Ein Mensch ist kein Problem

von Willibald Spatz

München, 18. Januar 2008. Eigentlich müsste man raus gehen. Denn diese Probleme kann man nicht einfach auf eine Theaterbühne werfen, ein bisschen verhandeln und dann sein Publikum mit irgendeiner Erkenntnis auf den Heimweg schicken. Es geht um Gewalt, die immer kurz vor dem Ausbruch steht, es geht um nicht vollzogene Integration, es geht um Leere und Langeweile.

Wenn man das ausstellt, indem man auf französischen Vorortstraßen Jugendliche in Schwarz-Weiß filmt, wie das Mathieu Kassovitz 1995 für seinen Film "Hass" gemacht hat, dann kann man eine Menge bewegen in den Zuschauern. Die sind betroffen danach und spüren den Handlungsbedarf am eigenen Leib.

Im Regen des Papiermülls

In München hat nun Sebastian Nübling seine Theaterfassung des Films in den Kammerspielen vorgestellt. München wird seit Jahren zunehmend sicherer. Und doch sind einige brutale Übergriffe in U-Bahnöfen hier die Auslöser einer nicht weniger als die Apokalypse heraufbeschwörenden Debatte um Gewalt, die auszuüben junge Migranten praktisch gezwungen seien, weil die deutsche Politik so oder so versagt habe.

Diesen Eindruck hat man, wenn man im Moment die Menschen in den Medien reden hört. Nübling vermeidet es, durch Bezüge zur Tagesaktualität einen weiteren müßigen Beitrag zur Diskussion zu liefern. Er geht geschickter vor, indem er von der Wirklichkeit weiter abrückt. Die drei Jungs des Films, Vinz, Saïd und Hubert, sind in den Kammerspielen drei Frauen: Brigitte Hobmeier, Katharina Schubert und die an diesem Haus zum ersten Mal spielende Katja Bürkle.

Sie werden zusammen mit Müll auf die Bühne gekippt. Diese stammt von Muriel Gerstner und ist toll: Ein schwarzer Block, aus dessen Mitte sich ein Quader nach hinten schiebt, nimmt die ganze Breite der Spielfläche ein. Und von oben regnet es alles mit alten Kartons voll – eine wunderbare Kombination aus Monumentalität und Schäbigkeit, durch die sich die Schauspielerinnen nach jeder neuen Ladung Müll mühsamer arbeiten müssen.

Kartons zerfetzen mit Schleifchen im Haar

Die drei tragen fröhliche blaue T-Shirts mit der Aufschrift "Hass". Katharina Schubert hat dazu ein Röckchen an und ein rotes Schleifchen im Haar. Sie reißt ihr Maul am weitesten auf, während sie sich ihr Haar rasieren lässt, damit sie "nachher bumsen gehen kann". Mit Worten haben sie alle drei viel Kraft. Da könnte man Angst bekommen, wenn sie das umsetzen würden, was sie sich ununterbrochen androhen. Stattdessen zerfetzen sie Kartons. Dabei sehen sie lächerlich, beinahe niedlich aus, gerade weil sie dennoch um jeden Preis cool bleiben wollen.

Katja Bürkle als Hubert fühlt sich ein wenig als Anführer, hat aber keine Chance etwas anzuschaffen, weil sie eine Pinocchio-Nase trägt. Brigitte Hobmeier ist Vinz. Sie findet schließlich die Waffe eines Polizisten, mit der sie ein Loch in die Decke schießt, aus dem es Putz auf die Zuschauer regnet, damit auch die merken, dass es jetzt theoretisch ernst werden könnte. Ein Bulle werde dran glauben, wenn ihr Freund, der seit einer Routine-Kontrolle im Krankenhaus um sein Leben kämpft, verliere.

Kein Schuss am Ende, nur ein Witz

Doch dann passiert wieder fast nichts. Das Licht wird kälter. Ein paar Kartons regnen herab. Die drei sitzen mittendrin, labern und erzählen sich Geschichten gegen die Langeweile, darunter die berühmte von dem Mann, der vom Hochhaus fällt und sich bei jedem Stockwerk denkt, dass es bis jetzt gut gegangen sei. Die Handys, mit denen sonst alles gefilmt oder fotografiert werden musste, werden unwichtiger. Dann stirbt der Kumpel, sie bekommen es mit aus den Handy-Nachrichten. Die Freunde lassen Vinz nun allein: "Alles, was du jetzt tust, tust du ohne uns."

Doch anders als in der Vorlage, fällt kein Schuss. Der Abend endet mit einem Witz und einem letzten Blick auf drei Freunde auf dem Müllberg. All diese Gewalt findet nur im Kopf und in den Sprüchen statt, dort hat sie sogar eine Art von Poesie. Da sind Menschen, die als solche wahrgenommen werden wollen und nicht als Gefahrenpotenzial und Problem, das es zu lösen gilt. Und wenn man den Abend so sieht, dann ist er sogar ein gelungener Kommentar zur Lage dieser Nation zurzeit.

