Ereignet euch!

von Martin Pesl

Wien, 15. Januar 2014. Er ist der jüngste Klassiker im Weltliteraturkanon. Beweis: Sogar die jahrhundertealte Vampirlady im Jarmusch-Film "Only Lovers Left Alive" packt "Unendlicher Spaß" in ihren erlesenen Lektürekoffer. Obwohl es den Mitte der Neunziger fertiggestellten Romanwälzer auf Deutsch erst seit vier Jahren zu lesen gibt, haben sich die Theater schon aufs unterschiedlichste an diesem Erbstück des postpostmodernen Genies David Foster Wallace, das sich 2008 das Leben nahm, abgearbeitet.

Großer Roman, kleine Spielstätte

In Österreich gönnt sich den "Spaß" als erste die kleine Garage X. Sie fasst rund 100 Zuschauer, und auch der Platz auf der Bühne erzwingt einen Minimalismus, der angesichts der zu bewältigenden Stoffmasse fast wie Hohn wirkt. Da erzählt Wallace in sehr, sehr vielen sehr, sehr klugen und pointierten Sätzen von Amerikas Freizeitgesellschaft, von Drogensucht und Depression, extremer Schönheit und extremer Hässlichkeit. Und diese 1545 Seiten sollen nun reduziert werden auf fünf Schauspieler und ein paar Tennisbälle, die den Schriftzug "WELCOME" formen?

unendlicherspass4 560 yasmina haddad uAm längeren Ende der Freizeitgesellschaft: Karim Chérif, Thomas Feichtinger und Julia Jelinek
© Yasmina Haddad

Tennis war der Sport des David Foster Wallace, Tennis bietet seinem Plot den Rahmen. Und mit sportlichem Ehrgeiz stellt sich Regisseurin Christine Eder den unfairen Größenverhältnissen. Die Fassung, die sie mit Anna Laner und Meike Sasse erstellt hat, lässt nichts Wichtiges von der komplexen, in nicht so ferner Zukunft angesiedelten Handlung aus. Auch wer das Buch nicht kennt, wird im Wesentlichen seinen Weg über die von der filmaffinen Familie Incandenza geführte Bostoner Tennisakademie durch das nahegelegene Suchtzentrum zu den frankokanadischen Terroristen finden, die sich ihre Unabhängigkeit von Nordamerika mithilfe der Masterkopie eines tödlich unterhaltsamen Films erkämpfen wollen.

Grimassen und Quirligkeiten

Die "vollkommene Unterhaltung", die zahlreiche Menschen zur Verwahrlosung getrieben haben soll, scheint auch Christine Eders Inszenierung anzustreben. Ihr ordnet sie jede Chance auf inhaltliche oder formale Profilierung unter. Das Regiekonzept erschöpft sich in den Basics der Romanadaption: Einer erzählt, die anderen bebildern, wahlweise durch Nachahmung, Aufmalen, Schatten- oder Puppenspiele. Der Eloquenz von Wallace und seinem Übersetzer Ulrich Blumenbach steht auf der Bildebene eine Unmenge an Grimassen und Travestien, Zuckungen und Quirligkeiten gegenüber, dem sprachlichen Witz unendlicher Spaß. Beides in rasendem Tempo, schließlich hat man keine Zeit zu verlieren, es gilt, viel Romanhandlung durchzubringen.

Das verlangt dem Ensemble Kondition ab, dafür darf es einen Großteil des Textes von strategisch geschickt positionierten Zetteln und einem Teleprompter ablesen. Zur Unterscheidung der zig Figuren behilft es sich mit möglichst unaufwändigen Kostümwechseln und Requisiten und plündert dabei nach und nach die Tennisbälle aus dem Grußwort, etwa um einem Undercoveragenten Brüste für seine Verkleidung als Journalistin zu verschaffen.

unendlicherspass2 560 yasmina haddad uFitness und Finesse: Karim Chérif (vorn) mit Tim Breyvogel © Yasmina Haddad

Gelegen kommt dabei auch die vom kindlich naiven Mario Incandenza beklagte "Vorschrift, dass echte Sachen nur erwähnt werden dürfen, wenn man gleichzeitig die Augen verdreht". Denn umfassende ironische Distanzierung verhindert, dass man in jede Szene allzu intensiv eindringen muss – und sie bringt Lacher. Entsprechend selbstironisch wird nach zweieinhalb Stunden ein Schild hochgehalten: "Bedenken Sie, Sie befinden sich in Ihrer Freizeit." Wäre nicht nötig gewesen, ist doch eh lustig.

