Raus aus Putins Welt

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Januar 2014. Es könnte ein Coming-Out sein. Vor der ganzen türkischen Familie, die sich zur Hochzeit versammeln wird. Aber der Vater würde es nicht verstehen, die Schwester würde ihn hassen für einen fetten Überraschungsauftritt. Denn die Hochzeit ist ihre Show, nicht Mehmets. Und deswegen entwickelt sich jetzt ein handfester Ehekrach zwischen ihm und seinem deutschen Lover, der auf die Ausladung immer hysterischer reagiert. Vorwürfe, Misstrauen, alles wird ausgebreitet, schon taucht der Verdacht auf, dass die ganze türkische Großfamilie nur vorgeschoben ist, um einen anderen zu treffen. Statt Familienfest also ein satter Streit, der zwar mit viel Selbstironie gespielt wird, sich aber auch zum entscheidenden Satz hochschaukelt: "Dann hau doch ab".

small town boy4 560 thomas aurin uDrum prüfe, wer sich bindet: Thomas Wodianka und Aleksandar Radenković  © Thomas Aurin

Die Schauspieler Niels Bormann und Mehmet Ateşçí schleudern diese Kaskaden heraus. Ihre Beziehungsphobie ist mit kulturellen Missverständnissen aufgepeppt. Aber das ist nur ein i-Tüpfelchen. Falk Richter wildert für "Small Town Boy", seiner ersten Arbeit am Berliner Maxim Gorki Theater, einmal mehr in Themen hyperindividueller Selbstfindung, in der Verbindlichkeits-Sehnsüchte stets von Ängsten durchkreuzt werden und eine diffus-überzogene Erwartungshaltung herrscht. Die finanz- oder wirtschaftspolitischen Absurditäten, die Richter zuletzt gerne mit der privaten Beziehungsebene abglich, werden hier nur angetippt. Die Mechanismen der Selbst- und Paarsuche kommen diesmal lange Zeit vor allem im Rahmen der sexuellen Identitätsbildung in den Blick.

Privatleben als Kunst

Da referiert Lea Draeger im Duktus der super-erfolgreichen Geschäftsfrau, dass sie nach dem saudischen Panzerdeal erst einmal 50 Seiten "Shades of Grey" liest, danach Murat, Ali und einen Analpropf braucht, um sich wieder als Frau zu fühlen. Oder gleich in der ersten Szene geben Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka ein schwules Paar, eine Zufallsbekanntschaft, in deren Gespräch über die letzte Nacht sich die Machtverhältnisse spiegeln: Die Frage, wieviel beschnittene Schwänze man schon hatte, hat nichts mehr mit Post-Coitum-Gesprächen zu tun, sondern dient als Prüfung, die natürlich nicht bestanden wird.

So explizit der Text die Dinge benennt, so abstrakt bleibt die Bühne: einige Tische, dazu ein Stahlkonstrukt, auf dem Boden Flokatiteppiche, auf denen sich die Schauspieler mal fläzen und Schallplatten durchstöbern. An die Rückwand sind Zwischentitel wie "Making of III: Grenzen überschreiten" oder "Youtubeyouporn Zombie" projiziert. Meistens wird an der Rampe gespielt, wo die Schauspieler vor allem aus dem Witzpotenzial Funken schlagen, etwa mit der Angst vor unsittlicher Berührung kleine Scherze treiben. Zeigt der Abend auf der Bühne verkrachte Möchtegern-Künstler, die ihr Privatleben zur Kunst erklären, oder geht es tatsächlich um Erinnerung an die Jugend in den Achtzigern, mit spießigem westdeutschen Elternhaus, wo die sexuelle Identitätssuche ihre Anfänge nahm? Also sozusagen dort, wo man homophobe Paranoia am ehesten wittert. Lange weiß man's nicht.

