Bumsti!

von Wolfgang Behrens

Dresden, 18. Januar 2014. "Bumsti!" Das ist wohl die kürzest-mögliche Formel, auf die man Karl Kraus' 800-seitiges Monsterdrama "Die letzten Tage der Menschheit" bringen kann, gewissermaßen eine Ein-Wort-Inhaltsangabe. "Bumsti": die beim Ausatmen genießerisch nachgeschmeckte Lautmalerei für eine Explosion, das zynisch knappe sprachliche Zeichen für einen alles zerfetzenden Tod. Irgendwo in diesem kaum überschaubaren Textgebirge – nämlich in der 29. Szene des 4. Aktes, in meiner Ausgabe auf Seite 506 – legt Karl Kraus der Figur des Nörglers, mit der er sich selbst in sein Drama hineinschrieb, den Satz in den Mund: "Dieser Heros, der 'Bumsti!' rief, als er im Kino Soldaten fallen sah, dieser Ehrendoktor der Philosophie, dieser Kretin war der Marschall unseres Verhängnisses."

Blähsucht, Hohlheit, Grobheit, Täuschung

Mit diesem "Bumsti!" wird nicht der Krieg dargestellt. Vielmehr zeigt es, auf welche Weise sich der Krieg in die Sprache einschreibt. Überhaupt sind "Die letzten Tage der Menschheit" nicht eigentlich ein Stück (sofern man hier von einem Stück reden kann) über den Ersten Weltkrieg, sondern darüber, was der Krieg mit der Sprache macht und wie die Sprache Krieg macht, wie sie den Krieg aus sich heraustreibt. Mit einzigartigem dokumentarischem Furor hat Kraus das Sprachgeräusch des Krieges mitstenographiert und so die tägliche sprachliche Inkompetenz offengelegt: Blähsucht, Hohlheit, Grobheit, Täuschung, Selbsttäuschung, Kurzschluss und Zerfall. "Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden" – so heißt es in Kraus' Vorrede zum Drama – "sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr eingeschrieben ist, wachsen zur Lebensmusik."

DieletztenTage2 560 DavidBaltzer uIn der Turnhalle des Krieges © David Baltzer

Nicht, weil zwangsläufig aus Kraus' überbordender Materialfülle eine bruchstückhafte Auswahl zu treffen wäre, werden szenische Umsetzungen der "Letzen Tage" immer zu einer besonderen Herausforderung. Sondern weil Kraus' sprachkritisches Verfahren im Grunde gar nicht in dramatischen Aktionen denkt, sondern in Tonfällen. Und diese Tonfälle muss man treffen wollen oder ihnen etwas entgegenzusetzen haben. Ansonsten droht jeder Aufführung der Abstieg ins schlechte Kabarett.

Die Dialektfrage

Letzteres hat der ehemalige Leipziger Schauspielintendant Wolfgang Engel, der seit einigen Jahren wieder regelmäßig an einer anderen früheren Wirkungsstätte, dem Staatschauspiel Dresden, anzutreffen ist, in seiner Inszenierung der "Letzten Tage" zu vermeiden gewusst. Stattdessen lässt er seine neun famosen Darsteller ganz unterschiedliche Haltungen zur Sprache des Stücks einnehmen. 20 Minuten lang sitzen sie etwa zu Beginn auf einer Turnhallenbank vorm Eisernen Vorhang und behandeln den Text als Partitur. Dieses kurze Vorspiel ist bereits eine Etüde über die Frage, inwieweit Milieugenauigkeit notwendig ist. Engel negiert das. Zwar mahnt der gebürtige Wiener Sebastian Wendelin seine Mistreiter immer wieder witzig und mit famos ordinärer Aggressivität an die korrekte Formung des Dialekts, doch die Anderen steigen nur betont halbherzig auf ihn ein. Wie es schon Kraus sagt: Es geht hier nicht um eine "lokale Angelegenheit".

DieletztenTage3 hoch DavidBaltzer uDer Kaiser hoch zu Pferd © David BaltzerWenn der Eiserne sich hebt, kommt ein Unort (Bühne: Esther Bialas) zum Vorschein, in dem nicht blöde Krieg nachgespielt wird, der aber den Krieg jederzeit mitdenken lässt: eine schäbige Turnhalle samt Sprossenwand, Seitpferd, Turnmatten und Schalensitzgalerie, die mit Feldbetten zu einer Art Lager oder Lazarett umfunktioniert ist. Von ferne erinnert dieser Raum an Bühnenbilder Anna Viebrocks – und momentweise, wenn das Ensemble sich zu Liedern wie der "Wacht am Rhein" zusammenfindet oder leerlaufend geschäftig durchs Turnhallenmobiliar treibt, legen sich auch Assoziationen an das Theater Christoph Marthalers nahe. Doch dann gibt es – in diesem unwirtlichen Setting – auch ganz psychologisch-realistisch ausgeführte Dialoge, die mitunter fast ein wenig harmlos daherkommen, oder recht plan karikierte Figuren wie jenen Herrn v. Dreckwitz, dessen menschenverachtende Erzählung von Heldentaten im Feld Martin Reik im Rollstuhl mit eklen Hustenanfällen garniert, so den lächerlichen Popanz von Vornherein hervorkehrend.

