Fast Fasching

von Eva Biringer

Berlin, 18. Januar 2014. Rebekka Kricheldorf, Jahrgang 1974, interessiert sich für das, was zum Vorschein kommt, wenn ihre Figuren die erlernten Konventionen ablegen und die Natur über die Zivilisation triumphiert. In ihrem neuen Stück "Alltag und Ekstase", einem Auftragswerk für das Berliner Deutsche Theater, prüft sie die Behauptung, jede Gesellschaft brauche für ihr Fortbestehen den temporären Rausch. Schauplatz ist ein schlichtes, ovales Holzgestell (Bühne: Claudia Kalinski), eine Art Boxring für den Clash der Kulturen.

Janne, der eingebildete Asthmakranke (Jannek Petri), ist Ende dreißig und irgendwo im Selbstoptimierungsprozess stecken geblieben. Über seine Ex-Freundin Katja (Franziska Machens) reicht es, festzuhalten, dass sie das Magazin "Nido" liest (Anlaufstelle für junge Eltern mit Coolness-Komplex) und sich durch einen Klingelton von Feist ihrer Kultiviertheit versichert. Jannes Mutter Sigrun (Judith Hofmann) ascht die Selbstgedrehten in den Taschenaschenbecher und trägt einen gewiss ökologisch produzierten Wollpullunder im Feel-Good-Schnitt (Kostüme: Sabine Thoss).

Spaßakku-Aufladung mit japanischem Liebhaber
Alle sind selbstreflektiert und Gesprächstherapie-geschult und nehmen das Rosinenproblem (Müsli mit oder ohne?) genauso ernst wie die Analyse des richtigen "Fick-Tempos" und das "König-Drosselbart-Syndrom" (wer dieses nicht kennt, informiere sich online in Frauenselbsthilfeforen). Beste Voraussetzungen also für ein harmonisches Patchwork-Familien-Leben, oder? Mitten hinein in diese konsens-verseuchte Idylle platzt Takeshi, der japanische Geliebte von Jannes Vater Günther (Harald Baumgartner, der Sätze wie "Du hättest ruhig mal darüber nachdenken dürfen, dass die Entwürfe sexueller Identität kulturell bedingten Abweichungen gehorchen, was du allerdings nicht tatest, so grob, wie du teutonischer Elefant das Porzellan-Regal der asiatischen Gesichtswahrung umposaunt hast" zum Besten gibt).

AlltagEkstase1 560 ArnoDeclair hJa mei! Oktoberfest oder Theater oder ein bisschen von beidem? "Alltag und Ekstase" am DT Berlin. © Arno Declair

Thomas Schumacher als Takeshi sieht aus wie Brad Pitt in "Fight Club" und kann auch die zweite Strophe von "Im Frühtau zu Berge" auswendig. Seiner Meinung nach muss der Mensch sich von Zeit zu Zeit entäußern, weswegen er bei Günther sein Spaßkonto auffüllt, während zu Hause in Tokio seine Ehefrau wartet. Zunächst wehrt sich Janne, der zur Betreuung des Gastes verdonnert wurde, gegen diesen kulturellen Übergriff auf seine Lebensweise ("ich kann immer Spaß haben"). Plötzlich findet er sich zwischen Lederhosenträgern im Festzelt wieder, darüber rätselnd, ob das Bier ein regionales Erzeugnis ist, bis es schließlich zum ritualhaften Zeitlupenkampf mit Takeshi kommt ("Fight Club", wie vermutet!). Es ist ein langer Weg vom Alltag zum befreienden Rausch: Erst unter dem Einfluss halluzinogener Pilze und mit einem Bocksgeweih auf dem Kopf kann Janne einmal ganz unironisch eskalieren.

Warum es sich auszurasten lohnt
Heimliches Zentrum von Daniela Löffners Uraufführung ist River, die Tochter von Katja und Janne. Wo die Vorlage nur indirekt, etwa durch herumliegende Kleidungsstücke, auf die Existenz eines Kindes verweist, integriert Löffler diese River (Nermina Jovanovic) als pupsenden, Marshmallow essenden Störfaktor in das Geschehen. Schon ihr Name ist eine Ungeheuerlichkeit (und Ausdruck mütterlicher Egozentrik). Diese River spricht nicht, spottet nur, und ihr himmelschreiendes rosarotes Outfit (blinkende Turnschuhe!) in Kombination mit Sigruns Aussage, sie "fresse ständig, fresse Dinge, von denen selbst einem Elefant speiübel werden würde", ruft die Assoziation an den sprichwörtlichen Rosa Elefanten wach, der umso präsenter ist, je mehr man versucht, nicht an ihn zu denken. Während der Japaner Takeshi mit seiner doppeldeutigen Auslegung von Scham die deutsche Kultur und insbesondere jene der ach so unverklemmten Gastgeber in Frage stellt, markiert River als übergewichtiges Pubertätsmonster das unkontrollierbare Moment von Körperlichkeit, wenn man so will: von Natur.

