Held und Geld

von Georg Kasch

Berlin, 9. März 2014. Bedeutung ist zuweilen nur die Frage eines Buchstabens. Einmal kommen die drei Rheintöchter, wilde Mischungen aus Gothic- und Partygirls, mit einer rollbaren Schultafel herein, klappen sie auf und singen gewohnt jubilierend: "Rheingold! Rheingold! Leuchtende Lust, wie lachst du so hold und hehr!", während sie auf die Kreidelettern des Wortes weisen. Nicht minder triumphierend nimmt Wellgunde dann den Schwamm und löscht das H aus. Woraufhin Woglinde und Floßhilde farbig das Rest-Wort überkritzeln.

Womit Elfriede Jelineks Wagnerüberschreibung "Rein Gold" hübsch illustriert wäre. Zum Golde drängt, am Golde hängt in Elfriede Jelineks jüngeren Bühnentexten immer alles, aber hier treibt sie es auf gewohnt ausufernden, 130 eng beschriebenen A4-Seiten doch noch einmal auf die Spitze. Was durchaus schlüssig ist, hat doch Wagner in seiner Tetralogie die Geburt der Weltmachttragödie aus dem Geist der Schulden geschaffen: Weil Chefgott Wotan sich die Burg Walhall bauen lässt, sie aber nicht bezahlen kann, muss er an den titelgebenden Ring kommen, der als mächtige Währung aber zugleich die Macht besitzt, die herrschende Ordnung zu stürzen. Wagner hat den frühen Kapitalismus sogar komponiert: In der Ambossmusik des Alberich.

Wie ein Schwein in der Suhle

Insofern ist es nur folgerichtig, dass ihr in der "Rein Gold"-Fassung der Berliner Staatsoper eine besondere Bedeutung zukommt: Da werden die herrlichsten Perkussionsinstrumente hereingefahren aus Gongs, Waschbrettern und Spiralen, auf denen sich aus dem Wagner'schen Ohrwurmrhythmus ein veritabler Fabriklärm entwickelt. Das ist ebenso beeindruckend wie die übrige Musiküberschreibung von David Robert Coleman, der das "Ring"-Best-of hier und da verfremdet, Sequenzen in Loops steigert, rhythmisch verschiebt oder Störgeräusche einbaut, aber im Ganzen doch das Original blühen lässt (was die hundertköpfige Staatskapelle unter Markus Poschner lustvoll in den wohligen Rausch treibt).rein gold1 560 arnodeclair uJürgen Linn als Wotan, hinten Philipp Hauß im Siegfried-Hemd © Arno Declair

Was insofern passt, als Elfriede Jelinek, die ausgebildete Pianistin, ein leidenschaftliches Verhältnis zu Wagners Musik hat. Sie höre sie bewusst nicht analytisch, "sondern ich schmeiße mich hinein wie ein Schwein in die Suhle", ist dem Programmheft zu entnehmen. In ihrem Bühnenessay geht es auch gar nicht um die Musik, sondern (mal wieder bei Jelinek) um die Vater-Tochter-Konstellation: Ausgehend vom großen Dialog zwischen Wotan und seiner Lieblingstochter Brünnhilde im 3. Akt der "Walküre" kreisen die beiden in vielen Sprachschlaufen und ewig langen Monologen um die Frage von Schuld und Schulden, Macht, Geld und (abwesenden) Helden, wobei die Assoziationsketten vom Eigenheim bis zum NSU reichen. Was oft wie Anklage hier, Verteidigung dort klingt.

Walhall, ein Geldgrab Unter den Linden

Jelinek-Experte Nicolas Stemann hatte schon die "Rein Gold"-Urlesung 2012 in München inszeniert, damals mit dem gesamten Text, der live und ohne Proben unter den Schauspielern aufgeteilt und seitenweise heruntergezählt wurde (wie einst bei den Kontrakten des Kaufmanns, an dessen Ästhetik auch in Berlin vieles erinnert). Für die Berliner Uraufführung der neuen musikalischen Fassung haben er und sein Lieblingsdramaturg Benjamin von Blomberg (inzwischen Chefdramaturg und Schauspielleiter in Bremen) die endlosen Suaden zusammengestrichen und neu gesampelt, so dass am Ende der Text nicht viel mehr Raum einnimmt als die Musik, was das Dialogische des Abends erst ermöglicht.

