Der Teddy aus dem Schnürboden

von Thomas Rothschild

Karslruhe, 21. November 2013. In dem Vorspiel, das mit lähmender Einfallslosigkeit das einstige Öffnen des Vorhangs ersetzt hat wie zuvor die Medias-in-res-Szene den Vorspann im Film, sieht man wiederholt einen Bowlingball über die Hinterbühne rollen, der lebende Pins zum Umfallen bringt. Später setzt sich einer dieser menschlichen Kegel an die Rampe und klimpert auf der Gitarre. Mittlerweile senkt sich aus dem Schnürboden mit herabhängenden Armen, Beinen und Kopf eine Dame mit Pelzstola und Diamantenkrone (es kann auch Strass sein) auf die Bühne des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe. Es ist Blanche DuBois, die bekannte halbhysterische Realitätsverweigerin aus Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" von 1947, oder vielmehr die Schauspielerin Ute Baggeröhr, die in den folgenden zweieinhalb Stunden im Zentrum dieses so außerordentlich erfolgreichen Psychodramas steht.

Vulgärpsychologische Vorlage

Nach diesem symbolisch überfrachteten Einstieg vollzieht sich auf der Vorderbühne, auf die Timo von Kriegstein einen Tisch, ein paar Plastikstühle, einen großen Spiegel, eine Matratze, einen Standaschenbecher und eine Art Badezimmer in der Größe einer Duschkabine verteilt hat, was man ohne Kränkungsabsicht Einfühlungstheater nennen darf. Und das ist bei einem Stück von Tennessee Williams durchaus angemessen.

endstationsehnsucht1 560 felixgruenschloss uDie Bette-Davis-Kippe immer dabei: Frank Wiegard und Ute Baggeröhr © Felix Grünschloss

Zusammen mit Arthur Miller besetzt Tennessee Williams im nordamerikanischen Drama die Position zwischen Eugene O'Neill und Thornton Wilder auf der einen und Edward Albee auf der anderen Seite. Sie scheinen ihrer Umgebung und ihrer Zeit so sehr verhaftet, dass es eigentlich verwundern muss, wenn die Stücke von Tennessee Williams und unter ihnen insbesondere "Endstation Sehnsucht" nach wie vor zu den meistgespielten Dramen ausländischer Autoren auf deutschen Bühnen zählen. Nicht, weil Tennessee Williams geradezu der Prototyp eines Autors ist, wie er nach Meinung einiger Zeitgenossen nicht mehr ins heutige Theater passt, sondern weil seine Stücke auf eine konkrete Konstellation reagieren, die in Deutschland im Jahr 2013 von geringem Interesse sein dürfte. Mehr noch als ihre Thematik, sollte ihre Dramaturgie, ihre Vulgärpsychologie von neuen Inszenierungen abhalten – gäbe es nicht die déformation télévisionnaire, auf die man sich verlassen kann.

Symbolik des Rauchens

Doch das Theater ist immer für Überraschungen gut. Bis zur Pause lassen Stück und Inszenierung tatsächlich kalt. Es verstärkt sich der Eindruck, dass die Zeit über das Stück, dass Edward Bond oder Sarah Kane über Tennessee Williams hinweggegangen sind, man fühlt sich in die Epoche von Joan Crawford und Bette Davis zurück versetzt, und wenn Blanche Harold Mitch (Frank Wiegard) bittet, den Lampion über eine Energiesparlampe zu hängen, dann ist das nicht ohne Komik.

Aber dann, nach der Pause, entsteht wahrhaftig so etwas wie eine Spannung zwischen den Figuren. Dabei lässt Regisseur Sebastian Schug Blanche fast nie in die Augen ihrer Gesprächspartner schauen. Sie ist mit sich selbst beschäftigt. Sie steht oder sitzt mehr oder weniger starr, redet nach vorne und deutet ihre Überspanntheit vor allem mit der Sprache der Arme und (ach Bette Davis!) mit der Symbolik des Rauchens an.

