Zärtlichen Gefühlen ausgesetzt

von Steffen Becker

Stuttgart, 28. Februar 2014. Der Tod ist ein Problem. Vor allem, wenn er so gewaltsam kommt, wie er im eigenen Werk zigfach ausgemalt wird. Sarah Kane hat sich mit 28 Jahren erhängt. Eine Methode, die kein schnelles Ende bringt und keine ansehnliche Leiche hinterlässt, gewählt von einer von Depressionen gequälten Frau. Und aus dieser Perspektive schaut man sich nun ihren ersten Erfolg an, "Zerbombt" am Schauspiel Stuttgart, inszeniert von David Bösch. Wo zeigt sich das Irre in ihrem Stück, wo versteckt sich die gequälte Seele in den knappen Dialogen, der fragmentarischen Sprache? Mit einem "sanften" Tabletten-Suizid wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Mist, das ist ein zynischer Blick und gegen den Vorwurf, mit einem solchen die Welt zu betrachten, hat sich Sarah Kane immer verwahrt. Sorry.

Treffen im Hotelzimmer

Zunächst lässt sich "Zerbombt" aber als normales Beziehungsdrama an. Ein Mann, Ian, trifft in einem Hotelzimmer einer teuren, aber "Ich war schon nobler scheißen"- Kategorie auf eine Frau, Cate. Sie werden in ihrer sozialen Rolle verortet – Ian trägt legeres Business-Outfit, Cate den schlechten Jeans-Geschmack der Unterschicht. Sie bekommen eine Rumpfgeschichte - hatten mal etwas miteinander, ist aber schon etwas her. Jetzt steht Ian am Rande seiner Existenz – er ist todkrank – und hat Sehnsucht. Nach Cate, nach Herrschaft über sie, nach irgendetwas, das sich nach Leben anfühlt.

Cate wiederum hat nichts außer einer Persönlichkeit, die Ians Aggression herausfordert. Maja Beckmann spielt ihre Cate so kindlich-trotzig, dass man den vulgären Ian verstehen kann, warum er sie in einer Tour niedermacht. Sie will sich in das noble Bett auf der ansonsten fast leeren Bühne werfen (traut sich aber nicht), wirft das Schinkensandwich auf den Boden (radikale Vegetarierin), verteilt den Inhalt der Knabbertüte über den Boden (wie ungeschickt) und tut auch sonst alles, um Ians Bild einer blöden Kuh zu bestätigen.

Zerbombt3 560 JU Ostkreuz uAus dem Kammerspiel wird ein Alptraum: Robert Kuchenbuch und Maja Beckmann in
"Zerbombt" © JU Ostkreuz

Robert Kuchenbuch als Ian bleibt dagegen durch und durch Arschloch-nüchtern. Wenn er rassistische Sprüche klopft oder sich von seiner Freundin einen runterholen lässt, dann wirkt das so alltäglich, als ob er sich die Zähne putzt. Doch auch Cates Aufgekratztheit bleibt auf einem konstant gleichen Level – epileptischer Anfall, Mitleid mit dem todkranken Ian oder Zärtlichkeit für ein Baby, nichts davon scheint ihr mehr zu bedeuten oder sie anders zu berühren als Alltäglichkeiten. Das illustriert die desillusionierte Grundstimmung von "Zerbombt" allerdings auch wesentlich besser als jede Exaltiertheit. "Ich fürchte, ich bin eine hoffnungslose Romantikerin", sagte Kane in einem ihrer seltenen Interviews. Weil Nihilismus die extremste Form von Romantik sei.

Krieg erfahren

Daher zerbröselt in "Zerbombt" jede Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung wie die Papp-Beton-Stücke, die in David Böschs Inszenierung von der Decke fallen und die Bühne in eine Trümmerwüste verwandeln. Aus dem Kammerstück wird ein surrealer Alptraum, den Kane unter dem Eindruck der Balkankriege schrieb. Ein Soldat tritt auf, vergewaltigt Ian und reißt ihm die Augen aus. "Das hier ist keine Geschichte, die irgendwer hören will", sagt Ian zu dem Soldaten, als der ihm schildert, wie er Frauen ein Messer zwischen die Beine rammt.
Zerbombt1 280 JU Ostkreuz uTrümmerwüste © JU Ostkreuz

Deshalb muss Ian am eigenen Leibe erfahren, was Krieg heißt, bis hin zur Verstümmelung, zum Sterbenwollen und Nichtsterbendürfen. Wer das Schreckliche nicht wahrhaben will, so die Lektion, wird irgendwann davon eingeholt. In welcher Gedankenwelt hat die Frau gelebt, die ein derart düsteres Szenario als ihr Debüt wählte (sorry noch einmal für die Assoziation, sie drängt sich einfach auf)? Diese muss viel um Sexualität gekreist sein. Die Lust befeuert Ians Aggressionen gegen Kate, die Kriegsgräuel des Soldaten handeln fast ausschließlich von Schändungen.