Wie oft bei Stemann beginnt der Abend als Lesung: Die drei Schauspieler setzen sich mit ihren Rollenbüchern auf die Stühle an der Rampe, später kommen Brünnhilde und Wotan dazu. Walhall ist hier die Staatsoper Unter den Linden, also jener Paulick-Nachbau des Originalhauses von Knobelsdorff, der seit Jahren generalsaniert wird und sich seitdem zum Baudesaster und Geldgrab entwickelt, weshalb seitdem im Schillertheater gespielt wird. Planen an den Wänden zeigen das Innere des Stammhauses, an der Decke strahlen seine Lüster, Betonmischer, Kabeltrommeln und Sperrholzbauwände sagen: Achtung, Baustelle! Hinten, noch vor einem balkonartigen Podest, sitzt das Orchester auf einer Plattform, die sich zuweilen vorne an die Rampe schiebt.

Jelinek-Zitate für den Hausgebrauch

Erstaunlich, wie eng Stemann und sein Team Musik und Text verzahnen: Wenn Sebastian Rudolph von den Arbeitern spricht, von denen niemand mehr etwas sieht, weil sie von Maschinen ersetzt wurden, zeigt er auf das inzwischen leere Orchesterpodest und dann auf die Elektronik, mit der Thomas Kürstner und Sebastian Vogel ziemlich Stemann-kompatible coole Klänge zaubern. Dann wieder singt Jürgen Linn auf dem Balkonpodest hinterm Orchester einen dieser endlosen Wotan-Monologe, während vorne Katharina Lorenz ihn im (unerwiderten) Zwiegespräch hinterfragt.

Von Anfang an erkennt Rebecca Teems Brünnhilde in Philipp Hauß (der praktischerweise ein weites weißes Hemd trägt) ihren Helden Siegfried, was der ziemlich irritiert zur Kenntnis nimmt. Später dann gibt's eine echte Probe aufs Crossover-Exempel, als Hauß zuerst persiflierend, dann immer ernsthafter die Siegfried-Partien übernimmt. Oder zumindest: es versucht. Natürlich brüllt ihn Teem hemmungslos nieder. Wäre allerdings auch unfair, wenn es immer nur die Sänger wären, die so tun müssten, als wären sie Schauspieler.

Natürlich überfordert das auch, und wenn dann irgendwann Menschenpuppen von der Decke fallen, Paulchen Panther winkt und Wotan den Wohnwagen des NSU-Trios auf die Bühne steuert (das wiederum stumm von den drei Schauspielern in einem Video verkörpert wird), fällt es schon schwer, im Assoziationsgewitter nicht den Faden zu verlieren. Aber insgesamt sind diese pausenlosen zweidreiviertel Stunden mit vielen komisch pointierten Jelinek-Zitaten für den zukünftigen Hausgebrauch ("Diebstahl am Anfang, Diebstahl am Ende, dazwischen Betrug"), Machtdiskursen und vielfach gebrochenem "Ring"-Rausch ein ziemlich starker Beweis dafür, dass bei Crossover mehr herauskommen kann als die Summe seiner Teile.

 

Rein Gold (Uraufführung der musikalischen Neufassung)
von Elfriede Jelinek
Musiktheater von Nicolas Stemann / Markus Poschner / Benjamin von Blomberg / Thomas Kürstner / Sebastian Vogel und David Robert Coleman unter Verwendung der Musik aus Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen"
Regie: Nicolas Stemann, Musikalische Leitung: Markus Poschner, Bühnenbild: Katrin Nottrodt, Kostüme: Marysol del Castillo, Licht: Olaf Freese, Video: Claudia Lehmann, Elektronik / Modularer Synthesizer / Komposition: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Komposition: David Robert Coleman, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg.
Mit: Rebecca Teem, Jürgen Linn, Katharina Kammerloher, Annika Schlicht, Narine Yeghiyan, Philipp Hauß, Katharina Lorenz, Sebastian Rudolph, Amelie Sturm, Kay Keßner, Live-Video: Claudia Lehmann, Martin Prinoth.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.staatsoper-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Das Maßlose scheint Wagner und Jelinek zu vereinen, was unbedingt seine komische Seite darin findet, wie beide die Gier geißeln und doch an sich reißen, was nur zu raffen ist," schreibt Ulrich Amling im Berliner Tagesspiegel (11.3.2014). Zu seinem Bedauern hat Jelinek zu Wagner allerdings ein gänzlich unaufgeklärtes Verhältnis. Nicolas Stemann gelinge es in seiner Inszenierung, "den Laden am Laufen zu halten und das zumeist Absehbare ohne Verkrampfungen über die Bühne zu bringen". Nicht auszudenken aber, wenn Stemannn den gleichen inszenatorischen Aufwand mit einem Text hätte treiben dürfen, "der wirklich Mumm hat und Musik in sich birgt."

