Die Herrschaft der Dinge

von Teresa Präauer

Wien, 9. Februar 2014. Vor mehr als 40 Jahren hat Peter Handke ein großartiges Buch geschrieben, die Erzählung "Wunschloses Unglück". Katie Mitchell, die Erfahrung aufweisen kann in der Dramatisierung der formbewussten österreichischen Prosa – ihre Dramatisierung von Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht am Schauspiel Köln 2012 war zum Theatertreffen 2013 eingeladen – gibt damit ihren Einstand als Regisseurin am Wiener Burgtheater, und zwar an der stets experimentierfreudigeren Spielstätte des Kasino am Schwarzenbergplatz.

Die Bühne (Lizzie Clachan) ist auch in dieser Mitchell-Arbeit gebaut als Filmset aus mehreren Räumen, die die Handkesche Familienwohnung in den 70ern nachstellen, ausgestattet mit Versatzstücken, die tatsächlich im Kärntner Dorf Griffen, wo Handkes Mutter geboren und gestorben ist, mit Liebe zum Detail nachrecherchiert worden sind: very 50s, indeed!

WunschlosesUnglueck2 560 ReinhardWerner uNein, du bist nicht allein! Da ist immer noch ein Kameramann. © Reinhard Werner

Zahlreiche Kameras sind im Einsatz, wenn es darum geht, das Alter Ego des Autors (Daniel Sträßer mit Handkes Beatles-Frisur inklusive Oberlippenbärtchen aus seiner Zeit der "Publikumsbeschimpfung") und seine, allerdings im Originaltext nur einmal erwähnte Schwester (Liliane Amuat) auf Leinwand zu bannen. Und das Bannen heißt hier konkret: diese als Figuren stumm agieren zu lassen, während ihre Mutter (Dorothee Hartinger), ebenso stumm, sorgsam-pragmatisch das Ritual des Freitodes vollzieht: Tabletten schlucken, Kinn hochbinden, Windelhose überziehen, sich ins Bett legen. Ihre Stimme bekommen Mutter und Sohn aus dem Off (präzise und hervorragend gelesen von Peter Knaack und Petra Morzé).

Genaueres später, nein, jetzt!
Der Selbstmord seiner Mutter, über den der Ich-Erzähler im "Wunschlosen Unglück" schreibt, ist auch in der Uraufführung dieser Bühnenfassung der Ausgangspunkt für eineinhalb Stunden, in denen das Publikum zusieht, wie ein Frauenleben, hineingezwängt in den "ländlich-katholischen Sinnzusammenhang", seinen Verlauf nimmt: meist tragisch, selten heiter. Wie heißt es im Text, der in dieser Inszenierung achronologisch und auszugsweise, aber texttreu über- und dabei wörtlich genommen wird: "Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat für die Biographie eine Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter (…)."

Nun bietet Handkes Erzählung allerlei biografischen Formelvorrat, und dieses Dazu-Sich-Hin- und Davon-Sich-Wegbewegen im literarischen Schreibprozess thematisiert der Autor von der ersten bis zur letzten Seite seines Buches: "Später werde ich über das alles Genaueres schreiben." Katie Mitchell wiederum treibt einen großen Aufwand, und mit ihr ein handwerklich-beeindruckendes Team von zirka dreißig Leuten, um dieses Genauere später, nein, jetzt!, eintreffen zu lassen. Der Wille zur Mimesis illustriert hier wohl genau jenen biographical approach, gegen den Handke so skeptisch anschreibt im "Wunschlosen Unglück".

WunschlosesUnglueck1 560 ReinhardWerner uSelbst die Tapete passt zur Verzweiflung. © Reinhard Werner

Bis hin zur Mustertapete an den Wänden und den retro-schicken Kostümen (Sussie Juhlin-Wallen), mit welchen eine Anna Viebrock wohl ihre Freude hätte, wird hier etwas Poetisch-Flexibles festgeformt. In einer dramaturgischen Bewegungsarmut, die aus gleichförmigen und gleichgewichteten Flächen zu bestehen scheint. Dramatisch untermalt von bedeutungsschwerer, stets unheilverkündender Hintergrundmusik.

