirte und Herde. Das war die letzte Süßlichkeitsprobe für die Kritiker in den hinteren Reihen des Saals, für Berliner Kritiker, wohlgemerkt, von denen Moderator Peter Jordan schon zum Auftakt gesagt hatte: Sie kämen nur ins Theater, um sich am Schlechtfühlen gut zu fühlen. Er sagte es mit Theodor Fontane: Der Berliner lauert auf Fehler des Schauspielers wie der Jäger auf den Kopf des Kaninchens. Da zeigt er sich, und peng! Auch so ein süßliches Bild, irgendwie, so vor der Massentierhaltung.

So sieht er also aus, der "Bambi" im Juniorformat, der Theaterpreis "Der Faust" vom Deutschen Bühnenverein, erstmals in Berlin, er tourt ja durch die Republik, um die "Vielfalt" der deutschen Theaterlandschaft zu feiern (und zum Erhalt beizutragen). Das Berliner Schillertheater (aktuell Sitz der Staatsoper) strahlte als Austragungsort. Prominenz war gekommen, Prominenz fehlte. Wo war eigentlich Ulrich Matthes? Sönke Wortmann war da, Martina Gedeck und Uwe Ochsenknecht (laut "Auszug aus der Gästeliste"), Moritz Rinke mit Partnerin vor den Blitzlichtern auf dem Roten Teppich. Bei anderen drückte einen das schlechte Gewissen: Wer war das jetzt gleich noch mal?

Die deutsche Theaterlandschaft, ein Säulenwald
Peter Jordan hat als Moderator einen guten Job gemacht, das Tempo hochgehalten, selbst mit einer soliden Stand-up-Comedy eröffnet und dabei nicht vergessen, die Billeteure zu grüßen, "wenn sie denn noch ihren Job haben". Studenten der Schauspielschule "Ernst Busch" speisten regelmäßig Verse aus dem "Vorspiel auf dem Theater" aus Goethes Namenspatronsdrama "Faust" ein und schrieben, wenn sie nicht im Einsatz waren, mit Neonfarben Namen der größeren und kleineren Säulen der Theaterlandschaft Deutschland auf eine gläserne Rückwand: Pfalztheater Kaiserslautern, Theater Lübeck, Prinzregenttheater Bochum, Staatsoper Hamburg und und und. Vielfalt.

DerFaust 560 NatalieBothur uGleich zwei Fäuste gingen dieses Jahr ans Thalia Theater Hamburg © Natalie Bothur

Highlights waren die filmischen Einspieler der Nominierten (von Max Wend und Johannes Sieverding produziert), schon weil man beim "Faust" ja anders als bei Filmpreisen die meisten Nominierten kaum je zu Gesicht bekommen hat. Da sitzt man dann und baut in einer knappen Minute pro Einspieler seine Sympathien auf: Klasse, dieser hintersinnige Bariton aus Frankfurt Christian Gerhaher: "Am einfachsten ist es, wenn ich Sprachen singe, die ich überhaupt nicht kenne. Zum Beispiel Tschechisch singe ich gern." Oder das Karomuster-Bühnenbild der "Madama Butterfly"-Inszenierung von Alexandra Szemerédy/Magdolna Parditka am Landestheater Coburg, das wäre eigentlich mal eine Reise nach Franken wert. Gewonnen haben dann übrigens doch eher die großen Player: Thalia Theater Hamburg, Oper Frankfurt, Grips Theater Berlin. Wenn der Zeremonien-Leiter des Abends, Jürgen Flimm, auch die Kür der Sieger hätte übernehmen dürfen (de facto werden die von den Mitgliedern der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ausgewählt), dann wäre es vermutlich noch ausgewogener, noch harmonischer ausgefallen.

Preis an Stuttgart: Logistische Meisterleistung auf hohem Niveau
Einmal ging ein leises Raunen durch den Saal, als der oberste Politadlige der PDS Gregor Gysi im Einspieler für Lebenswerkpreisträgerin Inge Keller (die krankheitsbedingt bei der Ehrung fehlte) triumphierte: "Wir müssen endlich auch mal die Großen aus der DDR würdigen." Und einmal wurde ein Raunen vielleicht auch unterdrückt: Denn ob man dem wahrlich nicht unterfinanzierten Staatsschauspiel Stuttgart nun einen Sonderpreis dafür geben muss, dass es seine Renovierung nicht wie geplant ein Jahr, sondern ganze drei Jahre lang in Interimsspielstätten bravourös bewältigte, das darf man sich schon fragen. Logistische Meisterleistungen gibt es in der staatlichen und noch mehr in der freien Theaterszene nun wirklich zuhauf. Egal, jetzt rollt die Drehbühne im alten, neuen Haus ja wieder sehr schön, wie jüngst aus Stuttgart zu lesen war.

Ansonsten lernt man an einem solchen Abend noch etwas für die Etikette: Wenn der Bundespräsident eintritt, erhebt sich das Publikum. Eine Bigband mischte derweil ein Medley bekannter Opernmelodien mit amerikanischem Jazz und Swing.  Und so betrat Joachim Gauck den Saal zum angejazzten "Walküren-Ritt", der jetzt ein wenig nach den Titelmelodien der frühen James-Bond-Filme klang. "Codename: James Gauck", das wäre eigentlich ein schöner Titel. Wenn Gauck nur ein Grußwort gesagt hätte! Das übernahm stattdessen der Regierende Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit und forderte uns auf – ganz unberlinerisch eigentlich – mit der Grandezza einer Inge Keller "fabelhaft" zu sagen, wenn wir gefragt würden, wie es uns gehe. Wir, die Leute und die Theater landauf, landab. Mehr Keller-Spirit, bitte! Codewort: Fabelhaft. Also dann: Wie war der "Faust" 2013? Fabelhaft!

Mehr zum Theaterpreis "Der Faust": Die Gewinner 2013 (Meldung) und Lexikoneintrag mit Links zu den Berichten von den Preisverleihungen (und den sie umgebenden Skandalen) der vorigen Jahre.

 
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