Oft hoffnungslos, niemals ernst

von Norbert Mayer

Wien, 18. Februar 2014. Im Burgtheater werden in dieser Saison zwei große Tragödien von William Shakespeare gespielt, Hamlet und König Lear, in Starbesetzung. Am meisten Aufmerksamkeit erregt jedoch seit Jahresbeginn ein anderes Drama, ein Kammerspiel. Ex-Vizedirektorin Silvia Stantejsky, die zuvor als Geschäftsführerin für die Finanzen zuständig war, steht unter dem Verdacht, eine äußerst kreative Buchhaltung geführt zu haben. Bereits im November war sie von Direktor Matthias Hartmann, der zudem auch Geschäftsführer ist, auf Druck der Bundestheater-Holding wegen dieser mutmaßlichen Malversationen fristlos entlassen worden. Demnächst sollen die angeblichen Finanztricks, die sich im sechsstelligen Euro-Bereich bewegen, aufgeklärt sein. Das aber ist nur der erste Akt des Trauerspiels.

Zweiter Akt: In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass das Burgtheater in diesem Geschäftsjahr nicht nur mit Steuerschulden von zirka fünf Millionen Euro konfrontiert, sondern auch noch ein Defizit von mehr als acht Millionen Euro erzielen wird. Die jährliche Subvention des Bundes von rund 50 Millionen Euro reicht bei weitem nicht aus. Hartmann hat vielleicht doch zu teuer und zu viel produziert. Das wirft kein gutes Licht auf ihn, aber auch nicht auf die Kontrollinstanz, vor allem auf Georg Springer, den Chef der Holding, der zugleich den Aufsichtsrat des Burgtheaters leitet. Haben die Herren beharrlich weg geschaut? Nicht nur in der Causa Stantejsky, sondern beim wachsenden Defizit, das eine ganz andere Dimension hat als die angeblichen Verschleierungen, die zur Entlassung der Dame führten?

Diese Frage führt direkt zu Akt drei: Am vergangenen Freitag gab es an der Burg eine Versammlung des Ensembles, bei der 83 von 116 Anwesenden Hartmann und Springer das Misstrauen aussprachen. Schauspieler, Techniker und Leute aus der Administration, die schon Anfang des Jahres die Vizedirektorin ("eine Seele des Hauses") vehement verteidigt hatten, forderte in einem nunmehr offenen Brief an den zuständigen Kanzleramtsminister Josef Ostermayer Konsequenzen.

Vierter Akt: Der erst Ende des Vorjahres angelobte Minister, die graue Eminenz des größeren Koalitionspartners SPÖ, mahnte alle Beteiligten, einen kühlen Kopf zu bewahren. Diesen Punkt nennt man im klassischen Fünfakter das retardierende Moment. Ab jetzt geht es unweigerlich bergab, oder es findet sich doch noch ein Deus ex machina. 

Wird es eine Tragödie? Wird es eine Komödie? Gelernte Wiener wissen, dass dies an sich unerheblich bleibt, denn hierzulande ist die Lage zwar oft hoffnungslos, aber niemals ernst. Mehr Geld will Ostermayer dem Burgtheater nicht geben. Aber bisher steht er auch zum Direktor und zum Holding-Chef.

Warum gibt es diese Erregung, die seit Wochen die meisten Medien erfasst hat? Weil das Burgtheater fast so stark wie die Staatsoper zum Selbstverständnis des Landes gehört wie Lipizzaner, Sängerknaben und Mozartkugeln. Österreich ist zwar seit 1918 keine Großmacht mehr, aber wenigstens in der Kultur gibt man vor, es noch zu sein. Das lässt man sich auch Einiges kosten. In den Bundestheatern und Bundesmuseen lebt der Habsburger-Mythos weiter. Sie repräsentieren den Staat in Anmut und Würde.