Wiederauferstehung im Loop
Wenn es bei Handke heißt, dass "eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf Papier klopfe", just dann klopft der Handke-Darsteller doch immer den gleichen Buchstaben auf seiner Schreibmaschine auf Papier. Überall dort, wo es in der Erzählung Angebote für mögliche Requisiten gibt, da werden sie auch in Großaufnahme eingeblendet: die Dylan-Musikkassette, der Fernsehapparat mit dem Abspann von "Wenn der Vater mit dem Sohne" und so weiter. Wo bei Handke die Wörter die Dinge regieren, regieren bei Mitchell bloß die Dinge selbst.

Ulkig ist das bisweilen. Und manchmal auch absichtsvoll schräg in den Zwischenbildern: wenn Dorothee Hartinger als vermeintlich tote Mutter wieder und wieder aus dem Sarg springt, um in ihr nächstes Frame zu hasten. Wenn eine ganze Belegschaft an Kameraleuten, Bühnenarbeitern und -arbeiterinnen eine unausgeleuchtete Choreografie der Szenenwechsel tanzt. In all seinen Einzelteilen ist das gut umgesetzt. In der Gesamtheit, und gerade bei diesem Stück Literatur: leider wohl, auf hohem Niveau, ein Missverständnis. In Wien gab es dafür großen Applaus.

Wunschloses Unglück
nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke
Bühnenfassung von Duncan MacMillan
Regie: Katie Mitchell, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen, Bildregie: Grant Gee, Video: Finn Ross, Musik: Paul Clark, Sounddesign: Gareth Fry, Melanie Wilson, Licht: Jack Knowles, Geräusche: Ruth Sullivan, Dramaturgie: Amely Joana Haag, Kamera: Andreas Hartmann, Stefan Kessissoglou, Sebastian Pircher.
Mit: Liliane Amuat, Dorothee Hartinger, Peter Knaack, Petra Morzé, Robert Reinagl, Laurence Rupp, Daniel Sträßer.
Spieldauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Katie Mitchell: Zuletzt probierte die Britin es am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Martin Crimps Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino ohne die aufwändige Live-Verfilmungs-Technik, für die sie in der deutschsprachigen Theaterwelt berühmt und 2009 mit ihrer Kölner Inszenierung von Franz Xaver Kroetz' Wunschkonzert – übrigens auch ein Text, der den Selbstmord einer Frau verhandelt – erstmals zum Theatertreffen eingeladen worden ist.

 

Kritikenrundschau

"So wie Handke aus Gedankensplittern eine schlüssige Lebensgeschichte zusammen zu puzzeln versucht, montiert Mitchell aus Einzelelementen eine stringente Filmerzählung", sagt Christoph Leibold im Deutschlandradio Kultur Fazit (9.2.2014). Doch während sich bei Handke darin Zweifel ausdrücke, "weil Biografien nur Konstrukte und somit fragwürdig sind", stelle Mitchell vor allem ihre über jeden Zweifel erhabene handwerkliche Könnerschaft aus. Verbunden mit den in Großaufnahmen überdeutlich ausgestellten Emotionen der Figuren, die durch gefühlskraftverstärkende Filmmusik noch unterstrichen werde, verrate dieser Theaterabend einen Willen zur Wirkung, der an Gefallsucht grenze. "Man kann Katie Mitchells virtuoser Effektsicherheit die Bewunderung tatsächlich nicht rundweg versagen", so Leibold. "Und doch: Man erkennt die Absicht, und ist verstimmt."

