Attacken auf den Körper

von Willibald Spatz

München, 29. November 2013. Das Fest ist fast schon wieder vorbei. Es ist letztes "Spielart"-Wochenende und die kommende Generation von Theater-Machern ist am Zug. In der Reihe "Connections" laufen Ko-Produktionen vom Spielart-Festival mit anderen Häusern oder Institutionen und deswegen bekommt man hier ausschließlich Material zu sehen, das mindestens eine Münchener, manchmal eine deutsche Erstaufführung und hin und wieder sogar eine Uraufführung ist. Sicher nicht zu sehen bekommt man Künstler, die auf europäischen Festivals bereits etablierte Dauergäste sind.

Vom Campo aus Gent kommen zum Beispiel Florentina Holzinger und Vincent Riebeek mit "Wellness". Dabei handelt es sich um den letzten Teil einer Trilogie, die im Wesentlichen von ihrer persönlichen Selbsterkundung und Etablierung als Künstler erzählt. Der erste Teil mit dem wunderbaren Titel "Kein Applaus für Scheiße" entstand noch während ihrer gemeinsamen Zeit auf der School for New Dance Development in Amsterdam. Der zweite Teil "Spirit" stellte ihre erste Arbeit außerhalb der Schule dar. Und in "Wellness schließlich brechen sie mit ihrer bewährten Zweisamkeit und lassen noch weitere Tänzer auf die Bühne.

Im Menschenknäuel

Gleich am relativ harmlosen Anfang wird klar gemacht, dass hier Profis am Werk sind. Sie tanzen und zwar durchaus gekonnt, auch wenn sich eindeutig ironische Schlenker in die ein oder andere Figur schleichen. Der erste Teil der Performance stellt ein brachiales Crescendo dar, unheimlich, abstoßend und zugleich faszinierend in der ausgestellten Körperlichkeit. Renée Copraji steht mit Hilfe der vier anderen von einem Scherbenbett auf, begibt sich auf ein Laufband und gibt esoterisch angehauchte Anweisungen aus irgendeinem Yoga-Kontext, die die anderen so weit wie möglich wörtlich umsetzen.

wellness2 560 phile deprez uNeues Körpergefühl: Campos "Wellness" © Phile Deprez

Zunächst ziehen sie sich nur nach und nach aus. Nackt werden sie mit öligem Zeug übergossen. Sie aalen sich, sie kommen sich nah, sie greifen ineinander, verknoten sich, bewegen sich als einziges Menschenknäuel amöboid über die Bühne. Diverse raffinierte Lichtwechsel machen es schwer im Folgenden Details auszumachen, aber es sieht teilweise arg nach Kopulation aus. Zum Höhepunkt werden mehrere Säcke Sand verteilt, das ergibt einen Matschhaufen in dem es sich ordentlich suhlen lässt.

Im zweiten Teil geht es entspannter zu. Sie unterhalten sich jetzt über die Produktion, wie es war, das Budget für Klamotten zu überziehen, wo sie doch eh die meiste Zeit nackt seien und so weiter. Mal witzig, mal ernst auf Selbsterfahrungskurs und doch klein im Gegensatz zum eben Erlebten. Nach solcher physischer Exposition wirken die ironischen Brechungen befremdend. Diese Menschen sind nicht zum Spielen auf der Bühne, sie stellen dort Dinge an, die echter sind als das Leben.

Ohrenstöpsel und Sonnenbrille

Im Kontrast dazu wirkt die Performance-Verweigerung, die Alexander-Maximilian Giesche, Mirko Hecktor, Tarun Kade und Nadia Fistarol in "We disappear" betreiben, als mächtiges Kontrastprogramm. Auch hier deutet sich eine Attacke auf den Körper an, in dem Fall auf den des Zuschauers. Am Eingang liegen Ohrenstöpsel und Sonnenbrillen, mit denen die Zuschauer sich ausstatten sollen.

Angekündigt wird diese Produktion, an der auch das Theater Bremen und das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt beteiligt sind, als ein Versuch, sich mit mithilfe der Naturwissenschaften der Realität zu stellen, weil ja die meisten Menschen sich gegen die Wirklichkeit immunisieren. Tatsächlich tragen die vier eine Menge Gerät auf die Spielfläche. Sie setzen sich mit dem Rücken zum Publikum und trinken einen Schluck aus Plastikflaschen.

Ping-Pong-Regen

Ein Latex-Ballon wird an eine elektrische Luftpumpe angeschlossen, er füllt sich bedrohlich, die vier stecken sich den Ohrenschutz in den Gehörgang, das Publikum folgt ihrem Beispiel; "Under Pressure" von Queen läuft laut über die Boxen.

we disappear3 280 daniel mayer u"We disappear" © Daniel Mayer Und nichts passiert, die Pumpe wird ausgeschaltet, aus dem Ballon entweicht die Luft. Die Vier räumen alles auf, trinken und starten die nächste Runde.

In der folgenden Stunde erleben wir noch, wie Tausende von Ping Pong-Bällen von der Decke regnen und schön säuberlich in Plastikkübeln eingesammelt werden. Mannsgroße Luftbälle werden aufgeblasen und wieder entleert, in einem nebelt sich sogar einer ein und die Bühne wird mit Schaum überzogen. Langweilig? Keineswegs. Leer und nichtig? Durchaus, wie das echte Leben halt auch. Nihilismus ist sowieso nur brauchbar, wenn er so fröhlich und aufgeblasen daher kommt wie hier.

Für alles andere braucht man zwischendrin einen Theaterhammer wie "Wellness", in dieser Kombination decken diese beiden komplementären Stücke ein großes Feld ab.

 

Wellness (DEA)
von Florentina Holzinger & Vincent Riebeek | Campo
Mit: Christian Bakalov, Renée Copraij, Florentina Holzinger, Andrius Mulokas, Vincent Riebeek.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

We Disappear (UA)
von und mit: Alexander-Maximilian Giesche, Mirko Hecktor, Tarun Kade und Nadia Fistarol Foto: Daniel Mayer.
Dauer: 60 Minuten, keine Pause

www.spielart.org

 

Kritikenrundschau

"Wellness" ist "die bizarrste Aufführung, die einem seit langer Zeit untergekommen ist", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (2.12.2013). Mit Erschütterung notiert der Kritiker einige der Vorgänge dieses Abends, zum Beispiel: "Florentina Holzinger zieht sich ins Halbdunkel im Hintergrund zurück, die andere Dame schnallt sich einen Glasdildo um und macht damit und mit Holzinger das, wofür Dildo und Körper da sind, während Frau Holzinger während des Akts vollkommen ungerührt einen sinnlosen Text spricht."

Eher "spurlos" ging "We disappear" an Gabriella Lorenz von der Abendzeitung (2.12.2013) vorüber. Der Abend solle "laut Programm der vier Jung-Performer angeblich was mit Immunabwehr zu tun haben", notiert sie konsterniert. "Heftig und verstörend" nehme sich dagegen "Wellness" aus, das für sie "eines der raren Fundstücke" des diesjährigen "Spielart"-Festivals ist. Die Inszenierung erscheint ihr als "böse, irrwitzige Kritik am Fitness-, Schönheits- und Therapie-Wahn". Bewundernswert sei der "Mut zur Exhibition" ebenso wie das "physische Durchhaltevermögen der Akteure" – und dass deren "völlig schamfreie Radikalität" kein "Gefühl der Peinlichkeit" zulasse.

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