In mir regt sich kein Muskel

von Martin Thomas Pesl

Wien, 6. Februar 2014. Der Tod einer Hure ist erfolgt, das letzte Wort gefallen, Zeit für den klarsten Regieakzent dieser Aufführung: Valmont und die Merteuil bewegen sich kantig auf ihre symmetrisch angeordneten Designertotenbetten zu, trinken imaginäres Gift, spucken Blut und sind dahin.

So lässt Hans Neuenfels keine Zweifel an seiner Deutung von Heiner Müllers "Quartett": Alles bis dahin Gesehene war reines Spiel. Die gefährlichen Liebschaften "nach Laclos", wie es bei Müller lakonisch heißt, fanden nur als Wortgefecht zweier Menschen statt, die einst eine sexuelle Beziehung miteinander hatten. Niemand wurde entehrt oder entjungfert. Um sich und einander zu vernichten, müssen die beiden schon ganz unsexy Hand an sich legen; denn so fies und erotisch, wie sie es sich in den Rollenspielen erträumen, funktioniert es schon lange nicht mehr. Tod zweier Spieler. Der Selbstmord als Krone der Masturbation, wie die Marquise es gerade eben noch formuliert hat.

Lederjackenvampir

"Quartett", 1980 geschrieben, ist ein Kompendium des gehobenen "dirty talk", ein zynisches Machtspiel jenseits der Liebe, dessen Figuren auch schon mit dem in ihnen wachsenden Nichts und der Schwierigkeit, ihr "besseres Selbst zum Stehen zu bringen", zu kämpfen haben. An sich ist es also nicht ganz unlogisch, das Stück mit zwei Menschen zu besetzen, die – mit Verlaub – dem Rollenfach der jungen Liebenden einige Jahrzehnte entwachsen sind. Im Theater in der Josefstadt treffen also aufeinander: dessen ehemaliger Direktor Helmuth Lohner, 80, und Elisabeth Trissenaar, knapp 70 und Ehefrau des Regisseurs. Ihr Spielfeld ist das, was Ausstatter Reinhard von der Thannen aus Heiner Müllers ulkiger Anweisung "Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem Dritten Weltkrieg" gemorpht hat: ein Schlafzimmer in hypermodern schlichtem Anthrazit, in der Mitte eine Rotunde mit Vorhang für Auf- und Abtritte.

quartett2 560 monika rittershaus uElisabeth Trissenaar, knapp 70, und Helmuth Lohner, 80, spielen Heiner Müllers Ex-Hassliebenden.
© Monika Rittershaus

Hier empfängt die Marquise de Merteuil ihren ehemaligen Liebhaber, den Vicomte de Valmont, um sich über dessen Pläne zur Schändung tugendhafter Klosterschwestern und verheirateter Frauen lustig zu machen. Mit Lederjacke und schlohweißem, langem Haar ist Helmuth Lohner hergerichtet, wie man sich einen heutigen Vampir oder auch den Designer dieses Zimmers vorstellt. Die Komik ist durchaus freiwillig, ebenso wie die koketten Grimassen und die hohe Stimme, wenn Lohner in diverse Mädchenrollen schlüpft. Das Ehepaar Neuenfels hat sich offenbar daran erinnert, dass ihr guter Bekannter Heiner Müller, der in Berlin oft nachts zum Zigarrerauchen bei ihnen vorbeischaute, fand, man könne sein Stück auch als Klamotte inszenieren.

Im Rhythmus des Abgesangs

Mit viel Wohlwollen kann auch die divenhafte Überzogenheit vieler Gesten diesem Klamottenkurs der Inszenierung zugeordnet werden. Oder man sieht es so, dass hier zwei verdiente Altmeister einen Einblick in das Schauspiel bieten, wie es früher einmal war. Für die sehr plastische Bebilderung ohnehin recht eindeutiger Zweideutigkeiten wie "In mir regt sich kein Muskel" ist das Josefstadt-Publikum, dem eher selten etwas wie Heiner Müller vorgesetzt wird, möglicherweise ganz dankbar. Und das ist es nicht, was diesen Abend wirklich unerträglich macht. Es ist vielmehr die gedehnte Langsamkeit, mit der vor allem Lohner, mit zunehmender Einlullung aber auch seine agilere Spielpartnerin sich im Text voranrobben. Vom Anfang bis zum Ende setzen sie nach gefühlt jedem dritten Wort eine Pause, als spräche ihnen jemand den Text Zeile für Zeile vor, sodass kaum erkennbar ist, was für eine geschliffene, lustvolle Sprache hier auf dem Spiel steht. Schlüssiger, als dem Regisseur eine Geste der artifiziellen Verfremdung zu unterstellen, ist wohl die Annahme, dass er den abgesanghaften Rhythmus einfach nicht verhindern konnte.

