Mental Mapping Medea

von Dirk Pilz

Berlin, 10. Januar 2008. Vielleicht ist dieser Abend ein Beispiel dafür, wie das Aktualisieren eines alten Stoffes nichts als Plattheiten produzieren kann. Vielleicht hat der polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna in seinem Ende 2006 am Wiener Burgtheater herausgekommenen und jetzt zu spielzeiteuropa nach Berlin geladenen Projekt den Medea-Mythos nur hergenommen und in ein modernes Gewand gestopft, um aus den Figuren Wiedergänger einer Wirklichkeit zu basteln, die unsere westliche Arbeits-, Liebes- und Alltagswirklichkeit bebildern sollen. Ist es so, dann ist es arg.

Denn dann hätte man es mit einer kurzatmigen Deutung des traditionsbeladenen Stoffes zu tun, die von einer abgeschmackt fernsehrealistischen Spielweise flankiert wird. Dann sähe die aufgepeppte Fassung folglich so aus, dass uns Medea hier als georgische Frau präsentiert wird, die ihrem Manager-Gatten in den Westen folgt, der ihr flugs einen Glaspalast hinstellt und sie zur Wohlstandstussi ummodeln will, was sie sich gern gefallen lässt, bis sie eine gewisse Justine (Mareike Sedl) als Haushälterin und Kinderfrau für die beiden braven, Klavier spielenden Buben einstellt, mit der er eine Affäre anfängt, im Fahrstuhl vögelt und Sekt säuft, was sie wiederum so wütend werden lässt, dass sie die Kinder kurzerhand mit Schlaftabletten umbringt. Ein schnödes Eifersuchtsdrama, das auf Einfühlung und Wiedererkennbarkeit abhebt.

Ist der Hund ein Hund, der Handwerker ein Handwerker?

Die stummen, eindringlichen Medea-Blicke am Wohnzimmertisch von Sylvie Rohrer wären genauso wie ihr Trauerzucken auf dem kahlen Parkettboden nichts als alberne Versuche, das Fremd- und Einsamsein ihrer Figur psychologisch zu beglaubigen. Das Zappeln und Hampeln Jasons (Roland Koch) müsste einem entsprechend schier unerträglich nichtssagend vorkommen (weil es nichts als Zappeln und Hampeln ist), während der Auftritt eines Hundes, einiger seltsamer Fremder samt eines mysteriösen Handwerkers im Hause Medea nur als Kitsch bezeichnet werden könnte (weil Hund, Handwerker und Fremde nur das tun, was man von Hunden, Handwerkern und Fremden eben so erwartet).

Dass zudem dauernd das Licht von bunt auf dunkel schaltet und aus den Boxen unaufhörliches Gesumme und Geblubber schallt, wäre bester Beleg dafür, dass Jarzyna eine wabernde, effekthascherische Atmosphärenwolke inszeniert hat, mit der nichts erklärt, nichts hergestellt, nichts ausgedrückt wird. Wie gesagt: Realistisch genommen, gehört dieser Abend in die Rubrik Aktualitätshuberei der schlimmeren Sorte und also schnellstens vergessen.

Fragt sich nur, ob die Inszenierung realistisch ist. Oder besser, auf welche Realität sie überhaupt zielt. Vielleicht verhält es sich mit ihr nämlich auch so, dass sie die Geschichte der georgischen Frau in der Fremde vor allem deshalb erzählt, weil sie sich jeder wohlfeilen Erklärung des Medea-Fremdseins enthält. Vielleicht ist diese auf den ersten Blick so fernsehrealistische Story also bloß die Spieloberfläche, die in ihrer Klischeelastigkeit entlarvt und gerade nicht bedient, auch nicht ironisch eingeseift werden soll.

Oder sind es Gespenster? Geister der Angst?

