Wenn das Spiel schmeckt

von Petra Kohse

Berlin, Mai 2006. Der Bulgare Samuel Finzi hat seine Theaterkarriere vor 15 Jahren in Deutschland begonnen. In seiner Heimat ist er längst ein Star, während man hierzulande erst langsam begreift, was man an ihm hat.

I.

Samuel Finzi, der Tänzer, der Clown, der Musiker unter den deutschen Schauspielern. Der Elegante. Der Zauberer. Als Iwanow zeigt er, wie eine Figur auf offener Bühne verschwindet, obwohl sie körperlich anwesend bleibt. "Wie machen Sie das?" fragte Henning Rischbieter ihn nach der Premiere anerkennend, und das ist etwas, worauf der 40-Jährige wirklich stolz ist. Denn das Wohnzimmer von Henning Rischbieter in der Tempelherrenstraße war einer der ersten Anlaufpunkte von Samuel Finzi, als er vor sechzehn Jahren nach Berlin kam: ein bulgarischer Schauspieler ohne Bühnenerfahrung, der kaum deutsch sprach.

II.

Samuel Finzi ist ein gründlicher Mensch. Am Tag nach dem Gespräch ist ihm noch etwas eingefallen, und so trifft man sich erneut. Mit beigem Trenchcoat über dem Jeans-und-Turnschuh-Outfit betritt er summend das Lokal und nimmt erst an der Theke die Stöpsel aus den Ohren. Mittelgroß, dunkelblond, grüne Augen, hohe, beim Reden zerfurchte Stirn. Ein markanter Typ, der in jede Hotellounge passt, aber auch ins Survival-Camp. Verblüffend freundlich dabei, fast zuvorkommend. Jazzliebhaber.

"Die Probe war gut", sagt er gleich, obwohl er gar nicht direkt von dort kommt. "Oft müssen die Kollegen an der Volksbühne ja etwas kaputtschlagen, um gut draufzukommen. Was diesmal nicht ungefährlich ist, bei all dem Schaum, den wir auf der Bühne haben. Aber heute war es sehr leise und konzentriert. Toll!" Er verstaut den Walkman und legt eine Plastiktüte mit Videobändern auf den Tisch. "Das Thema, das ich nochmal ansprechen will, ist Tschechow. Das habe ich beim letzten Mal nicht ausreichend betont: Wie lange wir schon an Tschechow arbeiten. Und wie konsequent. Das macht am deutschen Theater sonst keiner." "Wir", das sind Dimiter Gotscheff und er. Almut Zilcher natürlich. Und wer sonst noch zum Kernteam des aus Bulgarien stammenden Regisseurs gehört, der zum Zeitpunkt des Geprächs gerade "Das große Fressen" nach dem Film von Marco Ferreri an der Volksbühne probiert. "Ich habe Mitko übrigens gesagt, dass ich mit Ihnen gesprochen habe. Und er fragte mich: 'Hast du ihr gesagt, dass ich keine Vaterfigur bin und dich nicht entdeckt habe!' – 'Ja, habe ich. – Und dass in meiner Arbeit alles vom Schauspieler kommt und kaum etwas von mir!' – ' Ja, habe ich.' Nur über Tschechow müssen wir nochmal sprechen." Jeder Satz eine Geste, das Ganze eine Szene. Natural born performer.

III.

Tschechow also. Den Finzi in Deutschland oft verkitscht findet. Zum Lieferanten von Sehnsuchts- und Weltschmerz-Abziehbildern verkleinert. Dabei sei Tschechow, den er natürlich im Original kennt, immer ambivalent. Und dürfe, ja müsse heute sogar sehr reduziert gespielt werden. "Diese ganzen 'Väterchen'-Schnörkel funktionieren im Deutschen überhaupt nicht. In 'Iwanow' habe ich den Monolog in der Mitte, den ich frontal spreche, aus der Übersetzung von Thomas Brasch genommen. Die trifft es genauer als die von Peter Urban."

Tatsache ist, dass Samuel Finzi als Iwanow auch gar nichts sagen müsste, um einem dessen Lebensverweigerung auf geradezu bestürzende Weise als enttäuschte Lebensliebe vor Augen zu führen. Sein athletisches Schlurfen mit geradem Rücken, hochgezogenen Schultern, aber hängendem Kopf genügt. Diese hastigen, aber aussichtslosen Schritte in lächerlichen Pantöffelchen. Der fusselige Vollbart über dem ärmellosen Campus-Shirt. Und der verlorene Blick. Da war mal jemand. Wo ist er hin?

