Pack mich, rauch mich!

von Petra Kohse

Berlin, November 2006. Karin Neuhäuser spielt Frauen- und Männerrollen, und bringt die Geschlechterordnung auf der Bühne auch sonst gerne durcheinander. Eine Bootsfahrt mit der 51-jährigen Schauspielerin und Regisseurin.

Dieser Oktober war Karin Neuhäusers Oktober. Erst der Gordana-Kosanovic-Schauspielerpreis aus Mülheim. Dann die umjubelte Premiere ihrer eigenen Inszenierung der "Orestie" in Frankfurt/Main. Und schließlich die Übernahme von Werner Schwabs "Präsidentinnen" ins Repertoire des Berliner Maxim Gorki Theaters. Regie: Jan Bosse. Die Grete ist eine ihrer Lieblingsrollen, Olivia Grigolli und Yvon Jansen sind dabei, und das Berliner Publikum zeigte sich dankbar und glücklich. Karin Neuhäuser hat Erfolg zur Zeit, großen Erfolg. Und das gibt sie, am Tag nach der "Präsidentinnen"-Premiere sofort und ohne Einschränkung zu.

Sie ist von der Physiotherapie zum Treffen am Gorki Theater gekommen. Vor zwei Jahren hat sie sich in einer Vorstellung der "Möwe" das Kreuzband verletzt und laboriert daran noch immer. "Das wird nicht mehr", sagt sie lapidar mit ihrer rauh tönenden Stimme, eine Frau im braunen Wollpullover, mit Rock und Stiefeln, ein kumpelhafter und zugleich sehr weiblicher Typ. "Fraulich" würde noch besser passen, aber das Wort gibt es ja nicht mehr. Ihr Gesicht ist ohne Maske und in der Mittagssonne keinen Deut weniger eindrucksvoll als dick geschminkt im Rampenlicht. Ein großzügiges und lebensvolles Gesicht, offen, aber durchaus in lauernder Erwartung, verwundbar und wehrhaft zugleich. Wie auf der Bühne geht Karin Neuhäuser auch auf echten Straßen etwas nach vorn gebeugt. Nicht zusammengesunken, sondern im Gegenteil vorandrängend. Als könne es der Kopf nie abwarten, bis die Beine es auch geschafft haben. Ein ungeduldiger und burschikos-entschlossener Gang.

"Wir wohnten anfangs im Wald"

Seit einem Jahr wohnt Karin Neuhäuser in Berlin, in Charlottenburg, wobei sie das letzte Vierteljahr zum größten Teil in Frankfurt gearbeitet hat, und erst gerade wieder ankommt in der Stadt. Lieblingsplätze gibt es noch keine, und so machen wir eine Rundfahrt auf der Spree an diesem sonnenwarmen Herbsttag, Stern- und Kreisschifffahrt ab Nikolaiviertel, das ist vom Gorki Theater nur ein Sprung. Vor dem Zeughaus sammeln Jugendliche für die Berliner Kinderhilfe, einer spricht sie an, und die Schauspielerin bleibt abrupt stehen, fast schuldbewusst, nicht von sich aus auf die Sammler zugegangen zu sein, und gibt einen Schein.

Sie kommt selbst aus nicht gerade wohlhabenden Verhältnissen. Die Eltern waren aus dem Sudetenland nach dem Krieg erst in die Nähe von Brandenburg gezogen und Anfang der 50er Jahre dann mit drei Kindern weiter nach Baden-Württemberg, nach Renningen, südwestlich von Stuttgart. Dort (genauer gesagt: in Leonberg, dem nächstgrößeren Ort) wurde Karin Neuhäuser 1955 als fünftes Kind geboren. "Die Leute im Dorf sagten: ´Engerlinge und Flüchtlinge sind Schädlinge´", erzählt sie und dreht sich eine Zigarette. "Wir wohnten anfangs im Wald, in einer Baracke, gemeinsam mit Zigeunern, wie man damals noch sagte. Ich habe das freie Leben dort durchaus genossen. Aber meine Geschwister, die schon in die Schule gingen, litten darunter. Irgendwann haben es meine Eltern dann geschafft, eine Wohnung im Dorf zu bekommen. Aber als ich fünfeinhalb war, starb mein Vater, und meine Mutter zog uns alleine auf. Sie war streng und hielt uns zu tadellosem Verhalten an. Wenn man angefeindet wird, muss man sich durch Leistung hervortun, war ihr Grundsatz. Wir waren dann auch alle immer die Besten. Jeden Morgen sagte sie zu mir ´Hast du einen Schlüssel mit? Und fall mir bloß nicht auf!´ Inzwischen werde ich genau dafür bezahlt!"

