Artists in Resistance

von Matthias Schmidt

Dessau, 22. Februar 2014. Irgendwann ist das Maß einfach voll, dann reicht's, dann platzt jemandem der Kragen. In Dessau ist es Kantinenwirtin Karin. Als ein Vertreter der Landesregierung aus Magdeburg durch Karins Beritt schreitet, nach Sparpotential suchend und unermüdlich von einem kranken System faselnd, in das er nicht mehr investieren wolle, weshalb er leider in Dessau Ballett und Schauspiel schließen müsse, bellt sie ihn an: "Hier habe ich das Sagen, und wenn Sie nicht sofort meine Schauspieler in Ruhe lassen, dann hole ich Sie hier in die Küche, da können Sie mal Kartoffeln schälen!"

Der vorgeführte Politiker ist ein Mr. Hopeman, eine der "Bettleroper" hinzugefügte Kunstfigur, die gleichzeitig eine echte ist. Nicht nur gleicht er einem Magdeburger Kulturpolitiker wie ein Ei dem anderen, auch viele seiner Statements sind echte Politikerzitate.

Warum dies keine normale Kritik ist

Die Inszenierung, zu der Karins Wutausbruch gehört, ist eine wahrlich ungewöhnliche. Das Anhaltische Theater gibt John Gays "Bettleroper" und macht von der ersten Szene an deutlich, dass es hier um alles geht. Dessau soll Schauspiel und Ballett verlieren, um jährlich 3 Millionen Euro einzusparen. Ein Konzept hinter dem Beschluss sucht man vergeblich. Das ist noch nicht fertig. Mit großem Stolz kündigt der Kultusminister für nächste Woche erste Ideen für ein Landeskulturkonzept 2025 an. Eine Absurdität angesichts der Tatsache, dass jetzt vollendete Tatsachen geschaffen werden. Sachsen-Anhalts Theaterlandschaft steht vor den schwersten Eingriffen seit der Wiedervereinigung.

Der Grund aber, warum hier nicht einfach eine normale Kritik zur "Bettleroper" steht, ist ein anderer. Es ist derselbe, aus dem die Dessauer, statt die "Bettleroper" zu spielen, sich selbst spielen. Sie treten aus ihren Rollen und aus dem Stück heraus, weil sie keine andere Wahl mehr haben und vielleicht auch nichts mehr zu verlieren.

Ungestörte Reden

Am Vortag der Premiere, der Festakt zur Eröffnung des Kurt-Weill-Festes stand bevor, entfernte das Dessauer Ordnungsamt in der Stadt hängende Protestplakate gegen die Spartenschließungen, und im Theater tauchten zwei Boten auf, die dasselbe mit Nachdruck für das Theater verlangten. Am Abend hielten Ministerpräsident Haseloff und sein Kultusminister Dorgerloh also ungestört von den Folgen ihrer Politik ihre Reden. Was die Herren nicht erwähnten, waren die Schließungen, die sie für Dessau – gegen den Willen der anderen Gesellschafter des Theaters – anzuordnen versuchen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Magdeburger Machthaber mit langem Arm eingegriffen haben. Als vor einiger Zeit Aufkleber mit der Landesflagge und dem abgewandelten Landesslogan "Wir sparen uns früher dumm" kursierten, ließen sie rechtliche Konsequenzen androhen, wegen unerlaubter Verwendung hoheitlicher Symbole.

Alles nur Theater?

Sie verstehen keinen Spaß. Und keine Satire. Sie bewegen sich beängstigend selbstherrlich auf vordemokratisches Verhalten zu. Es gibt nicht wenige im Lande, die das – sagen wir – sehr befremdlich finden, und der Autor dieses Textes zählt sich zu ihnen.

thebeggarsopera2 560 claudia heysel uEin Theater im Widerstand: Die "Bettleroper" in Dessau © Claudia Heysel

Es ist kein Wunder, dass die Theatermacher die Bühne als den letzten Raum empfinden, in dem sie frei sind. "Artists in Resistance" steht am Ende des Abends auf der Laufschrifttafel für die Übertitel. Und genau deshalb steht hier nicht mehr darüber, ob beispielsweise Polly besser als Lucy gesungen hat und Peachum besser als Macheath. Oder dass mit der Inszenierung klarer geworden ist, warum "Polly", die Fortsetzung von John Gays "Bettleroper", eben nicht genau so berühmt wurde wie die "Dreigroschenoper"-Vorlage. Man kann nur sagen, dass die ersten Zuschauerreaktionen darauf, dass sich aus ihrer Mitte einer erhob, der wie ein Politiker aussah und darauf, dass er die sehr persönliche Ansprache des Schauspielers Gerald Fiedler (Peachum) unterbrach, dergestalt waren, dass ein echter Staatssekretär es besser nicht getan hätte. Alles nur Theater? – In Dessau ist momentan nichts "nur Theater".

Großartig und hilflos

Der Versuch von Regisseur André Bücker und Dramaturg Andreas Hillger, die "Bettleroper" mit Gegenwart aufzuladen, mit ihr selbst Kulturpolitik zu werden, er mündet in eine Form politischen Theaters, die zugleich großartig, unheimlich und etwas hilflos wirkt. Man hört Zeilen wie "Haseloff, Bullerjahn, kleiner Geist im Größenwahn" mit derselben Wirkung wie vor 30 Jahren Witze über die DDR-Führung. Das Lachen befreit, ändert nichts, ist dafür aber auf fatale Weise an den heute an sich albernen Gedanken gekoppelt, wie mutig das sei.

Niemand wird ihnen vorwerfen können, sie hätten nichts gesagt und getan. Der Beifall war frenetisch.

