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Es ist so laut hier

von Eva Biringer

Januar 2014. René Pollesch, der Unermüdliche, schreibt und inszeniert gefühlt vierzig Stücke pro Jahr, bespielt mit hohem Output einen Twitter-Account und wird von klugen Menschen in wichtigen Redaktionen um Gegenwartsdiagnosen gebeten. Und was wären die theaterwissenschaftlichen Seminare dieses Landes ohne ihn? Das Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften ist zu einem Synonym für Bühnenavantgarde geworden und Pollesch als ehemaliger Student zur Gallionsfigur des vielzitierten postdramatischen Theaters.

Die große Pollesch-Anthologie ist überfällig, vorerst begnügen wir uns mit dem kürzlich erschienenen Sammelband "Kill your Darlings!", bestehend aus sechs Stücken aus den Jahren 2008 bis 2012, sowie Diedrich Diederichsens Laudatio anlässlich der Verleihung des Else-Lasker-Schüler-Preises für Polleschs dramatisches Gesamtwerk. Wo das Theaterpublikum beizeiten anfängt, "sich immer mehr innerlich zurückzuziehen" (Pollesch), ist der Leser angehalten, dran zu bleiben. Sechs Pollesch-Stücke hintereinander wegzulesen, entspricht dabei einer das Medium wechselnden Überforderung, oder wie Constanze Becker es in Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen formuliert: "Es ist überhaupt so laut hier. Du hörst nur Metatexte." Aus Hören wird Lesen, und entweder man wird überrollt von der Leselawine Pollesch oder man surft locker drüber hinweg, den Schwung nutzend, um schnöde Theorie in Praxis zu verwandeln oder in "Bekenntnisse und Liebeslyrik" (Diederichsen).

Fester Grund

killyourcover140Im Vorbeigehen streift der 1962 geborene Autor bekanntermaßen Grundprobleme des Theaters, wie jenes der vierten Wand, der Leib-Seele-Dichotomie, des So-tun-als-ob-Vertrags zwischen Publikum und Darstellern. Ein Gewinn bei "Kill your Darlings!" sind die den jeweiligen Stücken beigestellten Leseempfehlungen (Foucault, Dath, Pfaller und andere), durch sie wird das offene Geheimnis, das Polleschs Theorieliebe ist, konkret. Wer mag, begibt sich zum Buchhändler seines Vertrauens und frischt sein verschüttetes Wissen auf. Für alle anderen bleibt immerhin die Gewissheit, dass Polleschs mitunter arg sperrig anmutenden Textlawinen festem Grund entrollen.

Manche der Stücke entfalten als gedruckter Text eine andere Kraft, allen voran Fantasma, das meisterlich das Ende des Kommunismus mit dem "Ende der Liebe" (Sven Hillenkamp) in eins setzt, oder Don Juan nach Molière, aus dem die rauchige Stimme Robert Pfallers wettert, wider den verdammten Gesundheitswahn. Bei anderen wie Der perfekte Tag (Ruhrtrilogie Teil 3) reicht die Lektüre (so performativ sie auch sein mag) nicht aus, um ihren kryptischen Charakter im Leserkopf zum Ereignis zu machen. Es fehlt die körperlich-reale Bühnenpräsenz, der Chor als Spiegelbild und Antagonist des Darstellers.

Schnittchen im Theater

In der Figur dieses Chors zeigt sich bei Pollesch die Paradoxie der Kollektivsehnsucht bei gleichzeitiger Egobesessenheit. Wie alle Figuren ist auch dessen Identität eine vorläufige, mal männlich, mal weiblich, mal ein verschmähter Sexpartner, wie in Ein Chor irrt sich gewaltig, oder eine Turntruppe, wie in Kill your Darlings! Streets of Berladelphia. Letzteres markiert sowohl in der Re-Lektüre als auch in der Erinnerung an die Inszenierung in der Volksbühne Polleschs vorzeitigen Höhepunkt. Nirgendwo sonst gehen Theorie und Turnpraxis eine solch sexy Liaison ein. Zentrum dieser Soloperformance, die es 2012 zum Berliner Theatertreffen schaffte, ist Fabian Hinrichs als neokapitalismuskritischer Hüpfgummi, dessen Liebe zum Chor, der ein neoliberales Netzwerk ist, unerfüllt bleiben muss.

Wie könnte es anders sein: Die namenlosen Figuren im Pollesch-Universum begreifen die Konsumwelt um sich als Fortsetzung des eigenen Egos – "Unterm Strich zähl ich" (Postbank) –, sind aber im Grunde genommen doch dem romantischen Ideal verhaftet, irgendwo zwischen dem "Ende der Liebe" (Eva Illouz) und "singulär plural sein" (Jean-Luc Nancy). In doppelter Funktion agieren sie als unser aller Stellvertreter: Indem sie mehr Textfläche sind als Charakter, abstrahieren sie die Zerrissenheit einer Gesellschaft zwischen Weltrettungsimpuls und Work-Life-Balance, so von sich selbst entfremdet (wir Negativen!), dass sich Identifikation erübrigt ("Der Zuschauer ist von jeder Rührung befreit.").

In ihrem Sehnen nach Liebe sind sie uns aber gleichzeitig näher als der Sitznachbar im Theatersaal, dem es vielleicht so geht wie Franz Beil in Fahrende Frauen: "Ich wollte mal in einen Theaterabend gehen, weil ich gehört hatte, dass sie dort Schnittchen verteilten, und ich wusste, dass ich da billig reinkomme."

Bei all der textlichen, theoretischen Totalüberforderung sind Sophie Rois, Martin Wuttke, Christine Groß, Brigitte Cuvelier und all die anderen in ihrer Rolle als Polleschs fleischgewordene Theorien doch mehr als "pure, glänzende Effekte", wie Diederichsen bemerkt. Sie sind Menschen, auf der Bühne wie als gedrucktes Wort. Oder, frei nach René Pollesch: "Das hast Du jetzt bestimmt nicht verstanden. Aber Du hast es zumindest mal gelesen." 

René Pollesch
"Kill your Darlings" – Stücke
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 2014
384 S., 14,99 Euro