Familienaufstellung 1844

von Reinhard Kriechbaum

Wien, am 20. Februar 2014. "Über Menschen sage ich nichts, gar nichts", versichert der alte Meister Anton, "ich mache nur Erfahrungen". Wäre er doch zu Erfahrungen fähig! Aber Meister Anton lebt in seinem hermetisch abgeschlossenen System, einzementiert in einer alten Welt, die er – so sagt er am Ende des Stücks immer noch voller Selbstmitleid – nicht mehr versteht. Er hat sie wohl nie kapiert. Zu bloßen Formeln geronnen sind Verhalten und Rede. Jede und jeder in seinem Umfeld weiß, welche Rolle sie oder er auszufüllen hat, welcher Satz wann fällig wird.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat Michael Thalheimer im Burgtheater Hofmannsthals Elektra in einen Schacht gestellt, sie eingepfercht in Schräglage. Schon aus Gleichgewichtsgründen war sie ständig verheddert mit den anderen Figuren des Stücks. Einen ähnlichen Schacht hat Bühnenbildner Olaf Altmann auch diesmal gebaut, als dekoratives, aber nicht so konsequent genutztes Versatzstück. Thalheimer lässt Hebbels "Maria Magdalena" dort drinnen beginnen. Noch ist der Schacht gerade, doch er neigt sich, wenn die Nachricht kommt, der Sohn habe Juwelen entwendet. Da trifft die Mutter der Schlag. Leonhard, der eigentlich nur hinter der Mitgift her ist, nutzt die gute Gelegenheit und sagt sich von Tochter Klara los.

mamagdalena3 560 georg soulek uKlara (Sarah Viktoria Frick) und Leonhard (Lucas Gregorowicz) © Georg Soulek

Tilo Nest stampft als Meister Anton bei jedem Schritt mit seinem Stock so fest auf, dass er suggeriert: Da steht einer mit drei kräftigen Beinen da, im Leben und in der Gesellschaftsordnung. Der Familienvater als Oberpharisäer. Bei einem solchen hätte eine Büßerin nicht das Geringste zu hoffen, und hieße sie Maria Magdalena. Die Tochter heißt aber Klara, und sie ist schwanger. Noch am Totenbett der Mutter nimmt sie der Vater ins Gebet, in die Hand der Verstorbenen muss Klara ihre Unberührtheit schwören.

mamagdalena4 280h georg soulek uWankende Statik © Georg SoulekZurück zur Tragödie

Sarah Viktoria Frick ist diese Klara – ein pausbäckiges Püppchen mit weit abstehendem Rock. Die Arme hält sie steif wie eine Marionette seitwärts am Körper. Sie versucht, ein Abklatsch der Mutter zu sein oder wenigstens zu werden. Die Mutter (Regina Fritsch) ist freilich seelisch auch total verkorkst, sie fällt in eine unnatürliche Fistelstimme, wenn sie ihre Stehsätze aus der heilen protestantischen Bürgerwelt von sich gibt. Der Bruder Karl (Tino Hillebrand) versucht's mit Schneid und etwas mehr Lautstärke. Er wird sich ja dann davon machen, aufs Schiff, wogegen seine Schwester ins Wasser geht.

Michael Thalheimer führt uns krasse Charaktere vor, immer eigentlich an der Grenze zur Karikatur. Als präziser Zeichner von Gemütslagen bestätigt sich der Regisseur, aber diesmal auch als einer, dem die eigene Didaktik ein Bein stellt, der sich irgendwie selbst eingefroren hat mitsamt seinen Figuren. Es darf sich wenig, ganz wenig entwickeln an diesem Abend. Jede Gestalt ist von der ersten Minute weg fertig definiert. Hebbels bürgerliches Trauerspiel gerät zur Antikentragödie, in der alles zwangsläufig dem schlechten Ende entgegen läuft. Vielleicht ja auch deshalb Thalheimers Anspielung auf seine eigene "Elektra" am selben Ort.

"Wir wollen spießrutenlaufen!"

Dieses Nicht-Entwickeln wird zum Problem, denn in den Eindreiviertelstunden passiert wenig Unvorhersehbares. Wie Diaprojektionen wirken diese deformierten Menschen, von Sekunde eins ultra-scharf eingestellt. Der Fokus wird keinen Zehntelmillimeter mehr verrückt. "Es ist schönes Wetter, wir wollen spießrutenlaufen", heißt es einmal. Den Spießrutenlauf dieser Leute enthält uns Thalheimer dann doch weitgehend vor, sondern zeigt uns eine Familienaufstellung anno 1844. Ein schauspielerisch ausgefeiltes Setting freilich, das viel Anschauliches bereit hält. Die Verschlagenheit des verlobten Leonhard etwa, dem Lucas Gregorowicz leicht buckelnd eine mehr als traurige Gestalt gibt. Oder den kurzen Auftritt des Kaufmanns Wolfram (Johann Adam Oest), der sich gar nicht einkriegen kann vor Entsetzen, dass seine Juwelen ja gar nicht gestohlen sind.

mamagdalena2 560 georg soulek uKlara und Meister Anton (Sarah Viktoria Frick und Tilo Nest) © Georg Soulek

Kurze Freiheitsoption

Klaras Jugendfreund, der Sekretär (Albrecht Abraham Schuch). Der kommt ganz unbefangen daher, legt los mit seinem herzhaften small talk. Und da sieht es ganz kurz so aus, als entglitte der stocksteifen Klara doch ein Lächeln wie ein Silberstreif am zapfendusteren Horizont. Übrigens: Sie schauen nicht nur aneinander vorbei, diese Leute, die nie auch nur ansatzweise gelernt haben, ein Gespräch zu führen. Ein (zu Tode gerittenes) Stilmittel von Thalheimers Inszenierung ist es, dass alle Protagonisten immer geradewegs nach vorne in den Zuschauerraum blicken. Es spielt ja jeder seine vordefinierte Rolle in diesem bürgerlichen Trauerspiel, da braucht es keine Dialogpartner, keine Blicke des Einverständnisses. Das hält Thalheimer auch wirklich durch, und nur in den paar Szenen, in denen ultra-kurz die Option auf persönliche Freiheit aufblitzt, wenden die Protagonisten einander die Gesichter zu. So wie eben Klara und der Sekretär in der kurzen Szene, da sie allein sind.