 

The Beggar's Opera / Polly
Balladenoper von John Gay und Johann Christoph Pepusch
neu gefasst und musikalisch angereichert von Christoph Reuter und Cristin Claas
Mit Texten von Andreas Hillger unter Mitarbeit von André Bücker
Regie: André Bücker, Musikalische Leitung: Daniel Carlberg, Choreografie: Gabriella Gilardi, Bühne: Jan Steigert, Kostüme: Susi Tobisch, Kämpfe: Klaus Figge, Sebastian Müller-Stahl, Dramaturgie: Andreas Hillger, Gesangscoaching: Cornelia Marschall, Wiard Witholt, Step-Training: Joe Monaghan.
Mit: Mario Klischies, Gerald Fiedler, Natalie Hünig, Jenny Langner, Dirk S. Greis, Marie Ulbricht, Sebastian Müller-Stahl, Illi Oehlmann, Christel Ortmann, Patrick Rupar, Felix Defér, Patrick Wudtke, Silvio Wiesner, Karl Thiele, Stephan Korves, Boris Malré, Michael Bewersdorff, Karin Klose, Ballett des Anhaltischen Theaters, Extrachor, Komparserie, Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und der Band L'Arc Six.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.anhaltisches-theater.de

 

Mehr zu: Unter dem Hashtag #begop gab es gestern Abend aus dem Anhaltischen Theater ein Tweetup, das noch mehr von dem aktivistischen Furor erzählt.

 

Kritikenrundschau

Stefan Petraschwesky fand auf MDR Figaro (23.2.2014) insbesondere am zweiten Teil des Abends, an "Polly" also, drei Dinge bemerkenswert: Hier stehe erstens das: "Wir wollen nicht betteln, sondern spielen!, wozu die Schauspieler vor der Pause aufgerufen hatten, im Vordergrund – es wird laut, klamaukig, auch trashig – zu deutsch: die Sau rausgelassen." Zweitens sei eine zentrale Botschaft: "Wir, die Schauspieler, verlassen Sachsen-Anhalt und suchen uns ein besseres Land". Und drittens habe das Lied der Seeräuber-Jenny bei Brecht und Weill "natürlich ganz viel mit diesem 'Polly'-Forstsetzungs-Stück zu tun", was eine Entdeckung sei. Mit der Beurteilung des Ganzen tut sich Petraschewsky indes schert: "Da laden Landesfürsten zur Öffentlichen Hinrichtung, stellen den Stuhl hin, setzen das Theater drauf mit dem Strick um den Hals, und dann befiehlt der Landesfürst: 'Tanze!' Aber wie wollen Sie diesen Totentanz und diese letzten Worte beurteilen als Kritiker?"

Joachim Lange hat für die Mitteldeutsche Zeitung (24.2.2014) in Dessau erlebt, wie man aus dem alten Opernstück "ein höchst aktuelles 'heute-show'-Theater" machen kann. André Bücker, der "ebenso furchtlose wie fantasiereiche Intendant" des von Kürzungen bedrohten Anhaltischen Theaters, zeige "sich als Regisseur beflügelt und zieht seine Schauspielertruppe fantastisch mit". Der Abend biete mit Tempo und Virtuosität die "aufgemöbelte Balladenoper" irgendwo "zwischen barockem Ausgrabungscharme und Musical-und-Song-Schmiss (mit passgenauen musikalischen 'Anreicherungen' von Christoph Reuter und Cristin Claas), aktueller Überlebenskampf-Satire und überdrehtem Bühnenblödsinn".

"Kunst als Notwehr. Und dennoch überraschend leichtfüßig" hat Dimo Rieß von der Leipziger Volkszeitung (24.2.2014) in Dessau gesehen. Das "Theater verwandelt sich in musikalisches Kabarett in eigener Sache. Kunst gegen Politik, Schauspieler gegen die Landesregierung." Die Figurenrollen, die das überzeugende Ensemble ausfülle, seien "nur dazu da sind, abgestreift zu werden, um die aktuelle Situation zu diskutieren (...). Das Team um Bücker lässt das Publikum zusehen, wie Politik Theater verhindert". Konzeptionell konsequent und schlüssig sei das alles: "Manchmal bietet die Wirklichkeit eben die beste Satire, verlangt nicht viel künstlerische Justierung."

Einen "Affront" hat ein dem Abend ebenfalls sehr zugewandter Martin Hatzius für das Neue Deutschland (24.2.2014) erlebt. "Seinen Kampfgeist hat das Ensemble nicht nur mit dem Vagabundenvolk aus der barocken Vorlage von John Gay und Christoph Pepusch gemein. Ausdrücklich nimmt diese Inszenierung, in der die Schauspieler immer wieder aus ihren Rollen treten, auch Bezug auf den Herbst 1989." Die "hohe Herzfrequenz des Abends" steigere "sich in Infarktnähe, als das wegzusparende Ballettensemble mit wütenden Gesten den Saal verlässt."

André Bücker Opern-Neufassung sei ungemein "zeitkritisch und höchst aktuell, dabei aber auch persiflierend, satirisch und parodistisch – ebenso wie damals gesellschaftliche Zustände entlarvend und schonungslos anklagend", schreibt Helmut Rohm in der Magdeburger Volksstimme (24.2.2014). Der Abend lebe "vom Zusammenwirken vieler derzeitiger Dessauer Theaterbereiche. Da ist es schon sehr bedrückend, wenn das bis dahin toll mitwirkende Ballett durch den Seitengang 'entsorgt' wird." Mit "bewundernswertem Einsatz" präsentiere sich "das ebenfalls zur Abwicklung vorgesehene Schauspielensemble seine künstlerische Qualität in bester Verschmelzung von prallem Spiel und gekonntem Gesang." 

 

 
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