Absolute Ehrlichkeit bei absoluter Künstlichkeit

Karin Neuhäuser ist eine markante Schauspielerin. Man erkennt sie in jeder Rolle, sie verwandelt sich alles an. Auch in ihrer eigenen Inszenierung, in der Frankfurter "Orestie" kommt sie schauspielerisch vor: Cornelia Niemann als Wächterin hätte in einem Ähnlichkeits-Wettbewerb die allerbesten Chancen, während die anderen Darstellerinnen immer ein wenig unsicher bleiben, so, als wüssten sie, dass hinter ihnen jemand steht, der (die) stärker ist als sie. Friedrich Luft nannte das den "Kortner-Effekt". Vermutlich spielt Karin Neuhäuser auf Proben vor (vergessen zu fragen!). Der Neuhäuser-Stil. Das ist: volle Kraft voraus. Und zwar ohne Rückendeckung und Rettungsleine. Das ist: absolute Ehrlichkeit bei absoluter Künstlichkeit. Man sieht immer wie sie es macht, und man glaubt ihr jedes Wort und jede Regung. Dazu gleich mehr.

Nach dem Abitur ("Wir haben alle Zeitungen ausgetragen, das ging schon irgendwie") begann Karin Neuhäuser, in Tübingen auf Lehramt zu studieren. Pädagogik im Hauptfach sowie Englisch und Deutsch. Zwar war sie bereits als Gymnasiastin vom Theatervirus infiziert worden, aber es sollte besser "etwas Richtiges" gelernt werden. Acht Semester lang. Dann beauftragte sie ihr Professor, Unterlagen zu Ödön von Horváths "Der Fall E." zu recherchieren, einem Stück über Berufsverbot. Was sie tat. Aber als im Anschluss "Der Fall E." auch noch aufgeführt wurde, brachen die Dämme. Sogar der Professor riet ihr, zum Theater zu gehen. Sie wollte es von ihrer Bewerbung bei der Berliner Hochschule der Künste abhängig machen. "Doch dort durfte ich von den vorbereiteten Rollen jeweils nur zwei Sätze sprechen und bekam dann eine Absage, in der auf einem Formblatt angekreuzt war, was mir alles fehlte. Das war so demütigend, dass ich mir sagte: Jetzt erst recht!" An der Westfälischen Schauspielschule in Bochum, wurde sie sofort genommen.

Der Ruhrgebietsfaktor

Karin Neuhäuser war 26, als sie mit der Schule fertig war. Zu alt für die Anfängerinnenrollen im Theater und zu unerfahren für den Rest. Sie geriet an Klaus Emmerich und spielte 1982 in dessen Ruhrgebiets-Fernsehserie "Rote Erde" mit, eine Familiensaga. Ein Jahr darauf bekam sie bei Holk Freytag am Schlosstheater Moers ihr erstes Bühnenengagement. 1988 ging sie mit ihm nach Wuppertal und wechselte 1992 ans Theater an der Ruhr zu Roberto Ciulli. Mülheim war prägend. Im Frühjahr 1997 darauf kam Tschechows  "Kirschgarten" heraus, in dem sie die verarmte Gutsbesitzerin Ranewskaja spielte. Als "ramponierte Sunset-Diva", wie Henning Rischbieter damals schrieb. Aber nicht klischeehaft, sondern leidenschaftlich: eine "umweglose, realistisch auf Wahrhaftigkeit dringende Menschendarstellung".

