Wer hat Angst vorm Nagetier?

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Januar 2008. Der Gott des Gemetzels ist gross und überall. Wo immer die Menschen die Gelegenheit erhalten, ihre Neurosen hart aufeinander prallen zu lassen, in schäumenden Worten übereinander herzufallen und sich zu zerfleischen, werden sie es auch tun. So auch im vorliegenden Falle. Schauplatz ist eine schicke Wohnung in New York.

Fünf Türen an der Rückwand deuten behutsam schon mal den Boulevard an, der an diesem Abend noch kredenzt werden wird, aber auch nach vorn geht eine Tür, auf den Balkon nämlich, wo in einem kleinen Stall vier Wachteln leben. Aber auch, wie man lernen wird, noch anderes Getier. Auftritt Isabell und Richard, ein schwanger’ Pärchen, das hier, bei Isabells Schwester Maria und deren Freund Nick, ein paar Tage wohnen wird. Eine Konstellation, die schon bald zielsicher in den hysterischen Ausbruch führt, zusätzlich angestachelt durch Muttern, die immer mal wieder anruft.

Zwei Paare in einer Wohnung in New York

Justine del Corte hat eine schwarze Boulevardkomödie geschrieben, die nicht nur darin an Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" erinnert: Zwei Paare, in innigem Streit vereint und in unterschiedlichsten Koalitionen mit- und gegeneinander zugange, auf dass es hübsch krachen möge. Ach ja: Gekotzt wird auch ausgiebigst. Das Personal wird hier freilich durch die titelstiftende Ratte ergänzt.

Im Kampf gegen das Viech, das vom Balkon kam, finden die Kombattanten Mal um Mal doch noch ihren Frieden. Ansonsten geht’s rund: Wir sehen vier uralte Kinder. Vier Zeitgenossen, die durch ihre Wohnung driften wie ein einsamer Countrysänger über eine staubige Straßenkreuzung, und nicht wissen, wie ihnen geschieht. Isabell, so offensiv schwanger, dass sie alle nervt. Richard, in seine Unabhängigkeit derart blind verliebt, dass er sie kein einziges Mal durchzusetzen weiss. Nick, die charmante Null. Und Maria, die wohl irgendwie auch gern ein Kind hätte, oder doch nicht.

Familiäre Bedrohung durch eine Ratte

Diesem neuen Stück seiner Lebenspartnerin widmet Roland Schimmelpfennig am Zürcher Schauspielhaus sein Comeback als Regisseur. Er hat sehr uneitel gearbeitet und sich ganz an die Vorgaben des Textes gehalten. Vorerst gilt darum: Das Stück ist seine Uraufführung, und umgekehrt. Schimmelpfennig führt das Ensemble präzis. Wunderbar etwa – mit allen nötigen Gesten der Nähe, aber eiskalt – die erste Begegnung der beiden Schwestern.

Die Pointen sitzen, der Slapstick ist kurz und schmerzlos. Nur selten inszeniert Schimmelpfennig schwärzer, als es der Text vorsieht. Sehr schön zum Beispiel, als alle vier Protagonisten ihre Hand auf den Bauch mit dem Kind halten, das sich gerade bewegt hat. Wo del Corte in den Regieanweisungen von einem "schönen, friedlichen Moment" spricht, belässt Schimmelpfennig in Marias zweiter, freier Hand das lange Küchenmesser.

Gute Ideen machen den weniger guten Ideen Platz

Die erste Stunde des Abends ist kurzweilig und überaus vergnüglich. Es gibt schöne Figurenporträts, einige blendende Pointen und viele stilsicher platzierte Fiesheiten ("Jetzt kotzt die wieder. Macht sich wichtig."). Mehr kommt aber nicht und für den ganzen Abend reicht das nicht aus. Wenig erfährt man letztlich über die vier Protagonisten, ganz anders als eine Yasmina Reza seziert del Corte ihre Figuren nicht – sie lässt sie einfach immer weitermachen ("Wollen wir uns nicht alle einfach beruhigen?").

Das ist zwar von grossem Realitätssinn, auf der Bühne wirkt’s dann aber doch etwas mau und halbfertig. Umso mehr, als die guten Ideen im zweiten Teil den weniger guten Platz machen: Dann werden in einer langen, langweiligen Szene die Wachteln im Mülleimer bestattet, oder Nick erzählt einen unendlich langen Witz.

Beruhigt euch doch alle einfach mal

Selbst als es kurz vor Schluss zum Kuss übers Kreuz kommt – noch so ein naheliegender Einfall –, dreht sich darob das Stück nicht wirklich weiter. Der Kuss bleibt eine Episode unter vielen, danach machen alle weiter wie bisher. Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" schafft es, Tempo und Nervenkitzel bis zum Schluss zu steigern. Justine del Cortes "Ratte", ähnlich vielversprechend angelegt, spult nach spätestens der Halbzeit leer.