 

Hass
nach dem Film von Mathieu Kassovitz, in einer Fassung von Sebastian Nübling, Julia Lochte und dem Ensemble
Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner, Dramaturgie: Julia Lochte, Musik: Lars Wittershagen.
Mit: Katja Bürkle, Brigitte Hobmeier, Katharina Schubert.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Christine Dössel konstatiert in der Süddeutschen Zeitung (21.1.2008): Nübling versuche weder die "authentisch-dokumentarische Anmutung" des Films nachzuvollziehen noch die "Tagesaktualität" des Stoffes herauszustellen, Bezüge ergäben sich auch so. Nübling arbeite mit "Be- und Verfremdungseffekten, abstrahiert den Film ins Comichafte, Clowneske, Groteske ... ein absurdes Spiel wie von einem postdramatischen, sprachlich abgefuckten Beckett". In Kostümen von Muriel Gerstner sähen die drei Schauspielerinnen aus wie Figuren aus Euro-Disney. Sie seien "Witzbolde, Kinder, Comicfiguren". Bei Nübling seien diese Kids auch: Ratten im Theaterlabor. "Nicht zu Versuchs-, sondern zu Demonstrationszwecken." Die Stärke der Inszenierung sei die Liebe zu den Figuren. Ihre Schwäche: die "Verniedlichung der Figuren", in der die "großen zornigen Maulhelden" als "lustige Gesellen" erschienen, über die man lachen müsse, nicht sich vor ihnen fürchten.

In der Frankfurter Rundschau (21.1.2008) schreibt Christine Diller: "Beim Einlass gibt's Popcorn für alle." Den Schauspielerinnen zuzuschauen, sei in München "viel zu amüsant und unterhaltsam". Ihnen fehle "die Brutalität, die destrukltive Energie" der Typen im Film. Frau Diller fehlt das Gefühl von Bedrohung und Perspektivlosigkeit. "Kein Schocker" also, "kein Betroffenheitstheater, aber ein schönes lustiges Bravourstück für herausragende Schauspielerinnen." Bloß: "Am Ende hat das Popcorn viel zu gut geschmeckt."

Im Boulevard-Blatt, der Münchner Abendzeitung (21.1.2008) schreibt Gabriella Lorenz: "Nübling inszeniert nur ein Vorstudie der Gewalt, ein komisches Planspiel. Das Bühnenbild zeigt diese armen Würstchen als Müll der Gesellschaft. Und die drei Schauspielerinnen liefern ein wunderbares, hochpräzises Clowns-Kunst-Stück. Doch die totale Abstraktion verharmlost das Thema zum Sandkasten-, pardon, Müllkippenspiel und verrät es ans Entertainment."

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (20.1.2008) schreibt der Schriftsteller Joseph von Westfalen: "Die zeitgenössische  bildende Kunst findet nicht auf der Documenta oder Biennale statt, ... sondern im Theater." Wenn, argumentiert Westfalen, Muriel Gerstner leere Kartons von der Decke prasseln lässt, dann sei dies eine Installation, die neben ihrer Ästhetik auch "Sinn und Leben" habe und jeder kapiere, "was es bedeuten soll". Die Besetzung der Rollen der jugendlichen, männlichen Außenseiter mit "drei deutschen Mädchen" garantiere "einige Komik". Das ist auch das Problem. Zwar sei es "karg und beckettsch", wenn die drei in der "Kartonmülllawine" herumkröchen, aber insgesamt ist Westfalen die komödiantische Inszenierung zwar sehr sympathisch aber zu herzig. "Die hier herumkrakeelenden Figuren treten nur in Kartons. Käme ein tapsiger Rentner daher, sie würden ihn freundlich durch die unwegsame Halde leiten."

In der Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegels (20.1.2008) schreibt der Münchner Kulturkorrespondent Mirko Weber: In Nüblings "pointiert dirigiertem, hochfeinem Sprechtheater" spielten drei junge Frauen drei "Kerle", die "ihrerseits versuchen, Männer zu spielen und sich entsprechend monströs benehmen." Wo indes im Film die "dunkle Katastrophe" drohe, sei "auf dem Theater der schwarze Humor nicht weit." Zu sehen seien "Rollenspiele, Mutproben, Kraftmeiereien". Da die Frauen ausdrücklich spielten, was die Männer ernst meinten, "hat das Grauen immer einen Zug ins Groteske. Wenn sie nämlich außer sich geraten, treten die drei auch meistens direkt neben sich: zücken das Fotohandy und dokumentieren - eine Rolle." Das mache die Geschichte harmloser.

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