Ein interessantes Experiment, "Wagner am Heute zu überprüfen", gibt Georg-Friedrich Kühn in der Neue Zürcher Zeitung (11.3.2014) zu Protokoll. Aber auch "viel Leerlauf", was den Abend aus seiner Sicht "unnötig aufplustert". Besonders im dritten Abschnitt sieht er den ABend zerfleddern: "Es fehlt an szenischer Stringenz, was bei Schauspielern, die ihre Texte meist ablesen, auch nicht so sehr wundert. Kabarettistisches drängt sich vor, wenn etwa als neues Evangelium des Glücks ein 'i-Schwert' präsentiert wird, mit dem man im Internet surfen und auch telefonieren kann. Bis dann das Orchester, dem zwei Pausen gegönnt sind, wieder aufs Podium zurückkehrt und Wagners Musik Revue passieren lässt". Sternstunden des Wagner-Gesangs erlebt Kühn zwar nicht. Aber darauf sei es auch nicht angekommen "Nur dass der Abend dann doch immer wieder eher ans Seminar als ans Theater denken lässt, befremdet."

So viel an diesem langen, "manchmal langatmigen Abend auch geredet und zerredet werde", dem Eindruck von Julia Spinola in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (10.3.2014) zufolge bleibt es "die Musik, die in Nicolas Stemanns Opernbühnenadaption des Wagner-Essays von Elfriede Jelinek die Hauptrolle spielt. Die Staatskapelle Berlin sitzt auf der Bühne und durchstreift unter der Leitung von Markus Poschner Wagners 'Ring' wie in einem Drogenrausch". Einen wirklich kritischen Impuls jedoch habe der Abend nicht. "Eher unterhält er das jubelnde Publikum mit einer Art Jelinek-Wagner-Revue."

Um "Musiktheater für Hirn und noch mehr Sitzfleisch", ja, eine "pausenlose Hybris" handelt es sich aus Sicht von Volker Blech auf welt.de (11.3.2014). Auch musikalisch sei der Abend als Tabubruch "irgendwie putzig in seinem Retrogedanken. Wagners große Orchestermusik – von der Staatskapelle in aller Klangschönheit vorgeführt – wird nicht nur zerschnitten, kombiniert, verfremdet, sondern bekommt auch noch ein längst ausgestorbenes analoges Trautonium an die Seite gestellt."

"Wer den Überblick bewahrt, hat den Abend grundlegend missverstanden," schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (11.3.2014. "Wer dem bloßen Rausch in die Arme fällt, auch. Die Wagner-Connaisseurs sitzen hier genauso im falschem Film wie die Jelinek-Jubler." Man befinde sich, "auf einer Regiebaustelle", schaue "dem Verfertigen der Kunst während ihrer Ausführung zu, ohne dass am Ende ein rundes, abgeschlossenes Werk entstünde. Eher eine Skizze." Trotzdem hat der Kritiker den Eindruck: "So viel Ironieenthaltsamkeit ist bei Stemann selten, so viel Vertrauen auf die Musik und das Spiel selbst auch. Erstaunliches geschieht hierdurch: Der Abend wird verstehbar, obwohl man den Eindruck hat, nichts zu verstehen."

Dem Abend scheine es um ein "tertium comparationis zwischen der großen Mythenerzählung Wagners und der glasklaren Deutungsverdichtung einer makroökonomischen Kapitalismuskritik" zu gehen, vermutet Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung (12.3.2014). "Dazu muss die Mythenlyrik Wagners zerbröselt werden – Jelinek führt sie inhaltlich und formal gerne zurück auf platte Kalauer". Stemann inszeniere das "mit einer Hingabe, Leichtigkeit und szenischen Eleganz, dass man immer wieder geneigt ist, sich neugierig und wohlwollend auf die Parallelerzählung Jelineks einzulassen". Aus heterogenen Regieteilen kompostiere er "fruchtbaren Boden für zarte und auch grobe Textpflanzen".

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