Warze kehrt heim

von Georg Kasch

Berlin, 22. Februar 2014. Es gibt einen Begriff, der vielleicht nicht gerade zur Versachlichung der gesellschaftlichen Debatte beiträgt, aber doch von schlagender Bildlichkeit ist, wenn es um das herrschende Wirtschaftssystem und seine Folgen geht: Wildwest-Kapitalismus. Vielleicht steht deshalb auf der Bühne der Kammerspiele des Berliner Deutschen Theaters ein Haus, das mit seinen Holzwänden und den leeren Fensterhöhlen aussieht wie das einer Geisterstadt aus jenem Wilden Westen.

Aus der Metropole zurück ins Kaff

Eine Geisterstadt droht schließlich auch der Ort zu werden, an den der Protagonist in Nis-Momme Stockmanns Stück "Der Freund krank" aus der Metropole zurückkehrt: Der lokale Arbeitgeber hat zugemacht, die Bundesstraße B1, einst Lebensader, macht nun einen Bogen ums Kaff, das bald von einer Autobahn durchschnitten werden soll. Zum allgemeinen Verfall kommt nun auch noch der private, als der namenlose Erzähler seinen besten Freund Mirko wiedersieht. Der hat den Verstand verloren und vegetiert nurmehr vor sich hin. Oder, wie seine Frau Nora, die Jugendliebe des Erzählers, glaubt: verweigert sich vollkommen.

freund krank4 560 arno declair uMit kranker Kindsgreispuppe: Moritz Grove und Daniel Hoevels als Erzähler in der Einbauküche
© Arno Declair

Erzähler trifft es übrigens ganz gut, denn Stockmann hat in Zeiten, da Bühnen fast so gerne Romane auf die Bühne stellen wie die Klassiker der Dramatik, gleich selbst eine 160-Seiten-Ich-Erzählung geschrieben, weit mehr innerer Monolog und Bewusstseinsstrom als Dialog, alles konsequent aus der Perspektive des Protagonisten – (schein)kritische Reflexion inklusive.

Dass der so popliterarisch lustig quasselnde Antiheld nicht nur sozial einen Sprung in der Schüssel, sondern auch Dreck am Stecken hat, deutet sich allmählich an. Überhaupt gibt's viele schöne ambivalente Momente, und noch schöner ist, wie Regisseur Milan Peschel sie ebenso ambivalent auskostet. Zum Beispiel, indem bei ihm Moritz Grove und Daniel Hoevels die Erzählerfigur spielen. Natürlich bietet sich an, die Rolle auf mehrere Schauspieler aufzuteilen – bei der Frankfurter Uraufführung vor knapp zwei Jahren waren es gleich drei. Aber wie die beiden sich durch ihren gemeinsamen Text diskutieren, Reflexion und Beobachtung in einen Dialog treten lassen als verschiedene Züge eines Charakters, löst spielerisch das Prosa-Problem und setzt auch noch ein paar interpretatorische Häkchen.

Slapstick-Arien und Reflexion

Zumal bei diesen körperlich enorm präsenten Schauspielern, die organisch Peschel-typische Slapstick-Arien einbauen, etwa wenn sie sich herrlich ineinander verknoten beim Versuch, sich Nora gegenüber auf den einzigen freien Hocker zu setzen. Hoevels schmeichelt sich eher galant durch die Rolle, wirkt wie der Erfolgsstreber, der zugleich um Anerkennung buhlt, während in Grove die beleidigte Wut des einst Zukurzgekommenen brodelt. Wobei sich ihre Haltungen lässig und unerwartet ändern können. So unerwartet wie die beiden abwechselnd in die Rolle von Mirko fallen. Nur kurz jeweils, aber lang genug, damit ihr plötzlich schlaffer Körper, das bisschen Speichel am Mund, ihr leerer Blick wieder an dessen Anwesenheit erinnert. Was wiederum den im Text angelegten Verdacht aufnimmt, dass Mirko nur eine Projektion, eine Abspaltung des Erzählers ist (und Mirkos Systemverweigerung zwar als utopische, aber bei allem Elend doch nicht vollkommen absurde Option erscheinen lässt).

freund krank1 560 arno declair uIm Dunkel der schrumpfenden Orte: Daniel Hoevels als Erzähler am Tisch und Kathleen Morgeneyer als Nora im Lichtschein © Arno Declair

Gemeinsam sind sie natürlich auch eine Überforderung für Nora, die bei Kathleen Morgeneyer selbst ziemlich ambivalent bleibt. Ihre Anti-Traumfrau in unförmigen Kleidern, vom Bauch und einer hässlichen Perücke entstellt, antwortet immer eine Spur zu laut, probt zu große, ungelenke Gesten, eine Nervensäge, die selbst dann Beschützerinstinkte auslöst, wenn sie glücklich ist. Wie die hässliche Einbauküche auf der Rückseite der Wildwest-Fassade macht ihre Nora deutlich, dass der Ich-Erzähler da einiges an Glücksversprechen projiziert, wo eigentlich nur Gemütlichkeit in aller entsetzlichen Durchschnittlichkeit lockt.

