Schuld, Moral, Sühne reloaded

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. Dezember 2013. "Bayer, Gymnasiast, Illegaler, Deserteur, Unzufriedener, Brillenträger, Autotourist, konkreter Journalist für seltene Fälle, existenzielle Intelligenz als Hörspielschreiber" – so wird Alfred Andersch im Programmheft zu "Fahrerflucht / Fluchtfahrer" am Schauspiel Stuttgart beschrieben. Eine Charakteristik, so bunt kombiniert, wie es im Schaffen des Hörfunkautors als auch im Prinzip des Theaterabends angelegt ist. Andersch war einer der ersten Künstler, die das Medium Radio zu Montagen nutzten. Im Foyer des Schauspiels verschränken sich an einer Hörstation etwa Beatgedichte, ein Bericht über James Dean und eine Boxreportage zu einem Generationenporträt. Im Bühnenraum wird Anderschs Werk selbst montiert. Seine "Fahrerflucht" von 1957 trifft auf den "Fluchtfahrer", mit dem der Autor Philipp Löhle 2013 die gleichen Themen in einem anderen Setting behandelt – Schuld, Moral, Sühne reloaded.

Pferde als Klammer und Sehnsuchtsobjekt

Aber zunächst erst mal die Story vom Pferd, eines der Motive, die die Verbindung zwischen den an der Oberfläche recht unterschiedlichen Geschichten herstellen. Bei Andersch sind Pferde die Sehnsuchtsgeschöpfe des Opfers, bei Löhle des Täters. In den 50ern wird eine junge Frau auf dem Weg zum Jockey-Training überfahren, 2013 stirbt eine junge Frau, weil ihr Lover sich den Traum einer Pferdefarm erfüllen will.

fahrerflucht1 560 bettinastoess uVor der abgeräumten Rampe: Das Ensemble in "Fluchtfahrer" © Bettina Stöß

Drumherum entspinnen sich Geschichten, die mit den gleichen Elementen arbeiten, diese jedoch anders zusammenstellen und damit ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge werfen. Zur Überkreuzung der Geschichten passt auch, dass die Schauspieler zwar Doppelrollen einnehmen, aber fast durchgehend andere Funktionen ausüben – hier Erzählerin, da Opfer, hier passive Spielfigur, da Machtausübender, etc. Das verlangt den Schauspielern einiges ab, zumal die Stücke auch dramaturgisch gegensätzlich aufgebaut sind.

Eine beschädigte, wie eingefrorene Generation

Horst Kotterba erzählt als Manager im Andersch-Teil von der Leere der Macht. Im Trenchcoat grauer Herren steht da ein Mann, der sich seiner technokratischen Möglichkeiten bedient hat, um nach oben zu kommen – und auf ein unerfülltes Leben zurückblicken muss, das der Lungenkrebs bald beenden wird. Kotterba packt einen glühenden Rest Sehnsucht in diese Figur, die wenigstens auf den letzten Metern noch mal ausbrechen will – und von einer Radfahrerin gestoppt wird, die ihm vors Auto fährt. Die melancholische und berührende Performance steht in krassem Gegensatz zur Aufgabe, als perlenbehängte Mecker-Mutter im zweiten Teil der Aufführung für Lacher zu sorgen.

Eine ähnliche Diskrepanz muss Robert Kuchenbuch aushalten. Als Tankwart, der das Geld des Fluchtfahrers nimmt, berichtet er seinem Spiegelbild von seinem schlechten Gewissen und von Erfahrungen an der Italienfront, die diese Begegnung in ihm hervorgerufen hat. Er steht starr, fast außerhalb des spärlichen Lichtkegels, niedergedrückt – ein starkes Bild für eine beschädigte, wie eingefrorene Generation, die weitermachte, ohne ihre Traumata zu bewältigen. Im Jetzt gibt Kuchenbach einen Kommissar, der Witze reißt und mordet, um im Geschäft zu bleiben. Den auf einer realen Figur, dem so genannten Hammermörder, fußenden Polizisten hätte man sich allerdings etwas weniger "coole Sau"-mäßig vorgestellt.

