Flirt mit dem Knochenkostüm

von Lukas Pohlmann

Dresden, 6. Dezember 2013. Wenn man dem Tod doch so begegnen könnte! Mit ihm um Aufschub Schach spielen, wenn man den Kanal noch nicht voll hat. Das Knochenkostüm anlegen, wenn's einem passt, und auf dem Weg zur eigenen Beisetzung die Hitliste der meistgewünschten Beerdigungssongs trällern. Schöne Vorstellung. Harriet Maria und Peter Meining, bekannt als norton.commander.productions, schließen mit "Tanz den Tod!" ihre dreijährige Recherche zu den zehn Geboten ab, deren Zwischenstände als jeweils eigene Inszenierung schon 2011 und 2012 zu sehen waren.

Nun also, als Variante eines elften Gebots: der Tod. Auf einem Triptychon aus Leinwänden beginnt der Abend mit der Geburt eines 13. Kindes, eines ungewollten. Für das der Erzeuger, aus Angst vor frei Haus mitgeliefertem Unglück, einen Gevatter sucht. Gott und Teufel scheinen ungeeignet. Arroganz und Egoismus sind schlechte Paten. Dem Tod jedoch vertraut er seinen Spross an. Denn der Tod macht alle gleich, das wirkt auf ihn wie eine ordentliche Grundlage für Ethik und Moral.

Mephistophelischer Pakt

Schnitt. 47 Jahre später kommt der Tod nun seinen Patronatspflichten nach. Tom Quaas als fideler, ganz und gar menschlicher Schnitter in seinen besten Jahren will seinen Anvertrauten zum besten Arzt der Welt machen. Für ihn ein Leichtes, trifft er doch persönlich die Entscheidung über das Weiterleben. Hat er zu Gunsten eines Patienten entschieden, braucht es für die Heilung nur noch Handauflegen.

TanzdenTod3 560 PR uEin paar Schritte wagen: "Tanz den Tod!" © Hellerau

Der davon profitiert: Otmar Wagner. Der Performer hilft fortan Patienten in Höchstgeschwindigkeit und klettert auf der Karriereleiter nach oben. Als erst der Ober-, dann der Chefarztposten greifbar wird, überlistet er schließlich den Tod. Der lässt das beim zweiten Mal aber nicht mehr mit sich machen, hat schließlich einen Ruf zu verlieren. Er verkündet des Performers nahendes Ableben, lässt sich dann aber doch auf ein Schachspiel ein. Dies beginnt mit dem bühnenrealen Auftritt Otmar Wagners, der auf der gekachelten Fläche von nun an, das Sterben und seine Umstände reflektierend, um sein Leben spielt.

Famous last word

Während er bunte Pillen schluckt, resümiert er die letzten Worte einiger Berühmtheiten von Sartre und Guevara bis Presley und Jobs, moderiert fiktive Streitgespräche zwischen Videoprojektionen von Harald Welzer und Raymond Kurzweil oder befragt den Bioethiker Peter Singer nach den moralischen Korrelationen von Lebensentstehung und Ableben. Und wenn es der Theorie zu viel werden könnte, trällert er zu liebenswert billigem Karaoke-Playback die Beerdigungs-Top-10.

Dass dabei Einer als er selbst auf der Bühne steht und keine kunstvoll geformte Figur, und es sich bei dem Einen eben um Otmar Wagner, den Prozesskünstler, handelt, ist die Voraussetzung für die größte Leistung des Abends: Er beweist, dass man sich dem Tod ohne Pathos, übertriebenen Affekt oder pseudo-romantische Morbidität nähern kann.

Indes wird nicht einmal die Nummer mit dem Kassettenspieler pure Effekthascherei. Aus einer Kassette in einem tragbaren Rekorder hängt das Ende eines Bandes. Wagner hält es zwischen den Lippen, läuft rückwärts und bringt es derweise zum Klingen. Und was da erklingt, ist der "Erlkönig". Ein Hoch auf das Analoge und die Analogie.

Warmes Theater

Wie diese Szene will der Abend nicht mehr sein, als er ist: Die lustvolle Auseinandersetzung mit einem unumgänglichen Bestandteil unseres Daseins. Der Abend könnte leicht in Gefahr geraten, Theorie zu hecheln und zu intellektualisieren. Harriet Maria und Peter Meining vermeiden das, und weil sie Otmar Wagner haben, ist "Tanz den Tod!" der gelungene Abschluss einer Annäherung.

Zu guter Letzt geht das Schachspiel verloren. Da hilft auch kein Betteln mehr. Kein Verweis auf Zahnarzttermin, Familie oder den nächsten Projektantrag. Da hilft nur noch Selbstbestimmung. Der letzte Abschnitt ist mit "Das Leben ohne mich" übertitelt. Wagner richtet es mit lauter automatischen, beweglichen Spielzeugen, Figürchen und Maschinchen ein, hat selbst den schwarzen Einteiler mit dem aufgedruckten Gerippe übergeworfen um darin noch ein paar letzte Zuckungen zu vollführen. Dann geht er von der Bühne. So einfach ist das. Im warmen Theater. Dabei zuschauen ist wie eine Einladung: Begegnen wir dem Ende lustvoll, denn es könnte mit sich tanzen lassen.

Tanz den Tod!
von norton.commander.productions
Regie/Buch/Bühne: Harriet Maria und Peter Meining, Performer: Otmar Wagner Komposition und Sounddesign: Nikolaus Woernle, Kamera/Schnitt/Licht: René Liebert, Kamera/Licht: Thomas Fissler.
Mit: Otmar Wagner, im Video: Tom Quaas sowie Herrmann Beyer, Christian Wittmann, Holger Hübner, Armin Wieser, Gregor Biermann, Ole Wulfers, Joern J. Burmester, Angie Reed, Mark Boombastik.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hellerau.org
www.nc-productions.com

 

 
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