"Insgesamt wirkt der Abend wie ein einziges Missverständnis, ja, wie ein missglücktes Fernsehspiel aus den frühen 1950er Jahren", meint Hartmut Krug im Deutschlandfunk (10.2.2014). Und während die knappen Beschreibungen von Handke von Katie Mitchell zu überdeutlichen Szenen und Zeichen aufgebläht würden, erschließe sich der Sinn dieser medialen Bastelei nie. "Statt ästhetischem Mehrwert oder neuen Sichtweisen erreicht er oft eher unfreiwillig Komik." Schlimmer noch, nach der Hälfte der anderthalb Vorführstunden hänge der Abend erzählerisch und spannungsmäßig mächtig durch.

Dorothee Hartinger spielt großartig die Rolle Maria Handkes, meint Ronald Pohl in Der Standard (11.2.2014). "Die Frau legt eine Behutsamkeit an den Tag, als wollte sie die Gegenstände in ihrer Umgebung von jeder Mitschuld freisprechen." Das Theater Katie Mitchells indes sei vor allem "ein Triumph der Buchhaltung über die schönen Künste". "Man hat 'Wunschloses Unglück' gelesen, die Fliegenbeine gezählt, die Versandhauskataloge von 1970 studiert." Technisch bis an die Zähne bewaffnet, übersetze Mitchell Handkes Erzählung, "ein unsterbliches Stück Weltliteratur", in ein "Kriminal-Fernsehspiel" – und breche den Text auf eine Binsenweisheit herunter.

"Bei Mitchell wird die Suche nach dem Geheimnis der Mutter symbolisch überhöht. Das bringt Dramatik, simplifiziert aber zugleich die Vorlage", schreibt Norbert Mayer in Die Presse (11.2.2014). Wer allerdings "das Genauere bei der Bewältigung des Todes der Mutter auf einer anderen, dinglichen Ebene" schätze, für den habe Mitchell eine Bühnenversion der Erzählung inszeniert, "die bilderreich das Außergewöhnliche  an Handke verdeutlicht". Sie beschränke sich einerseits auf wenige Momente, andrerseits weite sie Szenen ins Monumentale. "Für Puristen der Prosa Handkes kann das irritierend sein." Es werde auch tatsächlich "sehr viel Aufwand für Handkes schlanke Prosa", getrieben, Mayer nötigt es trotzdem "großen Respekt" ab, "wie mühelos Szenen sich ineinander fügen, wie konzentriert die Darsteller agieren".

Dass Katie Mitchell Handkes "Wunschloses Unglück" wie "einen Thriller inszeniert", findet Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (11.2.2014) "stimmig". Denn: "Wie der Kriminalist muss der Schriftsteller genau hinschauen, bevor er seine Beobachtungen zu einer Geschichte zusammensetzt." Das Stummbleiben der Akteure im Film sei "konzeptionell zwar konsequent, inhaltlich aber nicht immer schlüssig; dass etwa Bruder und Schwester nie ein Wort miteinander wechseln, wird auf diese Weise seltsam bedeutungsschwer." Als eine "Stärke der Inszenierung" sieht der Kritiker ihre – dem Krimicharakter entsprechende – "Liebe zum Detail" an. Im Ganzen liefere der Abend auf der Bühne wie im Buch "eine unsentimentale, tieftraurige Liebeserklärung" an die Mutter.

Martin Lhotzky von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.2.2014), der sich an diesem Abend als "Zeuge der Produktion eines Fernsehkrimis" erlebte, empfiehlt dem Leser lieber die Lektüre des Handke-Buches. Das bei Mitchell dargestellte sei "akribisch recherchiert", allerdings teils auch "(u)nnötige Pedanterie" betrieben. Die "Wucht der Geschichte" werde "kaum spürbar, der Suizid wie ein Kriminalfall abgehandelt." Auch stört sich der Kritiker an den Rahmenbedingungen der Produktion. "Gerade jetzt, nach Bekanntwerden der Finanzkrise des Burgtheaters, soll das britische Team ständig zwischen London und Wien gependelt sein. Mitchell habe dazu noch auf der Anschaffung eines neuen, sündteuren Beamers für ihr Filmspektakel bestanden. Und das Ganze, um nicht einmal ein Viertel der Erzählung zu zeigen. Monströs!"

 
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