Wirbelschleppen bis zur Hysterie

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 23. November 2013. Die Fluglärmdebatte im Rhein-Main-Gebiet bringt ständig neue Worte hervor: Rückenwindkomponente, Wirbelschleppen, Fünf-Knoten-Regelung. Das klingt wie von Loriot ausgedacht, ist aber für die Betroffenen gar nicht lustig. Kathrin Röggla, die in ihren Stücken gern der Wirklichkeit vertraut, war als Mainzer Stadtschreiberin 2012 direkt betroffen, und hat dem Fluglärm ein Auftragsstück gewidmet. Uraufgeführt wurde es im September zur Spielzeiteröffnung in Leipzig.

Die Autorin hat sich mit Bürgerinitiativen auseinandergesetzt, Flughafenvertreter wie Flughafenausbaugegner gesprochen und sich in die komplexe Welt der Lärmbelästigung eingearbeitet. Der Mainzer Intendant Matthias Fontheim hat sich das Stück für seine letzte Inszenierung am Haus, das er mit Ende der Spielzeit verlässt, auserkoren. Und noch einmal neue Zuschauer akquiriert: Die kommen früh, bauen Tische auf und tragen knallfarbige T-Shirts mit eindeutigen Forderungen darauf. Sie sind nicht Teil der Inszenierung, sondern vom Fluglärm Betroffene, die auch bei Kathrin Röggla ausgiebig zu Wort kommen.

laermkrieg1 280 bettina-mueller hZlatko Maltar und Gregor Trakis  © Bettina Müller

Protest und Fiktion

In Mainz betreten zu Anfang eine Aktivistin (Karoline Reinke), ein Gast (Lorenz Klee) und ein Flughafenmensch (Zlatko Maltar) die Bühne und werfen sich Argumente an den Kopf wie Pflastersteine. Doch schon bei den ersten Worten gibt es lautstarken Protest im Saal, gegen Fluglärm, und gegen alles, was diesen Protest in Frage stellt. Der Otto-Normal-Zuschauer sitzt zwischen allen Stühlen, weil er sich nicht nur zwischen Pro und Contra, sondern auch zwischen Fiktion und Realität zu entscheiden hat. Denn unter den Lärmgeplagten im Saal krakeelen auch Schauspieler, die mit Zwischenrufen auf sich aufmerksam machen. Die mittelalte Frau im zu roten T-Shirt in Reihe 5 ist aber echt, oder nicht? Ebenso gut könnte es sich um eine fabelhafte Laiendarstellerin handeln. Dieses Spiel zwischen Dokumentation, Fiktion und Realität heizt Fontheim zu Beginn lustvoll an, was in der ersten halben Stunde vorzüglich funktioniert und in eine veritable Publikumsbeschimpfung mündet.

Doch die Energie verbraucht sich leider schnell. Dabei hält sich Fontheim an die Vorgaben Rögglas, spielt zudem mit TV-Realitäten, setzt dem Stück aber nicht viel Neues hinzu. Dass er die Zuschauer mit Lärmquellen aller Art belästigt, werten wir nicht als außerordentlichen Einfall: Flugzeuge donnern über die Köpfe hinweg, die Akteure sprechen in Mikrofone, Musik erschallt, Betonmischer drehen ratternd ihre Runden, Megaphone verstärken Gebrüll. Die Handlungsarmut des thesenlastigen Stückes übertönt der Krach nicht. Fontheims Joker ist vielmehr sein Publikum. In der Leipziger Uraufführung waren die Zuschauer falsch besetzt, in Mainz spielen sie mit. Jedenfalls zu Beginn.

Die Kinder mit den seltsamen Köpfen

Wenn es im zweiten Teil gilt, das Eigenheim zu besichtigen, steht auf der Bühne ein baufälliges Haus, mit aufgerissener Decke, in dem ein Mann und eine Frau kurz vor dem Durchdrehen sind. Er (Gregor Trakis) hüpft über Sofas hinweg und stiert mit vor Wahnsinn geweiteten Augen in den Saal und sie (Lisa-Marie Gerl) schraubt sich in eine sagenhaft bebende Hysterie hinein. Im Laufe des Abends mutieren sie zum doppelten Kohlhaas und versuchen, ihr Recht und ihre Ordnung mit allen Mitteln zu erstreiten. Dabei erweist sich das Stück als gut recherchiert und nicht bahnbrechend. Nicht nur der Gast, den Lorenz Klee als mainzerisch auftrumpfenden Jedermann spielt, kann dabei eine ganze Menge lernen.

