Parallelwelt

von Steffen Becker

Stuttgart, 11. Januar 2014. Was für ein Kind waren Sie? Eines dieser coolen Kids, die die Reclam-Literatur der Romantik entweder "voll schwul" (Jungs) oder "super-kitschig" (Mädchen) fanden. Dann bleiben Sie weg aus Stuttgart. Oder waren sie jemand, der Dark Wave hörte, die Computerspiele von American McGee mochte und fest überzeugt war, dass die guten Freunde der Eltern in Wahrheit böse sind? Die Anreise für das Stück "Doppelgänger" könnte sich lohnen. Regisseur David Marton spielt darin mit E.T.A Hoffmann, Klängen von Robert Schumann und anderen sowie einer Misch-Besetzung aus klassischen Schauspielern und Musikern. Eine Geschichte erzählt er nicht. Anhand von Motiven der Romantik in Hoffmanns und Schumanns Werken erforscht er die Gedankenwelt der Epoche.

Der Doppelgänger

Das titelgebende Motiv springt einen schon im Aufmarsch der Darsteller an. Sie tragen im Doppelpack ähnliche Kleidung. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die Muster der bunten Blusen unterscheiden sich, ebenso die Details der braunen Anzüge. So einfach-plakativ macht es das Stück dem Zuschauer im weiteren Verlauf nicht mehr. Schritt für Schritt wird der Doppelgänger eine Chiffre für das Andersartige, die Sehnsüchte, das Verborgene in einem Selbst. Und das trägt mitunter die Fratze der Mordlust. Etwa dann, wenn Holger Stockhaus von Sopranistin Léa Trommenschlager eine Lesung aus den "Elixieren des Teufels" verlangt – die Stelle, als der Protagonist in der Rolle seines Doppelgängers die Mutter seiner Angebeteten tötet – und unzufrieden über die mangelnde Leidenschaft des Vortrags und erbost über das Nörgeln an der Adjektiv-Häufung des Textes sein Messer zückt.

In gewisser Weise trifft das Motiv auch die Herangehensweise von Regisseur Marton an seine Vorstellung von Musiktheater. Musik ist für ihn nicht die Verlängerung von Sprache, sondern eine Parallelwelt. Für die Illustration dessen sind die Stücke Schumanns perfekt geeignet, erweitern sie das Motiv doch um eine weitere Ebene. Schumanns in späteren Jahren zerrütteter Geist lässt sich aus der Perspektive des Dichters Hoffmann und des Regisseurs Marton als böser Zwilling lesen – und schon zu Hochzeiten seines Schaffens schrieb der Komponist von seinen zwei Seelen.

doppelgaenger2 560 paul friedlaender u"Doppelgänger" in Stuttgart: beschattet vorne Holger Stockhaus  © Christian Friedländer Auch dramaturgisch betrachtet übernimmt die Musik die Rolle eines Doppelgängers im Sinne der Romantik: Mit lediglich anderen Mitteln als das Wort erfüllt sie die gleichen Funktionen: Stimmungen erzeugen und wechseln, Figuren zusammenführen und auseinanderreißen.
Die Rollenteilung gelingt auch den Darstellern, wenn sie die Grenzen ihrer erlernten Kunst überschreiten. Sie erledigen ihre Aufgabe so souverän, dass man teilweise erst das Programmheft bemühen muss, um die Professions-Herkunft zu erfahren. Trotzdem geht Marton auf Nummer sicher und schreibt Holger Stockhaus als einzigem Schauspiel-Ensemble-Mitglied die meisten Nicht-Musik-Parts zu. Der schultert die Verantwortung allerdings auch mit Ausdrucksstärke, Vielseitigkeit, Charisma und humoristischem Talent.

Das Dunkle

Die schwarze Romantik kommt im "Doppelgänger" vor allem im Gewand der Beklemmung daher. Die Bühne erzeugt durch wildes Patchwork Unruhe – die verschiedenen Vorhänge, mal durchsichtig, mal blickdicht, die zu klein geratene Wellblechkirche am Rand, der strahlend weiße Raum mit den leeren Bilderrahmen, der zur Dunkelkammer wird. Die vielen Details, zu denen sich im Laufe der Inszenierung immer neue gesellen, kreieren durch ihre Surrealität Anspannung und ein "etwas ist faul"-Gefühl.