Putins Frontmachung gegen Homosexuelle

Irgendwann aber holt der Schauspieler Thomas Wodianka Fotos nach vorne, die den russischen Staatschef Wladimir Putin zeigen: mit Angela Merkel bei der Eröffnung der Hannover-Messe, mit seinem guten Freund Silvio Berlusconi, mit Anna Netrebko, die seinen Wahlkampf unterstützte. Schon wie Wodianka die Bilder aufstellt, lässt einen spüren: Das ist jetzt kein Spaß mehr, das ist bitterer Ernst. In seinem zehnminütigen Wut-Monolog kommt der Abend zu sich selbst, findet er sein wahres Thema. Stürzt sich nicht nur auf Putins Frontmachung gegen Homosexuelle, sondern zieht seine Kreise auch weiter zu denen, die ohne Not rechtskonservative Politik betreiben. Oder zu einer Medienwelt, die Anna Netrebko nach der Zumutung befragen, auf der Bühne eine alte Strickjacke zu tragen, aber ihre Unterstützung für Putin aussparen, während inhaftierte russische Schwule ganz andere Zumutungen erfahren.

small town boy1 560 thomas aurin uUptown Girl und Small Town Boy: Lea Draeger und Niels Bormann  © Thomas Aurin

Es ist eine Szene, die einem das, was gerade in der Realität geschieht, in einem anderen Licht erscheinen lässt, die das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger blass wirken lässt. Reicht das Bekenntnis "Ich bin schwul" schon aus, um ein Zeichen setzen? Natürlich nicht. Und so lässt Falk Richter seine Schauspieler vieles von dem aussprechen, was in der Realitätsdebatte verdruckst ausgespart wird.

Wodiankas Wutrede ist eine eigene Klasse für sich, der Anker dieses Abends, der sich inszenatorisch aufsprengt in unterschiedliche Spielszenen und Musikeinlagen, die nicht immer schlüssig verbunden sind. In satirische Überhöhung und dann wieder in Songs, interpretiert von Mehmet Ateşçí, der selbst aus den poppigen Beats des titelgebenden Bronski-Beat-Songs Smalltown Boy eine Ballade macht. Ja, Gefühle zeigen die Männer an diesem Abend auch, sie offenbaren dabei ein Pathos, das auch seinen Preis hat: Man mag ihnen die Gefühlslandschaften, wie es einmal heißt, nicht immer abnehmen. Aber – mit René Pollesch gesprochen: Scheiß auf Authentizität!


Small Town Boy (UA)
von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne und Kostüme: Katrin Hoffmann, Musik: Matthias Grübel, Dramaturgie: Jens Hillje / Daniel Richter.
Mit: Mehmet Ateşçí, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

Christine Wahl schreibt im Berliner Tagesspiegel (13.1.2014) das auf, was allen auffiel: "Super Timing", Falk Richters Arbeit wirke wie das Bühnenstück zum schwulen Coming-out des Ex-Fußballnationalspielers Thomas Hitzlsperger. Gut, das ist das.
Außerdem: "Small Town Boy" reflektiere über "schwule Identität", "Geschlechterkonstrukte", "Beziehungsmodelle und ihre Kollision mit 'diesem Wirtschaftssystem' ". Richter versuche, die "Lücke zwischen generös zur Schau gestelltem Freigeist und verschwiegenem Ressentiment" aufzuzeigen. "Geschlechterklischees" würden parodiert, die "Kippfigur zwischen Bekenntnis und Parodie" sei Richters Mittel par excellence und Niels Bormann ihr versiertester Agent. Bei Thomas Wodiankas "Wutbürgerrede" gegen die Homo-Diskriminierung von Putin und Konsorten fühle man sich wie bei einer Demo auf dem Alexanderplatz.

Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung (13.1.2014), der Abend biete ein "politisch unkorrektes Kulturprogramm mit kabarettistisch-satirischen Einlagen, lässig sortierenden Zwischentiteln und auflockernd-melancholischen Gesangseinlagen", mit pointiert "anwendungsbezogener Sprache". Die fünf Spieler spielten mit "Kraft und Einsatz", der sie "von jeder Scham" befreie. Thomas Wodiankas Hasstirade sei "bis in die grammatische Struktur" hinein "volksverhetzend, persönlich beleidigend, rassistisch und natürlich blasphemisch". Seidler fragt sich, wofür genau der explodierende Schlussapplaus eigentlich gespendet worden sei. "Von welcher Reflexionsebene wird dieser Abend gefeiert?" Sei es naiv, die Aussagen der Inszenierung ernst zu nehmen? "Als würde es auf deutschen Bühnen irgendetwas geben, das ernst gemeint, geschweige denn ernst zu nehmen wäre." Aber eben daran entzünde sich Richters Streitlust: "Dass uns Theatergängern alles wurscht ist." Deswegen sein "Gegenangriff mit Verletzungslust". Es handele sich bei "Small town boy" um "Theater, das mehr als Theater sein will". Darüber könne man sich aufregen, es erinnere auf diese Weise daran, dass es so etwas gebe wie: "Aufregung". Und dass man die wohl brauche, "um veränderbare Verhältnisse zu verändern".

