Eine Seele in zwei Brüsten

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 24. Januar 2014. Wer schon immer einmal wissen wollte, aber nie zu fragen wagte, was den Doppelgänger vom Zwilling unterscheidet, der kann bei Heimito von Doderer in der Strudlhofstiege nachschlagen. Einen Zwillingsbruder haben sei, so heißt es dort, "etwas beinah nur Materielles und Physisches. Der Doppelgänger aber – das ist unser Schlechtestes, das Unterste, das Unbeherrschteste in uns, worüber wir die Gewalt verloren haben. Es hat sich selbständig gemacht. Es ist objektiv geworden. Es geht herum und tut in unserem Namen, was wir tun könnten, aber nie tun würden."

Das Doppelgänger-Motiv hat Künstler und Publikum über Jahrhunderte hinweg in seinen Bann gezogen. Als 1913 im "Student von Prag" der Doppelgänger (der des Schauspielers Paul Wegener nämlich) erstmals auf der Kinoleinwand erschien, da blieben den Zuschauern vor Erstaunen und ungläubigem Schrecken die Münder offen stehen: Des technischen Tricks der Doppelbelichtung noch unkundig, hielten sie nicht für möglich, was sie sahen.

Tun, was Faust nie tun würde

Einen späten Widerschein dieser Verblüffung kann man nun in Potsdam erleben. Während der leicht verlotterte junge Gelehrte Faust dort durch sein ungemütliches Kellerloch mit Sichtbetonwänden und Emaille-Waschbecken hastet, wird die samten schimmernde Rückwand plötzlich zum Spiegel: Faust und Raum sind gedoppelt. Doch etwas stimmt nicht, und wie die Kinozuschauer vor 100 Jahren glaubt man seinen Augen nicht zu trauen: Der gespiegelte Raum ist seitenverkehrt – Faust steht vorne links, der Spiegel zeigt ihn hinten rechts. Also kein Spiegel, sondern eine täuschend echte Projektion?

Erst als sich minimale Asynchronizitäten beim gedoppelten Faust einschleichen, begreift man: Der Raum hinter dem vermeintlichen Spiegel ist nachgebaut, Faust hat einen Doppelgänger. Und das ist nun wahrlich einer im Sinne Doderers: Mephisto geht in der Folge herum und tut in Fausts Namen, was dieser nie tun würde. Regisseur Alexander Nerlich führt mit diesem so großartigen wie unheimlichen Effekt direkt ins Kraftzentrum seiner Inszenierung und löst zugleich ein Problem, das sich durch die Wahl von Goethes "Urfaust"-Textfassung stellt: Hier gibt es nämlich noch kein pudelnärrisch Tier, das Faust zuläuft und sich als Teufel entpuppen könnte. Mephisto ist irgendwann einfach da. Bei Nerlich nun nicht als Teufel, sondern als Doppelgänger.Urfaust1 560 HLBoehme uDoppelfaust © HL Böhme

Nase abreißen im Techno-Keller

Und diese beiden – Faust und Mephisto – bilden ein hochenergetisches Paar: Sie raufen und sie kabbeln sich und jagen sich gegenseitig durch die Gretchen-Tragödie. Wobei René Schwittay als Faust das Fahrige, das Gehetzte, aber auch das Weiche verkörpert und Holger Bülow als Mephisto das aufreizend Lässige bei einer beängstigend explosiven, gleichsam charismatischen Aggressivität. Im Techno-Bunker des "A.Kellers" (in den sich Auerbachs Keller hier verwandelt sieht) generiert Mephisto seinen Wein aus dem Blut der nicht eben sympathischen Bomberjacken-Gäste – wenn er einem von ihnen die Nase abreißt, dann spielt Bülow das als punktgenauen, gefährlichen Gewaltexzess.

Explosivität bleibt ein Grundzug von Nerlichs Inszenierung: Immer wieder brechen aus den Körpern der Darsteller ansatzlos heftigste Bewegungen hervor, was dem Spiel enormen Druck verleiht. Zusammen mit der Fülle von Regie-Einfällen, die Nerlich auf die Zuschauer einprasseln lässt, sorgt das für ein außerordentliches Tempo – zumal die Darsteller auch ohne Scheu vor Goethes Sprache agieren, diese sehr variabel, sehr heutig, mal beiläufig, mal mit ausgekosteter Exaltation handhaben. Das wirklich Tolle aber ist: Nichts ist überdosiert, geradezu schlafwandlerisch sicher setzt Nerlich seine Theatermittel ein. Hier ein schnell heruntergerollter Landschaftsprospekt, da ein illusionistisches Spiel mit (diesmal echten) Spiegeln, hier eine geräuschhaft aufgeraute wabernde Klangkulisse und dort ein paar zum Popsong mutierte Goethe-Verse: Das alles ist lustvolles, kräftiges, mal auch mit seiner Jugendlichkeit protzendes Theater, das aber nie die Verbindung zur Erzählung verliert.