Der "Kirschgarten" wurde zu einem Exportschlager des politisch engagierten und international vernetzten Mülheimer Ensembles. 1997 Belgrad, 1998 Bogotá und Sarajewo, 1999 Teheran. Das Theater an der Ruhr war das erste westliche Theater, das dort gastierte, seit der Iran zwanzig Jahre zuvor Gottesstaat geworden war. Die Teilnahme am 17. Internationalen Theaterfestival Fadjr in Teheran war "das Schlimmste und Schönste", das Karin Neuhäuser im Theater jemals erlebt hat. Majid Sharifkhodaie, damals noch Zensor, heute Chef des Festivals, kam zuvor nach Mülheim, um die angekündigten Produktionen zu begutachten. Außer dem "Kirschgarten" auch Kafkas "Bericht für eine Akademie" und "Pinocchio/Faust", letzteres eine Arbeit vom Herbst 1997, in der Karin Neuhäuser als Gepetto und Mephisto gleich zwei Spielmacherrollen hatte. Und dann wurde nachgebessert: Verhüllungen (eine blonde Perücke trug die Ranewskaja sowieso), keine Berührungen von Mann und Frau und so weiter. Zusätzliche Einschränkungen folgten vor Ort. Dennoch. Der Ansturm auf die Vorstellungen, die hohe Aufmerksamkeit gerade für zensorisch veränderte Stellen und die vielen Besucherinnen, die nach dem Gastspiel mit ihr sprechen wollten – das sind Erinnerungen, die noch Jahre später glänzende Augen machen. Theaterspielen ist, wenn man etwas bewegt.

Zellteilung für das Regisseurinnen-Ich

Zuerst natürlich: sich selbst. Noch im gleichen Jahr verließ Karin Neuhäuser das Ensemble. Die Mülheimer Produktionen hatte sie sämtlich unter der Regie von Roberto Ciulli gespielt. "Aber ich wollte die Welt nicht immer nur durch ein einziges Paar Augen wahrnehmen." Außerdem hatte längst die Zellteilung für die Entwicklung ihres Regisseurinnen-Ichs eingesetzt. Bei Ciulli ist das Ensemble bei allen Proben dabei und darf mitreden. Dass man sich auch als einzelne Schauspielerin für das Ganze verantwortlich fühlen kann, hat Karin Neuhäuser hier gelernt. Immer häufiger saß sie mit am Regietisch. "Und irgendwann wollte ich einfach schauen, ob ich das auch alleine kann. Dazu aber musste ich gehen."

Was ihr nicht leicht fiel. Wer zum Ensemble des Theaters an der Ruhr gehört, gehört zur Familie. Es kam zum Bruch mit Ciulli. "Aber ich habe mich nicht abschütteln lassen. Ich bin einfach immer wieder hingefahren zu den Premieren. Und darauf, dass ich jetzt den Gordana-Kosanovic-Preis zugesprochen bekommen habe, bin ich wahnsinnig stolz." Der Schauspielerpreis wird vom Freundeskreis des Theaters an der Ruhr schließlich auf Vorschlag von Roberto Ciulli verliehen. Alle zwei Jahre übrigens, und benannt ist er nach der Schauspielerin, mit der Ciulli das Ensemble 1980/81 gründete. Gordana Kosanovic war Serbin und starb 1986 mit erst 33 Jahren an Krebs. "Die Auszeichnung wird an Schauspielerinnen und Schauspieler vergeben, die mit einer ungewöhnlich starken Präsenz und Kraft auf der Bühne überzeugen", heißt es in einer Pressemitteilung.

