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Heimkehr in die Fremde

von Ulrike Gondorf

Bochum, 13. Januar 2008. Erdbeer-, Kirsch- oder lieber Orangenmarmelade? Toast und Butter? Lee offeriert seinem Bruder Danny ein Frühstück. Und nachher vielleicht einen Ausflug? Und wenn sie erst mal ein Auto haben, dann fängt das Leben sowieso erst richtig an. Aber wieso steht Danny so starr angewurzelt da während dieser freundlich-belanglosen Unterhaltung? Und wenn man genau hinsieht, zittern ihm nicht fast unmerklich die Knie?

Mit dieser Szene beginnt Simon Stephens' "Motortown", 2007 in einer Umfrage von "Theater heute" zum wichtigsten ausländischen Stück des Jahres gewählt und seitdem unaufhaltsam zu einem der meistgespielten neuen Stücke aufgestiegen. Ein Trend, der sich fortsetzt und verstärkt, denn die Bühnen, auf denen "Motortown" zu sehen ist, werden immer größer und die Namen der Regisseure immer prominenter. Ende des Monats will Andrea Breth das Stück am Wiener Akademietheater herausbringen, in den Bochumer Kammerspielen hatte jetzt die Inszenierung von Dieter Giesing Premiere. Der gern als "Altmeister" apostrophierte 73-jährige Regisseur interessiert sich nach eigenem Bekunden vor allem für neue Texte.

Das Opfer als Täter

Das mag überraschen, denn "Motortown", geschrieben 2006, schien auf den ersten Blick vor allem ein brandaktuelles Zeitstück zu sein. Danny ist ein britischer Soldat, der von einem Einsatz im Irak traumatisiert nach Hause zurückkehrt. Dort wurde er Zeuge von Folterungen, die seine Kameraden an Gefangenen verübt haben. Und dieser Schock sitzt tief, tiefer noch als die Erinnerung an Tod und Todesangst. Danny findet keinen Anschluss mehr an das Leben, das er vor seiner Soldatenzeit geführt hat. "Ich komme heim, und es ist ein völlig fremdes Land." Seine Freundin will nichts mehr von ihm wissen, mit seiner Familie hat er gebrochen. Alles, was er noch hat, sind Eigenschaften, die der Krieg ihm antrainiert hat: Härte, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Aggression. "Und wie ich klar komme, bestens sogar", redet er sich und den anderen ein – und kauft sich eine Pistole.

Dann kommt es, wie es kommen muss: Danny, das Opfer, wird zum Täter, foltert und tötet eine junge Frau. Hautnah und mit großer Empathie kann man diese fatale Geschichte miterleben, wenn man sich "Motortown" in der Box des Deutschen Theaters anschaut, wo Stefan Kaminski den Danny spielt. Dieter Giesing geht in seiner Bochumer Inszenierung einen ganz andern Weg. Er behandelt den Text von Simon Stephens wie eine Partitur, beobachtet die Sprache, wie sie das Unerträgliche, Unbewältigte umkreist oder abschottet, immer wieder an die Oberfläche spült und sofort begräbt unter Lügen und Banalitäten.

Die Kulissen sind bereits eingestürzt

Giesing lotet in die Tiefe der Sätze und fördert nicht einen Untertext, sondern eine ganze, ineinander verschobene Gemengelage von widersprüchlichen Bedeutungen, Gefühlen und Intentionen zutage. Und seine Schauspieler machen sie hörbar. Jeder abgebrochene Satz, jeder sprunghafte Themenwechsel, jede Unterbrechung oder Wiederholung markiert einen Schritt auf dem Weg in die Katastrophe, die als Katastrophe der Kommunikation beginnt. Die Nähe zu Büchners "Woyzeck", die Simon Stephens für seinen Text in Anspruch genommen hat, wird in dieser Sicht überzeugend beglaubigt.

Äußerliche Aktion spielt folgerichtig eine ganz untergeordnete Rolle auf der fast leeren Bühne, die Janina Audick konzipiert hat. Die Kulissen sind bereits eingestürzt (wie Albert Camus einmal die Lebenserfahrung des Absurden beschrieben hat), die schwarz getünchten Wände und die Seilzüge der Maschinerie liegen offen. Giesing folgt den Regieanweisungen des Autors, der viele Szenen darauf reduziert sehen wollte, dass die Personen weit voneinander entfernt stehen und sprechen.

Den Schauspielern gelingt es dabei, ihre Figuren transparent und lebendig werden zu lassen. Claude de Demo zeigt die Ex-Geliebte Marley in heilloser Ambivalenz, Felix Vörtler den Waffenhändler Paul als neurotischen Grenzgänger zwischen Wahn und Wirklichkeit. Ein starkes Zentrum bildet Sascha Nathan als Danny, mit fast unbeweglichem Gesichtsausdruck, einem Körper, der starr wie gepanzert wirkt, und einem inneren Überdruck, der die gewaltsame Explosion immer unausweichlicher erscheinen lässt. Die Spannung lässt keine Sekunde nach bei "Motortown" in den Bochumer Kammerspielen.

 

Motortown
von Simon Stephens, Deutsch von Barbara Christ
Regie: Dieter Giesing, Bühne und Kostüme: Janina Audick, Musik: Jörg Gollasch.
Mit: Danny Sascha Nathan, Lee Alexander Maria Schmidt, Marley Claude De Demo, Tom  Johann von Bülow, Paul Felix Vörtler, Helen Christine Schönfeld, Jade Rahel Weiss.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

In der FAZ (15.1.2008) setzt sich Andreas Rossmann ausführlich mit dem Stück auseinander. Danny, der Held von "Motortown" sei ein Nachfahre von Woyzeck, Borcherts Beckmann und Scorseses Taxidriver. Stephens zeige wie schmal der Grat zwischen Täter und Opfer sei, setze aber auch auf überzogene Effekte. So könnte es geschehen, dass eine Inszenierung gegen die "Verrohung abstumpft, die es (sic) kritisiert". Nichts davon bei Dieter Giesing, der auf "Kriegsgerassel und Sentimentalität" verzichtet. "Lange wurde in Bochum nicht mehr so auf den Punkt genau inszeniert." Die "Beklommenheit ... hallt lange nach".

Für die Westfälische Rundschau schreibt Arnold Hohmann auf dem Internetportal der WAZ-Gruppe Der Westen (15.1.2008) kritischer: "Motortown" sei "eines dieser neuen britischen Dramen, die in ihrer Schärfe und Genauigkeit etwas von einem Rasiermesser haben, das beim Zuschauen Wunden hinterlässt." Die Einrichtung von Dieter Giesing  wolle allerdings "nicht so recht schneiden". Vielleicht läge diesan der Kürze der Veranstaltung: "Was man sieht, ähnelt einem Stationendrama im Sauseschritt, das nicht mal bei einem Mord ein wenig innehalten will." Die Qual, die "der Autor seinem Helden und wohl auch dem Zuschauer bereiten" wolle, teile sich nicht recht mit.

Auf Ruhr Nachrichten.de schreibt Nadja Schöler (14.1.2008): "Die Bochumer Inszenierung ist rasant, brutal und tiefgründig. Sie legt dar, wie Misstrauen und Ablehnung zu Gewalt führen können, wie Krieg die eigene Sichtweise verändert. Jede Szene ist ein Stück in sich. Genauso plötzlich wie der Szenenwechsel kommt nach rund einer Stunde das Ende ..."