Apokalyptische Revue

Bis zur Pause nach 90 Minuten schippern die Darsteller in temperiertem Gewässer dahin, alles in allem begegnen sie den Kraus'schen Sprachspießen eher vorsichtig. Im zweiten Teil aber wird die Aufführung plötzlich ernster und grotesker, lauter und leiser, dringlicher und greller, lustiger und brutaler, plötzlich sucht sie die Extreme. Thomas Braungardt chargiert böse Wilhelm II., Hannelore Koch als opferwillige – oder besser: opferlüsterne – Mutter wird zur riesenhaften Walküre überhöht, kurz darauf liest Ina Piontek in hochkonzentrierter Stille herzzerreißend einen sprachlich auf verzweifelt komische Weise völlig verunglückenden Brief an ihren Gatten im Feld. Aufgestrapst tut man sich schließlich zu einem untergangstrunkenen Varieté zusammen, dem der Regisseur Wolfgang Engel zuletzt persönlich die gereimten Leviten liest. Aus der bloßen Szenefolge weitet sich der Abend zur apokalyptischen Revue.

Und einmal fügen sie auch ein Wort hinzu, das so an dieser Stelle nicht bei Kraus steht. Als ein Hauptmann den "prägnanten Befehl" eines Generals umsetzt, verwundete Gefangene einfach zu erschießen, drückt er in Engels Inszenierung nicht ab. Ihm genügt ein genüsslich hervorgebrachtes sprachliches Zeichen: "Bumsti!" Das sagt schon alles.

 

Die letzten Tage der Menschheit
von Karl Kraus
Für die Bühne eingerichtet von Wolfgang Engel
Regie: Wolfgang Engel, Bühne und Kostüm: Esther Bialas, Mitarbeit Bühne
und Kostüm: Veronica Graciela Wüst, Lieder und Chöre: Thomas Hertel,
Live-Elektronik: Martin Reik, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Ole Georg
Graf.Mit: Thomas Braungardt, Wolfgang Engel, Christine Hoppe, Ben Daniel Jöhnk,
Hannelore Koch, Ahmad Mesgarha, Ina Piontek, Matthias Reichwald, Martin
Reik, Sebastian Wendelin.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Hartmut Krug schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (21.1.2014), Engel zeige "keine dämonisierten Spießer, sondern Menschen in Bearbeitung." Seine Fassung stelle "die grundsätzliche Frage, warum und wann Menschen in Kriege taumeln, ...Krieg erscheint als Zurichtung, durch die sich Menschen als Feinde entdecken." Das hier im doppelten Sinn Theater gespielt werde, mache die Inszenierung deutlich. "Wenn Wilhelm der II. gebraucht wird, fängt man einen Schauspieler ein und zwingt den Widerstrebenden in dessen Rolle." "Karikaturen und falsches Pathos" wechselten ab mit "ernst beschreibenden Szenen". Es gehe darum, wie Sprachhaltungen verführen und wie Haltungen und Handlungen entstehen. Das Ensemble sei "toll", die Inszenierung überzeuge als "großer Bilderreigen".

Der "ganze Kraus'sche Furor" habe oft "angemessen getobt" an diesem Abend, meint Torsten Klaus in den Dresdner Neuesten Nachrichten (20.1.2014). Dramaturgisch gesehen mache Wolfgang Engel "aus diesem szenischen Zettelkasten das Beste, indem er das Collageartige belässt." Drei Stunden lang sei "diese lose Szenenfolge im Theater eine Steigerung, deren Beschleunigung nach der Pause zulegt, getragen von neun hervorragenden Schauspielern", die letzten dreißig Minuten aber hinterließen eine gewisse Ratlosigkeit. Engel befreie hier das Stück "nicht vom Pathos eines Kraus", sondern lasse es "darin untergehen".

Ein Problem des "klug erarbeiteten und in großen Teilen beeindruckenden" Theaterabends sei – so Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (20.1.2014) –, dass der "politisch interessierte Zuschauer" das alles kenne: "Manche Szene wirkt zu didaktisch, mancher Dialog zu breit, manche Einsicht altbekannt." Dafür aber herrsche "in der turbulenten, kabarettistisch eingefärbten Inszenierung meist kein Mangel" an "spielerischen Einfällen und überraschenden Wendungen, die den Zuschauer Altes in neuem Licht erscheinen lassen." Die Buhs habe Wolfgang Engel "nicht verdient, der mit dieser Aufführung eindringlich vor neuen Kriegen warnt."

Die Inszenierung sei "bei aller satirischen Überspitzung (…) immer auch wütend", schreibt Guido Glaner in der Dresdner Morgenpost (20.1.2014). "Sie ist zynisch, bitter, manchmal erschütternd, dabei oft ironisch gebrochen, aber nie so, dass sie dem Zuschauer erlaubte, sich's gemütlich zu machen. Kein beschauliches Wohlfühltheater aus wissender historischer Rückbetrachtung (…), nein, das ist kraftvolles Theater, das etwas zu sagen hat."

Am Anfang stehe "eine bewusst ausgestellte, spielerische, improvisierende Annäherung an den Text", meint Stefan Petraschewsky auf MDR Figaro (19.1.2014). "Dann geht der Eiserne Vorhang hoch. Und dann, um es gleich zu sagen, fällt dem Regisseur nicht mehr viel ein." Das Grundrezept heiße: "Wir illustrieren einfach den Text. Dieser wird auf die Schauspieler verteilt, die damit dann ziemlich im Regen stehen und den Text meist pur aufsagen. Oft frontal ins Publikum. Professionell tun sie das, aber für mich wenig inspiriert." Es gebe "keinen doppelten Boden, kaum Witz, Zynismus und Ironie. Und kaum etwas, das miteinander in Schwingung kommt." Während Kraus aufschreibe, "wo das Menschsein ins Absurde" kippe und sich darüber lustig mache, versuche Engel, "die Bühne noch einmal als moralische Anstalt in Stellung zu bringen". Diese Ernsthaftigkeit aber wirke "merkwürdig verschossen".

 
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