Als Generalswitwe in Feldzugslaune

Anna Petrowna zum Beispiel. Tschechows "Platonow" von Luk Perceval, die Premiere war im Mai an der Schaubühne, Thomas Bading spielt Platonow. Und zwar nicht als charmanten Zauderer, den sich die Frauen mütterlich ans Herz drücken können, sondern als menschliche Heimstatt einer so abgrundtiefen Zerstörung, dass es schon der entschlossensten Verzweiflung bedarf, sich ausgerechnet ihm zu Füßen zu werfen. Karin Neuhäuser ist als Generalswitwe Anna Petrowna in wahrer Feldzugslaune. Eine Frau, die die weite Bühne im kleinen Schwarzen mit großen, stapfenden Schritten durchmisst. Die den anderen nicht in die Augen schaut, aber ihr eigenes Gesicht trotzig vorzeigt. Eine Frau, die sich ihre heisere Stimme nicht nur schneidend, sondern auch in röhrendem Jubel zu erheben traut. Die plötzlich in vergebliche Mädchenhaftigkeit ausbricht und ungelenk durch den Raum flattert. Eine Frau, die weiß, dass sie kaum eine Chance hat. Die aber gerade deswegen zuzugreifen versucht und die Karten ganz offen auf den Tisch legt. "Pass mal auf", sagt sie sachlich zu Platonow und präsentiert sich ihm rücklings auf den Schienen, die sich ziellos auf dem Bühnenboden schlängeln. "Zu dir ist eine Frau gekommen, die dich liebt, das Wetter ist fantastisch, wo ist das Problem?" Und dringlicher: "Pack mich, rauch mich, zerkrümel mich wie eine Zigarette, mach irgendwas. Benimm dich doch mal wie´n normaler Mann, Mann!" Später resigniert sie: "Irgendwie gibt´s nichts Blöderes als eine intelligente Frau, die keiner braucht."

Karin Neuhäusers Frauen sind intelligent, unsentimental und geradeheraus. Fast zwanzig Jahre Ruhrpott klingen mit, wenn sie auf der Bühne zur Sache kommen. Und weil die wenigsten Männer selber gestandene Kumpel sind, haben sie vor diesen Frauen Angst. Es ist, als ob die Neuhäuser-Figuren eine bestimmte Art der weiblichen Adoleszenz übersprungen und das Sich-Zurückhalten und Sich-Verstellen nie gelernt hätten. Dieses deformierende Spiel mit den eigenen Bedürfnissen. Bei jungen Mädchen gibt es manchmal eine Zeit, in der sie in der Öffentlichkeit nichts essen wollen, um sich in ihren körperlichen Bedürfnissen nicht zu offenbaren. Karin Neuhäusers Frauen hatten bestimmt immer einen guten Appetit. Auch die Polina Andrejewna aus Tschechows "Möwe", die sie in der Inszenierung von Falk Richter – als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und dem Schauspielhaus Zürich – ebenfalls an der Schaubühne spielt. Sie atmet so schwer wie ihr ums Herz ist und lässt sich ganz ungeschützt neben Dorn, dem Doktor (Sylvester Groth) nieder, um mit ihm im schulterklopfenden Ton noch einmal durchzusprechen, ob es, und wenn ja wie, doch noch etwas werden könnte mit der Liebe. Natürlich nicht, was man als Frau im Publikum sofort versteht, aber umso mehr bedauert. Da versucht eine, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das mach erst mal nach!

Es grenzt an Travestie

Offensive Indiskretion charakterisiert auch Neuhäusers Unterschichtsfiguren, ist da natürlich noch drastischer und in ihren Mitteln entsprechend gut zu erkennen. Die reiferen Volkstheater-Frauen, die Werner-Schwab-Frauen, wie Frau Wurm in der "Volksvernichtung", Regie Thomas Bischoff im Jahr 2000 in der Volksbühne. Und die Grete aus den "Präsidentinnen", die im Januar 2005 in Zürich herauskam. Aufgedonnert wie eine Geschenkpackung thront sie mit blonder Perücke in der Setzkasten-Bühne von Stéphane Laimé und formuliert mimisch jede Gemütsregung, die sie durchschleicht: Langeweile, Neugierde, Bosheit – alles wird veräußerlicht in ihrem Gesicht, das sie offenbar beliebig kneten kann.