 

Die Ratte, UA
von Justine del Corte
Regie: Roland Schimmelpfennig, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz. Mit: Simone Henn, Juli Bräuning, Charly Hübner, Maik Solbach, Tomas Flachs Nobrega.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Barabara Villiger Heilig stellt in der Neuen Zürcher Zeitung (21.1.) gleich im ersten Satz eine 'letzte Frage': "Männer sind die besseren Menschen, wenn auch – oder gerade weil – etwas simpel gestrickt. Warum in aller Welt lassen sie, die dank Bier und Büstenhalterphantasien untereinander so problemlos harmonisieren, sich ein mit hochkomplizierten Wesen, wie es Frauen nun einmal sind?" Ansonsten werde in der Schimmelpfennig-Inszenierung, die aus dem "psychopathologischen Boulevard"-Stück ein "Nummernkabarett" mache, "andauernd hysterisch gekreischt". "Ungemein erheiternd" auf das Publikum wirke das "geballte Ressentiment", das sich die Schwestern auf der Bühne um die Ohren hauen, das "man in der Realität als zivilisierte Person" aber "höchstens denkt oder dem Analytiker beichtet". "Entwicklung gibt es keine, nur Variationen zum Thema" in einer Inszenierung, "welche hauptsächlich vom Knalleffekt des verbalen Schlagabtauschs lebt." Am Ende stiftet der Champagner Versöhnung, "nach dem endlosen scharfen Geschütz ein überraschend banaler Frieden."

"Zankende Geschwister", hebt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (21.1.) an, "sind ein echtes Umweltproblem." ... "verpesten jede Atmosphäre" ... "nervtötender Krieg"... "psychologische Abfallwirtschaft". "Was die Uraufführung ... an Artenvielfalt monströser Verhaltensweisen ausbreitet, reicht für ein langes Manifest zur Abschaffung der Fortpflanzung." Zweieinhalb Stunden kreise das Familiendrama "um eine große leere Mitte, in der man einfach nichts finden kann, das ihm Bedeutung verleihen würde". Schimmelpfennig inszeniere "ganz gekonnt eine Boulevard-Komödie", die vier Schauspieler mühten sich aufopferungsvoll, "aus dem immer gleichen Gezänk neue Komik zu zünden". Letztlich sei es aber "nichts als die Mechanik der Schadenfreude, die hier funktioniert."

Traurigere Pantoffeln, als die abgetretenen auf der Bühne der Schiffbauhalle "hat man nie gesehen. Das ist aber auch das Einzige, was so richtig weh tut an diesem Abend", schreibt Alexandra Kedves in der Online-Ausgabe des Zürcher Tages-Anzeigers (21.1.). Weil "Die Ratte" zwar "die grossen Gefühle herauf und herunter" dekliniere, bloß "durchgespielt" würde alles in Dur: "als Scherz, Satire, Ironie und ganz ohne tiefere Bedeutung". Schimmelpfennig habe sich für einen "Boulevard ohne Bremsen" entschieden. Fürs Well-made Play sei allerdings schon das Stück "zu ungekämmt und zu ungekürzt". Das Ensemble habe sich "der Posse mit viel Witz und Verve" verschrieben, eigentlicher Star indes sei Bühnenbildner Johannes Schütz, der eine Wohnung gebaut habe, in der "Tür an Tür gereiht ist wie in einem Irrenhaus und zugleich groteskes Zitat aller 'Tür auf Tür zu'-Komödien".

Für Martin Halter (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.1.) handelt es sich bei der "Ratte" um "Boulevard für entspannte Thirtysomething-Singles: schnell und leicht, derb und glatt, manchmal zum Brüllen komisch". Das sei schon etwas, aber nicht genug, und da Roland Schimmelpfennig "nicht den Mut" gehabt hätte zu kürzen, sei das Stück zwar "nur so nahrhaft wie ein Wachtelei", dehne sich nun aber "so lang wie ein Shakespeare-Drama". Nebenbei weist Halter auf die Analogie zwischen der Figur Isabel und der Autorin hin: beides halbmexikanische Exschauspielerinnen, die mit Berliner Schriftstellern verheiratet sind. Feine Selbstironie würden del Corte und Schimmelpfennig zeigen: Die "Ratte" lasse "sich auch als eines jener Rollen-Kennenlernspiele lesen, mit denen das Paar auf der Bühne seine Liebe immer wieder erneuert".

 

 
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