Der schiefe Leuchtturm des Westens

von Esther Boldt

15. Februar 2014. Eine unscheinbar auftretende Pressemeldung versetzt seit Dienstag die deutsche Theaterszene in Aufruhr: Die Kunststiftung NRW hat ihre Theaterförderung neu konzipiert und beendet nach 25 Jahren ihre Förderung der Theater-Biennale "Impulse". Beim letzten Mal musste schon Festivalprogramm abgespeckt werden, weil die erhoffte Projektförderung der Bundeskulturstiftung ausblieb, nun aber ist das Fundament der Biennale viel grundlegender erschüttert. In den letzten Jahren hatte die Förderung durch die Stiftung 150.000 Euro betragen, nach vielen intensiven Gesprächen mit der Stiftung während und nach der vergangenen Ausgabe beantragte das Festival in diesem Jahr 200.000 Euro – nun bekommt es überraschend gar nichts.

Eine persönliche Notiz vorab: "Impulse", das ist für mich nicht nur eine der bedeutendsten Plattformen der freien Szene, es ist auch Teil meiner Sehschule als Kritikerin und meiner professionellen Biografie. Von 2006 bis 2011 war ich als Scout für die Auswahljury tätig. Ich erinnere mich an eine behelmte Pilotin, die eine handgebastelte Rakete in die laut zusammenkrachende Wand aus Getränkekisten lenkt, in dem überbordenden Lied vom Ende der Welt namens "Live tonight!" von Monster Truck (2007).

wolfgang silveri"Impulse"- Chef:
Florian Malzacher
© Wolfgang Silveri
Nun kämpft das Festival mit einem signifikanten Fehlbetrag: 830.000 Euro hat die letzte Ausgabe gekostet, 100.000 Euro weniger als 2011. "800.000 Euro sind die Mindestsumme, um das Festival in einer sinnvollen Form überhaupt durchführen zu können", sagt Florian Malzacher, seit 2012 Künstlerischer Leiter der "Impulse". Fix stehen ihm 395.000 Euro zur Verfügung, 260.000 Euro vom NRW Kultursekretariat und jeweils 45.000 Euro von den beteiligten Kommunen. Diese sind nun nur noch drei, Köln, Düsseldorf und Mülheim, Bochum musste aufgrund fehlender Mittel im Nothaushalt aussteigen. Mehr als die Hälfte seines Mindestbudgets muss das Festival also durch Drittmittel einwerben, und es ist dieser Schieflage zuzuschreiben, dass ein so renommiertes und wichtiges Festival derart leicht ins Wanken geraten kann: Dass die "Impulse" Theater-Biennale 25 Jahre nach ihrer Gründung nicht auf festeren Füßen steht, das ist der eigentliche Skandal. Denn auch wenn es dem "Impulse"-Team gelingt, die Finanzierungslücke für 2015 einmalig durch neue Geldgeber zu schließen, steht die Existenz des Festivals spätestens im Folgejahr wieder zur Disposition.

Ich erinnere mich an die zauberhaft verschrobenen Nerds im Schnee, von Philippe Quesne in die Halle Kalk gemalt für seine "Mélancholie des Dragons" (2009).

Die Kunststiftung ändert ihre Förderpolitik, sie setzt künftig auf Nachwuchsförderung innerhalb das Landes NRW. "Wir möchten unsere Förderung aus dem künstlerischen Potenzial des Landes heraus entwickeln", erklärt Pressesprecherin Bettina Münzberg, "nicht als Gastspielkultur, sondern als Produktionskultur. Die Stiftung entwickelt zunehmend eigene Initiativen, sie versteht sich stärker als Impulsgeber." Natürlich steht es jeder Stiftung frei, ihre Förderschwerpunkte zu ändern, es ist jedoch ungewöhnlich, dass dies hier mitten in der Planungsphase der nächsten "Impulse"-Ausgabe geschieht.

la melancolie des dragons 560 impulse2009 c pierre grosbois x"La melancolie des dragons" von Philippe Quesne bei den "Impulsen" 2009 © Pierre Grosbois

Zudem ist die Entscheidung, sich künftig auf den Nachwuchs zu konzentrieren, paradoxerweise wenig zukunftsweisend: Es fehlt der Theaterszene nicht an Nachwuchsförderung, im großen Wettlauf auf das Neue wird diese seit Jahren groß geschrieben. Es fehlt der Theaterszene vielmehr an Fördermöglichkeiten für jene, die dem Nachwuchsstatus entwachsen sind und die ihre künstlerische Sprache auf gesichertem Grund weiterentwickeln wollen. Da bricht zurzeit einer ganzen Generation der Boden unter den Füßen weg. Als international beachtete Plattform des Freien Theaters dienen die "Impulse" auch hier als Multiplikator, um Künstler in Koproduktionsnetzwerken zu verankern, im letzten Jahr trat die Biennale zudem erstmals in ihrer Geschichte selbst als Koproduzent auf.