Mehr Nostalgie

Die Bühne bedient auch den Wunschtraum nach der alten, aber funktionierenden Welt – um von dieser Vorstellung sogleich den illusionierenden Vorhang wieder wegzzuziehen. Marton setzt etwa einen alten Diaprojektor ein, mit dem er das romantische Bildnis einer geheimnisvollen Nackten auf den Sänger Thorbjörn Björnsson werfen lässt. Pianist Stefan Schreiber (gleichzeitig musikalischer Leiter) erhofft sich die Erfüllung seiner Begehrens – bis ein Kuss die Fantasie jäh zerreißt.

Mehr Nostalgie im Sinne einer weniger wechselfreudigen Dramaturgie hätte man sich hingegen als Zuschauer gewünscht. Gerade bei einem Abend über eine derart gefühlsbetonte Epoche hätte man die Emotionen des "Doppelgängers" gerne stärker ausgekostet. Mit zunehmendem Verlauf meint David Marton allerdings, fehlende Handlung durch Abwechslung mittels immer rascher aufgefahrener spaßiger Brechung wie dem Nachspielen eines amerikanischen Verführungsratgebers kompensieren zu müssen. Das produziert manche Albernheit, die man nur schwerlich als böser Zwilling der melancholischen Grundstimmung durchgehen lassen mag.

 

Doppelgänger
Musiktheater nach Motiven von E.T.A Hoffmann
Regie: David Marton, Musikalische Leitung: Stefan Schreiber, Bühne und Kostüme: Christian Friedländer, Licht: Henning Streck, Live-Elektronik: Daniel Dorsch, Dramaturgie: Anna Haas, Annika Stadler.
Mit: Thorbjörn Björnsson, Paul Brody, Marie Goyette, Léa Trommenschlager, Stefan Schreiber, Nurit Stark, Holger Stockhaus.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

David Marton habe mit "Doppelgänger" ein "riesiges Fass aufgemacht", meint Susanne Benda in den Stuttgarter Nachrichten (13.1.2014). In ihm steckten u.a. "die Romantik als Zeit fantastischer Realitätsfluchten und erfundener Parallelwelten, in der sich Religion und Kunst verbrüderten. Darüber hinaus wagt das Stück eine formale Volte: nämlich eine Autonomisierung der Klangkunst in einer neuen Art von Musiktheater." Der Abend leide "unter der Last dessen, was er alles auch sagen will, und so gelangt er nicht über hübsche Assoziationsketten hinaus." Zum Glück aber habe Marton "eine reiche Fantasie, die den Abend dennoch kurzweilig macht." Es fehle Martons "musiktheatralischer Selbstbespiegelung noch etwas Stringenz", doch sie habe "auch Reiz und Eigenart".

"Wie in einem lose verwobenen Essay" schreite Marton "durch die Geistes- und Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts, greift verschiedene Motive auf, kombiniert sie in loser Folge und wandelt dabei auf dem schmalen Grat zwischen kitschiger Überzeichnung, albtraumhaftem Surrealismus und psychologischer Durchdringung", schreibt Markus Dippold in der Stuttgarter Zeitung (13.1.2014). An "oft nur minutenkurzen, exaltierten Szenen" zeige sich, wie "genial" Marton das "heterogene Ensemble führt, wie viel Schauspielkunst er aus den Sängern und Instrumentalisten herausholt." Nur im letzten Drittel schienen der Regisseur und seine Mitstreiter "der Suggestivkraft des Konzepts nicht mehr zu vertrauen", was "dem szenischen Arrangement leider einiges von seiner beklemmenden Wirkung" nehme.

Von einem "wenig suggestiven Brei aus Schumann-Liedern und Bühnen-Spuk" schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (14.1.2014). David Martons beste Arbeiten hätten konzise Vorlagen gehabt. "Nun jedoch bastelt er im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart selbst etwas zusammen" und verheddere sich dabei "grässlich in einem Geflecht der szenischen und inhaltlichen Beliebigkeit, in dem zwar immer wieder wundersame Momente auftauchen, das sich aber letztlich nur um ein vages Raunen von Düsternis, Sehnsucht und Verzweiflung legt."

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