Stück wie Inszenierung ringen allerdings gleichermaßen um einen Weg, von der Protestbewegung zu erzählen, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Röggla lässt einfach alle reden und hinterfragt das Gesagte dann wieder. Fontheim folgt ihr darin, lärmplagt die Zuschauer bis ins endzeitstimmige Finale hinein und entzieht allen seinen Figuren den realistischen Boden unter den Füßen.

Dabei treffen sich Stück und Inszenierung an einem Punkt aufs Schönste. Ihren Realitätssinn und das Dokumentarische lässt Röggla nämlich hinter sich, wenn sie im Stück von den "monströsen Kindern" berichtet, die bei den Fluglärmgeplagten zu besichtigen sind. Diese monströsen Kinder, die auch einfach "Vodoozauber, Zombies, japanische Nachtmahre" sein können, verkörpern drei Schauspielschüler mit wahnwitzigen Schwellköpfen auf den Hälsen, die zappeln, greinen und von der Bühne in den Zuschauerraum wanken. Und das so eigentümlich, gespenstisch, unheilverkündend und zauberhaft, dass einem ganz sonderbar wird dabei. Es sind Boten aus einer anderen Welt; einer Welt, die sich den reinen Fakten verschließt. Nennen wir sie ruhig: Theaterwelt.

 

Der Lärmkrieg
von Kathrin Röggla 
Inszenierung: Matthias Fontheim, Ausstattung: Stefan Heyne, Dramaturgie: Katharina Gerschler. 
Mit: Karoline Reinke, Lisa-Marie Gerl, Lorenz Klee, Zlatko Maltar und Gregor Trakis sowie Jana Kusch, Julia Sylvester, Sebastian Schlicht (Studierende der Schauspielschule Mainz).
Dauer: 1 Stunde und 35 Minuten 

www.staatstheater-mainz.de

 

Kritikenrundschau

Rögglas "Lärmkrieg" sei, so schreibt Eva-Maria Magel in der Rhein-Main-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen (25.11.2013), "ein Stück zur Lage, das einem hiesigen Theater [also einem Theater im vom Fluglärm besonders betroffenen Rhein-Main-Gebiet] gut steht. Die Figuren stellten "bisweilen komisch überzeichnete Typen dar. Doch um ins Allgemeinere zu gelangen, dafür ist Rögglas chorischer Text zu ausgefranst und zu wenig präzise. Die besondere hiesige Situation hingegen, die sie dokumentarisch verwendet, ist, das mag die Lärmgegner empören, so geschildert nicht dramatisch genug, um einen Theaterabend zu tragen." Es mache indes "keinen geringen Reiz der Inszenierung aus, dass sich Spiel und Wirklichkeit der Lärmgegner und Flughafenbefürworter bis zum Schluss immer wieder durchmischen."

Rögglas Stück gerate bei seiner Zweit-Inszenierung durch Matthias Fontheim "zu einer Mischung aus Info-Show und Lärmgeplagten-Demo", schreibt Jens Frederiksen in der Allgemeinen Zeitung (25.11.2013). Es sei darin "nie so ganz klar, welche Meinungsbekundungen aus dem Auditorium einstudiert sind und wo sich tatsächlich ein zahlender Zuschauer aus der Deckung traut." "Lärmkrieg" erzähle "keine Geschichte, sondern liefert eine Befindlichkeitsskizze", so werde indes "kein Stück daraus". Stattdessen gerate "mit zunehmendem Spielverlauf alles aus dem Lot", allerdings sei der Abend, "um ehrlich zu sein, von Anfang an nicht" rund gelaufen.

 

 
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