Reibeisenstimmenwuchtbrummig

Immer wieder tauchen Gesichter der Vergangenheit auf, in der der Erzähler, Spitzname "Warze", noch ein ausgemachter Loser war. Sie alle sind verwoben mit dem namenlosen Verfallsort – und Martin Otting. Diese Reibeisenstimmenwuchtbrumme von einem Mann geisterte schon durch andere Peschel-Inszenierungen, passte aber nirgends besser als hier in seinen heiseren Verwahrlosungs-Variationen, aus denen ein verblichener Arbeiterstolz leuchtet, tumb, bedrohlich, verletzt.

Peschel erzählt das alles für seine Verhältnisse erstaunlich ruhig und konzentriert, mit einem klugen Rhythmus zwischen Prosa und Dialogen – an dem Dramaturgin Juliane Koepp ihren Anteil haben dürfte wie Ausstatterin Nicole Timm an den starken Bildern: Hinten führt die Asphaltspur eines schwarzweißen Landstraßenfotos ins Nirgendwo: B1 und Route 66, grenzenlose Freiheit und grenzenloser Autobahn-Kapitalismus. Einmal bläst sich ein greisenhafter Riesensäugling auf, der bebt, als atmete er (er könnte ebenso Noras ungeborenes Kind sein wie Mirkos dahinvegetierendes Selbst oder die verkrüppelte Seele des Erzählers). Irgendwann kommen die Schauspieler tatsächlich als Wildwest-Glücksritter auf die Bühne. Es pulst eine große Sehnsucht durch Stockmanns Text. Bei Peschel und seinem Ensemble ist sie ziemlich gut aufgehoben.


Der Freund krank
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Milan Peschel, Bühne und Kostüme: Nicole Timm, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Moritz Grove, Daniel Hoevels, Kathleen Morgeneyer, Martin Otting.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de



Kritikenrundschau

Milan Peschel verpasse Stockmanns Text einen "auffallend ernsthaften Grundton" und schaffe "fast schon ein Psychodrama", mit (für seine Verhältnisse) spärlichen Slapstick-Einlagen, berichtet eine Christine Wahl im Tagesspiegel (24.2.2014) sehr angetan von diesem Abend. Sein "Glücksfall" seien die Auftritte von Kathleen Morgeneyer: "Die wechselnden Energieschübe und Verzweiflungszusammenbrüche, die diese Schauspielerin aus ihrer Nora herausholt – einer Art Kobold mit leicht angeprollter Schwarzhaarperücke zum blauen Unschuldskleidchen – treffen auch nach zwei Stunden noch ins Mark." Stockmanns Text wird für "wohltuende Ambivalenzen" in der Figurenkonzeption gewürdigt und für den Raum, den er sich für nimmt, um "private Beziehungs- in gesellschaftlicher Globalisierungsgeschichte" zu spiegeln.

Von einer "uninspirierten Inszenierung" berichtet dagegen Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (24.2.2014). "Kaum etwas in dem Stück passiert, das Setting rutscht millimeterweise der Katastrophe entgegen. Dafür fächern sich opulente, superb ausformulierte, motivbeladene, konsum- und kapitalismuskritische Reflexionen auf, die die grüblerische und horrorfantasiebegabte Hauptfigur lähmen." Eine solche "Art von gehobenem intellektuellen Erzähltheater" sei nichts für den "Theaterspieler Milan Peschel".

Die Idee, die Figur des Erzählers immer wieder zwischen zwei Darstellern aufzuteilen, findet Andrea Gerk im Deutschlandradio Fazit (22.2.2014) gut: "Das ist lustig und nimmt dem manchmal arg schweren Text etwas von seiner Last und erzeugt stattdessen Schwung und Kraft." Milan Peschels Inszenierung lasse insgesamt "viel Raum für eigene Gedanken und Gefühle, die zwischen all den Motiven, die auftauchen und wieder verschwinden entstehen können". Doch wie im Traum blieben sie dadurch auch "seltsam fern und angreifbar".

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