Wer vollstreckt, leidet nicht

von Christoph Fellmann

Zürich, 16. Januar 2014. Ich bin nicht Frisch. Gut möglich, dass der Autor die Autorschaft dieses Abends weit von sich weisen würde. Nun, man kann Max Frisch nicht mehr fragen, der 1991 gestorben und dessen letzter Roman, der hier auf seine alte Heimatbühne kommt, schon 1964 erschienen ist. Aber dass er zuletzt nun selber auf der Bühne stehen würde, entblößt als "Max", wie ihn die Fassung von Dušan David Pařízek und Roland Koberg nennt, das wäre ihm vermutlich unangenehm, im Mindesten. Und so nimmt er ganz am Schluss, kurz bevor das Licht ausgeht, seine übliche Zuflucht in die Erfindung und sagt: "Mein Name sei Gantenbein."

Unter den Kleidern sind alle gleich

In diesem Roman, so haben wir es in der Schule gelernt und weiß es auch Wikipedia, stellte Max Frisch die "Frage nach der Identität eines Menschen und seiner sozialen Rolle". Tatsächlich hat Frisch mit Theo Gantenbein eine Figur erfunden, die nicht nach sich selbst sucht, sondern nach ihren Versionen. Bloß, was will man darüber noch erzählen, heute, nachdem die Popkultur, die Postmoderne und der Neoliberalismus alles auseinandergetrieben haben, was man über gesicherte Biografien wusste? Dušan David Pařízek versucht auf der Zürcher Pfauenbühne gar nicht erst, die multiple Identität seiner Hauptfigur nochmals zum Ereignis zu beschwören. Lieber legt er die Liebesgeschichte frei, die dahinter angelegt ist. Und was er herausfindet, ist traurig: Vis-à-vis der Liebe spielen alle, alle Menschen immer die gleichen Rollen. "Wir probieren Geschichten an wie Kleider", sagt Gantenbein im Roman. Nur zu, sagt Pařízek, aber unter diesen Kleidern sind wir alle gleich, und selbst Max Frisch konnte nicht aus unserer Haut. Als der Satz nach etwa zwei Stunden fällt, sind die drei Männer nackt bis auf die Unterhose.

gantenbein 1483 560 toni suter t t fotografie u© Toni Suter / T+T Fotografie

Männer ohne Eigenschaften

Gantenbein, Enderlin und Svoboda sind Männer ohne Eigenschaften, die über die Eigenschaften des Mannes (an und für sich) hinausgehen würden. Und Lukas Holzhausen, Michael Neuenschwander und Siggi Schwientek kreisen an diesem Abend um eine einzige Frau, um Lila, die bei Miriam Maertens so leer bleibt, wie es nur geht, wenn ein Mensch auf der Bühne steht. Dieses Kreisen dauert zu Beginn etwas lange, bevor der Abend schließlich an Präzision gewinnt und das Personal bald ziemlich damit beschäftigt ist, sich die dunklen Anzüge anzuziehen wie eine immer gleiche Geschichte. Dreiteiler trägt man zum Flirt, Dreiteiler trägt man zum Liebesalltag, und Dreiteiler trägt man zum Selbstmitleid. Und Dreiteiler trägt auch die Frau. Klar, manchmal zieht man sich auch aus, und dann singt Marvin Gaye sein Let's Get It On. Die ewige Liebe, seufz.

Doch es ist insgesamt ein überraschendes und kluges Theater, das Pařízek über der fünfzigjährigen Partitur dieses Romans spielen lässt. Nur schon, wie er diesem doch sehr absichtsvoll geschriebenen Text eine ganz neue Lesart abgewinnt, ist eine große Leistung. Allerdings noch besser ist, dass er am Ende dann doch wieder ganz bei Max Frisch landet. Gut, dass an diesem Abend alle Hornbrillen tragen und an Tabakpfeifen suckeln – geschenkt. Dass dann aber doch nur ein einziges Rotweinglas auf der Bühne steht, ist schon mal ein Hinweis auf die Einsamkeit, die bei allem amourösen Betrieb aus diesem Roman dringt. Und als Siggi Schwientek in einem prekären A capella das ewige "Non, je ne regrette rien" von Edith Piaf singt, steht er als Svoboda im Kleid von Lila da – Verlassener und Verlassende in einer Person. In einer Verzweiflung.