Dann hätte man es hier nicht mit dem bebildernden Aktualisieren des Mythos zu tun – sondern mit einem Traumtheater, das in den Kopf (und das Herz) der Medea zu blicken versucht. Und dann ließe sich auch verstehen, warum Medea bei ihrem ersten (und bei ihrem letzten) Auftritt die Augen verbunden hat und warum das alte, vielleicht schon tote Ehepaar Tenor (Barbara Petritsch und Michael Gempart) als Vormieter des Glaspalastes immer erscheint, wenn Medea eine weitere Schicht ihres Traumunterbewussten erreicht. Der Hund, der Handwerker, die Fremden – es wären Gespenster, Geister der Angst.

So gesehen machten all die seltsamen Szenenbrüche und Lichtwechsel Sinn, würde man begreifen können, warum hier nie eine kausale Erklärung für Medeas Tun und Lassen gegeben wird, warum sie nämlich nicht nur stumm, sondern auch merkwürdig abwesend schaut, in Trance und Trauer verfällt, wofür es keine psychologische Herleitung gibt.

Und dann wäre das Spiel von Sylvie Rohrer nicht nach Beglaubigungskriterien zu bemessen, sondern als Ausdrucksweise einer (geträumten) Gefühlswelt, die nicht wahrhaftig und nachvollziehbar, sondern harsch widersprüchlich sein will. Nicht Einfühlung, sondern Fremdfühlen wären damit intendiert. Nicht das Motivgeflecht des Medea-Handelns würde erforscht, sondern etwas im Grunde Unmögliches gewagt: der Blick in die Wirklichkeit des Medea-Denkens.

Dem Beheimateten ist das Fremde nicht begreiflich

Jarzynas "Medea"-Projekt müsste dementsprechend besser "A journey into the mind of Medea" heißen. Und die Methode der von Jarzyna eingesetzten Ästhetik wäre mit jenem Verfahren zu vergleichen, das die Kognitionswissenschaften benutzen, um das je subjektive Kartieren der wahrgenommenen Welt zu verdeutlichen: Mental Mapping.

Und was nähme man von dieser Reise durch die Medea-Kopf-Landkarte als Zuschauer mit? Viele Rätsel, viel Unbegreifliches. Lauter Ungereimtheiten und Deutungsfährten, die sich nicht auflösen lassen. Zwei Stunden blickte man der Medea ins Hirn – und am Ende wäre sie tatsächlich unbegreiflich. Kein Mythos, sondern ein Mysterium.

Die Inszenierung hätte entsprechend weniger mit bloßer Aktualisierung zu schaffen, sondern würde eine Lektion darüber erteilen, dass und warum Medea durch keine Erklärung die Ungeheuerlichkeit zu nehmen ist: Weil Gewalt und Fremdsein für den Nichtgewalttätigen und Beheimateten immer unbegreiflich ist. Das aber wäre etwas, das für alle und jeden gilt.

Vielleicht ist es so mit diesem seltsamen Abend. Vielleicht. Denn die Musik bleibt nerviges Geblubber, und nicht wenige Szenen lassen sich weder in die eine noch in die andere Richtung deuten. 

 

Medea
Ein Projekt von Grzegorz Jarzyna, Deutsch von Olaf Kühl
Regie: Grzegorz Jarzyna, Mitarbeit: Michal Walczak, Ausstattung: Magda Maciejewska, Licht: Jacqueline Sobiszewski, Musik: Jacek Grudzien, Mitarbeit: Piotr Dominski, Video: Bartek Macias, Dramaturgie: Andreas Beck, Rita Czapka.
Mit: Sylvie Rohrer, Roland Koch, Mareike Sedl, Wolfgang Michael, Barbara Petritsch, Michael Gempart, Ronald K. Hein, Prince Johns, Abate Ambachev, Sandro Santander, Tobias Margiol, Angelo Margiol.