Ein Habsburger war es auch, der das Burgtheater 1776 zum "Teutschen Nationaltheater" gemacht hat, im selben Jahr also, als die USA mit der Unabhängigkeitserklärung begannen, eine Nation zu werden. Joseph II., der aufgeklärte Absolutist, der alles für das Volk, nichts durch das Volk geregelt wissen wollte, ließ noch am Michaelerplatz spielen, wo einst ein "Ballhaus" für eine Art Tennis stand, das schon unter seiner Mutter Maria Theresia für kulturelle Lustbarkeiten genutzt wurde und eine direkte Verbindung zur Hofburg erhielt. Der Kaiser wollte allerdings für sein Nationaltheater keine traurigen Schlüsse, die seinen Hofstaat deprimieren könnten. Demnach gingen dort sogar "Hamlet" oder "Romeo und Julia" versöhnlich aus.

Wesentlich für so ein Burgtheater war und ist die Nähe zum Hof, die Wahrung der Tradition. Das galt auch lange Zeit für das "neue" Burgtheater, das 1888 an der neuen Ringstraße eröffnet wurde. "Das alte Burgtheater ins neue bringen!", hieß die Losung. Es befindet sich ebenfalls im Regierungsviertel, gegenüber dem Rathaus, in Sichtweite zu Parlament, Kanzleramt, Präsidentschaftskanzlei und Universität. In die Burg zu gehen ist also oft etwas Offizielles und manchmal sogar ein Staatsakt. Dort ließen sich die Kaiser feiern, die Erste Republik, die Diktatoren und seit 1955, als das Haus am Ring nach dem Zweiten Weltkrieg wieder instand gesetzt war, die zweite Republik. Und wenn ein berühmter Schauspieler stirbt, ein Ehrenmitglied, dann wird sein Sarg vor dem Begräbnis bis zu dreimal feierlich um das Haus geführt. Die Ringstraße ist dann die Bühne.

Burgvonoben 560 GeorgSoulek uDas Burgtheater und sein Ring, von oben gesehen © Georg Soulek

Wie man das Burgtheater zelebriert, sieht man auch bei den Jubiläen, die sehr dicht gestaffelt sind, weil man an die Gründung 1776, das neue Haus 1888, den Wiederaufbau 1955 und alle möglichen Gelegenheiten erinnern kann. Zuletzt gab es Mitte Oktober 2013 ein Symposium zu 125 Jahre neues Haus am Ring. Motto: "Von welchem Theater träumen wir?" Da konnte man hören, wie staatstragend selbst kritische Historiker die Rolle des "Mythos Burgtheater" einschätzen. Nur der ehemalige Direktor Achim Benning spottete über die "Jubiläumsanfälligkeit" und zitierte dazu sogar das bekannte Bonmot des Weltgeistes Egon Friedell: Das Burgtheater sei "eines der leuchtendsten Denkmäler des spezifisch österreichischen Schwachsinns".

Matthias Hartmann aber nutzte dieses Jubiläum, um vor der finanziellen Austrocknung seiner Firma zu warnen: "Rechnet man die Einsparungen und die Inflation heraus, stehen dem Burgtheater lediglich 50 Prozent von den Mitteln zu Verfügung, die es noch vor 14 Jahren gehabt hat. Keine Institution der Welt kann das unbeschadet überstehen. Haben wir also ein Haus ohne Zukunft gefeiert? Dieses Theater kann so, wie es heute ist, nicht existieren, ohne mehr Geld auszugeben, als es bekommt." Der Direktor, der neuerdings den künstlerischen Aspekt seiner Tätigkeit auffällig betont, hat also bereits damals zumindest geahnt, wie böse die nächste Bilanz ausfallen wird. Er hat zwar tatsächlich seit seinem Antritt 2009 eine hohe Auslastung und beträchtliche Mehreinnahmen erzielt, zuletzt sogar spürbar an Personal gespart (von mehr als 100 Ensemblemitgliedern wurde inzwischen jedes fünfte abgebaut). Aber diese Maßnahmen reichen offenbar nicht aus. Ein Albtraum. Zur Disposition stehen inzwischen wahrscheinlich sogar die kleineren der vier Bühnen.