Diese Überdeutlichkeit in der Herstellung von Wirkungen grenzt an Travestie, und tatsächlich ist diese ordinär-liebessehnsüchtige Grete nicht zuletzt deswegen so hinreißend und souverän, weil Karin Neuhäuser dabei agiert wie ein männlicher Frauendarsteller. Wobei – und das erst macht die Sache rund – der eingeschleuste Gender-Gedanke hier mit einem proletarischen Selbstbewusstsein parallel geht, das der Figurenbiografie entstammt. Während bei Frauen höherer Gesellschaftsschichten immer alles aussehen soll wie angeboren, sind die Hauswartsdiven ja stolz darauf, mit ihrer Hände Arbeit Wirkungen zu erzielen. Da darf die Schminke pastos sein und der BH tief und sichtbar einschneiden, so teuer wie er war. Nicht ohne Grund orientieren sich männliche Crossdresser am Sonntagsstyling von Bardamen: da nämlich ist Natürlichkeit gar nicht erst gefragt.

Armschweißschnüffeln und andere Herrschaftsgesten

Die erste Rolle nach Karin Neuhäusers Abschied von Mülheim war übrigens ein Mann. "Richard III." unter der Regie von Johann Kresnik beim "Rosenkriege"-Projekt der Berliner Volksbühne im Prater. Mit Wildschwein-Maske stürmte sie quer durch den Vorraum in den Bühnenturm von Bert Neumann und brüllte den Texte minutenlang durch, unterbrochen von maskulinen Herrschaftsgesten wie Armschweißschnüffeln, aber auch leiseren und moderierenden Passagen. Seltsamerweise erlangte sie in der absoluten Entfremdung, als hässlicher, machtversessener Mann, eine überraschende Selbstverständlichkeit. Sie musste diesen Richard nicht stemmen. Sondern im Gegenteil. Ihre kraftvolle Durchsichtigkeit balancierte ihn gewissermaßen auf den Fingerspitzen.

Dies und Gepetto/Mephisto in Mülheim waren nicht die einzigen Männerrollen, die Karin Neuhäuser bisher spielte. Am Schauspielhaus Zürich kam 2003 noch der Gessler in Meret Matters "Wilhelm Tell" dazu. Zürich war ihre zweite große Liebe nach Mülheim. Besser: Christoph Marthaler ihre zweite Regisseurs- und Intendantenliebe nach Roberto Ciulli. "Ich hatte in Hamburg ´Kasimir und Karoline´ gesehen, und da war es um mich geschehen." Die Arbeit mit Kresnik und danach Thomas Bischoff an der Volksbühne war ein Zwischenspiel. 2002 ging Karin Neuhäuser nach Zürich, wo Marthaler Intendant war, und arbeitete da außer mit ihm (in "Groundings", 2002) und Meret Matter auch mit Stefan Pucher (Athene in der "Orestie", 2004), Falk Richter und Jan Bosse. Ihr Anschluss an die Postmoderne vollzog sich dort. Ihr Vorkommen als Persönlichkeit – eine Arbeit, für die Karin Neuhäuser einiges im Gepäck hat und die sich idealtypisch an der Schaubühne mit Luk Perceval fortsetzte. "Ich suche mir immer ein Sprungbrett – und dann springe ich! Wenn man die Kollegen dazu hat, ist das ganz leicht."

Das Familiending

Kollegen wie Wolfram Koch, Yvon Jansen oder Josef Ostendorf. Mit ihm hatte Karin Neuhäuser schon 1990 in Wuppertal "Faust" gespielt. Er der Mephisto, sie das Gretchen, doch noch!, mit 35 Jahren. In Zürich spielte sie wieder mit ihm und heute wohnt er zumindest in der gleichen Stadt. "Bei den Ostendorfs ist es ähnlich wie früher bei uns zuhause. Da wurde immer so gekocht, dass man auch noch einen Gast hätte bewirten können, der bei fünf Kindern natürlich auch häufig kam. ´Café Neuhäuser´ nannte man uns damals." Das Familiending. Dass die Marthaler-Zeit in Zürich von der Stadt zwangsbeendet wurde "brach" Karin Neuhäuser "fast das Herz. Da wäre doch noch so viel möglich gewesen. Aber wenn ein Theater nur noch nach den Einnahmen bewertet wird, ist nichts mehr zu machen."