Im Scheinwerfer-Gegenlicht

Regisseur Bösch zeigt die beiden im Stück vorkommenden Vergewaltigungen nicht. Im Fall von Cate bekommen Oasis einen Sprung bei "you are my" und bringen den "Wonderwall" nicht mehr heraus. Ians Qual verglüht im Scheinwerfer-Gegenlicht. Böschs Zurückhaltung gegenüber den krassen Regieanweisungen der Autorin sind jedoch keine Rücksichtnahme auf das Publikum, keine Weichzeichnung des Stoffes.  Eher ein Kniff, um das Kopfkino weiter zum Wirbeln zu bringen. Manolo Bertling als Soldat ist zwar einerseits die symbolischste Figur, Bösch zeigt ihn aber gleichzeitig als denjenigen mit den meisten Gefühlsregungen. Obwohl nach bürgerlicher Logik eine Killermaschine auch ihre Emotionen tötet, watet Bertling glaubhaft empfindsam durch den Dreck.

Er überfällt Ian nicht, er flirtet. Er kommt nicht bösartig rüber, eher wie jemand, der Nähe und Wärme sucht. Eine Killermaschine, fähig zur Trauer und Melancholie – und eben zum Sadismus. "Ich kann deinen Arsch nicht tragisch finden“, sagt er zu Ian. Andere hat es schlimmer getroffen. Die trotzdem fast zärtliche Verabschiedung seines Opfers

Sogar im größten Schrecken, entkleidet von jeglichen Konventionen, suchen Menschen nach Wärme und Nähe. Das heißt bei Bösch aber auch: Sie funktionieren, ihre Zerstörungskraft ist existentiell. Das verbaut in Stuttgart die gängige Interpretation, "Zerbombt" sei ein Abgesang auf den Kapitalismus, der mit Sicherheit in bewaffnete Auseinandersetzungen führen wird. Gerade aber der von Bösch mit abgründigem Humor geführte Stich, den Kriegshandwerker den Zuschauern als Sympathieträger ans Herz zu legen, drückt einem die Unmöglichkeit, sich eine sauber in Opfer und Täter trennbare Welt zu imaginieren, deutlicher ins Gehirn als jede Metzelei. Bösch erweist sich damit ganz als Romantiker im Sinne der Sarah Kane.

 

Zerbombt
von Sarah Kane
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Dramaturgie: Anna Haas, Musik und Sound: Philip Roscher.
Mit: Robert Kuchenbuch, Maja Beckmann, Manolo Bertling.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Sarah Kane stellt in 'Zerbombt' die großen Fragen nach dem Wesen des Menschen. Und dem Regisseur David Bösch gelingt es, die großartige Vorlage präzise, sensibel und mit angemessener Härte und Konsequenz umzusetzen, ohne die verzweifelt komischen Aspekte zu unterschlagen", schreibt Nicole C. Buck in der Stuttgarter Zeitung (3.3.2014). Maja Beckmann glänze als Cate. "Die Schauspielerin bringt nicht nur deren Ticks – ihr Stottern und ihre Anfälle, wenn sie unter Druck gerät – authentisch auf die Bühne, sondern schafft es auch, Mitgefühl gegenüber der Figur auszulösen." So überzeugend Beckmann die Entwicklung ihrer Figur umsetzt und die puristische, schnörkellose Sprache Sarah Kanes gekonnt variiert, so wenig schaffe dies Robert Kuchenbuch als Ian. "Zu wenig Natürlichkeit ist bei ihm zu spüren, oft wirken die Worte zu künstlich, zu distanziert, es fehlt der Rhythmus der Vorlage." An manchen Stellen störe auch die Monotonie seines Spiels, fehlten Brüche, Umschwünge, Variationen in Charakter und Sprache. All das hingegen gelinge dann wieder Manolo Bertling als Soldat. Insgesamt hat die Rezensentin "ein eindringliches und nachhaltiges Stück Theater" gesehen.

Nicole Golombek schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (3.3.2014), Sarah Kane werde nicht nur wegen ihrer Drastik immer noch gern gespielt, sondern auch ihrer Dialoge wegen – "extrem schroff, mit einem gewissen Witz". Da setze auch Bösch an, wenn er sich vornehme, das Stück "ganz realistisch" zu spielen. Doch leider schematisiere dieser Versuch der psychologisch realistischen Interpretation die Beziehung zusätzlich. Eindeutiger als im Text wirke die Frau "nur sympathisch, der Mann nur unsympathisch". Auch in den künstlerischen Mitteln wirke der Abend oft "nur schlicht, naiv". Allzusehr setze die Regie auf Eindeutigkeit anstatt auf Ambivalenz. Dass Täter auch traumatisierte Opfer seien, "mag menschlich und politisch korrekt" sein. Doch darüber verliere sich das, was Kanes Texte so großartig mache: "das irrlichternde Verzweifeln an der allgemeinen, sich nicht auf konkrete Situationen beschränkenden Unerklärbarkeit dessen, was man Leben nennt".

Adrienne Braun bescheinigt David Bösch in der Süddeutschen Zeitung (5.3.2014) einen "besonnenen Erzählstil": den Gewaltexzessen des Stückes nähere er sich mit Distanz. "Beiläufig, fast diskret wird der Ekel hier verhandelt, um den Vorwurf plumper Provokation erst gar nicht aufkommen zu lassen." Anstelle von Splatter, Sex und Sperma kündige er die rohe Gewalt durch ein lautes, bedrohliches Brummen aus den Lautsprechern an. Indem die Regie auf laute Grobheiten verzichte, vermittelt sie aus Sicht der Kritikerin, "dass Ian und den Soldaten nicht Wahn oder Verzweiflung antreiben, sondern sie bei durchaus klarem Verstand quälen und foltern. Es treibt sie ein dumpfer Automatismus, als sei Bestialität eine Grundkonstante des menschlichen Seins."

 

 
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