Seit rund fünfzehn Jahren steht Samuel Finzi auf den deutschsprachigen Bühnen. In Düsseldorf, Köln, Hamburg, Bochum, Frankfurt/Main, Graz, Zürich, Wien und inzwischen vor allem Berlin. Hier konnte er in diesem Frühjahr in gleich sechs verschiedenen Inszenierungen gesehen werden, drei davon aus dieser Spielzeit: Am Deutschen Theater in Kleists "Amphitryon" (Regie: Stefan Bachmann) und Ben Jonsons "Volpone" (Regie: Gotscheff), an der Volksbühne in "Kampf des Negers und der Hunde" von Koltès (gerade abgespielt), Müllers "Philoktet", "Iwanow" von Tschechow und eben dem "Grossen Fressen", alle unter Gotscheffs Regie. Dazu ist er gelegentlich im Kino und regelmäßig im Fernsehen zu sehen, in Fernsehspielen, im "Tatort" und in "Bella Block".

Ein seit langem sehr gut und prominent beschäftigter Schauspieler, der über das Rezensionsfeuilleton hinaus trotzdem kaum wahrgenommen wurde, wie er selber thematisiert. "Warum haben wir dieses Gespräch nicht schon vor einigen Jahren geführt?" fragt er – nicht vorwurfsvoll, sondern eher verwundert. Und dann erzählt er die Geschichte des Architekten Louis Kahn aus Philadelphia, der bei sich zuhause nie einen Job gekriegt hat – weil er Jude war. "Und ich bin Bulgare." Jüdischer Bulgare, um genau zu sein, aber das ist ihm in diesem Zusammenhang nicht so wichtig.

IV.

In der Tat sind Schauspieler, die das Deutsche nicht als Muttersprache sprechen, an hiesigen Theatern überaus selten. Aber erklärt das hinreichend, warum Finzis zweifellos vorhandenes Glamourpotential in den letzten Jahren so verkannt wurde? Es muss ihm so vorkommen. Denn in Bulgarien, wo er sich nie länger aufhält als ein paar Wochen im Jahr, IST er ein Star. Vor der Premiere von "Volpone" kam das bulgarische Fernsehen vorbei, und einen Tag vor der Ausstrahlung wurde das Gespräch mit ihm und Gotscheff in den bulgarischen Abendnachrichten angekündigt. Wegwerfend fügt Samuel Finzi hinzu, dass die Bulgaren einfach jeden hypen würden, der es im Ausland zu einer zivilisierten Existenz gebracht hätte, aber natürlich freut es ihn doch. Schließlich dreht er fast jedes Jahr einen großen Kinofilm dort, und das Wort "Hauptrolle" fasst nur mangelhaft, wie stark diese Filme auf ihn zugeschnitten sind. In "Blueberry Hill" (2001) von Alexander Morfov spielt er – mit blondiertem Haar und Kinnbart – einen Deutschen (Frank!), der seinen Flug nach Istanbul wegen Schneetreibens in Sofia unterbrechen muss und sich, ausschließlich Deutsch sprechend, auf dem Landweg durch die bulgarische Provinz kämpft.

Oder "The Devil's Tail" (2000) von Dimiter Petkov, ein magisch-realistischer Film über einen Jazzmusiker, der in einer mafiosen Gesellschaft zu privatisieren versucht. Hier gibt es kaum eine Szene ohne Finzi in Großaufnahme. Und "Meme Dieu est venu nous voir" (Sogar Gott kam herab, um uns zu sehen, 2003) von Petar Popzlatev, ein temperamentvoller und melancholisch-listiger Film über ein abgelegenes Dorf, in dem sich die verordnete slawische und andere Identitäten zu einer ganz eigenen inzestuösen Mischung verbunden haben. Samuel Finzi spielt einen Intellektuellen, der zugleich als Bürgermeister, Lehrer und Postmeister fungiert und zu diesem Zweck drei verschiedene Persönlichkeiten ausgebildet hat, was seiner Frau das Eheleben nicht leicht macht. Von solchen Filmrollen kann Finzi in Deutschland nur träumen. (Wie Deutschland selbst von so poetischen und politischen Filmen wie diesen nur träumen kann.)

V.