Seit Ende der vorletzten Spielzeit ist Karin Neuhäuser frei. Frei von und frei zu. Sie dreht gelegentlich, was sie zwischen "Rote Erde" und dem Ende der Mülheimer Zeit nicht getan hatte. Beispielsweise "Die Familienanwältin", eine erfolgreiche RTL-Fernsehserie mit Mariele Millowitsch. Oder den Kinofilm "Emmas Glück" von Sven Taddicken, wo sie die versoffene Mutter eines Dorfpolizisten spielt, eine indiskret Gescheiterte wieder, ihre Paraderolle als Frau. Und sie verfolgt ihre eigene Regiearbeit. Mehr oder minder konsequent. "Immer wieder denke ich, ich kann das gar nicht, also sollte ich es lassen." Dann aber macht sie doch weiter. Und zwar die ganz großen Themen: "Ich arbeite am liebsten in der Überforderung." Es begann 2001 an den Städtischen Bühnen Münster mit "Medea". "Maria Stuart" und "Was Ihr wollt" folgten, und nach Clifford Odets "Verlorenes Paradies" in Kassel inszenierte sie in Frankfurt letztes Jahr "Nathan" und jetzt die "Orestie". In Koregie übrigens mit Florian von Hoermann, den sie bei "Nathan" als Assistent und Abendregisseur schätzen gelernt hat. "Ich wusste, dass ich oft nicht da sein würde und brauchte jemanden, der dann die Verantwortung übernimmt, und da Florian den ´Nathan´ so gut gepflegt hatte, wusste ich, dass ich ihm vertrauen kann." Ein Machtproblem hat Karin Neuhäuser am Regiepult gewiss nicht. Dafür ist sie gerne ihre eigene Dramaturgin, die ehemalige Germanistikstudentin und hat immer schon alles nachgeschlagen und ausgetüftelt, wenn die Arbeit eigentlich erst beginnt.

Was sie als nächstes inszenieren wird, hat sie noch nicht entschieden. Horváth vielleicht, nur "Kasimir und Karoline" nicht, das war bei Marthaler einfach mustergültig. Brecht auf keinen Fall. "Was mich am meisten interessiert, ist das Irrationale. Wenn Leute etwas tun, das gegen ihre Vernunft ist." Trotzdem ist sie ab Mitte Januar in Frankfurt bei André Wilms und mit dem Ensemble Moderne als Mrs. Peachum in der "Dreigroschenoper" zu sehen: "Ich will mal endlich wieder singen."

Mit dem Kopf voran, wie immer

Inzwischen ist das Spreeboot fast wieder am Ausgangsort angekommen. Beim Getränkebezahlen fällt ein Marienbildchen auf, dass in Karin Neuhäusers Portemonnaie steckt. Als Kind und Jugendliche war sie eine gläubige Katholikin. "Die Beichte habe ich besonders geliebt. Als ich aber mit sechzehn erfuhr, dass der Vatikan Waffengeschäfte macht, war es vorbei. Auch mit dem Glauben. Wie wenn ein Schalter umgestellt worden wäre. Nur Marienbilder habe ich eine Zeitlang gesammelt. Und bekomme jetzt ständig noch welche geschenkt." Nikolaiviertel. Alle aussteigen. Karin Neuhäuser muss auch los. Am Abend gastiert Christoph Marthalers neues Stück "Schutz vor der Zukunft" in den Heilstätten der Stadt Beelitz. Dass sie dort hinfährt, ist selbstverständlich. Gemeinsam mit Josef Ostendorf, den sie jetzt abholen geht. "Ich denke, ich nehme den 100er-Bus", sagt sie noch, und ist dann auch gleich verschwunden, eine Dame im Herbstrock, mit bewältigtem Marienbild und Drum-Tabak in der Tasche, leicht nach vorne geneigt, den Kopf, wie immer, voran.

zuerst erschienen in Theater heute 12/2006

 

 
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