Der unkorrumpierte Blick von und auf Frisch

Dušan David Pařízek bewundert und zeigt ihn, den unvergleichlich unkorrumpierten Blick, den Max Frisch auf die Menschen hatte, und lässt ihn in vielen grandiosen Romansentenzen glänzen. Doch er blickt ebenso unkorrumpiert zurück und zeigt auch das Selbstmitleid und die Todesangst dieses Romans (und seines Autors), der froh nur im Zynismus ist. Und seine durchdringende Melancholie, was die Liebe betrifft: In einer späten Volte des Abends steht Gantenbein ganz alleine da zwischen den drei Frauen, zu denen sich seine Lila aufgespalten hat. Als der Roman herauskam, hatte Frisch eine erste Ehe hinter sich und gerade seine Beziehung mit Ingeborg Bachmann beendet, um mit seiner zukünftig zweiten Frau ein Haus im Tessin zu beziehen. Irgendwann sagt Enderlin: "Es geht immer nur darum, wer den Abschied vollstrecken kann, um ihn nicht zu erleiden."

Und so behaftet Pařízek also auch den Autoren auf die große Erzählung dieses Abends; auf die immer gleiche Art, wie sich die Menschen die Hand auf den Hintern legen, um irgendwie zusammen zu kommen. "Leben gefällt mir –." Den berühmten letzten Satz des Romans, bevor er abbricht, den lässt Pařízek weg und in den Abgrund eines dunklen Abends am Rande einer großen Depression fallen.

"Ein Hund hat's gut", sagt Svoboda. Und Gantenbein: "Genau, Herr Subotic."

 

Mein Name sei Gantenbein
nach Max Frisch, Fassung: Dušan David Pařízek und Roland Koberg
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Políková, Licht: Ginster Eheberg, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Miriam Maertens, Lukas Holzhausen, Michael Neuenschwander, Siggi Schwientek.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Parizek nutzt Frischs szenischen, mit Regieanweisungen gespickten Roman für ein furioses Bühnenspiel der Eitelkeiten, schreibt Julia Stephan in der Aargauer Zeitung (18.1.2014) und findet es "geistreich, wie Parizek die drei Männerrollen nicht wie im Roman isoliert als drei Lebensentwürfe vorstellt, sondern sie auf der Bühne enger zusammenrücken lässt. Dieser Frisch sei "Seelenstriptease bis auf die nackte Haut und ein weiterer Beweis: Klassiker sind bei diesem Regisseur in guten Händen."

"Die Möglichkeitsform, der alles beherrschende Konjunktiv, weicht einem flotten, real existierenden Lustspiel", schreibt Wolfgang Bager im Südkurier (18.1.2014). "Nichts wird infrage gestellt." Vielleicht sei dieser Roman denkbar ungeeignet für die Dramatisierung auf der Bühne. "Frischs komplizierte Fantasiekonstrukte bedürfen der ausholenden Erzählung, Dialoge sind eher selten." Beides seien keine guten Voraussetzungen für das Theater. "Es sei denn, man macht es sich so einfach wie Dušan David Pariser." Dem es offenbar vor allem der Satz "Ich probiere Geschichten an wie Kleider"angetan habe. "Oh, hätte Gantenbein das doch lieber nie gesagt", ruft der Kritiker aus. Max Frisch habe viele erzählerische Kleider anprobiert. "Den Komödienschreiber wollte er sich aber wohl nie anziehen."

"Der Max-Frisch-Text ist eine famose Einladung zum Spiel, das Theater hat sie grandios aufgenommen, das Publikum darf sie vergnügt-besinnlich weiterspielen", freut sich Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (18.1.2014). Der Abend finde eine überzeugende Balance zwischen Ernst und Komik. "Man lacht sich krumm, wenn Enderlin das Macho-Training für Gantenbein antreibt und die wilden Soufflierversuche zum gut getimten verbalen Slapstick werden." Und als Siggi Schwientek – in Lilas Frauenkleid und Stöckelschuhen – zum Piaf-Song "Je ne regrette rien" anhebt, möchte der Rezensent heulen, weil jeder Ton und jedes Wort gleich zu zerbrechen droht. "Kein Hauch von Parodie. Reine Zartheit einer verletzlichen Seele, die sich nur so ausdrücken kann."

Kommentar schreiben