Auch Samuels Vater Itzhak Finzi ist in der französischen Koproduktion "Meme Dieu..." besetzt, ein Schauspieler, der in Bulgarien so bekannt und beliebt ist wie hierzulande einst Heinz Rühmann. Keine gewöhnliche Jugend im Sozialismus also! Privilegien? Nein, er sei ganz normal aufgewachsen, zwischen dem Theatercafé und dem Platz unter dem Klavier – die Mutter, Gina Tabakova, ist ja Pianistin. Sie sei für seine Geschmacksbildung verantwortlich, für seine musikalische Auffassung von Kunst. Den Sinn für Dialektik hingegen habe der Vater geschärft. Einmal, als Samuel von der Schule nach Hause kam und stolz erzählte, dass er eine Eins bekommen habe, hätte Itzhak Finzi bloß gefragt: "Und, hast du auch für eine Eins gewusst?"

Schon mit zwölf wollte Samuel Finzi weg aus Bulgarien. Einmal die Verwandten in aller Welt besuchen. Dirigent sein. Oder Filmregisseur. Der Vater hatte ihn zu Dreharbeiten nach Budapest mitgenommen, das muss 1979 gewesen sein, da war er dreizehn und zum ersten Mal im Ausland. Doch als zwanzig Jahre später die Mauer fiel und Samuel Finzi tatsächlich sofort seine Koffer packte und nach Paris zog, tat er das als Schauspieler. "Ich wollte eigentlich Film studieren. Aber als ich mit der Schule fertig war und zum Militär sollte, gab es gerade keinen Jahrgang für Filmregie. Trotzdem musste ich irgendwo aufgenommen werden, weil der Militärdienst sonst drei Monate länger gedauert hätte. Also probierte ich es mit Schauspiel. Das hätte ich für Filmregie sowieso gebraucht. Und sobald ich angefangen hatte, mich vorzubereiten, erwachte in mir der Ehrgeiz, so aufgenommen zu werden, dass nachher niemand sagte, ich hätte es nur wegen meines Vaters geschafft. Was sich dann aber nicht vermeiden ließ, obwohl ich die besten Noten von allen hatte." Das Handy klingelt. Ein merkwürdig prasselndes Geräusch. Hufgetrappel? (Auf der Homepage seiner Agentur steht, dass er auch reitet.) "Nein", sagt er und grinst. "Das ist Händeklatschen. Applaus."

In Frankreich blieb er nicht lange. Mit der dort herrschenden Repräsentationsästhetik konnte er nichts anfangen, und der Regisseur Ivan Stanev, den er aus Bulgarien kannte, bat ihn, nach Berlin zu kommen, um mit ihm eigene, freie Produktionen zu machen. Diese gemeinsame Arbeit verlief schnell im Sande. Aber in Berlin und vermutlich am Esstisch von Henning Rischbieter, wo sich damals neben Theaterwissenschaftlern auch osteuropäische Theaterleute versammelten, traf Finzi auf die Studentin und spätere Dramaturgin Dimitra Petrou, die er bald darauf heiratete. Und er kam mit Dimiter Gotscheff zusammen. Den er vom Sehen schon aus dem Theatercafé in Sofia kannte. Der in Berlin Assistent von Benno Besson gewesen war und diesen nach Sofia geholt hatte, wo er 1975 am Dramatischen Theater mit Vater Itzko "Wie es euch gefällt" herausbrachte.

VI.

Gotscheff, immer Gotscheff. "Nein. Nicht immer. Häufig. In Berlin hatte ich auch Bachmann, Castorf, Simons und Nekrasov, naja, letzteres war eher ein Missgeschick. Aber das reicht doch." Und außerhalb Berlins gab es Jürgen Gosch, Brigitte Landes, Werner Schroeter, selber einmal Benno Besson, Katharina Thalbach, Robert Wilson, Jürgen Flimm. Und Stefan Moskov, ebenfalls ein Bulgare, nur wenige Jahre älter als Finzi.

In der Summe aber hat die für ihn wichtigste, forderndste Arbeit mit Gotscheff stattgefunden. Und mit Tschechow. "Die Möwe" in Köln. "Der Kirschgarten" in Düsseldorf. "Platonov" in Frankfurt/Main. "Iwanow" in Berlin. Er liebt diesen Regisseur, weil er ihn inspiriert und dann machen lässt. In einem Programmheft-Text über ihn ("59 Regeln für den Umgang mit Dimiter Gotscheff"), formulierte er einmal: "Der Körper des Schauspielers ist alles, wofür er kämpft. Spielen Sie einfach – Mitko wird Sie nie verlassen." Ganz sicher: Das fette, aber absolut beherrschte "einfach Spielen" ist genau der Ort, von dem Samuel Finzi ästhetisch kommt.

