Ins Zeitlos-Volkstheaterhafte

von Esther Slevogt

Berlin, 19. Januar 2014. "Hier wird nicht jelacht! Hier werden für niemanden Witze gemacht! Wir verhandeln hier blutig ernste Jeschichten!" schreit Amtsvorsteher Wehrhahn im vorletzten Akt. Und das stimmt natürlich. Auch wenn hier ein Gag den nächsten jagt, neun rasende Schauspieler krachledern ungefähr zwei Dutzend Karikaturen aus dem wilhelminischen Deutschland mimen, ein Fest der angeklebten Bärte, schlecht sitzenden Perücken und albernen Kostüme gefeiert wird. Und so wird natürlich trotzdem gelacht. Und wie gelacht wird! Am Ende gibt es sogar standing ovations.

Und noch später, da ist das Theater längst zu Ende, steigen bunte Feuerwerksraketen auf in den Himmel über dem Berliner Kurfürstendamm. Denn mit diesem Abend feiert eine Schauspielerin Geburtstag, die hierzulande vielleicht als einzige noch den Titel "Volksschauspielerin" verdient (oder nun mit diesem Abend sich endgültig erspielt hat): Katharina Thalbach wird 60 Jahre alt. Als Geburtstagsparty gibt es, und zwar als Familientheaterproduktion, eine special edition von Gerhart-Hauptmanns beiden Mutter-Wolffen-Stücken "Der Biberpelz" und "Der rote Hahn" – von Jan Liedtke und Bruder Philippe Besson (der auch Regie führt) La Thalbach auf den Leib geschrieben, die im richtigen Leben ja auch so eine Art Queen Mom eines deutschen Theaterclans ist.

Von der Wolke winkt die Mutter Weigel

Mutter Wolffens beide Töchter (und noch ein paar andere Rollen) werden von Thalbach-Tochter Anna und Thalbach-Enkeltochter Nellie gespielt. Bruder Pierre Besson ist der Amtsvorsteher Wehrhahn. Im Hintergrund spürt man auch die Thalbach-Ziehmutter und Lehrerin Helene Weigel von einer Theaterwolke winken, deren knarzig-lakonische Mutterfiguren Katharina Thalbach hier mit einem kräftigen Schuss Heidi-Kabel-tum ins Zeitlos-Volkstheaterhafte katapultiert. Und vom überdrehten Wahnwitz, mit denen Herbert Fritsch in seinen Inszenierungen seine Figuren malt, hat dieser Abend manchmal auch etwas.RoterHahn2 560 BarbaraBraun xDie Jubilarin Katharina Thalbach als Mutter Wolffen © Barbara Braun

Doch verhandelt wird hier unter allem schrillen Theaterplunder, Knattermimentum und großem Mut zur abgründigen Charge wirklich eine blutig ernste Geschichte: wie das Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse aus Menschen Trickbetrüger und am Ende Verbrecher machen – Leute, die sich durchs Leben lügen, stehlen und betrügen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die dabei doch eigentlich so gerne gute Menschen wären. Und in denen wir uns natürlich selbst erkennen sollen.

Schauerfilm- und Walter-Ruttmann-inspirierte Videoeinspielungen von Maximilian Reich zwischendurch machen ihn fast greifbar, den (vergeblichen) Traum der kleinen Leute von der Rechtschaffenheit. Da träumt die sanfte Wolff-Tochter Leontine (Anna Thalbach) von weißen Winterlandschaften, Wäldern, Städten im Aufbau. Aber immer wieder erscheint darin die hexenhafte Fratze der Mutter, deren Machenschaften am Ende alles zunichte werden lassen. Die immer glaubt, ihre widrigen Lebensumstände zu überlisten, tatsächlich aber kräftig an den Verhältnissen mitbastelt, die eine Weltverbesserung immer wieder so gründlich verhindern.

Im Hintergrund wirkt Opa Brecht

Das muss hier vielleicht auch mal gesagt sein: der Erste, der Hauptmanns beide Mutter-Wolffen-Dramen zu einem verschmolz, ist kein Geringerer als Bert Brecht gewesen. Er entdeckte in Hauptmanns mutterwitziger wie eiskalter (und egoistischer) Menschenmanipuliererin Mutter Wolffen eine Verwandte seiner Mutter Courage, die auch stets Nutznießerin jener Verhältnisse zu bleiben versucht, die sie und die Welt deformieren. 1951 hat Brecht am Berliner Ensemble (mit seinem damaligen Assistenten Egon Monk) den ersten Zusammenschnitt beider Hauptmann-Dramen unternommen.

Die Dramaturgie dieser (am Ende von Hauptmanns Witwe verbotenen) Fassung liegt auch der aktuellen Bearbeitung des Stoffs zu Grunde. Sechs Akte, viel Mutter Wolffen, wenig Nebenhandlung und -figuren. Und Meister Brechts Traum von einer bessere Welt (und den besseren Menschen) wird am Ende des Abends noch einmal extra Reverenz erwiesen: mit seiner berühmten Kinderhymne ("Anmut sparet nicht noch Mühe"), worin eben die Rechtschaffenheit für die Verbesserung der Verhältnisse als unverzichtbar bezeichnet wird, "dass ein besseres Deutschland blühe". Aber diese geistig-moralische Wende hätte der Abend am Ende gar nicht nötig gehabt. Böse Menschen geben nun mal die besseren Theaterfiguren ab, weshalb die Weltverbesserung nicht nur auf dem Theater vorläufig ausfallen muss.

