Gesprächige Meister

von Hans Christoph Zimmermann

Januar 2008. "Nahaufnahme" nennt der Berliner Alexander Verlag eine neue Buchreihe, die einen möglichst "persönlichen Zugang zu Leben und Werk eines internationalen Künstler" ermöglichen soll. Alle bisher erschienen Bände zeigen auf dem Cover ein Foto des Porträtierten, der den Leser frontal anblickt. Doch nicht nur Nahaufnahme, sondern Zwiesprache ist das Grundprinzip der Reihe; dementsprechend dominiert das Buch füllend ausgedehnte Interview, das den Künstlern Raum zur Selbstdarstellung gibt.

Konjunktionen von Leben und Werk

Am besten gelingt das bisher in den Bänden über Alain Platel und Peter Zadek, vielleicht gerade weil hier die Gesprächspartner nicht vor der Konjunktion von Leben und Werk, also der Begründung ästhetischer Entscheidungen aus der Biographie zurückschrecken.

Vor allem Renate Klett schafft es auf ihre lapidare Art, den belgischen Choreographen über Persönliches wie Familie, Elternhaus oder gegenwärtige Lebensumständen zum Sprechen zu bringen; sie verkoppelt diesen Zugang geschickt mit dem Werk und ohne dass hier Kausalitäten hergestellt würden, begreift man doch mehr von Platels Vorliebe für die Musik des Barock, seiner Beschäftigung mit dem Tod oder der Religion, die seit der Produktion "vsprs" ein Rolle spielt. So versteht man plötzlich die wiederkehrende Kombination von Außenseitertum und Barockmusik besser, wenn man weiß, dass Platel ursprünglich als Heilpädagoge gearbeitet hat, dass er fasziniert war von Pina Bauschs "Café Müller" und dass er Pasolinis Film "Das Evangelium des Matthäus" als ästhetische "Offenbarung" erlebt hat.

Begnadeter Selbstdarzadek

Wenn in der Struktur des Gesprächs mit Platel dessen improvisierende Probenmethode wiederzukehren scheint, so gibt sich der Band über Zadek mit seiner Gliederung in Kindheit und Jugend sowie dessen literarische Hausgötter Shakespeare, Ibsen und Tschechow fast streng. Viele Antworten kennt man bereits, der erste Teil des Interviews ist vor Jahren in der "Zeit" erschienen, anderes stand ähnlich in Zadeks autobiographischen oder Arbeits-Büchern oder in Klaus Dermutz’ großformatiger Bild-Biographie des Regisseurs.

Im Unterschied zum Platel-Band bewegen sich die Fragen immer dicht an den Inszenierungen und der Arbeitsbiographie entlang. Es ist dann vor allem Peter Zadek, der als begnadeter Selbstdarsteller die Einblicke in die Arbeit immer wieder in sein Privatleben verlängert. So berichtet er detailliert vom monatelangen Beobachten der Schauspielern auf Proben, der Schaffung von "Referenzfiguren" in Inszenierungen, die quasi die Meinung des Regisseurs vertreten, oder von der sechzigjährigen Auseinandersetzung mit  Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Zugleich spiegelt sich in seiner Emigrationsgeschichte der bundesrepublikanischen Philosemitismus nach 1945 und seine Position als Jude in Deutschland.

Klassiker und Hagiographie

Die Variationsbreite, aber auch die Schwierigkeiten der "Nahaufnahmen"-Reihe zeigen sich in den anderen bisher erschienenen Bänden. Quasi als Klassiker gehen die Telefon-Interviews mit Glenn Gould durch, die Jonathan Cott in den 1980er Jahren für den Rolling Stone geführt hat und die bis heute aufgrund ihrer intellektuellen Brillanz beider Gesprächspartner faszinieren.

Problematisch sind allerdings die Bände über Stéphane Braunschweig und Robert Wilson. Eberhard Sprengs Gespräche mit Braunschweig entpuppen sich beim Lesen schlicht als ästhetisches Manifest. Die Fragen sind komplett verschwunden, der Text ist streng in Kapitel über Ausbildung, Stücke, Schauspieler, Bühnenbild und Musiktheater gegliedert. Braunschweig, der selbst unterrichtet und sich in Aufsätzen äußert, scheint hier allzu bereitwillig auf seine Materialien zurückgegriffen zu haben, und der Autor ist ihm darin kritiklos gefolgt. Es fehlt der Funkenflug des direkten Gesprächs, die Nachfrage, die den abgesicherten Antworten den Widerhaken des Zweifels einpflanzt. Und den Abbildungen hätte mehr Sorgfalt bzw. besseres Papier gut getan.

Schlechtes Papier ist zwar nicht das Problem des Wilson-Bandes. Dafür erlebt man hier ein Déjàvu. Der Band wirkt wie eine Reminiszenz an die alten Veröffentlichungen des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR. Anlässlich des 60. Geburtstags von Heiner Müller hielt Wilson 1989 in der Ostberliner Akademie der Künste eine Lecture über seine Arbeit. Jan Linders, der seit 1991 mit dem Regisseur zusammenarbeitet, dokumentiert den Lesungstext samt die damals projizierten Dias und fügt das damalige Gespräch in der Akademie sowie einen kurzen Text von Müller an.

Doch der Band ist schiere Hagiographie und konserviert die Bilder und Texte des Meisters – ohne historische Verortung oder Rekapitulation des ästhetischen Standes von Wilson. Ein aktuelles Gespräch mit Wilson über die damaligen Vorgänge wäre das Mindeste gewesen. So fern ist einem ein lebender Künstler selten in einer Nahaufnahme erschienen.

 

Bisher erschienen:
Klaus Dermutz (Hrsg.): Peter Zadek. 160 Seiten, 9,90 Euro.
Eberhard Spreng (Hrsg.): Stéphane Braunschweig. 108 Seiten, 9,90 Euro.
Jan Linders (Hrsg.): Robert Wilson. 216 Seiten, 12,90 Euro.
Jonathan Cott (Hrsg.): Glenn Gould. 136 Seiten, 9,90 Euro.
Renate Klett (Hrsg.): Alain Platel. 176 Seiten, 12,90 Euro.

www.alexander-verlag.com

 

 

 
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