Modellhaft lässt sich das heute vielleicht in "Haus Nr. 13" nachvollziehen, einer Revue mit Tschechow-Texten, die Stefan Moskov 1997 mit Finzi, Victoria Trautmannsdorff und Hans-Jörg Frey am Hamburger Thalia Theater erarbeitete. Das heißt, es ist eher eine Choreografie. Ungeheuer geschwind und geschmeidig wird das Tschechow-Potpourri zu einem Reigen getanzter Minidramen. Jedes Wort eine Bewegung, jeder Satz eine Pose. Und eine Menge gestischer Assoziationen, die bei Finzi ganz vom Körperlichen und dem konkret Vorhandenen ausgehen. Da wird die mit Holzstreben versehene Rückenlehne eines Stuhles zur Harfe oder zur Gefängniszelle, und auch wenn er bloß Zuhörer ist, zieht Finzi die Aufmerksamkeit auf sich, weil er das Gesagte mimisch beantwortet, es beglaubigt und verstärkt, sich selber dabei maximal nach vorne bringend und doch ganz im Dienste der Sache stehend.

Wie Moskov hat auch Samuel Finzi in Sofia unter anderem bei Yuliya Ognyanova studiert. Sie führte eigentlich die Klasse für Puppenspiel. "Aber sie hat ihren Studenten versucht beizubringen, was es heißt, Clown zu sein, eine Clownssicht auf die Welt zu haben. Sie nannte das, 'das Süße im Spiel'. Wenn das Spiel 'schmeckt'. Körper und Geist werden eins, wenn sich alles befreit. Das habe ich später versucht und dann fühle ich mich wie beim Jazz, wie in einer Band. Da habe ich überhaupt viel gelernt, beim Hören von Jazz."

VII.

Samuel Finzi ist auf der Bühne ein hundertprozentiger Spieler. Seine körperliche Konzentration ist enorm. Auf alles, was passiert, reagiert er schnell und erfindungsreich. Manchmal albern ("Ich habe eine Comicfantasie"), aber dann auch gleich wieder abwinkend und in seine Grundhaltung zurückkehrend. Aufrecht, den Kopf leicht schräg in den Nacken gelegt, das Kinn erhoben, mit hochgezogenen Augenbrauen herabblickend auf das Geschehen um ihn herum und eine Hand in nachlässiger Eleganz mit dem Handrücken hinter der Hüfte aufgestützt. Ein Stierkämpfer.

Dazu die überraschend hohe, knarzend-sprungbereite Stimme mit der balkanischen Melodie, die mal ganz ausgeprägt ist und das Gesagte wie in "Volpone" oder "Kampf des Negers..." in einen zusätzlichen Kunstraum rückt, die manchmal aber auch, wie in "Iwanow", fast verschwindet und nur noch zu erahnen ist. "Es ist die Musik, die mich führt, auch in den Texten. Lange Zeit, bevor ich die Sprache gut konnte, habe ich nur musikalisch gelernt. Später, als ich begonnen habe, auf deutsch zu denken und zu träumen, habe ich das etwas vernachlässigt, aber letztlich muss ich immer darauf achten, wie ein Satz verläuft, weil die Gleichmäßigkeit der deutschen Sprache mit meinem Körper überhaupt nichts zu tun hat. Wenn das Wagner ist, bin ich Prokofjew. Aber das zwingt mich, meine Gedanken zu ordnen. Und so entsteht oft etwas Drittes, was ich sonst nicht erzeugen könnte."

Am Anfang seiner Theaterlaufbahn war Samuel Finzi vom Bildertheater fasziniert. Von Mnouchkine oder Wilson, bei dessen Hamburger "Time Rocker" er auch mitmachte. Dann aber entdeckte er mit Simon McBurneys Theatre de Complicite und der Arbeit von Alain Platel interessantere Alternativen zum Literaturtheater. "Platel...". Da lächelt er und schließt die Augen.

Ein Tänzer ist er selber nur als Schauspieler. Musiker jedoch durchaus in Echtzeit. Schlagzeug, Klavier, Gesang. Am Thalia Theater arrangierte Stefan Moskov 1998 "Blue in Blue. Eine George Gershwin-Session", die als Konzertfassung auch in Sofia gastierte. Gemeinsam mit der bulgarischen Kollegin Maya Novoselska moderierte Samuel Finzi den Abend, sang, tanzte und betrieb Vokalartistik. Der Saal tobte. Itzkos Sohn. Ein Star aus Deutschland.

