Nazis in Mondlandschaft

von Grete Götze

Frankfurt, 7. Februar 2014. Über ganz Deutschland verteilt, in Karlsruhe, München, Köln und Berlin schafft es der Nationalsozialistische Untergrund auf die Bühne. Fast sieht es aus wie eine Huldigung. Jedenfalls versprechen sich die Theaterdenker und -praktiker offenbar einiges von der Beschäftigung mit dem Thema. Den Saison-Anfang haben in Braunschweig Olivia Wenzel und Mareike Mikat mit dem Projekt "Unter Drei" gemacht. Jetzt folgt in Frankfurt Christoph Mehler mit der Uraufführung des NSU-Stücks "Der weiße Wolf", das Lothar Kittstein im Auftrag des Schauspiels Frankfurt geschrieben hat. Und es wird weitere Theaterabende über das rechtsradikale Terrortrio geben, das sich dreizehn Jahre lang versteckt hielt und acht Deutsch-Türken, einen Griechen und eine deutsche Polizistin erschoss.

Christoph Mehler, ehemaliger Hausregisseur in Frankfurt, will die drei Hauptfiguren nicht zart mit Bleistift skizzieren. Nicht den Neonazi zeigen, der in unseren Reihen gar nicht auffallen würde. Er nimmt einen dicken Edding und schmiert auf eine Mondlandschaft-kahle Bühne Karikaturen der Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Torben Kessler sieht als Tosch im schwarzen Kunstledermantel, mit Springerstiefeln und akkuratem Mittelscheitel aus wie Mephisto höchstpersönlich. Er ist so widerlich, dass er sich, um Bühnen-Zschäpe Janine auf offener Bühne zu vergewaltigen, nicht mal die Unterhose auszuziehen braucht. Die Missbrauchte liegt sodann im durchsichtigen Plastikschlauchkleid wie ein Fleischhaufen auf der Bühne. Und Sascha Nathan hat als ständig von den Erinyen der Vergangenheit eingeholter Getriebener mit schwitzendem Gesicht einen plötzlichen Auftritt mit Hitler-Schnauzer. Dazu gibt es Geschrei und Kunstblut. Eine Groteske.

Ein Wolf aus einer Natur, die es nicht mehr gibt
Lothar Kittstein interessiert sich in seinem Stück nicht dafür, NSU-Dokumente auszuwerten, er erzählt die fiktive Geschichte des Irgendwo im Nirgendwo versteckten Paares Janine und Gräck. Sie ist schwanger, er arbeitet als Türsteher in der Disko "Der weiße Wolf", die gemeinsame Vergangenheit liegt lange zurück. Bis der Dritte im Bunde, Tosch, auftaucht, und die dünne Decke des Verdrängens mit großer Freude wieder kaputt haut.

WeisserWolf2 560 BirgitHupfeld uInes Schiller als Beate Zschäpe alias Janine © Birgit Hupfeld

Kittsteins Sprache hat eine Brutalität. Er schreibt von dünnen Frauen, die es bei der Geburt zerreißt und von afrikanischen Fotzen, die zugenäht werden. Aber es gibt im 80-seitigen Text auch eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, in denen noch alles weiß und naturbelassen war und die Männer noch mit ihren Frauen schliefen, statt sich im Puff über ausländische herzumachen. Der weiße Wolf, der am Ende des Abends in Form eines Huskys tatsächlich kurz über die Bühne läuft, soll das Symbol für eine Natur sein, die es nicht mehr gibt. Für die verlassenen Landschaften im Osten Deutschlands. Und er spielt auf die Nazizeitschrift "Der weiße Wolf" an, in deren Editorial es 2002 heißt: "Vielen Dank an die NSU;-) es hat Früchte getragen, der Kampf geht weiter ..."

Alles nur geträumt
Ines Schiller, Sascha Nathan und Torben Kessler machen ihre Sache gut. Sie spielen laut, sie sind verzweifelt, sie lieben einander und werden fast verrückt in ihrer Isolation. Janine, die weiße Kaiserin, verzweifelt mit aufgerissenen Augen an ihrer Situation und der nächtlichen Pay-TV-Sendung mit ausländischer Moderatorin. Gräck und Tosch steigern sich mit Pistolenspielen so in ihren alten Gewaltrausch hinein, dass sie nicht mal mehr Patronen haben, um ihr irres Spiel abzubrechen. Am Ende erscheint Schiller im Hosenanzug, der aussagenlos-uniformhaften Kleidung, die Zschäpe vor Gericht meist trägt, und entlarvt die vergangenen eineinhalb Stunden und die beiden Männer als ihren Albtraum.

Überraschend, dass der Abend trotz einem interessanten Stücktext mit eigener Sprache, einer entschiedenen Inszenierung und guten Schauspielern nicht wirklich berührt. Vielleicht liegt es daran, dass man etwas zu sehr zur Betroffenheit angehalten wird. Und daran, dass die karikierten Figuren von einer konkreten Lebenswelt zu weit entfernt sind.

