Brief von Murali Perumal

In seinem offenen Brief antwortet der Schauspieler Murali Perumal auf den Artikel Offene Türen von Christiane Lutz auf jetzt.de/SZ (11.12.2013). In dem Artikel geht es um eine Diskussionsrunde von Münchner Künstlern und Theatermachern zur Situation von Theatermachern mit Migrationshintergrund. (Hervorhebungen von nachtkritik.de.)

 

Sehr geehrte Christiane Lutz,

ich bin der indo-germanische Schauspieler Murali Perumal. Sie wissen schon... der rheinisch-indische Jeck, der auch in den Katakomben des Milla zugegen war und sich an diesem Abend auch geäußert hat. Kurz zu mir: Ich arbeite seit 13 Jahren als Schauspieler, habe bisher 50 Filme in fünf Ländern gedreht und an großen Theatern wie den Münchner Kammerspielen, der Schaubühne Berlin und zuletzt vier Jahre am Schauspiel Köln unter Karin Beier gespielt. Ich möchte auf Ihre Aussage eingehen, dass wir unsere Wut, die wir empfinden, nur schwer konkretisiert hätten und die alleinige Gesprächsbereitschaft der Theater als Beleg für unsere Vorwürfe ansehen würden.

In all den Jahren, die ich am Theater erlebt habe, spielen deutsche Schauspieler mit sichtbarem Migrationshintergrund auf unseren hiesigen Bühnen keine Rolle. Sie werden, wenn überhaupt, dann nur als Gast(arbeiter) engagiert, für Ausländerrollen, z.B. schwarze Figuren in Stücken wie in "Kampf des Negers und der Hunde" oder "Das Fest". Ich kenne einen afro-deutschen Schauspieler, der zum vierten Mal den Schwarzen in "Das Fest" spielen muss und das an vier unterschiedlichen Theatern. Nur dafür wird er dann engagiert. Oder wir spielen in "speziellen Migrantenstücken" auf Nebenbühnen mit, aber eben nicht im Haupthaus, da man das "Silbermeer" im Zuschauerraum nicht "verstören" will. Wir werden also nur als Gäste engagiert, die kommen und gehen, werden aber niemals in Ensembles fest angestellt, und wenn, dann ist es allenfalls ein Exot unter 30 Schauspielern.

Anhand des Residenztheaters in München zeige ich Ihnen auf, was ich meine: Das Ensemble dort besteht aus 49 Schauspielern, von denen kein Einziger einen asiatischen, afrikanischen oder südamerikanischen Migrationshintergrund hat. Das Ensemble spiegelt in keinster Weise unsere Gesellschaft wieder und das ist meiner Meinung nach ein Armutszeugnis für die deutschsprachige Theaterwelt. Es ist keine ästhetische Frage, wie Chefdramaturg Sebastian Huber behauptet, sondern eine Haltung zu unserer heutigen durchmischten Gesellschaft, die auf der Bühne nicht existent ist. Es wird Theater von "Weißen" für "Weiße" gemacht, wenn ich das so sagen darf. Herr Huber sagt zwar, dass Sie versucht haben, den Ferdinand aus "Kabale und Liebe" mit einem Halb-Nigerianer zu besetzen. Dies ist aber längst nicht genug, zumal er auch nur als Gast für ein Stück engagiert war. Gut wäre es gewesen, wenn sie z.B. die Rolle des "Hofmarshall von Kalb" oder den "Wurm" zusätzlich mit einem deutschen Asiaten oder Araber besetzt hätten. Dann würde sich der Zuschauer auch nicht mehr fragen, welche Bedeutung es hat, warum der Ferdinand ein Schwarzer ist. Wenn ein anderer aus dem Hofstaat ein koreanisch aussehender Schauspieler wäre, würde sich kein Zuschauer mehr fragen: "Warum spielen da jetzt ein Schwarzer und ein Koreaner mit?". Nein, dann wäre es ein Bild unser heutigen deutschen Gesellschaft und es würde irgendwann mehr und mehr und ganz selbstverständlich Normalität werden.

Nur sollten wir jetzt endlich einmal anfangen den Zuschauer an diesen noch ungewohnten Blick mehr und mehr zu gewöhnen und nicht immer nur zu sagen, das versteht der Zuschauer nicht. Wie oft habe ich von Dramaturgen gehört, "dass ich zu speziell wäre, was denkt denn dann der Zuschauer, ein Inder, das müßte man ihm dann erklären, warum ich auf der Bühne stehe". ... Sie haben recht, ich bin zu speziell, ich komme aus Bad-Godesberg. Was macht denn der Zuschauer, wenn er mich auf der Bühne sieht, rennt er raus? Kein Dramaturg würde doch dem Abopublikum unterstellen, dass es keine Ausländer auf der Bühne sehen will. Aber sie denken es leider und wollen aus ihrem Silbermeer keine bunte Hühnersuppe machen, wie wir es gerne hätten.