Der unmoralische Urauftrag

Man könnte noch viel über diesen Abend sagen. Aber man muss es vielleicht nicht. Seinem Erfolg wird keine Kritik einen Abbruch tun, die schreibt, dass hier Ohnsorg-Theater, Brecht und Ku'dammkomödie zu einem in jeder Hinsicht etwas grobmotorischen Theaterabend verschmelzen, der aber auch viel von einer Sehnsucht erzählt: der Sehnsucht nach einem Theater, das mal eine unmoralische und unterhaltsame Anstalt war, die für die Leute spielte und nicht für den Betrieb. Und so bleibt die Verneigung vor einer, die diesen Urauftrag des Theaters immer noch auf sich nimmt: Happy Birthday, Katharina Thalbach!

 

Roter Hahn im Biberpelz
nach Gerhart Hauptmanns "Der Biberpelz" und "Der rote Hahn"
Bearbeitet von Jan Liedtke und Philippe Besson
Regie: Philippe Besson, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Gabriella Ausonio, Musik: Emanuel Hauptmann, Video: Maximilian Reich.
Mit: Katharina Thalbach, Pierre Besson, Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Julian Mehne, Roland Kuchenbuch, Jörg Seyer, Ronny Miersch.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-am-kurfuerstendamm.de

 

Kritikenrundschau

Andrea Gerk schreibt auf der Website des Deutschlandradios Kultur (19.1.2014), alle Figuren berlinerten "bis zur Unverständlichkeit", seien mit "Sprachfehlern und weiteren Dialekten gesegnet" – so stelle "man sich heute offenbar Naturalismus vor". Doch warum man diesen "Ausflug in die Klamottenkiste der Theatergeschichte" unternommen habe, erzähle der Abend nicht. Man sehe ein "putziges Proletarierdrama, das gnadenlos ausgespielt" werde. Der ohnehin "abgestandene Witz" werde auch noch "furchtbar zäh". Anna und Nellie Thalbach müssten "bei ihrer Mutter in die Schauspielschule" gegangen sein, sie spielten ganz genauso. Jörg Seyer schreie alles heraus, allein Pierre Besson kriege es hin, etwas auch mal nur anzudeuten. Mit den "üblichen Kriterien" komme man hier nicht weit: "Was sagt uns das Stück heute? Wenn man es so spielt: nichts. Was sagen und die Künstler über das Theater heute? Das es auf diese Art museal, peinlich und als Kunstform überholt ist." Und das Publikum? Das sei begeistert und feiere sein Idol und sich selbst.

Klar, dass "auf der Bühne auch ein plattdeutscher Schwank mit Tanzeinlagen gegeben werden könnte, und am Ende trotzdem gejubelt würde", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (21.1.2014) über diese "Promi-Sause", auf der man "Feinsinn oder Figurendurchdringung“ nicht erwarten solle. Mutter Wolfen sei eine "Paraderolle" für Katharina Thalbach, die mit "prallem Volkstheatercharme" regelmäßig "volle Breitseiten der gefürchteten Kodderschnauze" auf die Figuren um sie herum niedergehen lasse.

"Diese Inszenierung verbraucht Berge von historisierenden Requisiten, Kostümen (Gabriella Ausonio), ondulierten oder verfitzten Perücken und Zottelbären", beschreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (21.1.2014). Es gebe sogar Schwarz-Weiß-Zwischenfilmchen mit psychologisierenden Traumsymbolen, "die Freud alle Ehre machen". "Doch. Das haut alles ziemlich gut hin, und sei dem Liebhaber der soliden krach- und herzkomischen Theaterunterhaltungskunst herzlich empfohlen." Für die Jubilarin und Hauptdarstellerin findet Seidler unter anderem die schönen Worte: "Allein was sie mit ihrem Gesicht anstellt, wenn ihr der Amtsvorsteher vom Stiefel gewischte Hundekacke unter die Nase hält: Dagegen wirkt ein Brotteig in der Knetmaschine ungelenk."

Jörg Sundermeier schreibt in der taz (21.1.2014) über "Das Vergnügen, zu berlinern": Thalbach dürfe sich "rund zweieinhalb Stunden (...) ganz ausagieren, und man merkt, wie sehr es ihr selbst ein Vergnügen ist". Der "Biberpelz" werde als Boulevardtheater "bis in alle Facetten ausgespielt", "kein Witz zu flach, keine Obszönität zu derb". Philipe Besson habe allerdings so "schnell inszeniert, dass man die allzu klamottigen Szenen gerne" mitnähme. Im zweiten Teil hole Nellie Thalbach als gehandicapter Gustav Rauchhaupt sogar Tragik aus der Rolle heraus und auch Thalbachs Mutter Wolff wende sich "plötzlich ins Böse". Der Regisseur lasse seine Inszenierung kippen, er nehme das Tempo ganz behutsam zurück, und die Schauspieler "viel präziser agieren", die "Komödie wird zum Drama, das Publikum, das zunächst noch lachen will, erstarrt allmählich". Als Witwe Wolff stirbt, halte man kurz den Atem an. Katharina Thalbach zeige wie sehr sie auch "die ernsthafte Seite ihres Berufs" beherrsche. "Es ist, wie es zu sein hat im Theater, ein Geschenk ans Publikum".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.1.2014) hätte Irene Bazinger Katharina Thalbach einen amüsanten Abend gewünscht. Doch was als "krachlederne Hauptmännerei" fast drei Stunden lang von der Bühne rumpelte, sei eine überaus triste Angelegenheit gewesen. "Und es wurde mit laut starkem Berlinern und knüppeldickem Kitsch, mit Platituden und Anzüglichkeiten, mit heftigem Schenkelklopfen und ein wenig sozialkritischem Gemurre nicht besser."

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