Traurigerweise schwer zu finden

von Dirk Pilz

November 2013. Noch eine Biographie über Büchner? Für die meisten steht doch längst fest, mit wem man es bei Büchner zu tun hat. Im Theater ist er heute in stupider Selbstverständlichkeit sowieso fast immer der Sozialrevolutionäre, der Vorzeigelinke, mit dem sich prima die Verhältnisse wahlweise bejammern oder anklagen lassen.

Interessant jedoch: Wie viel und wie verschieden Büchner bereits vereinnahmt wurde. Er war für seine Leser Frühexpressionist und Frühkommunist, er war Naturalist und Nihilist. Er musste für den Nachkriegswesten als Großmeister des absurden Theaters herhalten, während die Funktionäre im Osten versuchten, ihn zum Gewährsmann des sozialistischen Realismus zu verbiegen. Er hat den RAF-Leuten gefallen und vielen Germanisten zu Brot verholfen. Büchner kann offenbar beinahe alles für alle möglichen sein. Es gab den von den Nazis vereinnahmten Büchner, und es gibt noch immer den Büchner als Wappenträger der Linken.

Büchner wurde immer von verschiedenster Seite bewundert, von Thomas Mann und Brecht, von Rilke, Hebbel, Heiner Müller. Was Wunder, dass der Theaterbetrieb ihn mit Vorliebe in die sozialrevolutionäre Ecke stellt. So sehen sich Theater ja gern: als Revolutionsstübchen.

Im Büchner-Gebirge

Noch interessanter allerdings: Es gibt im literarischen Werk kaum belastbare Belege für den Frühsozialist Büchner, aber überall christliche Anspielungen, Zitate, Debatten, Motive. "Seinem Urgestein nach ist das Büchner-Gebirge christlich." Dennoch werde Büchner "nur sehr selten als ein bedeutender Christ gesehen, der Wege ins Unbetretene sucht". Man könne in den Büchner-Bergen offenbar herumwandern, ohne dies zu bemerken, wie man einem Waldweg nicht anmerke, ob er in den Vogesen oder im Schwarzwald verläuft.

Cover Kurzke.BuechnerDas schreibt der Literaturwissenschaftler, Thomas-Mann-Experte und grandiose Kenner der Kirchenliedgeschichte (über 4000 Bände umfasst seine private Sammlung von Kirchenliederbüchern) Hermann Kurzke in seiner Büchner-Biographie "Georg Büchner. Geschichte eines Genies". Zuletzt konnte man ja glauben, Büchner sei überforscht, so wie die Meere überfischt sind. Kurzke aber legt in seiner so anregenden wie gewagten, kühnen, lebensklugen Biographie dar: Der dickste Fisch wurde übersehen, die "religiöse Unruhe" Büchners, sein "wildes", protestantisches, jesusfixiertes Christentum, sein Plädoyer für das urchristlich geprägte Mitleid, mit dem er gegen die staatskirchlichen Dogmen und die glaubwürdigkeitslose Kirche anging.

Büchner war, so Kurzke, kein Agitator, kein Sozialkampfkünder, sondern ein Künstler, der mit seinem Protestantismus rang, der es mit Fragen der Schuld, des Gewissens, der Theologie zu schaffen hatte. Kurz, sehr kurz, in der Phase, als der "Hessische Landbote" entstand, versuchte er sich im politischen Fach, danach wurde er Wissenschaftler und, vor allem, Künstler – und als dieser zum "Kritiker der Tugendideologie, begründe sie sich revolutionär oder philisterhaft". Er kritisierte sie "aus dem Geist eines anarchischen, jesuanischen Christentums". Was er suchte, war "die wahre Liebe" zwischen dem "Gerümpel der Triebe und Interesse. Traurigerweise ist sie schwer zu finden." Büchner: "mehr Sozialromantiker als Sozialrevolutionär". Und das sei "eine Kennzeichnung, keine Schmähung".

Damit haben wir es bei Büchner also zu tun? Es reiben sich viele verwundert die Augen über diese These Kurzkes – und es wird schwer werden, sie zu widerlegen. Zu genau, zu differenziert argumentiert er.

Das ist genial

Aber dabei belässt es Kurzke nicht. Er nennt seinen Büchner auch "ein Genie", und er weiß, was er da tut. Vielleicht vertraut er mitunter zu sehr auf psychologische Deutungstricks, wenn er von den "Dingen der Liebe" spricht, die einzig den "Ausweg" in die Dichtung fänden: "Nur was sich selbst nicht versteht, ist genial."

Aber es stimmt schon. Es ist der "unerklärte Rest", der das Genie kennzeichnet, die "Einfälle", die so jemand hat, die "nicht planbaren Gnadengeschenke". Und Kurzke legt immer offen, was er methodisch mit seinen biographischen Deutungen vorhat. "Wie die Physik möglichst nahe an den Urknall herankommen möchte, so wollen wir möglichst nahe an die Urzündung der Einfälle in Büchners Psyche und Gehirn kommen."

Kurzke spekuliert also, er setzt seine erzählerische Phantasie ein, schlüpft mitunter in die Rolle Büchners, um die Welt und das Leben mit seinen Augen zu sehen. Das ist hart an der Grenze zwischen Erforschen und Erfinden, aber Kurzke hält die Ebenen stets auseinander, weiß immer, wo er sich schreibend gerade befindet – und schließt nie schnurgerade vom Leben auf die Dichtung oder umgekehrt, was Biographen auch nach allen Methodendebatten in berückender Naivität noch immer gern tun. Wir wissen sehr wenig über Büchner, viele Briefe etwa gingen verloren. Kurzke fügt zusammen, was sich zusammenfügen lässt, behauptet allerdings nie, so und nicht anders sei es gewesen. "Aber es könnte so gewesen sein."

Ja, könnte. Kurzke weiß den Konjunktiv generell zu loben. "Das Verstandene ist das Tote, nur das Unverstandene lebt und lockt. Was endgültig durchschaut ist, wird abgehakt und aufgeräumt." Biographien lassen sich ohnehin nie abhaken – und was Werk verdient genannt zu werden, sträubt sich gegen jede Aufräumaktion. Insofern alles bestens: Büchner lebt und lockt noch immer.

 

Hermann Kurzke:
Georg Büchner. Geschichte eines Genies.
C.H. Beck Verlag, München 2013, 591 S., 29,95 Euro

 

Mehr zu Büchner: Nikolaus Merck hat die Jubiläumsausstellung zum 200. Geburtstag von Georg Büchner in Darmstadt besucht.

 

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