Eine schlechte Zeit für Gefühle

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 19. Januar 2014. End-Teenies anno 1968 – Gärkraft pur, junge Menschen im Sog jenes Strudels, von dem bald neue, befreiende Weltanschauungen frei gespült werden? Überhaupt keine Rede davon. Rainer Werner Fassbinder hat damals eine Gruppe von Jugendlichen vorgeführt, die mit trübem Blick in eine nebelverhangene Zukunft blicken. Depressiv und aggressiv (beides Kehrseiten einer Medaille), bereitwillig resignierend allemal.

Das muss durchaus greifbar gewesen sein als Zeitstimmung, denn Fassbinder hat mit "Katzelmacher" seinerzeit gehörig Aufsehen gemacht: Das Stück wurde noch im selben Jahr mit dem Gerhart Hauptmann Preis ausgezeichnet und markierte mit der 1969 entstandenen Verfilmung seinen kraftvollen Start in die Filmwelt.

In Beziehungsschlingen

Da hängen sie also herum, vor einer weißen Wand mit Sitzstufe, aufgefädelt wie in einer Reihe und doch untereinander verheddert in absonderlichen Beziehungsschlingen. Elisabeth gibt den extravaganten Vamp. Knallrot ist sie angezogen, sie stakst und wiegt sich auf hohen Absätzen. Viel hat sie in Wirklichkeit nicht vorzuzeigen, aber immerhin ist sie Unternehmerin, hat einen Angestellten. Ingrid geht's zielstrebig an: Wenn sie Sex macht, dann für Geld, schließlich hat sie eine Karriere als Schauspielerin vor. Zwanzig Mark, zehn Euro – das war auch 1968 kein Patzen Geld.

Katzelmacher1 560 AlexanderWenzelKUG u© AlexanderWenzel / KUG

Alle leben sie ihre Defizite, ihr kleines Beziehungsunglück: "Eine Ehe ist schon was, eine Regelmäßigkeit ist nicht zu verachten." Aber: "Es ist eine schlechte Zeit für Gefühle ... glaub ich." Irgendwo draußen in der Welt, und sei es im vierzig Kilometer entfernten München – dort mag es lauern, das Glück, das nicht recht zu denken ist.

In diesen Smog der grauen No-Future kommt Jorgos. "Ein Pole", sind sich alle rasch einig, doch es ist "ein Griech aus Griechenland". Prädestiniert als Feindbild, und das umso mehr, nachdem die Romantik-anfällige Marie mit wehenden Fahnen zu ihm überläuft. "In Griechenland ist alles anders", wird sie trotzig auch noch sagen, nachdem Jorgos den Fremdenhass körperlich zu spüren bekommen hat.

"Weil von niemandem nichts Gutes kommt"

Das alles kann genauso, bestenfalls in leichten Facetten variiert, 45 Jahre später spielen. Die Regisseurin Nina Mattenklotz (unter anderem aktiv mit der Hamburger freien Gruppe Theater Triebwerk) hat mit einem ambitionierten Trüppchen Grazer Schauspielschüler also nicht herumdoktern müssen an Fassbinders Text.

Mit den Fassbinder-typischen Satzgebilden – "Ich fürcht mich, weil von niemandem nichts Gutes nicht kommt" – findet sich das Ensemble wie selbstverständlich zurecht, auch das eine Stärke der Produktion, die so gar nicht vordergründig belehren will, sondern sich guten Muts an Fassbinders Diktum ausrichtet: Man muss zumindest versuchen zu beschreiben, was man nicht verändern kann."

Katzelmacher2 hoch AlexanderWenzelKUG u© AlexanderWenzel / KUGSieht so aus, dass man an der Grazer Kunstuniversität auch im Fach Theatermusik gut aufgehoben ist, bei Sandy Lopicic. Er sitzt mit drei Studenten mitten unter den Schauspielern, es wird interagiert, und mit wenigen Harmoniepatterns arbeitet man ein Maximum an Stimmung heraus.

Pure Emotion, pure Aggression

Ein Sirtaki zwischendurch hat sich gewaschen, aber da ist es noch nicht so weit, dass die Sache in pure Aggression ausartet gegen den Arbeitsmigranten, der plötzlich zum Feindbild stilisiert wird.

Obwohl sie vielleicht noch ein bisschen zu heftig aufdrehen, wenn Emotion angesagt ist: Ganz unprätentiös zeichnet Nina Mattenklotz Mädchen und Jungs, die so an der nächsten Straßenecke herumstehen könnten. Vor denen muss man sich nicht fürchten – eher jede und jeder Einzelne von ihnen vor sich selbst.

In stenogrammartigen Szenen wird das Zagen und Zaudern, das plötzlich in unkontrollierten Zorn führt, glaubwürdig umgesetzt. Aber jede und jeder im achtköpfigen Ensemble – es wäre ungerecht, einzelne hervorzuheben – steht auch für eine gesunde Portion Liebenswürdigkeit. Irgendwie täte man all die Hilflosen gern bei der Hand nehmen und auf bessere Lebenspfade führen. So einem denn selbst der Weg dorthin einfiele.


Katzelmacher
von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Nina Mattenklotz, Ausstattung: Johanna Ralser, Musikalische Leitung: Sandy Lopicic, Dramaturgie: Evelyn Deutsch-Schreiner.
Mit: Henry Arturo, Christine Cervenka, Dominik Förtsch, Virginia Hartmann, Stephan Hirschpointner, Bettina Langehein, Christoph Radakovits, Tamara Semzov.
Eine Produktion des Instituts Schauspiel der Kunstuniversität Graz

www.schauspielhaus-graz.com
www.kug-schauspiel.at

 

Kritikenrundschau

Nina Mattenklotz setze die "Barbarengesinnung einer depressiven Underdog-Jugend" mit "viel Geschrei und gestischer Stereotypie in Szene, schreibt die Autorin unter dem Kürzel EWS (Elisabeth Willgruber-Spitz) in der Kleinen Zeitung (21.1.2014). Fassbinders "genial verquere Kunstsprache" komme vor allem durch den Musiker Sandy Lopicic und sein "exzellentes Quartett" zur Geltung, das "der Sprache und Stimmung düsteres bis schrilles Leben" einhauche.

Als "etwas zu schrille Abfolge aus Klein-Einfällen" erscheint der Abend Martin Gasser von der Kronen Zeitung (21.1.2014). "Temporeiche Passagen lockern die bleierne Schwere" der "imposanten Regievorlage" Fassbinders auf, "aber man verlegt sich zu sehr auf eine Abfolge von Bildern und Effekten". Oft werde "an der Stimmungsschraube gedreht, gesungen, getanzt, getobt, die Zumutung des statischen Stücks scheint auch heute noch zu groß".

 
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