Funktionsloses Gerippe

Diese Gegensätzlichkeit der Texte stellt Regisseur Dominic Friedel auch im Bühnenbild heraus. Bei Andersch bewegen sich die Figuren auf einer schwarzen Rampe, die im Nirgendwo abbricht – auch das ein Symbol für die ausgestellten Nachkriegslebenswege. Die Bodenplatten werden für den Zeitenwechsel ausgebaut, zurück bleibt ein funktionsloses Gerippe, vor dem die Schauspieler Aufstellung nehmen. Im Gegensatz zu den langen Erzählpassagen des Gestern geht es nun im Stakkato voran – laut, bunt, mit Slapstick (was per se keine Kritik ist, das Stück von Philipp Löhle punktet stellenweise mit witzigen Absurditäten).

Das reflektiert auch den unterstellten Wandel des Rezeptionsverhaltens – Hörspiele wie sie Andersch produziert hat, gibt es in der Medienlandschaft kaum mehr. Beim Blick auf die Kopfhörer im Stuttgarter Foyer fragt man sich tatsächlich, wie die Großeltern das gemacht haben – konzentriertes Zuhören bei 55 Minuten-Stücken (im Radio!). Und trotzdem bleibt das Andersch-Stück ob der ausgearbeiteten Figuren und ihrer ruhigen Führung deutlich stärker haften. Der Reiz des Gegensatz-Paares von "Fahrerflucht / Fluchtfahrer" erschließt sich so mehr beim Lesen der Textfassungen als in der Inszenierung. Während bei Andersch Täter wie Opfer ihrem Leben entfliehen wollen, indem sie es aus den Angeln heben und etwas Neues wagen, streben die Mörder bei Löhle entweder nach dem Erhalt des Status quo oder hängen altmodischen Träumen über den Rückzug in die Natur (Zucht wilder Pferde) nach. Eigentlich eine clevere Verpackung für den Umbruch im Denken und Sehnen zwischen Gestern und Heute. Aber so bleibt als ästhetische Bewertung zum Schluss: Früher war doch besser.

 

Fahrerflucht / Fluchtfahrer

von Alfred Andersch / von Philipp Löhle
Regie: Dominic Friedel
, Bühne und Kostüme: Karoline Bierner, 
Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Paul Grill, Katharina Knap, Horst Kotterba, Robert Kuchenbuch, Nathalie Thiede.
2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 


Kritikenrundschau

"Andersch ist doch eine Nummer zu groß für Löhle" befindet Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.12.2013). Der neue Text verhalte sich zu "Fahrerflucht" wie "ein kleiner Kratzer auf der Stoßstange zu einem seelischen Totalschaden und ein jaulendes Goggomobil gegen einen sanft schnurrenden Mercedes Benz 220." Löhle greife Figuren und Motive auf, "aber nichts von ihrem Geist und ihrer strengen Form: Statt großer Fragen nach Schuld und Sühne, Zivilcourage und dem Sinn des Lebens gibt es nur angestrengtes Gewitzel". Zu dem Text falle Löhles "Leibregisseur" Dominic Friedel "nur Räuber-und-Gendarm-Gekasper mit Kunstnebel, Spielzeugautos und Western-Videos ein."

Dem Text von Alfred Andersch lasse Dominic Friedel viel Raum, schreibt Nicole Buck in der Stuttgarter Zeitung (20.12.2013). Die innere Leere und Angst der Hauptfigur würden "beinahe greifbar". Im zweiten Teil herrsche dann eine ganz andere, "amüsant-hysterische" Stimmung. Löhles Text sei komisch, ohne oberflächlich zu sein, und in der Verbindung der beiden Stücke entstehe ein "kurzweiliger Theaterabend, der zudem einen Einblick in die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur gewährt".

"Beide Texte fordern einen Regisseur, der ihre sprachliche Kunstfertigkeit zu inszenieren versteht", schreibt Horst Lohr in den Stuttgarter Nachrichten (20.12.2013). Und "Darsteller, die vom fast statischen, aber ausdrucksstarken Spiel bei 'Fahrerflucht' im fliegenden Wechsel für Löhles 'Fluchtfahrer' den Modus des Exaltierten abrufen können". Beides könne man in Dominic Friedels Inszenierung erleben.

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