"Ein Sittenbild" nennt die Autorin ihr Stück, das die Lehre des Tugendgegners Robert Pfaller ("Wofür es sich zu leben lohnt") ebenso zitiert wie anthropologische Ritentheorien und die Drogenpraxis indigener Völker. Es gebe, so Kricheldorf, praktisch keine soziale Gemeinschaft, die ohne Formen der Ekstase auskäme: "Irgendeinen Budenzauber hat jedes Volk im kulturellen Repertoire." Rebekka Kricheldorf wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Der dort ansässige Menschenschlag ist bekanntlich sehr sittlich und arbeitsam, außer einmal im Jahr, zur Faschingszeit. Dann tragen die Leute Masken und Narrenkappen, trinken bis zum Umfallen und grölen Lieder von Wolfgang Petry. Es scheint ihnen gut zu tun.

Alltag und Ekstase. Ein Sittenbild (UA)
Von Rebekka Kricheldorf
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabin Thoss, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Jannek Petri, Harald Baumgartner, Judith Hofmann, Thomas Schumacher, Franziska Machens, Nermina Jovanovic/Zoë Seelig.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Christine Wahl schreibt im Berliner Tagesspiegel (19.1.2014), Kricheldorfs neues Stück sei ein "äußerst witziger Kommentar zum allgegenwärtigen Selbstoptimierungszwang". Und wenn die Schauspieler zu "dröhnendem Ethno-Sound als rituelle Baströckchen-Combo über die Bühne hüpfen", bleibe kein Auge trocken. Angesicht des "ästhetischen Puismus" vieler "gegenwartsdramatischer Uraufführungen" sei Löffners Ansatz "mutig". Bloß versacke die eine oder andere Kricheldorfsche Pointe "hoffnungslos" in diesem "szenischen Aktionismus". Auch Löffners "großes Talent zur Schauspielerführung" werde nur in einigen Fällen deutlich. Kricheldorfs Humor speise sich aber nicht aus "dieser reinen Oberfläche". Andererseits machten Kricheldorfs Figuren in Löffners Lesart dann doch "ziemlichen Spaß".

Es ist spannend und hat viel Slapstick, wie die Regisseurin Daniela Löffner die Sinnsucher in Rebekka Kricheldorfs neuem Stück "Alltag & Ekstase" am Deutschen Theater mit Fleisch und Blut füllt, so Simone Kaempf in der taz Berlin Kultur (20.1.2014). "Wie sie deren Tiraden psychologisch anpackt, die karikaturenhaften Überzeichnungen mit Empathie verbindet. Oder aberwitzige Szenenwechsel vom Himalaja auf eine Blumenwiese mit Licht- und Musikwechsel so atmosphärisch gleitend hinzaubert, dass wie nebenbei klar wird, warum sich die großen Theater in Berlin, Zürich oder München längst für die Nachwuchsregisseurin interessieren."

Eine "unterhaltsame, aber unerhebliche Pointen- und Klischeejonglage" sei der Abend geworden, findet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (20.1.2014). Die Figuren treffen in einer ovalen Manege aufeinander, die durch wechselnde Lampenschirme in verschiedene Spielorte verwandelt werde. "Man könnte das alles aufladen mit den Luxus-Diagnosen der postmodernen Zeit, in der die Menschen zerrissen werden zwischen der Sehnsucht nach einem frei verwirklichten Selbst und der Sehnsucht nach dem sozialen Halt", aber eigentlich sitze man da und verplempere die wenige Zeit, die diese Spätphase des Bürgerlichen bis zum wirtschaftlichen Zusammenbruch noch zu bieten habe.

"Wenn die asiatisch-deutsche Bevölkerung sich ebenso schnell aufregen würde wie die Afrodeutschen, dann müsste sie gegen das Stück "Alltag & Ekstase" demonstrieren.", schreibt Matthias Heine in der Welt (31.1.2014). Doch im Berliner Theaterpublikum gebe es deutlich weniger asiatischstämmige Menschen als unter amerikanischen Fernsehzuschauern. Es könne also sein, dass Thomas Schumacher mit seinem "Yellowfacing" durchkomme. "Zumal er das ganz wunderbar macht." Rebekka Kricheldorfs Stück erinnere bestimmt jeden durch jeden an jemanden, "aber die Bühnenfiguren sind dank der schamlosen Übertreibung natürlich viel witziger als das Leben." Endlich sei Kricheldorf, deren Stücke sonst eher in "Mittelstädten" gespielt würden, in Berlin angekommen, "wo sie lebt und wo ihr großes Talent und diese Art von Humor hingehören".

 

 

 
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