Ich erinnere mich an Andros Zins-Brownes Cowboys, wie sie in "The Host" sich aufbäumende Luftkissen niederringen, eine Donquichotterie voll breitbeinigem Trotz (2011).

2013 hatte die Kunststiftung NRW noch drei Experten der internationalen freien Szene eingeladen, das Festival zu begleiten und es zu evaluieren. Unter ihnen war Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel in Hamburg: "Bei einem abschließenden Gespräch waren wir einhellig der Meinung, dass das Festival superwichtig ist für die deutschsprachige Theaterlandschaft", erzählt sie. "Für mich als Kommissionsmitglied war es schockierend zu hören, dass die Stiftung sich nun zurückgezogen hat." Seit seiner Gründung 1990 durch Dietmar N. Schmidt, der das Festival bis 2005 leitete, ist es ein wichtiger Spieler in der deutschen Theaterlandschaft: "Bei den 'Impulsen' haben auch Stadttheater Gruppen wahrgenommen, die sie noch nicht kannten, und es ist sehr wichtig für das Touring der Gruppen – das Festival wurde ja immer als Theatertreffen der Freien gehandelt", so Deuflhard. In der illustren Liste der ehemaliger "Impulse"-Geladener finden sich die Regisseure Sebastian Nübling, Barbara Frey, Thorsten Lensing, Barbara Weber und Roger Vontobel ebenso wie die Performancegruppen Nico and the Navigators, Rimini Protokoll, Hofmann&Lindholm, Showcase Beat Le Mot, She She Pop und andcompany&Co.

Als Tom Stromberg und Matthias von Hartz 2007 die Künstlerische Leitung übernahmen, luden sie verstärkt internationale Kuratoren ein, und auch Florian Malzacher führt dies fort. Im letzten Jahr kamen 15 Leiter von Goethe-Instituten aus aller Welt sowie zahlreiche Kuratoren. "Impulse spielt eine wichtige Rolle bei der Stärkung und Internationalisierung der Freien Szene, NRW hat da einen Leuchtturm", meint Amelie Deuflhard. "Es ist für die Künstler eine große Chance, sichtbar zu werden, und wenn sie nicht mehr bestünde, würde ein ganz wichtiger Impuls verloren gehen."

Zu "Impulse" gehört das Reisen von Stadt zu Stadt: Ich erinnere mich an ein chinesisches Restaurant im Niemandsland zwischen Ruhrgebiet und Rheinland, in das unsere kleine Reisegesellschaft zwischen zwei Aufführungen abgestiegen war, an rege Kunstdiskussionen über dampfenden Schüsseln (2011).

Andere vergleichbare Institutionen wie das Berliner Theatertreffen, die Tanzplattform Deutschland und das Festival "Politik im Freien Theater" ruhen auf mehreren tragenden Säulen: Das Theatertreffen hat ein Gesamtbudget von 2,1 Millionen Euro, davon kommen 1,5 Millionen von der Bundeskulturstiftung. Die Tanzplattform wird primär von dem Veranstalterkreis getragen, der sie initiiert, zusätzlich erhält sie Bundesmittel – am Anfang 1994 waren es 100.000 Mark, heute sind es 240.000 Euro.

chezicke 560 danckwarthansen u"Chez Icke" von Gesine Danckwart bei den "Impulsen" 2013 © Danckwart und Hansen

Und "Politik im Freien Theater" wird von der Bundeszentrale für Politische Bildung und den jeweiligen Veranstaltern getragen, zu denen neuerdings auch Stadt- und Staatstheater gehören: 2011 waren es das Festspielhaus Hellerau und das Staatsschauspiel Dresden, demnächst ist es das Theater Freiburg. Hier – wie auch andernorts – nähern sich Freie Szene und Stadttheater strukturell an, um prekäre Projekte stabiler aufzustellen. Langfristig braucht es auch bei "Impulse" eine stabile Finanzierung sowohl im Land als auch auf Bundesebene: "Das Festival hat mehr als nur landesweite Bedeutung", betont Michael Freundt vom Internationalen Theater Institut.

Ich erinnere mich an Bier und Bratwurst im Kölner Garten von Gesine Danckwarts "Chez Icke", an gute Gesellschaft, bunte Cowboyhüte und Sommerabendlicht (2013).

Die "Impulse" sind mit ihrem Profil, aber auch mit ihrer Lage eine Besonderheit: Ihre Aufteilung auf mehrere Städte mag für das jeweilige Leitungsteam eine Herausforderung sein, für den Zuschauer ist sie ein Glück, erfährt er doch im Wortsinn während eines Festivals eine höchst disparate Stadt- und Theaterlandschaft. Diese Heterogenität ist längst ein wesentlicher Bestandteil des Festivals, und sie passt vortrefflich zum Nomadentum der Freien Szene.

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