Fünfter Akt: Gibt es einen rettenden Gott? Die österreichische Bundesregierung hat 1999 die Bundestheater, die Bundesmuseen und die Nationalbibliothek in die Eigenständigkeit entlassen und zugleich die Bundesausgaben für eine Weile eingefroren. Das Frieren war nicht ganz so drastisch, wie die Direktoren behaupten: Bis 2007 betrug die Basissubvention der Bundestheater laut Finanzjahr des Bundes tatsächlich konstant 133,645 Millionen Euro. Doch 2008 wurde sie auf 138,645 Mio. Euro erhöht, 2009 auf 142,145 Mio. 2011 betrug sie 144,436 Mio. Euro. Durch die Inflation, vor allem durch die steigenden Löhne, wird das Wirtschaften dennoch zu einer Herausforderung. Aber genau deshalb leistet man sich eben gut bezahlte Manager, die das können. Wo es zuvor Kameralistik gab, müssen nun Geschäftsführer dafür sorgen, neue Einnahmequellen zu erschließen – oder einfach strenger haushalten.

In manchen Häusern gelingt das, in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) zum Beispiel oder in der Albertina. Für die Oper scheint es eine schwierige, für das Burgtheater eine unlösbare Aufgabe zu sein. Das liegt auch daran, dass die Burg ihr Angebot maximierte. Einst pflegte sie vor allem das nationale Erbe. Spätestens aber seit der Ära Claus Peymann (1986 – 1999) ist das Haus ein multifunktionales Unternehmen, kein nationales, sondern ein schickes "deutsches Stadttheater", das vom Klassiker bis zur experimentellen Performance alles bringt. Unter Hartmann wurde sogar noch das Kinder- und Jugendtheater forciert. Die Maxime schien bisher zu sein: Premieren en masse, bis in alle Nischen.

Dieses Multi-Nationaltheater mit seinem exzellenten und immer noch beeindruckend großen Ensemble hat in Wien all die anderen bis auf rühmliche kleine Ausnahmen an die Wand gespielt. Naturgemäß. Allein schon wegen des Budgets. Das zweitgrößte Haus, das Volkstheater, muss mit einem Viertel der Subventionen auskommen. Die Situation war auch dort prekär, und das Theater in der Josefstadt scheint sich inzwischen von einer Existenzkrise zu erholen, die es vor einem Jahrzehnt erfasst hatte. Von den kleineren Bühnen und der freien Szene muss man gar nicht reden, die sind jede Saison gefährdet.

Aus dieser Perspektive ist die Krise des Burgtheaters vielleicht sogar eine Chance, auch für die anderen Bühnen, wenn es sich auf seine Kernkompetenz besinnt. Ob mit oder ohne Hartmann als Sanierer, diese Neuausrichtung wird nicht zu vermeiden sein. Sie sollte aber nicht ausschließen, dass auch die Bundespolitik Verantwortung zeigt. Eine Koalition, die derzeit vor allem damit beschäftigt ist, gut ein Dutzend Milliarden Euro für eine Regionalbank wie die Kärntner Hypo Alpe Adria locker zu machen, könnte auch ein paar Minuten und ein Scheibchen ihrer Expertise zum Nachdenken darüber verwenden, ob es vernünftig ist, die Ausgaben für Kultur rigider zu handhaben als für den gewöhnlichen ökonomischen Wahnsinn.

Norbert Mayer, geboren 1958 in Fürstenfeld, hat in Graz, London und New York deutsche und englische Sprache und Literatur studiert. Seit 2003 ist er Leitender Redakteur im Feuilleton der österreichischen Tageszeitung "Die Presse". 

 

Mehr zur Krise des Burgtheaters: Chronik der Affäre um die Entlassung der Burgtheater-Vizedirektorin Silvia Stantejsky

 
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