In tiefer innrer Seel verhasst

Diese ist um das Gretchen herum sogar recht konventionell gestrickt: Einer fahrbaren Puppenstube entsteigend, spielt es Zora Klostermann zu Beginn mit eng angelegten Armen und zusammengepressten Knien. Erst im Laufe der Begegnung mit Faust lässt sie Luft zwischen die Gliedmaßen, um sie am Ende – im Wahnsinn – weit von sich zu werfen. Die Doppelgänger-Motivik, aus der die Aufführung immer wieder Funken schlägt, verliert Nerlich auch bei den Frauen nicht aus den Augen: Marthe ist bei Meike Finck ein famos lasziver Hollywood-Vamp, ein wahres Gegenbild zum Bieder-Gretchen. Im Werben um Mephisto legt Marthe jedoch das sittsame Jäckchen Gretchens an, so in sich die Doppelgängerin offenbarend.

Ganz texttreu ist auch dem Potsdamer Gretchen "der Mensch, den du da bei dir hast, in tiefer innrer Seel verhasst". Doch dieser Mensch ist ein Teil von Faust, ist nur der Doppelgänger, Fausts Schlechtestes, und so merkt Gretchen auch nicht, dass es hier Mephisto ist, der ihr das Fläschchen mit den drei Tropfen Gift für die Mutter übergibt. Es ist nur konsequent, wenn Nerlich seine fulminante Inszenierung nicht mit der Kerker-Szene enden lässt, sondern mit einem letzten Dialog zwischen Faust und Mephisto: "Wer war's, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?" Wir wissen es. Der Doppelgänger war's.

 

Urfaust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Alexander Nerlich, Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi, Musik und
Sounddesign: Malte Preuß, Choreographie: Anja Kożik, Dramaturgie:
Helge Hübner.
Mit: René Schwittay, Holger Bülow, Zora Klostermann, Meike Finck, Michael
Schrodt, Eddie Irle, Friedemann Eckert, Hannah Müller.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Mehr Doppelgänger? In Stuttgart widmete sich David Marton unlängst musikalisch dem Doppelgänger-Motiv.


Kritikenrundschau

Einer "höchst bemerkenswerten" Inszenierung wohnte Christine Wahl für Spiegel Online (27.1.2014) in Potsdam bei. "Ebenso intelligent wie originell" gehe es "um Doppelungen, Projektionen und Komplementärbilder". Auf "bemerkenswert unverkrampfte Weise" werde "die philosophische Tiefendimension" des Stücks gesichert und sein fragmentarischer Charakter "unangestrengt ins Heute" übertragen, denn der "Trip" durch die "Spiegel- und Gegenwelten" vermittele den "Eindruck eines postmodernen Milieu-Hoppings". Besonders wird das Bühnenbild von Wolfgang Menardis gewürdigt, "ein Szenario von enormer Raumtiefe, das kongenial zwischen düsterem Gelehrten-Bunker und hipper, unsanierter Fabriketage mit abgerockten Ost-Waschbecken changiert".

Unter der Überschrift "Selten wurde Faust so fantasievoll und tänzerisch umgesetzt" schwärmt auch Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (26.1.2014) von diesem "großen Abend". Eingehend werden die Schauspieler gewürdigt, etwa Holger Bülow, der "mit grandioser Körperbeherrschung zwischen müdem Glamrockstar und poetischem Nihilisten, der Faust vergeblich liebt", pendele.

"Wild und ungestüm, mit faszinierenden Lösungen schon am Beginn", findet Frank Starke von der Märkischen Allgemeinen Zeitung (27.1.2014) diesen Abend. Im Progagonisten-Doppel sei René Schwittays Faust der "eher Verhalten-Zögerliche", Holger Bülow "der Geschmeidige, der lasziv weiter drängt, kein Luftholen zulässt". Der Abend gehe wie "im Rausch" voran und bleibe bei "allen Effekten" doch "dicht am Text". Allerdings gehe ihm "trotz aller Spiellust" irgendwann die Puste aus, wenn etwa Frau Marthe zum Klischee werde.

"Zwiespältig" nimmt dagegen Ute Büsing vom Inforadio des rbb (26.1.2014) diesen Abend auf. "Ziemlich disparat und reichlich theaterblutig ist der Zaubertrank, den Nerlich aufkocht." In der Gretchentragödie wollten sich gerade Gretchens aus "Lust entstandenes Leid" und "die Verzweiflung der alleinstehenden Mutter" nicht "so recht aufdrängen".

Die erste Szene sei die "hervorragende", während "der Rest des Abends das Versprechen" nicht halten könne, schreibt Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (27.1.2014). "Was großartig, konzentriert und konsequent beginnt, zerschmilzt danach in ein Zuviel aus Musikalischem, Kostümwechseln (Mephisto) sowie einigen gern wiederholt verwendeten Regieeinfällen." Blut, Videosequenzen und Lieder sowie "die gern und viel ausgetauschten Küsse" seien die Motive dieses Abends. Dass Gretchen "einen Striptease hinlegen muss, um auch kostümmäßig am Ende so 'wahnsinnig' auszusehen, wie es die Theaterkonvention gerne hat, macht die Figur schwächer, als sie ist."

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