Vielleicht ist das ja die Umkehrung des Dilemmas von Kinderrollen, für die echte Kinder noch nicht reif genug sind. Alter hin oder her: Für "Quartett" braucht es eine gewisse körperliche Flexibilität, geistige Schärfe und Bereitschaft zum Tempowechsel. "Ich hoffe, dass mein Spiel Sie nicht gelangweilt hat. Dies wäre in der Tat unverzeihlich", ächzt Helmuth Lohner, während er im Glitzerkleid dahinstirbt. Und das Publikum, das seinen pensionierten Direktor liebt, verzeiht natürlich trotzdem und applaudiert heftig.

 

Quartett
von Heiner Müller
Regie: Hans Neuenfels,
 Bühne und Kostüme: Reinhard von der Thannen, Licht: Manfred Grohs, Dramaturgie: Yvonne Gebauer.
Mit: Helmuth Lohner, Elisabeth Trissenaar.
Länge: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

"In Hans Neuenfels' geistreicher Regie riskieren die beiden Salonmonster die tollsten Volten", schreibt Ronald Pohl im Standard (8.2.2014). "Merteuil und Valmont werfen einander die Müller-Bonmots wie Leckerbissen zu. Jede dieser Satzpralinen ist randvoll mit Gift." Trissenaar spiele Merteuil "als hennarote Naturgewalt", und in "Lohners unvergleichlicher Kunst" seien "drei, vier Bedeutungsebenen gleichzeitig aufgehoben. Die Josefstädter Aufführung von Quartett ist vor allem auch ein Triumph dieses völlig einzigartigen Schauspielers." Fazit: "Jubel für eine Glanzstunde."

Hans Neuenfels habe "in Interviews versprochen, dass er den Witz im oft spröde wirkenden Müller aufspüren will", berichtet Barbara Petsch in der Presse (8.2.2014). Das sei ihm "gelungen, aber die Josefstädter Aufführung hat auch etwas Unheimliches, Krasses, Grausames." Die "grandiose Elisabeth Trissenaar" spinne "nicht nur gemeine Ränke, sie ist auch eine leidende Frau, gepeinigt von Eifersucht und Triebhaftigkeit". Neuenfels sorge "für Klarheit, Konsequenz. Theater wirkt sonst oft im Vergleich zum Film einstudiert, hier klingt der schwierige, gestelzte Text erstaunlich selbstverständlich." Was den drei Protagonisten an jugendlicher Frische fehle, "kompensieren sie mit Souveränität, Erfahrung und einem teils sarkastischen, teils bestialischen Humor, durchaus im subversiven Sinne Heiner Müllers."

Vielleicht sei es ja Neuenfels' Ansatz gewesen, "Quartett" als "Theater-Theater-Drama zweier Mimen zu zeigen, denen die Kräfte schwinden und die darunter leiden, dass sie ihr Publikum nicht mehr wie einst verführen können", spekuliert Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (10.2.2014). "Wenn das Konzept der Inszenierung war, dann scheitert sie daran, dass die beiden Schauspieler ein zu ungleiches Paar sind." Lohner wirke "mit seiner langen, grauen Mähne wie ein greiser Indianerhäuptling und insgesamt so zerbrechlich, dass das Publikum den Atem anhält, wenn er mal einen Schwächeanfall markiert. Seine mehr als zehn Jahre jüngere Partnerin Trissenaar wiederum macht zu viel Theater und spielt so souverän über die Härten des Textes hinweg, dass ihre Performance nie gefährdet erscheint. Statt des Dramas zweier alter Schauspieler sieht man also nur zwei alte Schauspieler, die ein Drama spielen und dabei nie so recht zusammen kommen."

Ein Missverhältnis macht Martin Lhotzky von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.2.2014) in Spiel der beiden Akteure aus: "Für im Grunde gleich starke Rollen" habe Helmut Lohner "viel zu leichtes Spiel mit seiner Partnerin. Man bemerkt sehr bald: Die Trissenaar ist ihm nicht ganz gewachsen. Wenn sie sich wieder und wieder zwischen die Beine fasst, um was auch immer anzudeuten, bleibt er stoisch, geradezu gelangweilt ruhig. Sie schreit oder feixt ins Publikum, wo man lieber ein kühles Anstacheln, ein Verhöhnen des Vicomtes gesehen hätte. Stattdessen bietet sie Lautstärke."