Der Sekretär wird, nach verlorenem Duell gegen Klaras Verlobten, dem Vater seine blutverschmierte Hand entgegen strecken – aber der alte Meister Anton sieht wieder einmal nicht hin. Warum sollte er? Er hört da wohl nur mehr jenen sirrenden hohen Ton, der sich gezielt-enervierend durch die ganze Aufführung zieht: Leute, die vor sich und anderen so kräftezehrend-intensiv (lebens)lügen, schweben in latenter Tinnitusgefahr.

 

Maria Magdalena
von Friedrich Hebbel
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katrin Lea Tag, Musik: Bert Wrede, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Sarah Viktoria Frick, Regina Fritsch, Lucas Gregorowicz, Tino Hillebrand, André Meyer, Tilo Nest, Johann Adam Oest, Albrecht Abraham Schuch, Stefan Wieland.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Wenn man auf dem Burgtheater, "das durch miserable Führung und missliche Finanzen in eine schwere Krise geraten ist, nichts weiter sähe als Hebbels kleine Klara," schreibt Gerhard Stadelmaier in der FAZ (22.2.2014), "wie sie leuchtet und wie Thalheimer sie verteidigt und ausstellt – es wäre Grund genug, dieses herrliche Theater mit Zähnen und Klauen zu retten." Auf das "kleine, taffe" Mädchen Klara lasse Thalheimer Gestalten aus einem Spuk-Albtraum einstürmen "bis es selbst dorthin geht, wo sie schon alle sind: in den Tod."

Obwohl die Aufführung aus Sicht von Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (22.2.2014) "etwas schleppend in die Gänge" komme, würden ihre Qualitäten schon in diesen ersten Szenen deutlich: "Sie hat, durch Altmanns Setzung, etwas Monumentales, ist zugleich aber detailgenau gearbeitet. Jede kleine Geste, jeder Lichtwechsel ist exakt gesetzt." Den ganz großen Auftritt aber habe Albrecht Abraham Schuch, der als hypernervöser Sekretär zu Hochform auflaufe: "Wenn er Klaras Namen ruft, klingt es wie ein Liebeslied, und aus seinem Monolog, in dem er über Eulen, Fledermäuse und Maulwürfe schwadroniert, wird eine hinreißende Performance, die Klara ein so strahlendes Lächeln ins Gesicht zaubert, dass man für ein paar magische Momente glaubt, es könnte doch noch alles gut werden. Schönste Liebesszene der Saison, gar keine Frage."

Die Inszenierung glänzt aus Sicht von Margarethe Affenzeller vom Wiener Standard (22.2.2014) vor Präzision, "allerdings um den Preis, dass sie in ihrer Mechanik wenig mitfühlend macht. Die Befremdung, die einen umfängt und mit der der Abend auch kalkuliert, hat auch Ungerührtheit zur Folge." Michael Thalheimer gehe es wie immer um den Überbau, "um das Konzept des von einem für alle ausgedachten guten Lebens, um flächendeckend wirksame, sittliche Parameter, denen kein eigener, unabhängiger Gedanke zugrunde liegt. Die Korsage, die nötig ist, dies zu zeigen, misst er Affenzellers Eindruck zufolge allerdings "seinem Ensemble bravourös an".

Die "Zurschaustellung" des von Hebbel mit diesem Stück sezierten Knochenbaus der frühindustriellen Gesellschaft bewegt Norbert Mayer von der Wiener Presse (22.2.2014) vor allem deshalb, "weil in einem prächtigen Ensemble Sarah Viktoria Frick als Antons Tochter Klara eine fantastische Protagonistin ist. Sie ist unter all diesen Marionetten ein liebendes, leidendes Wesen, das aus perverser Pflichterfüllung konsequent in den Tod geht. Der aber wird, fast wie in einem mittelalterlichen Mysterienspiel, von Anfang an gezeigt."

"Die Starrheit oder die Ticks der Figuren sollen moralische Verkommenheit oder moralische Rigidität repräsentieren", so Karin Fischer auf DLF Kultur vom Tage (21.2.2014). Das funktioniere hier, mit zuverlässigem Ensemble, nicht besser oder schlechter als an anderen Thalheimer-Abenden. "Dieser aber kommt nicht wirklich über die Rampe. Und die Frau ist am Ende natürlich trotzdem tot."

"Thalheimers Geisterstunde braucht Zeit, um in die Gänge zu kommen, läuft aber dann zu feinem, wenn auch kühlem Schauspieler-Theater auf", findet Karin Cerny in der Welt (online 17.3.2014). Obwohl das Stück uns einigermaßen fern sei, sei es "im Detail interessant genug gebaut, dass man gerne zuschaut". Weil "die Schauspieler ihre Figuren wie glitzernde Miniatur-Diamanten in den dunklen Bühnenraum stellen. Und weil der Tod von Klara am Ende doch sehr rührend ist, woran Bert Wredes wilde musikalische Mischung aus Moll-Tönen und flirrend hohen Tinnitusklängen nicht ganz unschuldig ist."

 

 
 

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