Am Schauspiel Köln ist das "Multi-Kulti Ensemble" deswegen gescheitert, weil die Dramaturgen und deutschen Regisseure uns fast nur in Migrantenstücken als Ausländer besetzt haben, nicht jedoch als Deutsche, die wir im wirklichen Leben alle sind. Es wurde von der Dramaturgie behauptet: "Ja, wir können ja nicht nur Migrantenstücke machen, wir müssen auch Stücke über Korruption machen." Mit dieser Aussage haben sie uns exemplarisch ausgegrenzt als Migranten, die Migranten bleiben und niemals als Deutsche angesehen werden würden. Als ob wir nichts mit menschlichen Themen wie Korruption zu tun hätten. Völliger Schwachsinn. Der Migrant spielt nur den Migrant, und der Biodeutsche den Biodeutschen. Das ist leider immer noch Realität an deutschen Bühnen. Ich habe nichts dagegen, wenn Biodeutsche ausländische Rollen spielen, sich schwarz, braun oder gelb anmalen. Aber im Gegenzug dürfen wir keinen Deutschen spielen, sonder nur den Ausländer. Das akzeptiere ich nicht. Weiße deutsche Schauspieler spielen spanische Rollen wie Don Carlos, Marquis von Posa, Sultan Saladin und den Derwisch in Nathan der Weise, französische Rollen von Molière, italienische Rollen von Goldoni, schwarze Othellos, das akzeptiert der Zuschauer anscheinend. Aber einen indischen Hamlet, afrikanischen Prinz von Homburg, einen türkischen Wallenstein würde er ablehnen? Das widerspricht sich doch erheblich.

Zur Differenzierung von sichtbaren Migranten und denen, denen man es nicht ansieht: Französische, italienische, hölländische, australische oder serbische Schauspieler werden sehr gut integriert an den Bühnen, sie werden als Deutsche akzeptiert, nicht jedoch asiatisch-, afrikanisch- oder südamerikanischstämmige Darsteller, denen man ansieht, dass sie eine nicht deutsche Herkunft haben (und das obwohl viele von ihnen Hochdeutsch sprechen). Da gibt es sehr wohl einen Unterschied, wie wir behandelt werden, und das ist offensichtlich. Dies zu Ihrer Aussage: "Fragende Gesichter".

Ich werde das Gefühl nicht los, liebe Frau Lutz, dass Sie unser Anliegen bzw. unsere Wut herunterspielen in Ihrem Artikel nach dem Motto: "Ach, kommt Leute, so schlimm ist es doch nicht." Es tut sich doch was, es werden internationale Produktionen eingeladen (die kommen und wieder gehen), es spielen holländische, schweizer Schauspieler, Esten, Ungarn (denen man ihre ausländische Herkunft eh nicht ansieht, also keine großartige Weltöffnung), eine Schauspielerin aus Uganda, die als Schauspielschülerin bisher nur ein Stück als Gast gespielt hat und die anderen beiden Stücke als Inszenierungen der Otto-Falckenberg Schule gespielt hat. Das ist doch eindeutig zuwenig. Damit braucht sich niemand zu rühmen.

Ihre Aufgabe als Theaterkritikerin ist es doch auch, Theater zu kritisieren und nicht nur Inszenierungen. Sie haben doch auch eine gesellschaftliche Verantwortung, unser Anliegen, eine Multi-Kulti-Gesellschaft auf der Bühne weiter voranzutreiben, es an die Öffentlichkeit zu bringen und es nicht abzuwerten und zu sagen, es ist doch alles gut so wie es läuft. Nein, Sie müssen die Theater auch auf ihre Verantwortung hinweisen, ein realistisches Bild unserer Gesellschaft abzubilden und nicht eine demographisches Szenario von 1920. Solange sie sich nicht öffnen, sollten auch Sie Druck auf die Theater ausüben und nicht nur wir. Sonst wirkt es leicht so, dass wir aus einer "Opfer-Position" heraus klagen und man uns dann nicht ernst nimmt. Vielleicht verstehen Sie unsere "Wut" aber auch nicht, weil Sie selbst nicht betroffen sind. Ich bitte Sie darum, auf unseren Zug aufzuspringen und konstruktiv mitzuhelfen, dass sich das deutschsprachige Theater viel mehr öffnet und wandelt. Denn so darf nicht weitergehen wie bisher.

Eine letztes Wort: Als ich in Köln gespielt habe, sah ich zum ersten Mal in einem Theaterpublikum Frauen mit Kopftüchern, Afro-Deutsche und Asiaten im Publikum sitzen. Ich kam mit ihnen ins Gespräch und sie dankten mir dafür, dass ich im Stück mit dabei war. Ich fragte sie, warum, und sie sagten mir, dass sie sich durch mich und andere türkisch- und jamaikanischstämmige Schauspieler im Ensemble endlich repräsentiert sehen würden im Theater, in der Gesellschaft auf der Bühne. Sie seien vorher nie ins Theater gegangen. Sie hatten sich ausgegrenzt gefühlt und das hatte sich mit uns geändert. Es waren übrigens zu einem großen Teil auch Migranten aus Nicht-Akademiker-Familien. Es ist nicht nur eine Frage der Bildungsbürgerschicht.

Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören, Frau Lutz, und dass Sie unser Thema immer wieder aufgreifen, wenn sich nichts Spürbares ändert. Der Rheinländer verabschiedet sich mit den Worten "Jeder Jeck ist anders".

Mit freundlichen Grüßen,

Murali Perumal

 

 

In den Kommentaren zu unserer Zusammenfassung der Münchner Diskussionsrunde meldeten sich bereits unter anderem Tuncay Acar, Karnik Gregorian, Samuel Schwarz und Tristan Seith zu Wort.

"Eine schwarze Maria Stuart oder einen türkischen Faust, wann hat es das auf den deutschsprachigen Bühnen gegeben?", fragte im Mai 2011 auch Özgür Uludag in seinem Text Migranten spielen auf den Sprechbühnen keine Rolle auf nachtkritik.de.

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