 

Der weiße Wolf (UA)
von Lothar Kittstein
Regie: Christoph Mehler, Bühne: Nehle Balkhausen, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Daniel Freitag, Dramaturgie: Stephan Wetzel.
Mit: Ines Schiller, Torben Kessler, Sascha Nathan.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

 

Kritikenrundschau

Alexander Jürgs schreibt auf der Website der Tageszeitung Die Welt (9.2.2014, 8:50 Uhr): Die Auftragsarbeit für das Frankfurter Schauspiel nenne Lothar Kittstein selbst "eine Fiktion". Er habe sich von der Masse an Informationen über die Terrorgruppe "regelrecht abgeschottet". Was er bei seiner Expedition in die "Gedankenwelt des rechten Terrors" zutage gefördert habe, schreibt Jürgs, sei "Paranoia". "Die Angst, entdeckt zu werden, Misstrauen untereinander und die Angst vor allem Fremden bestimmen seinen Text." Das Stück sei voll von "wuchtigen und plakativen Sätzen", ein "Gruselkabinett", das mehr und mehr ins Surreale kippe. Als Zuschauer könne man sich vor der "Vulgarität und Brutalität" der Figuren ängstigen. Verglichen mit "den Aussagen in den Bekennervideos", sei der Hass, den Kittstein beschreibe, "vergleichsweise harmlos". Christoph Mehler inszeniere "weitgehend ohne Zwischentöne". Eineinhalb Stunden lasse er seine Darsteller "sich gegenseitig anschreien, mit Theaterblut beschmieren, aufeinander einschlagen". "Wirklich weh" tue das nicht.

Auf der Website von Deutschlandradio Kultur (7.2.2014) schreibt Alexander Kohlmann: Der Text lasse kein Klischee ungezeigt. Die "unausgesprochene homoerotische Anziehung zwischen den Kerlen", "natürlich hat die Frau mit beiden Sex". Doch diese "gruselige Spekulation" über das Zusammenleben der Mörder bringe "leider überhaupt keine neuen Erkenntnisse zum rechten Terror, zum NSU-Prozess oder zum Seelenleben der Angeklagten". Eine "voyeuristische Betrachtung der Täter", in der "die Opfer nicht vorkommen".

Kittstein sei "ein kluger, ein raffinierter Autor", meint Dietmar Bartetzko in der Frankfurter Allgemeinen (10.2.2014). "Aber kein Theaterautor – man will nachlesen, wie er Einsichten gleich Tellerminen explodieren lässt, will seine Formulierungen überdenken, weil sie nur im Kopf, aber kaum auf der Bühne Funken schlagen." "Der weiße Wolf" sei "eine Roman-Collage, ein Kaleidoskop aus Erkenntnissen und Vermutungen, die um die rechtsextreme terroristische Gruppierung mit dem grausig lächerlichen Namen NSU kreisen." Christoph Mehler bemühe sich "manchmal erfolgreich (…), mit Gängen, expressiven Posen und symbolgeladenen Plazierungen Leben ins Papier zu bringen", doch insgesamt erlebe man "statt einem großen Theaterabend eine gehobene szenische Lesung".

"Dass Beate Zschäpe, die doch als Einzige noch Einblick geben könnte ins Innere des Trios, komplett schweigt, könnte ja auch ein Vorteil sein für eine Fiktionalisierung", vermutet Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (10.2.2014). Kittstein und Mehler aber füllten "die Leerstelle nicht nur, aber leider doch weitgehend mit Klischees". Kittstein immerhin polstere "seine Figuren wenigstens ein bisschen mit Unerwartetem auf". Alles in allem aber versuche Abend "mit dickem Auftrag zu übermalen (…), dass er zu rechtsradikalen Gemütsverfassungen, schon gar zum Mord-Antrieb nichts Neues zu sagen hat."

Nach 90 Minuten wisse man, "wie Kittstein sich die Nazi-Psyche vorstellt, mehr nicht", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (10.2.2014). Nebenbei stütze "seine durchaus poetische Fiktion ganz unbedarft die durch Vertuschungen in Ermittlerkreisen konstruierte Einzeltäter-Hypothese. Von den Opfern des NSU ist nicht die Rede, nicht vom gesellschaftlichen Klima, in dem die Terrorzelle gedeihen konnte, nicht vom Versagen der Medien – Stichwort 'Dönermorde'." Das sei "schwach und nach 'Unter drei' in Braunschweig das zweite verfehlte NSU-Theaterprojekt".

"Abstoßende Gestalten, die in ihrer Formelhaftigkeit wie eine Verharmlosung der tatsächlichen Mörder wirken," schreibt Shirin Sojitrawalla über die drei NSU-Darsteller in der taz (12.2.2014). In diesem "rauhen Kammerspiel" kommen sie in "ihrer ausgestellten Dummheit" aus Sicht der Kritikern gelegentlich sogar fast bemitleidenswert daher. Doch über die NSU lerne man nichts hinzu, erfahre "aber doch etwas über die schlichte Sehnsucht, aus der sich Hass speisen kann."

"Das Stück ist eine erregte Spekulation über das Privatleben dreier Verbrecher: So liebte der NSU. So waren sie einander (wahrscheinlich) hörig", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (13.2.2014) und fragt: "Ein Stück über rechtsradikale Täter als freie Einfühlungs- und Lustfantasie, inszeniert fürs aufgeklärte Publikum eines Stadttheaters, was ist das?" Und antwortet: "In erster Linie eine symbolische Veranstaltung: die Begutachtung einer sogenannten faulen Stelle durch Unbescholtene." Eine kleine Öffentlichkeit beuge sich, stellvertretend fürs ganze Land, "über eine frisch aufgesprungene Motivquelle, unter der ein riesiges Giftreservoir zu vermuten ist". Zuschauer und Theaterleute verbündeten sich in dem Gefühl, sie hätten einen maroden Punkt der Gesellschaft markiert: "Ja, wir haben ein Auge drauf. Keiner kann uns nun noch vorwerfen, wir hätten nicht hingesehen."

 
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