VIII.

Samuel Finzi unterscheidet sich von den meisten seiner deutschen Kollegen durch das ungebrochene Vertrauen in seinen Körper als Instrument. Natürlich gibt es andere Virtuosen und Jazzer auf den Bühnen. Wolfram Koch etwa ist für Finzi in gleich mehreren Produktionen der ideale Partner, weil auch er ein bedingungsloser Echtzeitspieler ist. Aber Koch erzählt seine Geschichten im wesentlichen über die Sprache. Mimik und Gestik liefern zu. Anders Finzi, der auf der Bühne im Ernstfall immer auch ohne Stimme auskäme. Was verführerisch wirkt und verblüffend. Was sich aber auch verdächtig macht, sentimental zu sein und womöglich unterkomplex in seinem scheinbaren Identischsein mit sich selber. What you see, ist what you get. Kurz vermutet: Dem protestantisch geprägten deutschen Theaterbetrieb war Finzi vielleicht bislang einfach nicht geistig, nicht cool genug.

Seit "Iwanov" aber gibt es ein anderes Interesse an ihm. Und wie es ihm da gelang, das Körperliche zu transzendieren, veränderte auch sein eigenes Verhältnis zu seinen Mitteln. In dem Commedia dell'arte-Stück "Volpone" lässt er es zwar wieder krachen, aber nur kurz jeweils, als Zitat, und zwischendrin steht er in seiner fast vollständigen Bandagierung manchmal reglos da. Wobei er keineswegs eine Angleichung seines Stils etwa an die Ich-Ästhetik der Volksbühne ansteuert. Im "Großen Fressen" ist deutlich zu sehen, dass Milan Peschel und Herbert Fritsch auf dem Mars leben, Samuel Finzi als Spieler aber weiterhin auf der Venus zuhause ist. Jene nähern sich ihren Rollen ganz als sie selber, lauernd und angriffslustig. Finzi hingegen fühlt sich ein und nimmt das Grundgefühl der Verlorenheit, das den anderen beiden den Zugang versperrt, mit in das Groteske seiner Figur hinein. Es ist wieder die geschmeidigere, handwerklichere, stark körperbetonte Lösung. Aber angesichts der szenischen Ergebnislosigkeit des anderen Ansatzes kann keiner mehr sagen, dies sei der uninteressantere Weg.

IX.

Samuel Finzi ist ein Suchender. Und gewiss nicht auf dem breiten Weg. "Unheimlich ist, dass mir bei meinen letzten Produktionen jeweils Dinge passierten, die etwas mit meinen Rollen zu tun hatten. Bei 'Kampf des Negers...' erlebte ich Ungerechtigkeit, bei 'Volpone' hatte ich Ärger mit einer Erbschaftsangelegenheit." Und Ende 2004, zwei Monate vor Beginn der Proben zu "Iwanow" ist, an einem Gehirntumor, seine Frau Dimitra gestorben. Damals habe er viel über sich gelernt. Auch in der Arbeit. Der Weg der Reduktion begann. "Pointen zu spielen, habe ich mich schon immer geschämt. Aber erst jetzt traue ich mich allmählich, auf der Bühne auch von mir selber zu erzählen." Trotzdem hat er das Volksbühnenensemble letzte Spielzeit verlassen und ist dort nur noch Gast. Wie er irgendwann auch das Ensemble des Thalia Theaters verließ, obwohl dort alles stimmte. Verwurzelungssehnsucht contra Fluchtreflex. "Ich kann mir durchaus vorstellen, noch einmal woanders hinzugehen und zu lernen, in einer anderen Sprache zu spielen."

Dann spricht Samuel Finzi nicht mehr über Theater, sondern über Filme und Jazz, das kollektive Minderwertigkeitsgefühl der Bulgaren und darüber, dass er in den Ferien gerne tauchen geht. Auf dem Weg zur U-Bahn beginnt er wieder zu summen. Ganz aufrecht geht er, den Kopf schräg in den Nacken gelegt, aber den Blick nicht, wie auf der Bühne, nach unten, sondern nach oben gerichtet, über die Dächer schweifend, in den Himmel.

zuerst erschienen in Theater heute 6/2006

 

 

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