Menetekel

26. Dezember 2013. Anlässlich der jährlichen Intendanten-Tagung des Deutschen Bühnenvereins in der Evangelischen Akademie Hofgeismar fasst Martin Eich im Freitag (19.12.2013) noch einmal die Causa Volkstheater Rostock zusammen und spart dabei nicht mit Kritik an den "Bürokraten" des längst zur "Traditionskompanie mutierten Deutschen Bühnenvereins".

Eich schreibt vom "sozialen Wildwuchs", der in der Theaterszene existiere und vom Bühnenverein "mindestens toleriert, mitunter sogar gewollt" sei und der "wenig mit gekürzten Subventionen und viel mit dem Überangebot an Schauspielern zu tun" habe. "Wie auch mit der Verrohung der Führungskultur."
Was er dann allerdings als Beleg vorbringt, hat wenig mit "sozialem Wildwuchs", viel aber mit verrohter Führungskultur zu tun. Eich zitiert Rechtsanwalt Heiko Wiese, der "seit 18 Jahren Mitglieder der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA)" vertrete. "Früher wären Auseinandersetzungen vermehrt einvernehmlich gelöst worden, heute setzen die Theaterleitungen auf Konfrontation." Dies "resultiere", schreibt Eich weiter,  auch "aus einer neuen Generation von Intendanten, die sich weniger als Künstler, mehr als Manager verstehen".

Eich zitiert das krasse Missverhältnis zwischen einigen Intendantengehältern und dem Durchschnittsverdienst von Schauspieler, weist auf die relative Besserstellung von Orchestermusikern hin und landet beim Rostocker Volkstheater.

Rostocker Verhältnisse im "sozialen Wildwuchs"

"Weil das Vierspartenhaus nicht imstande war, eine zwischen Bühnenverein und Deutscher Orchestervereinigung (DOV) verabredete Gehaltserhöhung umzusetzen, trat es fristlos aus dem Bühnenverein aus." Dabei habe der Bühnenverein zuvor versichert, "nur einem Flächentarifvertrag zuzustimmen, der eine Sonderregelung für Rostock enthält". Auf der entscheidenden Sitzung am 21. November sei der Tarifabschluss dennoch "durchgewunken" worden. "Auf das Volkstheater wären so jährliche Mehrkosten von beinahe einer halben Million Euro zugekommen". "Unverhohlen" habe Bühnenvereins-Geschäftsführer Rolf Bolwin "deshalb zur Verkleinerung des Orchesters" geraten. Das aber sei "arbeitsrechtlich kaum möglich" und hätte "deshalb zu Kündigungen in anderen Sparten geführt".

Viel sinnvoller wäre es dagegen gewesen, die Norddeutsche Philharmonie, Mecklenburg-Vorpommerns einziges verbliebenes A-Orchester, tariflich zum B-Orchester herabzustufen. [In der deutschen Orchesterlandschaft gibt es A-, B- und C-Orchester, das hat mit der Größe der Klangkörper und ihrer Qualität zu tun. A-Orchester werden hoch, C-Orchester niedrig bezahlt. An dieser tariflichen Einstufung hängt zugleich auch der Opernchor, der jeweils entsprechend bezahlt wird - jnm]. Ohnehin umfasse Rostocks Norddeutsche Philharmonie nur noch 73, statt der für ein A-Orchester eigentlich erforderlichen 99 Musiker. "Wäre das Orchester korrekt eingestuft, lägen die Personalkosten dafür nicht wie jetzt bei fünf Millionen und, würde der Tarifabschluss exekutiert, bei 5,5 Millionen, sondern nur bei 4,6 Millionen."

Kultur-Kommandeure sind schuld

Obwohl der Bühnenverein sich der Problematik bewusst sei, habe man dennoch den Tarifabschluss mit der Orchestergewerkschaft genehmigt. "Bühnenverein und Gewerkschaft hätten das Theater, wollte es nicht Entlassungen vornehmen, in die Insolvenz getrieben."

Für Martin Eich ist das ein Beispiel "organisierter Entsolidarisierung", "überfällige Strukturreformen werden vertagt, ... Probleme werden nach unten durchgereicht, bis sie dort ankommen, wo sie nicht gelöst werden können".
Dazu passe auch, dass sich Bühnenvereins-Geschäftsführer Bolwin gegenüber Volkstheater-Geschäftsführer Rosinski "ganz im Stile eines Kultur-Kommandeurs" verhalte, "der einen unbotmäßigen Untergebenen zum Rapport befiehlt".

Für Eich ist die Auseinandersetzung in Rostock eine Art Menetekel. "Der fristlose Austritt des Volkstheaters Rostock läutet vielleicht eine Zeitenwende ein. Andere Häuser ... könnten versucht sein, sie auf die gleiche Weise zu lösen". Aber nun, wie Rolf Bolwin, immer weiter mehr Geld zu fordern, sei der Problematik nicht angemessen. Wenn nur eine Minderheit der Steuerzahler ins Theater ginge, könnten die Theater nicht von den allgegenwärtigen Sparmaßnahmen ausgeschlossen werden. Das sei "nicht durchsetzbar" und "undemokratisch", außerdem werde auf diese Weise die derzeit noch bestehenden Akzeptanz für die Häuser beim steuerzahlenden Publikum zerstört. 

(jnm)

 
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