Eine "Klamotte mit Überlänge" hat Karin Cerny für die Welt (12.2.2014) in der Josefstadt besucht. "Trotz aller Anstrengung bleibt das Spiel der beiden Protagonisten über weite Strecken leblos und bisweilen sehr manieriert". Heiner Müllers Stück "mäandert zwischen pointierten Werbeslogans ('Tugend ist eine Infektionskrankheit') und mittlerweile reichlich hohl klingenden Philosophie-Versatzstücken ('Die Zeit ist das Loch der Schöpfung, die ganze Menschheit passt hinein'). Jeder Satz will eine Pointe sein, das ist freilich schwer zu inszenieren."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Quartett, Wien: ein Valmont wie LiberaceSusanne Peschina 2014-02-07 12:06
Die “divenhafte Überzogenheit“ der Hauptdarsteller (vor allem bei Lohner) hat mich immer wieder an die Ästhetik der Filmdarstellung Liberaces erinnert. Was auch mich zuerst ein wenig verstört hat, dann aber doch in der Sinnhaftigkeit – ob sie jetzt absichtlich oder unabsichtlich hergestellt wurde – überzeugt hat. Ein Spiel mit der eigenen Egozentrik, ein frisiertes Porträt für das Gegenüber, die Sexualität, das Flair des Grenzüberschreiters als Markenzeichen! Spielte nicht auch Müller ganz stark mit Markenzeichen?
Heiner Müller in der Josefstadt ans Publikum zu verhelfen, finde ich sehr wagemutig und sollte eigentlich unterstützt werden. Selbst zu Müllers Lebzeiten unter der Direktion Peymann, schaffte es dieser Müller-Text in Wien nicht über die Probebühne des Burgtheaters hinaus. Und dass Lohner mit seiner Popularität dazu beiträgt sollte dem ja keinen Abbruch tun.
Und die Verdammung des Alters, der Sprachbezogenheit, des „alten Theaters“ finde ich von der Kritik nur dumm.
#2 Quartett, Wien: gewohnt schnarchig?Ernst 2014-02-07 12:53
Klingt ja mal wieder nach ner gewohnt schnarchigen Veranstaltung in der ehrwürdigen Josefstadt...
#3 Quartett, Wien: genau und scharf@Ernst 2014-02-07 14:15
Klingt mal wieder nach einem dummen Klischee eines Posters! Denn: Was hier passiert, ist genauer und schärfer - auch lustiger und böser - als vieles, was man sonst wo zu sehen bekommt. Natürlich ist das Ganze "Heiner Müller trifft Ibsen trifft Boulevard", aber gerade diesen Zugang fand ich heute nicht nur spannend, sondern auch möglich! Es geht eben nicht nur wie bei Gotscheffs "Zement", es geht auch auf Josefstadt! Auf den speziellen Rythmus muss man sich eben einlassen, aber wo Stille und Pausen offenbar "unerträglich" sind, möchte ich ohnehin nicht ins Theater gehen.
#4 Quartett, Wien: DinosauriersterbenChr. 2014-02-09 20:14
Eine durchaus treffliche Kritik, wie ich finde.
Das Sprachkonzert erklingt einfach nicht. Nach 30 Minuten blutet man aus den Ohren, so breit und bleiern wird deklamiert.
Daran ist mit Sicherheit nicht der große Neuenfels schuld. Die Aufführung hat schon Größe, aber man hat auch ein wenig das Gefühl einem Dinosauriersterben beizuwohnen.
#5 Quartett, Wien: Große und kleine Tiere@Chr. 2014-02-10 10:30
Ich sehe lieber einen Dinosaurier, der stirbt, als eine Maus, die nie gelebt hat ...
#6 Quartett, Wien: ZustimmungChr. 2014-02-10 11:30
Das ist auch wieder wahr!
#7 Quartett, Wien: verpufft in Beliebigkeit des BoulevardsSascha Krieger 2014-09-21 13:27
Die Wahl des 80-jährigen Lohners und der zehn Jahre jüngeren Trissenaar ist eine der wenigen spürbaren Regieentscheidungen Neuenfels’. Dass er die “Liebenden” als altes Paar verortet, die quasi aus einer Vorhölle ihr altes spiel aufrecht erhalten, weil sie nicht anders können, als das überkommene Geschlechterrollenrad weiterzudrehen, ist durchaus konsequent. Dass er als zweite Ebene, vor allem ganz am Schluss, wenn Lohner die Perücke ablegt und der Vorhang kurzzeitig fällt, die Figuren als gealterte Schauspieler interpretiert, bei Müller angelegt: Wiederholt ist vom Schauspiel die Rede, immer wieder wechseln sie die Rollen, mitunter mitten im Satz. Von der gesellschaftlichen Rolle zu jener auf der Bühne ist es nicht weit, das Bild des Menschen in der Gesellschaft als eines, der eine Rolle spielen muss, nicht neu. Doch wo Müller in diesem Spiel der Ebenen eine ambivalente, gefährliche Spannung findet, hinter der Oberfläche die alles verschlingen wollende Leere gähnt, bleibt die Fassade bei Neuenfels intakt, ist das Flirren der Gewissheiten, die Brüchigkeit gesellschaftlich verordneter Identitäten bloßes Spielmaterial, gähnt hier kein Abgrund sondern allenfalls der Zuschauer. Die Auseinandersetzung mit dem Tod als Urangst und Triebfeder, die martialische Jagdmetaphorik, die groben, die glatte Oberfläche aufreißen wollenden Anzüglichkeiten, die Fremd und Selbstzitate – von Goethe bis zur Müllerschen “Frau mit dem Kopf im Gasherd – nichts wird ernst genommen, alles verpufft in der Beliebigkeit des Boulevards. Wenn Lohners Valmont gegen Ende sagt: “Ich hoffe,Sie mit meiner letzten Vorstellung nicht gelangweilt zu haben”, müssen wir ihm diese Hoffnung leider nehmen.

Komplette Kritik: stagescreen.wordpress.com/2014/09/21/wo-kein-abgrund-gahnt/

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