Sadomasochistischer Zweikampf

Dann kommt es zu einer Sex-&-Splatter-Orgie zwischen Blanche und dem verachteten ordinären "Polacken" Stanley Kowalski (Simon Bauer), während der Rest des Ensembles im Hintergrund eine repetitive Choreographie zelebriert. Zuvor hatte Schug eine "Liebesszene" zwischen Stella und Stanley zu einem sadomasochistischen Zweikampf ausgebaut, bei dem Blanche angeekelt und fasziniert zugleich zusieht. Und nachdem die Regie schon zu Beginn des zweiten Teils einen Teddybär für Blanche von oben herabfallen hat lassen wie zuvor die ganze Blanche selbst, will sie hier nicht mehr auf eine Erweiterung verzichten, die freilich zugleich eine Einengung bedeutet.

Konnte man eben noch denken, es gehe um soziale Dünkel, um Repression, um Demütigung, die sich in Gewalt entlädt, so lenkt eine brennende US-Fahne die Assoziation nun auf My Lai oder auch auf den Irak. Da wird großes Geschütz aufgefahren, das sich schlecht verträgt etwa mit jenen paar Sekunden, in denen Blanches Schwester Stella (Joanna Kitzl) den Affen spielt, den Blanche in Stellas Mann Stanley sieht: ein Kabinettstück der feineren Art.

Dass Sebastian Schug diese Inszenierung nur drei Wochen nach der Premiere eines anderen Williams-Klassikers, nach der "Glasmenagerie", die er in Mannheim erarbeitet hat, fertigstellen konnte, hat einen einfachen Grund: Sie basiert auf einer Heidelberger Inszenierung von 2010 und übernimmt in zwei Hauptrollen deren Besetzung. Tennessee Williams geht offenbar immer. Aber das wusste ja auch Frank Castorf.

Endstation Sehnsucht
von Tennessee Williams
Deutsch von Helmar Harald Fischer
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Timo von Kriegstein, Kostüme: Nicole Zielke, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Konstantin Küspert, Nina Steinhilber.
Mit: Ute Baggeröhr, Joanna Kitzl, Simon Bauer, Frank Wiegard, Eva Derleder, Ronald Funke, Claudiu Soanca.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Apropos Bowlingkugel: In Benedict Andrews' Inszenierung von Endstation Sehnsucht 2009 an der Berliner Schaubühne rollte eine solche auch schon mal. Ebenso jüngst in Gasoline Bill von René Pollesch an den Münchner Kammerspielen.


Kritikenrundschau

 

"Schug nimmt sich Zeit", schreibe Michael Hübl in den Badischen Neuesten Nachrichten (23.11.2013), allerdings: "Nicht dort, wo es nötig wäre, bei der Entfaltung der Charaktere, beim Ausarbeiten der Spannungslinien. Dafür immer dann, wenn sich die Protagonisten an die Wäsche gehen." Vor diesem Hintergrund müsse es nicht irritieren, dass Ute Baggeröhr erst gar keine Anstalten mache, die Risse in Blanches Fassade sichtbar zu machen. "Rasch schreddert die Hysterieschraube los" – auch wenn die Hauptdarstellerin später mal kurz zeigen dürfe, dass sie auch die leisen Töne beherrscht. Gelobt wird Joanna Kitzl als Stella, die es schaffe, mit eindrucksvoller Souveränität die Ambivalenz und Vielschichtigkeit ihrer Stella zu vermitteln.

"Frisch" findet Irene Schröder Sebastian Schugs Inszenierung im Badischen Tagblatt (23.11.2013). Es gehe rund zwischen den exzellenten Schauspielern, die dem Publikum kaum einen Moment Ruhe gönnten. "Der Dynamik fällt leider manchmal die Sprechkunst zum Opfer" – aber die Figuren würden als "ebenso leidenschaftliche wie einsame Menschen" lebendig.

 

 
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