In der Spitzensportlerschmiede

Zum Glück sind die echten Sachen zuweilen stark genug, sich durchzusetzen, dank spielerischer Finesse: Karim Chérif findet die richtige Präsenz für Teenager Hal Incandenza, der hochbegabt ist, aber nichts empfindet, und holt andererseits den ganzen verführerischen Stolz des beinlosen québecischen Separatisten aus dessen französischem Akzent heraus. Schlichtweg virtuos nutzt Bernhard Dechant den unbeholfenen Kunstsprech in der Motivationsrede des Tennistrainers aus Deutschland ("Ereignet euch!"), um das verbissene Streben seiner Spitzensportlerschmiede ad absurdum zu führen. Solche Momente, in denen die Unmöglichkeit, Fühlen und Denken zu vereinen, gnadenlos offenliegt, sind Wallace pur.

Ebenso wie Wallace dem Leser einen befriedigenden Abschluss verwehrt (in diesem Sinne konsequent Un-Endlichkeit verfolgend), wird einem auch an diesem Abend keine Klimax geschenkt. Ein im Chor gesprochener Aphorismus über Tennis und das Leben schraubt abrupt einen Verschluss auf 200 Minuten des Zugetextetwerdens auf hohem Niveau. Das Publikum bejubelt eine in erster Linie sportliche Leistung (auch die eigene) und kann dank "Eye of the Tiger"-Untermalung gar nicht anders als zu fühlen, die Heimmannschaft habe heute Abend gewonnen.


Unendlicher Spaß (ÖEA)
von David Foster Wallace
Deutsch von Ulrich Blumenbach
Bühnenfassung: Christine Eder, Meike Sasse, Anna Laner
Regie: Christine Eder, Ausstattung: Monika Rovan, Musik: DJ Patex, Dramaturgie: Anna Laner.
Mit: Tim Breyvogel, Karim Chérif, Bernhard Dechant, Thomas Feichtinger, Julia Jelinek.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.garage-x.at

 

Mehr Umsetzungen von Unendlicher Spaß: Matthias Lilienthal lud 2013 zahlreiche Künstler ein, um mit dem Wallace-Roman den Abschluss seiner Intendanz am Berliner HAU zu zelebrieren. Bettina Bruinier zeigte ihre Adaption 2012 am Münchner Volkstheater.

 

Kritikenrundschau

Für Norbert Mayer von der Presse (17.1.2014) ist schon der "Roman mit seiner barocken Anmutung eine schwierige Lektüre". Und auch Christine Eders Inszenierung "strapaziert die Ausdauer von fünf zum Entzücken engagierten Darstellern total". Sie vollführten "einen tollen sprachlichen Sprint durch diese Unendlichkeit von Sucht, Missbrauch, Gewalt und Einsamkeit". Dabei sei es "ein Wechselbad: Die Dramatisierung ist halbherzig, weil sie zu viel will. (...) Mehr Mut zur Lücke hätte mehr Spaß am Absurden bedeutet." Manches wirke außerdem noch "wie eine szenische Lesung, in der erst Sinn erspürt werden muss". Wenn die Spieler aber "ihr komödiantisches Können aufblitzen lassen, (...) wenn sie alle lustvoll Travestien zelebrieren oder Sketches spielen, die ganz spontan wirken, dann ergibt das Fasching auf sehr hohem Niveau".

"Mit dem Titel hat man es hier (...) etwas zu ernst genommen", findet Stella Reinhold vom Kurier (17.1.2014). "Schier unendlich" komme einem die Bühnenfassung vor. Dan der "hervorragenden" Schauspieler, "die in dieser Theater-Tour-de-Force keinerlei Schwäche zeigen", käme der Spaß aber nicht zu kurz, auch wenn er "mal etwas zu schrill oder zu gewollt daherkommt. Unendlicher Spaß eben." Der Text werde "runtergerattert, als ob es kein Morgen gäbe. Kein Wunder bei der Länge".

Von einer "äußerst kurzweiligen, die 90er Jahre als uferlose Kulisse atmenden Aufführung" schreibt Margarete Affenzeller im Standard (21.1.2014). Die Inszenierung von Christine Eder bleibe dem collagehaften Gebilde des Romans auf der Spur. "'Unendlicher Spaß' ist ein aufrichtiges Unterfangen und ein weiteres Verdienst der Garage X um den Import von Popliteratur ins Theater."

Was hat "Unendlicher Spaß" auf der Bühne zu suchen, fragt Sebastian Fasthuber im Falter (4/2014, 22.1.2014) und wundert sich selbst, dass er Eders Inszenierung "am Ende" einen "ziemlich fulminanten Erfolg" bescheinigen muss. Es gelinge der Regisseurin, die vielen Handlungsstränge so zu montieren, "dass man am Ende ein ziemlich akkurates Bild davon hat, worum es Wallace ging"; man merke der Inszenierung an, dass sie sich auf den Text "eingelassen" habe, weshalb sie auch zu lang geworden sei. Die "großen Gewinner" seien die fünf Schauspieler, die Wallace' Werk als "todtraurige Gaudi" "hochleistungsperformen", was ihm gut entspreche.

 
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