www.berlinerfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

In der taz Berlin (12.1.2008) schreibt Anne Peter, dass das "Unverständliche, Grauenerregende der Mordtat, in der Version des polnischen Regisseurs Grzegorz Jarzyna ausgetrieben" sei. Aufs "Nahebringen und Nachvollziehen" sei der Abend angelegt. "Statt einer antiken Magierin steht uns eine osteuropäische Frau, statt des Argonautenführers ein mit Hemd und Krawatte ausgestatteter Manager gegenüber, der dem Diktiergerät etwas über 'unsere russischen Partner der Gazprom' aufspricht." Die Verbannung aus dem Haus verkünde ein "mafiöser Schnösel". "Dazwischen werden immer wieder mal Rassismen angespielt, ohne Medea wirklich als Fremde zu akzentuieren." Die Story wirke arg konstruiert, so das Resümee, ziele auf die "Auflösung alles Mythischen im Realismus" und bleibt doch allzu oft nur Behauptung. "Umso erstaunlicher, wie Hauptdarstellerin Sylvie Rohrer ... in das vorherrschende, eher dick auftragende Als-ob-Spiel leise Minimales setzt."

In der Berliner Zeitung (12.1.2008) schreibt Ulrich Seidler, dass der Abend im Haus der Berliner Festspiele "mit verhaltenem Beifall" aufgenommen wurde, "vielleicht aber auch mit irritiertem, rätselndem oder gar ahnungsvoll-ängstlichem." Der Grund auch bei Seidler: Sylvie Rohrer. "All diese banal scheinenden Grüße aus der faden Lebenswirklichkeit werden geschickt unterlaufen von den stilsicher für die Bühne übersetzten psychischen Vorgängen der Medea von Sylvie Rohrer." Jarzyna taste sich an der "Grenze zum Unbegreiflichen" entlang, für das Medeas Handeln seit jeher steht. "Und er vermag, wie es sich für einen gelungenen Thriller gehört, den Übergang von der Realität zur Wahnvorstellung zu verwischen", schreibt ein nicht euphorischer, aber zumindest angetaner Seidler.

Wenn die Eltern Jason und Medea "lustige Ballspiele mit den wohlgeratenen Söhnen" veranstalten, dann "sieht das ganz nach Familienidylle à la Milchschnitte-Werbung" aus, meint Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (12.1.2008). Und dann nehme ja auch "das Ehe-Elend seinen fernsehrealistischen Lauf: Es fallen Sätze wie 'Es kann so nicht weitergehen' und 'Es ist nicht, wie du denkst'." Wenn "das antike Vorbild sich nicht in das wohlfeile Fernsehformat hineinpressen" lasse, ziehe sich Regisseur Jarzyna stets "auf Anwehungen des Mythos, des Surrealen" zurück. Sonderlich erhellend findet Christine Wahl den "platten psychologischen Realismus" der Inszenierung, der "den Mythos zum Ehedrama verkleinert", jedenfalls nicht.

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Medea: flache InszenierungHans Rohde 2008-01-13 18:50
Bin mit der Besprechung von Dirk Pilz sehr einverstanden, man sollte aber doch in eine so flache Inszenierung nicht irgendwelche Tiefen hineingeheimnissen.
Kritiker haben nun den Vorteil in den vorderen Reihen sitzen zu können und so wenigstens in den Genuss der Sprache zu kommen. In der 14.Reihe war von den beiden Protagonisten nur ab und an mal ein Wort zu hören,wogegen die beiden älteren Schauspieler Barbara Petritsch und Michael Gempart sehr gut verstanden wurden was wohl für eine sehr gute Sprechausbildung dieser Leute spricht.
#2 Jarzynas Medea: Absicht des RegisseursMedea Besprechung von Dirk Pilz 2008-01-20 23:45
Zugegeben hat sich Herr Dirk Pilz beträchtliche Mühe gegeben, die Inszenierung nach allen Seiten hin auszuloten und zu deuten. Mirakel hin oder her: einfacher wäre es gewesen, die Hintergründe direkt von Herrn Grzegorz Jarzynas zu erfragen, die ja öffentlich abrufbar sind und der Vollständigkeit halber unten nachzulesen sind. Dann wäre blitzschnell klar gewesen, dass seine Medea nichts mit dem bebildernden Aktualisieren des Mythos zu tun hat. Damit hätten sich die ersten zwei Absätze von Herrn Pilz erübrigt, weil es in diese Richtung von Haus aus nicht ging. Herrn Grzegorz Jarzynas ging es lediglich um die Darstellung eines Menschen, der langsam sich in einen Tunnel bewegt, bis er von völliger Dunkelheit umgeben ist oder vor einem Abgrund steht. Erst jetzt ist (jeder?)man fähig, auch unbegreifliches zu tun (Originaltext s.u.)
Mit diesem Hintergrundwissen, ist das Stück sicher anders zu bewerten, zumal Sylvie Rohrer das "sich-in-den-Tunnelbewegen" eindrucksvoll dargestellt hat und dafür sicher nicht zu unrecht mit dem Nestroypreis 2007 ausgezeichnet wurde.