Mounia Meiborg bekennt in der Süddeutschen Zeitung (13.1.2014), sie hätte diesen Abend gerne mögen wollen, aber Thomas Wodiankas zehnminütiger "Hass-Monolog" habe das zunichte gemacht. Falk Richter verwechsele "politisches Theater mit der Beleidigung von Politikern" und zeige, "dass Angehörige einer Minderheit auch nicht toleranter sind als alle anderen". Dabei sei alles bis dahin "hinreißend komisch". Mehmet Ateşçí singe "wunderschön", Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka spielten "rührende Liebesszenen". Klar auch, dass man, die Verlegenheit, die sich bei Sätzen wie "Wie war das, als ich mit deinem Loch gespielt habe?" einstelle, vielleicht "mal aushalten" müsse. Die Brandrede beginne bei "verfolgten und malträtierten russischen Schwulen" und ende damit, dass sie sich "über Ilse Aigner lustig macht, weil sie Single ist. Und über Erika Steinbach, weil ihr Vater abwesend war. Und Angela Merkel, weil sie keine Kinder hat." Man müsse annehmen, Falk Richter selbst spreche hier über "vermeintlich homophobe Politiker". Doch Erika Steinbach wegen ihres Privatlebens anzugreifen, sei "ungefähr ebenso geschmacklos wie deren krude Äußerungen über Schwule". Das sei ein falsches Signal.

Katrin Bettina Müller schwärmt in der tageszeitung (13.1.2014): Wann immer Mehmet Atesci singe, grundiere er die Stimmung sehnsuchtsvoll, die Dialoge dagegen schleuderten einen auf "konfliktgeladene Schauplätze". Es handele sich "teils um biografische Splitter, teils um Überschreibungen von Filmszenen oder Fassbinder-Interviews, wütende Reden". Der Ort der Sprechenden werde verwischt; man wisse nicht, ob die Figuren sich über "Klischeefiguren aus der Soap und ihre Floskeln" lustig machten, oder ob sie darüber erschreckten, "keine andere Sprache mehr als die vorformatierte zu finden". Thomas Wodianka gebe sich bei seiner Wutrede alle Mühe, nicht als Schauspieler, sondern als Empörter "vor uns zu stehen", der "das Publikum als Wegseher" anspreche. Lea Draeger biete eine "Karikatur der politisch mächtigen Frau und ihrer verkorksten Sexualität". Als gäbe es "zwischen Berlusconi und Merkel keine Unterschiede", werde die Unterstellung von "bizarrem Sex" zum "Instrument der Rache". Sicherlich stünden solche Auftritte für das Ziel des Gorki Theaters, "aus einem Konsens auszuscheren, der blind macht für die Teilhabe an ausgrenzenden Mustern und diskriminierender Politik". Doch wirke "Small Town Boy" zu sehr auf die Provokation hin kalkuliert.

"Wie schon in den vorangegangenen Arbeiten des neuen Leitungsteams, bestehend aus Shermin Langhoff als Intendantin und Jens Hillje als leitendem Dramaturg, werden sämtliche theatralen Mittel, die dem Postrealismus zur Verfügung stehen, wie Stromstöße eingesetzt, die den Besucher immer wieder unversehens aufrütteln", freut sich Tilman Krause in der Welt (16.1.2014) – und möchte keine der 110 Minuten missen. Die "Hasstirade gegen Putin und alle Homophoben, auch der westlichen Welt" am Ende habe "die Hauptstadt-Kritik, die jeden selbstreferentiell selbstgefälligen Castorf-Quatsch bejubelt", ja "nicht goutiert" – Krause dagegen findet: "Nach 2000 Jahren Schwulenunterdrückung wird man es wohl ertragen, wenn auf der Bühne jemand mal 20 Minuten lang verbal kräftig contra gibt."

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