"Mich interessiert am meisten das Psychogramm einer Mörderin. Ich will Medea weder beurteilen, noch entschuldigen, sondern untersuchen, was im Inneren des Menschen vorgeht, der sich plötzlich in einem dunklen Tunnel befindet oder am Abgrund steht. Was ist der Auslöser, was befähigt uns, die verborgene, ungeahnte Grenze zu überschreiten? Ich glaube, es passiert einfach, man geht Schritt für Schritt in diesen Tunnel hinein und steht von Dunkelheit umgeben, völlig verloren da. Am Ende ist jeder von uns fähig zu töten." Grzegorz Jarzyna
#3 Jarzynas Medea: bloße VerheutigungNora Häuser 2008-01-21 12:49
Was man auf der Bühne sieht, ist aber leider dennoch die bloße Verheutigung. Es geht Jarzyna offensichtlich um die Darstellung eines Menschen, den er verstehen möchte, das heißt für ihn: eines HEUTIGEN Menschen, der nämlich möglichst nah an uns dran und uns deshalb auch am ehesten verständlich ist. Was aber ist das anderes als Aktualisierung? Dagegen spricht auch nicht das obige Zitat (wer übrigens sagt, dass der Regisseur selbst sein bester Interpret sein soll? Es kommt doch darauf an, was der Zuschauer sieht und erfährt).
Im Übrigen könnte man aus dem Programm-Heft-Interview genauso gut für diese andere in der Rezension eingeschlagene Richtung (eben das bebildernde Aktualisieren) geltend machen: "Ich will mir vorstellen können, dass diese Medea meine Frau sein könnte oder eine Frau, die mir sehr nahe steht." "Mein Standpunkt ist, dass man den Mythos nur in einem Mitmenschen aufspüren kann. (...) Es bleibt nur ein Weg: einen konkreten Menschen zu untersuchen, besser gesagt, ihn sinnlich zu erfassen. (...) Ich will eine Figur vollkommen erspüren." Auch alles weitere klingt nach Übersetzung der verschiedenen Gegebenheiten des Stücks ins Heute.
So beeindruckend das Spiel von Sylvia Rohrer sein mag, es geht dabei letztlich doch um psychologisches Beglaubigen und Verständlichmachen ihres Handelns. Was meiner Meinung nach auf eine ziemlich banale (und eben darum für uns so nachvollziehbare) Eifersuchtsgeschichte hinausläuft. Die wird mit den üblichen uns aus der Vorabendglotze nur allzu bekannten Dialogpartikeln bespickt: "Findest du sie erregend?", "So geht es nicht weiter", "Es ist nicht wie du denkst." Daneben wird ein bisschen grünes Licht eingeschaltet, Rohrers Haare per Windmaschine zum Flattern gebracht - äußerlich bleibende Effekte, die irgendwas Geheimnisumwehtes oder eben 'Mythisches' hineinbringen sollen, was ansonsten einfach nicht da ist.

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